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Tag Archives: Politik

Am 1. Mai hat die Post geschlossen

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Alles fing damit an, dass der NPD-Politiker Thomas Wulff ein Paket zur Post bringen wollte. Offenbar hat niemand seiner zahlreichen Begleiter ihn darauf hingewiesen, dass der 1. Mai ein Feiertag und das Postamt somit geschlossen ist. Man fragt sich, warum er sich zu diesem Zweck auf den über 100 Kilometer langen Weg aus dem mecklenburgischen Ludwigslust nach Hamburg begab. Aber gut, das ist seine Privatangelegenheit. Vielleicht wollte er den Gang zur Post mit einem Besuch bei Freunden in Hamburg verbinden. Vielen Freunden begegnete er dort dem Anschein nach aber nicht. Im Gegenteil. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Hamburgern schien vorab über die Ankunft von Herrn Wulff informiert gewesen zu sein, da sie ihn mit Sprechchören empfing. Niemand aber klärte ihn und seine Reisegefährten darüber auf, dass die Postämter heute geschlossen waren. Stattdessen skandierte man Sätze wie: „Ihr habt den Krieg verlor’n!“ Dies ist nun wirklich alles andere als hilfreich für einen Menschen, der auf der Suche nach einem Postamt ist. Man hätte ihn wenigstens darauf hinweisen können, dass es Packstationen gibt, an denen man zu jeder Tages- und Nachtzeit und auch an Feiertagen seine Pakete aufgeben kann. So aber irrte Wulff zusammen mit seinen Kameraden stundenlang mit seinem Paket unter dem Arm durch Hamburgs Norden. Die Menge schien ob des Missverständnisses von Wulff höchst erbost. Warum eigentlich? Das kann doch jedem einmal passieren. Angesichts dieser lautstark geäußerten Wut echauffierten sich auch Wulffs Begleiter zunehmend und begannen, Transparente zu entfalten. Langsam drängte sich der Verdacht auf, dass es hier um mehr als nur um das Verschicken eines Pakets ging. Auf den Transparenten nun fanden sich Aussagen wie: „International ist nur das Kapital – Freie Nationalisten Mecklenburg Süd-West“. Aha. Ein weiteres Transparent war beschriftet mit: „Deutsche Intifada“. Passend dazu trug ein anderer Reisegefährte eine Palästina-Flagge. Auch die mittlerweile obligatorische Flagge des Iran ließ man im Maiwind flattern. Ahmadinedschad, der große Freund des jüdischen Volkes, konnte selbst nicht kommen, um für die Tilgung Israels von der Landkarte zu plädieren. Er bereitet womöglich gerade eine Rede zum bevorstehenden 60. Jahrestag der Gründung Israels vor oder inspiziert die Bahnlinie, auf welcher der Mahdi dereinst nach Teheran reisen soll. Die US-amerikanische Flagge reckte man verkehrt herum empor. Also wirklich, die NPD-Anhänger werden immer einfallsreicher und subtiler. Auch die Kameradschaft Northeim hatte ein eigenes Transparent dabei mit einem Bertolt Brecht zugeschriebenen Ausspruch: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“ Der NPD-Kreisverband Kiel-Plön war ebenfalls mit einem Transparent vertreten. Dieses trug die Aufschrift: „Widerstand läßt sich nicht verbieten!“ Was sind da schon die Transparente der Gegner: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“ Dort hielt man u.a. auch die Flagge der Sowjetunion empor, die ja nun nicht gerade Sinnbild für eine pluralistische und demokratische Gesellschaft ist. Die Angelegenheit wurde zunehmend unerquicklich, so dass den NPD-Anhängern der Weg mit Wasserwerfern frei gespritzt wurde, damit sie ihren Weg in Richtung Stadtpark fortsetzen konnten. Dabei verloren sie viele kleine Zettelchen, auf denen die freundliche Einladung: „komm & mach mit bei den autonomen nationalisten!“ zu lesen war, inklusive Deppenapostroph bei „Info’s unter http://www…“. Also wirklich, diese Nazi’s aber auch! Später dann waren die NPD-Anhänger mehrere Stunden in der Straße „Alte Wöhr“ eingekesselt.

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Irgendwann ging völlig überflüssigerweise ein Polizeiauto in Flammen auf, später dann sechs Privatfahrzeuge. Neben diesen Fahrzeugen lagen CDs mit Titeln wie „RMK Waffen SS“. Ein Fahrzeug aus Hessen hatte rein zufällig die „1488” als Bestandteil des Kennzeichens. Natürlich stand die „14” nicht für die „Fourteen Words” des US-amerikanischen Neonazis David Lane, die da besagen: „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ Ebenso wenig stand die „88” im Kennzeichen für den achten Buchstaben im Alphabet, sodass „HH” also „Heil Hitler” gemeint ist. Das zusätzliche „N“ im Kennzeichen sollte höchstwahrscheinlich auch nicht für „national“ stehen. Das ist den hessischen Touristen bisher womöglich noch gar nicht aufgefallen. Möglicherweise war diese Kombination ja tatsächlich der blanke Zufall, und die Fahrzeugbesitzer sonnten sich gerade im Stadtpark, ohne etwas mit der Demonstration zu tun zu haben. Vielleicht aber auch nicht. Ungeachtet dessen ist solcher Vandalismus natürlich nicht gerechtfertigt und trägt alles andere als dazu bei, etwas in den Köpfen von Rechtsradikalen zu verändern. Nachdem die NPD nach vielen Stunden noch immer kein Postamt gefunden hatte, wo man Wulffs Paket hätte aufgeben können, beschimpfte man kurz vor der Heimfahrt den Hamburger Senat als „schwule Regierung“, als ob er für die Öffnungszeiten von Postämtern zuständig sei. Hätte die NPD Wulffs Paket doch einfach morgen in Ludwigslust zur Post gebracht. All das hätte vermieden werden können!

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Golo Mann über Karl Marx

Da sich am 5. Mai dieses Jahres der Geburtstag von Karl Marx zum 190. Mal jährt, sei an dieser Stelle eine kleine, den Trierer Philosophen betreffende, Lesefrucht aus Golo Manns »Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts« zum Besten gegeben:

Heine spricht einmal von seinen deutschen Landsleuten in Paris, »darunter der entschiedenste und geistreichste, Dr. Marx«. Der war entschieden und hat entschieden. Er war so geistreich wie Heine und, obgleich kein Dichter, doch ein Schriftsteller von hohem Rang. Aber er zwang seinen Geist auf eine einzige Bahn. Er nahm Partei. Er schuf eine Partei. Er wollte die Weltgeschichte mit seinem Geist bezwingen, sie auf die Bahn zwingen, die sein eigener Geist nahm. Gewirkt hat Marx und wirkt noch heute, aber nicht das, was er erwartete, errechnete, ist aus seinem Werk herausgekommen. […]

Ein Russe, der ihn auf einer Sozialistenversammlung in Brüssel traf, schildert ihn: »Eine dichte, schwarze Mähne auf dem Kopf, die Hände mit Haaren bedeckt, den Rock schief zusammengeknöpft, hatte er dennoch das Aussehen eines Mannes, der das Recht und die Macht hat, Achtung zu fordern … Seine Bewegungen waren eckig, aber kühn und selbstbewußt. Seine Manieren liefen geradezu allen gesellschaftlichen Umgangsformen zuwider. Aber sie waren stolz, mit einem Anflug von Verachtung, und seine scharfe Stimme, die wie Metall klang, stimmte merkwürdig überein mit den radikalen Urteilen über Menschen und Dinge, die er fällte. Er sprach nicht anders als in imperativen, keinen Widerstand duldenden Worten, die übrigens noch durch einen mich fast schmerzlich berührenden Ton, welcher alles, was er sprach, durchdrang, verschärft wurden.« Ähnlich sah ihn ein paar Jahre später ein deutscher Student, dem seinerseits gute Augen, heller Verstand und kräftige Gesinnung eigen waren, Carl Schurz: »Was Marx sagte, war in der Tat gehaltreich, logisch und klar. Aber niemals habe ich einen Menschen gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des Auftretens. Keiner Meinung, die von der seinigen wesentlich abwich, gewährte er die Ehre einer einigermaßen respektvollen Erwägung. Jeden, der ihm widersprach, behandelte er mit kaum verhüllter Verachtung. Jedes ihm mißliebige Argument beantwortete er entweder mit beißendem Spott über die bemitleidenswerte Unwissenheit oder mit ehrenrühriger Verdächtigung der Motive dessen, der es vorgebracht. Ich erinnere mich noch wohl des schneidend höhnischen, ich möchte sagen, des ausspuckenden Tones, mit welchem er das Wort ›Bourgeois‹ aussprach; und als ›Bourgeois‹, das heißt, als ein unverkennbares Beispiel einer tiefen geistlichen und sittlichen Versumpfung, denunzierte er jeden, der seinen Meinungen zu widersprechen wagte.« Es ist kein Zweifel, daß er den Leuten so erschien, die Zeugen sind gar zu zahlreich, gar zu übereinstimmend; und ist wohl kein Zweifel, daß er so war. Er war gesegnet und geschlagen mit einem ungeheuren Verstand, der ihn vereinsamte und ihn hochfahrend machte. Liebe hatte er wohl, für seine Frau, seine Kinder, auch Mitleid; es empörte ihn das Elend, das mit der Industrie hereingebrochen war. Sein Charakter war unbeugsam in der Not, vollständig die Treue zu der titanischen Arbeit, die er sich selber auferlegt hatte. Das sind preisenswerte Tugenden. Sie wurden überwuchert von einem furchtbaren Willen zur Macht; von dem Willen recht zu behalten und allein recht zu behalten. Die Gegner, die Kritiker, die Andersdenkenden wollte er vernichten, mit dem Schwert oder, solange das noch nicht anging, mit der Feder, die in Gift getaucht war. Ein solcher kann die Welt nicht besser machen.“1

Solchen Menschen, die ihren – mitunter auch sehr kümmerlichen – Geist auf eine einzige Bahn zwingen, begegnet man auch im 21. Jahrhundert noch zuhauf. Man muss kein Marxist sein, um Andersdenkende zu denunzieren und vernichten zu wollen sowie ihre Motive in ehrenrühriger Weise infrage zu stellen. Menschen mit einem furchtbaren Willen zur Macht sowie dem Willen, recht zu behalten und allein recht zu behalten, finden sich auch heute in der Politik, an Stammtischen, in Medienredaktionen sowie in Kleingartenvereinen. Sie alle eint ein Hang zur Borniertheit. Bei den wenigsten jedoch ist diese Eigenschaft gepaart mit einem hellen Verstand wie zweifellos bei Marx.

Meist sind es wohl eher Bequemlichkeit, Eitelkeit, Selbstsucht, Ruhmsucht und – ja, geistige Trägheit, die zu solchem Schwarz-Weiß-Denken führen, zur Unfähigkeit, von einmal bezogenen Positionen auch nur einen Millimeter abzurücken. Man konstruiert sich ein paar Feindbilder und kann fortan in der geistigen Hängematte baumeln. Gefährlich wird es, wenn solch rechthaberischer Kleingeist Einfluss gewinnt auf die Öffentlichkeit, auf Meinungsbildung und auf Politik. Wahrlich, mit einer derartigen Einstellung kann man die Welt schwerlich besser machen. Aber das ist wohl auch nicht unbedingt das Streben solch intransigenter Menschen.

Man sieht, auch in dieser eher menschlichen Hinsicht ist Marx aktueller denn je.

  1. Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main, 1996, S.176f. – Zuerst erschienen im Jahr 1958. []
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Verrat am Verräter

Wie viele andere Zeitungen, wirft auch die „junge Welt“ ihre marxistisch orientierte1 Postille auf der Leipziger Buchmesse kostenlos unters Volk. Damit verbindet sich wohl die vage Hoffnung, den einen oder anderen Leser hinzugewinnen zu können.

Da man aus Erfahrung weiß, dass dieses Blatt bisweilen mit unfreiwilliger Komik und selbstparodistischen Zügen aufwartet, greift man zu, um in einer ruhigen Minute, wenn es einen mal wieder nach Realsatire gelüstet, darin schmökern zu können. Ist es dann soweit, tut sich eine Parallelwelt auf, bei der man zwischen Lachen und Entsetzen schwankt. Ein Beispiel, bei dem diese beiden Gefühlsregungen heftig miteinander konkurrieren, wurde hier bereits 2006 anhand einer in der „jungen Welt“ abgedruckten Traueranzeige für Slobodan Milosevič dokumentiert. Darin würdigte man den als Kriegsverbrecher angeklagten Milosevič als „heldenhaften Verteidiger Jugoslawiens und des Völkerrechts“ sowie als „Internationalisten, Antiimperialisten und Sozialisten“.2

In der diesjährigen Gratisausgabe nun fällt einem zunächst die zwölfseitige Beilage „marxismus“ entgegen, schließlich jährt sich Marx‘ Todestag 2008 zum 125. Mal, sein Geburtstag gar zum 190. Mal. So, nun hält man die Rumpfausgabe in den Händen und beginnt nach alter Gewohnheit, von hinten zu blättern.

Zunächst liest man da, dass Bernd Stange, der einstige Trainer der DDR-Fußballnationalmannschaft3, gerade 60 Jahre alt geworden sei und dass es ihn nunmehr nach Belorussland verschlagen habe. Ganz richtig, die DSFler der „jungen Welt“ sagen nicht „Weißrussland“, sondern in alter DDR-Manier „Belorussland“, was natürlich der Originalbezeichnung näher kommt und somit korrekter ist. Inkonsequent ist es allemal. Konsequenterweise müsste man sagen „Bielarus“4 oder eben „Weißrussland“. Aber solche Überlegungen spielen im Sprachgebrauch der „jungen Welt“ wohl eher eine untergeordnete Rolle. Wichtiger scheint die Identifikation mit der Sprache des untergegangenen Idealstaates DDR zu sein.

In gewisser, etwas eindimensionaler Weise ist der „jungen Welt“ Sprache nämlich gar nicht einerlei. Ganz genau schaut man bei den bürgerlichen Medien hin. So findet sich auf Seite 13 der Ausgabe vom 14. März 2008 ein Artikelchen mit der Überschrift „LTI aktuell“. Darin weist man anhand entsprechender Beispiele darauf hin, dass der Programmdirektor des Deutschlandfunks, Günter Müchler, in einem Interview in nur drei Minuten vier Mal Lingua Tertii Imperii verwendet habe (siehe screen capture). In der Tat verwendet Müchler da ein etwas merkwürdiges und durchaus nach LTI klingendes Vokabular.5 Insbesondere die Tatsache, dass Müchler über Lyrik spricht, lässt es seltsam erscheinen, dass Begriffe wie „reingeschossen“, „eingeschlagen“ und „Offensive“ fallen. Gut, da hat die „junge Welt“ offenbar einen Vogel „abgeschossen“ (LTI?!).
Den Sprachliebhabern von der „jungen Welt“ ist ja aber wohl hoffentlich nicht entgangen, dass Victor Klemperer nach 1945 nicht aufgehört hat zu schreiben. Deswegen wird man bei der „jungen Welt“ sicher auch schon von der sogenannten „LQI“ gehört oder gelesen haben. Hinsichtlich dieser Lingua Quartii Imperii notiert Klemperer:

„Ich muß allmählich anfangen, systematisch auf die Sprache des vierten Reiches zu achten. Sie scheint mir manchmal weniger von der des dritten unterschieden als etwa das Dresdener Sächsische vom Leipziger6. Wenn etwa Marschall Stalin der Grösste der derzeit Lebenden ist, der genialste Stratege usw. Oder wenn Stalin in einer Rede aus dem Anfang des Krieges von Hitler, natürlich mit allergrößtem Recht, als von dem »Kannibalen Hitler« spricht. Jedenfalls will ich unser Nachrichtenblatt und die Deutsche Volkszeitung, die mir jetzt zugestellt wird, genau sub specie LQI studieren.“7

„Jeden Tag beobachte ich von neuem die Fortdauer von LTI in LQI.“8

„LTI = LQI!!“9

„LQI übernimmt LTI mit Haut und Haaren. Sogar Becher – höher geht’s nimmer – schreibt andauernd kämpferisch. Frau Kreisler erstaunt, als ich »charakterlich« beanstande. In einem Aufsatz, der die Humanität der jetzigen Straflager (Kommandohaft) rühmt, werden die Häftlinge zu »einsatzfreudigen« Menschen erzogen.“10

„[…] und dieses Ganze concentriert sich immer mehr auf den einen Ulbricht, unterscheidet sich immer weniger von nazistischer Gesinnung u. Methode. Sag Arbeiterklasse statt Rasse, u. beide Bewegungen sind identisch. Tyrannei u. Enge nehmen täglich zu. Glaubenshetze, Jugendweihe, Kampf gegen »ideologische Coëxistenz« gegen »Fraktionismus«, gegen »kleinbürgerliche Überheblichkeit« – all das ist LQI.11

Wie wäre es, liebe „junge Welt“, wenn Du der Rubrik „LTI aktuell“ noch eine weitere mit dem Titel „LQI aktuell“ hinzufügtest? Deine eigenen Seiten dürften vorerst ausreichend Stoff dafür bieten.

Was Klemperers Verhältnis zum Kommunismus angeht, sei zudem abermals aus seinem Tagebuch zitiert:

„Es ist mir an diesem Nachmittag klar geworden, daß der Kommunismus gleicherweise geeignet ist, primitive Völker aus dem Urschlamm zu ziehen und civilisierte in den Urschlamm zurückzutauchen. Im zweiten Fall geht er verlogener zu Werk und wirkt nicht nur verdummend sondern entsittlichend, indem er durchweg zur Heuchelei erzieht. Ich bin gerade durch meine Chinareise u. bei Anerkennung der gewaltigen Leistungen hier zum endgiltigen Antikommunisten geworden. Das kann nicht Marx‘ Idealzustand gewesen sein.“12

Doch zurück zum Fußballtrainer Bernd Stange. Nun erfährt man, dass Stange seinen Geburtstag bei einem Schnittchenbüffet in Minsk begehe, um dann im Sommer in Jena mit einem Grillfest nachzufeiern. Irgendwie erinnert diese Passage an Loriots Lottogewinner Lindemann: „Ich … heiße … Erwin … Lindemann, bin Rentner und 66 Jahre … mit meinem Lottogewinn von 500.000 D-Mark mache ich erst mal eine Reise nach Island … dann fahre ich mit meiner Tochter nach Rom und besuche eine Papstaudienz … und im Herbst eröffne ich dann in Wuppertal eine Herren-Boutique“.13 – Schließlich liest man, dass es Stanges Ziel sei, sich mit der weißrussischen Nationalmannschaft für die WM 2010 in Südafrika zu qualifizieren.

Nun schweift der bereits amüsierte Blick weiter nach unten und bleibt an folgender erschreckenden Überschrift hängen: „Kuba verraten“. Ein Schauder ergreift sogleich den Leser, der sich alsdann bange fragt, wer in aller Welt Kuba verraten habe? Der erste Verdacht geht dahin, dass der gesamte einstige Ostblock – ausgenommen natürlich der „geliebte Führer“ Kim Jong-il – gemeint sei. Doch dieser Verdacht zerschlägt sich sogleich, ist die Seite 16 der „jungen Welt“ doch dem Sport vorbehalten. Also liest man weiter. Nach einem Qualifikationsspiel der kubanischen Olympiaauswahl, heißt es da, seien fünf kubanische Spieler nicht in ihr Quartier zurückgekehrt. Unter ihnen befänden sich sowohl der Torwart als auch der Kapitän.

Da hat die „junge Welt“ ja ein glückliches Händchen bewiesen, dass sie diesen Kuba-Artikel direkt unter denjenigen über den ehemaligen Trainer der DDR-Fußballnationalmannschaft platzierte. Damit erleichtert sie es dem Leser, sich zu erinnern, dass die Staatssicherheit der DDR sehr viel besser zu verhindern wusste, dass DDR-Athleten Fahnenflucht begingen. In der DDR wurden Republikflüchtige schon mal durch Erschießen zum Bleiben im lebenswerten Sozialismus überredet. Diese Karibik-Bewohner sind da offenbar etwas nachlässiger, so dass eben fünf Leute auf einmal durchs Netz gehen können. Gut, die Sache verkompliziert sich, wenn man sich mitten im Land des imperialistischen Feindes aufhält. Dafür hat Kuba aber durch seine Insellage wiederum einen Heimvorteil bei der Verhinderung von Republikflucht.

In den verklärten Augen der „jungen Welt“ haben die kubanischen Sportler also Verrat an Kuba und höchstwahrscheinlich am Sozialismus insgesamt begangen. Per definitionem bedeutet Verrat „Bruch eines Vertrauensverhältnisses“14 Hat man diese fünf bzw. all die anderen Kubaner je gefragt, ob das Kuba des Máximo Líder, ob der Sozialismus und alles, was mit ihm einhergeht, das ist, was sie wollen? Oder wird nicht vielmehr das Volk zu seinem „Glück“ gezwungen? Besteht zwischen Volk und Regierung Kubas, Nordkoreas oder auch Weißrusslands tatsächlich ein Vertrauensverhältnis, das gebrochen werden kann? Oder handelt es sich nicht vielmehr um ein Abhängigkeitsverhältnis, in das man hineingeraten ist oder hineingeboren wurde und aus dem man ausbrechen möchte, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt? Wie lebenswert muss ein Land sein, dem selbst privilegierte Reisekader wie eben Sportler den Rücken kehren? Weiterlesen ›

  1. Eigenangabe auf der Internetpräsenz des Blattes []
  2. Traueranzeige für Slobodan Milosevic aus: junge Welt (18./19. März 2006) []
  3. bundesweit bekannt geworden als Trainer der irakischen Nationalmannschaft von 2002 bis 2004 []
  4. Transkription von weißruss. Беларусь []
  5. Man könnte das zu seinen Gunsten auch einfach als Versuch der Anbiederung an das jugendliche Zielpublikum auslegen. Schließlich geht es in dem Interview um den Schülerwettbewerb „lyrix“. Der Versuch, Jugendsprache zu verwenden, geht ja bei so manch älterem Semester gerne mal nach hinten los. Aber gut, die „junge Welt“ will es nicht zu Müchlers Gunsten auslegen, was ihr gutes Recht ist. []
  6. Für Nicht-Sachsen sind diese beiden Spielarten des Sächsischen nur schwer zu unterscheiden. []
  7. Klemperer, Victor: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Eintrag vom 25.06.1945. Band 1: Tagebücher 1945 – 1949, S.24. []
  8. Ebd. Eintrag vom 12.10.1945, S.126. []
  9. Ebd. Eintrag vom 26.10.1945, S.133. []
  10. Ebd., Eintrag vom 15.10.1945, S.127. []
  11. Klemperer, Victor: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Eintrag vom 14.02.1958. Band 2: Tagebücher 1950-1959, S.673. []
  12. Ebd., Eintrag vom 24.10.1958, S.723. []
  13. Loriot: Das Frühstücksei. Gesammelte dramatische Geschichten mit Doktor Klöbner und Herrn Müller-Lüdenscheidt, Herrn und Frau Hoppenstedt, Erwin Lindemann u.v.a. Zürich, 2003, S. 269. []
  14. Duden – Deutsches Universalwörterbuch. 4., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim, 2001. []
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Quellentexte zur Existenz von Kindersoldaten in Eritrea

Da diese Seite auf Dauer zu schade ist, um sie mit Berichten über das NDR-Magazin Zapp und dessen mitunter verquast anmutende Berichterstattung im „Fall“ Senait Mehari zu verstopfen und hier stattdessen lieber wieder von Erquicklicherem die Rede sein soll, wurde nun ein Quellenblog ins Netz gestellt, das sich allein dem Thema „Kindersoldaten in Eritrea“ widmet:

http://textquellenzueritrea.wordpress.com/

Dort kann sich auch die letzte Zapp-Mitarbeiterin und der letzte „Zeitzeuge“ von der Tatsache überzeugen, dass es Kindersoldaten in Eritrea gab. Belegt wird dies nicht etwa von dubiosen und sinistren Gestalten oder etwa von „Kommerz-Medien“1 und schon gar nicht von auf ihr Image bedachten, sich der modernen Mediengesellschaft bedienenden Hilfsorganisationen2, sondern vor allem von einem Freund des von Julia Salden als Experte herangezogenen Günter Schröder, dem Wissenschaftler Hartmut Quehl nämlich.

Warum nun wurde dieses Quellenblog ins Netz gestellt, wo doch der Journalist für Popmusik, Peter Disch, der die ganze Debatte um Mehari losgetreten hat, niemals in Abrede gestellt habe, dass es Kindersoldaten in Eritrea gab? Das wird eigentlich in der Rubrik „Anliegen“ des oben verlinkten Quellenblogs klipp und klar dargelegt, allerdings erst nach mehreren Absätzen, so dass man sich erst bis dahin durchkämpfen muss. Deshalb die Erklärung hier noch einmal an früherer Stelle und lesefreundlich gegliedert.

Die Quellen, welche die generelle Existenz von Kindersoldaten in Eritrea belegen, wurden aus folgenden Gründen online gestellt:

1.

weil das TV-Magazin Zapp am 14.02.2008 Abraham Mehreteab, den Sprecher der Mehari-Kritiker, zeigte, wie er vor dem Berlinale-Palast laut und deutlich skandierte:

„Es gibt keine sogenannten Kindersoldaten in Eritrea.“3

Das ist deshalb von Belang, weil sowohl Julia Salden als auch Peter Disch regelmäßig Abraham Mehreteab als Zeugen für ihre reine Detailkritik an Meharis Darstellung eines einzigen Lagers in Eritrea heranziehen. Wieso ruft der Zeuge dann aber nicht: „Es gab keine sogenannten Kindersoldaten an der Tsebah-Schule.“, wenn es doch nur um diese eine Schule gehe?

2.

weil Julia Salden zudem diese falsche, ganz und gar generalisierende Aussage eines ihrer Zeugen nicht kommentierte, geschweige denn, dass sie sich etwa davon distanzierte.

3.

weil Julia Salden vielmehr nahtlos ihre eigene Aussage daran anschloss:

„Im Film gibt es Kindersoldaten in Eritrea. Er spielt Anfang der achtziger Jahre. Die zehnjährige Awet kommt zu den eritreischen Rebellen. Dort wird sie zu einer Soldatin ausgebildet. Ein Spielfilm – eigentlich fiktional, aber die Produzenten behaupten […]: Wir sind ganz nah an der Wahrheit. Das ist eine wahre Geschichte.’”4

Durch diese Art des Zusammenschneidens der unwidersprochen gelassenen, falschen Behauptung eines ihrer Zeugen mit ihrer eigenen Aussage insinuiert Salden, dass es keine Kindersoldaten in Eritrea gegeben habe und verlagert die Debatte höchstselbst auf die allgemeine Ebene, um die es ihr – wie Peter Disch ihr beständig sekundiert – angeblich nicht gehe.

4.

weil Julia Salden in ebendiesem Beitrag an späterer Stelle Folgendes sagte:

„Trotzdem erinnert der Film stark an die Buchvorlage. Kinder erhalten Waffen, lernen schießen und töten. […] Hat es das in Eritrea wirklich gegeben?“5

Wieso stellt Julia Salden diese Frage, wenn sie – laut Peter Disch – die Existenz von Kindersoldaten in Eritrea überhaupt nicht leugne? Wenn es Julia Salden zudem doch gar nicht um Eritrea, sondern nur um eine Schule gehe, warum fragt sie dann nicht: „Hat es das an der Tsebah-Schule wirklich gegeben?“ Diese Frage stellt Julia Salden womöglich deshalb nicht, weil es in dem Film überhaupt nicht um die Tsebah-Schule geht.

5.

weil Julia Salden im Kontext von Kindersoldaten in Eritrea von „angeblich historische[n] Wahrheiten“6 sprach.

6.

weil die von Zapp und Disch immer herangezogenen „Zeitzeugen“ auf ihrer Homepage eine „Grußbotschaft“ veröffentlichten7, in der expressis verbis generell die Existenz von Kindersoldaten in Eritrea in Gegenwart und Vergangenheit in Abrede gestellt wird:

„In Eritrea gab es nie Kindersoldaten, bis heute gibt es das nicht.“

Aufgrund der Tatsache, dass diese Botschaft unkommentiert und ohne jegliche Distanzierung veröffentlicht wurde, muss davon ausgegangen werden, dass die als „GbR Zeitzeugen Tsebah-Schule“ firmierenden „Zeitzeugen“ die in der „Grußbotschaft“ geäußerte Auffassung, derzufolge es nie Kindersoldaten in Eritrea gegeben habe, in vollem Umfang teilen.

In dieser „Grußbotschaft“ ist überdies an keiner einzigen Stelle von der „Tsebah-Schule“ die Rede, um die es doch dem Vernehmen nach ausschließlich gehe. Im Gegenteil, die Urheberin dieser Botschaft äußert vielmehr gleich zu Beginn, dass sie nicht ermessen könne, was an Meharis Geschichte wahr sei. Stattdessen negiert sie aber pauschal die Existenz von Kindersoldaten in Eritrea. Diese Solidaritätsadresse wird nun von den „Zeitzeugen“ ohne jeglichen Kommentar online gestellt. Tanzen da die „Zeitzeugen“ etwa aus der Reihe?

Dischs Aussage zufolge gehe es ihm im Grunde genommen nur um Almaz Yohannes, die sich in Meharis Buch diffamiert fühle und darum, dass die „Tsebah-Schule“ eine reine Schule gewesen sei, ohne militärischen Charakter. Worum aber geht es den „Zeitzeugen“, mit denen sich Disch umgibt? Offenbar in starkem Maß um Eritrea im Allgemeinen. Diese allgemeine Diskussion bemängelt Disch aber nur bei seinen Kritikern, nicht bei seinen Zeugen. Hätte es zudem eine Person wie die Urheberin der „Grußbotschaft“ gewagt, sich zugunsten von Mehari zu äußern, bei gleichzeitigem Eingeständis, dass sie nicht ermessen könne, was an Meharis Geschichte wahr sei, hätte Herr Disch ihr längst einen belehrenden Eintrag in seinem Feuerherz-Organ gewidmet, wo er der Person nach Strich und Faden auseinandergesetzt hätte, dass sie nur „ventiliere“, „in Augenschein“ nehme und auf allgemeiner Ebene diskutiere, kurzum: in der Diskussion gar nichts verloren habe und es gar nicht wert sei, dass man überhaupt auf sie eingehe.

Diese sich wesentlich widersprechenden Aussagen von Peter Disch, Julia Salden und Abraham Mehreteab hinsichtlich der Existenz von Kindersoldaten in Eritrea waren also der Anlass, die Quellen online zu stellen.

An dieser Stelle darf noch einmal der stellvertretende Leiter der Programmgruppe Ausland des Westdeutschen Rundfunks, Arnd Henze, zitiert werden, auch wenn Herr Disch bemängelt, dass dessen Kritik bereits ein Jahr alt sei. Doch inzwischen hat Disch sich das wieder anders überlegt und seine Mitmenschen informiert, dass es keine Rolle spiele, wie alt ein Text sei, sondern dass es auf die Qualität des Textes ankomme. Angesichts solcher Weisheit, bleibt einem schier der Mund offen stehen. Wie auch immer, dass Herr Henze mittlerweile anderer Ansicht sei, war bislang noch nicht zu lesen.8 Außerdem hat seine Kritik weder an Aktualität noch an Relevanz oder Signifikanz eingebüßt:

Geht es darum, das Selbstbild vom legitimen Befreiungskampf nicht durch das Eingeständnis völkerrechtswidriger Kriegsmethoden zu relativieren […] Hat sich Zapp möglicherweise für einen zynischen Geschichts-Revisionismus einspannen lassen?9

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  1. Diktion der „Zeitzeugen“ auf ihrer Homepage []
  2. Vgl. Peter Disch, Journalist für Popmusik, Eintrag in seinem „Feuerherzblog“ vom 21.02.2008 []
  3. Den Beitrag kann man sich auf der Homepage von Zapp anschauen. Der zitierte Satz wird in den Sekunden 18-21 geäußert. []
  4. Zapp-Sendung vom 20.02.2008 []
  5. ebd. []
  6. ebd. []
  7. Das letzte Mal war auf dieser Seite von einer „Grußbotschaft“ die Rede, als darüber berichtet wurde, wie der Vorsitzende der KPD, Genosse Wolfgang Fittinger, den Generalsekretär der Partei der Arbeit Koreas, Kim Jong Il, zu seiner Atombombe beglückwünschte und sich mit kommunistischem Gruß verabschiedete. Dies möge als kleiner Hinweis darauf dienen, in welchem politischen Milieu Grußbotschaften und Solidaritätsadressen bevorzugt ausgetauscht werden. Das Zentralorgan der SED „Neues Deutschland“ war zu tiefsten DDR-Zeiten voll mit solcherlei Botschaften. []
  8. Wäre das der Fall, hätte Zapp doch keine Sekunde gezögert und die neue, anderslautende Stellungnahme längst prominent auf seiner Website platziert. Als Teaser würde dann dort in schönster Zapp-Diktion stehen: „Rückzieher: Kritiker hat Einsehen!“ []
  9. Arnd Henze in einem Schreiben an Zapp vom 20.02.2007 []
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Wer im Glashaus ZAPPt (die Vierte)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Ähnlich, wie ein schlechter Witz durch Wiederholung nicht besser wird, gewinnt eine dürftig fundierte Behauptung nicht an Glaubwürdigkeit, wenn man sie einfach erneut aufstellt, ohne sie mit wenigstens einem relevanten neuen Fakt zu untermauern. Es wirft ein schlechtes Licht auf Denjenigen, der diese Behauptung dennoch wieder aufstellt, liegt der Verdacht doch nahe, dass es ihm an guten Argumenten mangelt. Zu den umtriebigen Enthüllungsjournalisten vom Medienmagazin „Zapp“ des NDR scheinen diese kleinen Wahrheiten aus Kindertagen jedoch offenbar nicht durchgedrungen zu sein.

In der vergangenen Woche nämlich sendete man unter Ägide des „Königs der Recherche“1, auch bekannt unter seinem bürgerlichen Namen „Kuno Haberbusch“, einen ziemlich alten Zopf. Anlass dafür war die bevorstehende 58. Berlinale, auf welcher der Film „Feuerherz“ (Regie: Luigi Falorni) am 14. Februar Premiere haben wird. Da dieser an gleichnamiges Buch von Senait Mehari angelehnt ist, läuteten bei Zapp sämtliche Alarmglocken, schien dies im pawlowschen Sinn doch ein gefundenes Fressen, bei dem in gesteigertem Maß die Protestsekrete produziert wurden. Schließlich hat Zapp, seiner eigenen – gewohnt unbescheidenen – Auffassung zufolge, vor fast genau einem Jahr „enthüllt“, dass in Meharis Buch alles Lüge sei. Nun also die Verfilmung einer „Lüge“2 – da erklimmt man bei Zapp doch sofort mit Kampfgeheul die Barrikaden, um diese Gefahr für die Gesellschaft abzuwenden, für die man Meharis Buch zu halten scheint. Man misst ihrem Buch so viel Bedeutung bei, als hätte Mehari damit die Grundfesten der Gesellschaft ins Wanken gebracht. Die Menschen müssen endlich die Wahrheit erfahren, und diese eine Wahrheit hat Zapp und verbreitet sie mit missionarischem Eifer. Es könnte sonst morgen für alle zu spät sein. Es könnte jemand den Film sehen und sich eine eigene Meinung bilden, ohne von Zapp aufgeklärt bzw. indoktriniert worden zu sein. Welch Gefahr!

Es ist wirklich müßig, an dieser Stelle noch einmal en détail zu zeigen, wie einseitig Zapp damals augenscheinlich recherchierte und argumentierte. Es sei deshalb auf mehrere Artikel auf dieser Website verwiesen, die sich ausführlich mit dieser Einseitigkeit und auch mit der Doppelmoral von Zapp befassen3.

Zusammenfassend soll jedoch festgehalten werden, dass man bei Zapp offenbar alles andere als ergebnisoffen recherchierte, dass Zapps Argumente genauso gut oder schlecht sind, wie die von Mehari und dass Zapp eben nicht im Sinne des „audiatur et altera pars“ berichtete, wie es seine Aufgabe als von der Öffentlichkeit finanziertes Magazin ist. Zapp erfüllt somit seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag unzureichend, der auch dahingehend lautet, umfassend und ausgewogen zu informieren. Da hilft es wenig, wenn Zapp, offenbar irgendeiner Direktive der Intendanten des öffenlich-rechtlichen Fernsehens entsprechend, sich plötzlich immer bei den verehrten Zuschauern für die entrichteten Gebühren bedankt, ohne welche die unübertroffenen und bahnbrechenden Recherchen von Zapp gar nicht möglich wären. Weiterlesen ›

  1. Zapp-Eigenwerbung, natürlich mit selbstironischem Augenzwinkern, aber tief im Innern wahrscheinlich absolute Überzeugung. []
  2. Die Fiktionalisierung einer Fiktionalisierung, wie auch schon zu lesen war. []
  3. 1. Wer im Glashaus ZAPPt2. Wer im Glashaus ZAPPt (die Zweite) – 3. Wer im Glashaus ZAPPt (die Dritte) []
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Wer im Glashaus ZAPPt (die Zweite)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Da sich die selbsternannten Medienwächter von NDR-Zapp in ihrer vierwöchigen Sommerpause befinden, scheint der Zeitpunkt günstig, ein kleines Resümee der vergangenen Monate zu ziehen.
Ohne Unterlass versucht man bei Zapp, die offensichtlich gefühlte Mission zu erfüllen, den augenscheinlich für ziemlich unmündig und unselbständig gehaltenen Bürger aufzuklären. So wird man nicht müde, sich in fast jeder Sendung über irgendeine Schlagzeile der Bild zu ereifern, als ob man damit noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken könnte. Spätestens, seitdem ein Hans Esser alias Günter Wallraff vor genau 30 Jahren bei der Bild Hannover hinter die Kulissen geschaut und darüber berichtet hat, wissen eigentlich alle, wie das System Bild in seinen Grundzügen funktioniert. Die verkaufte Auflage der Bild geht darüber hinaus offenbar stetig zurück1, wozu also diese Panikmache? Es gibt zudem bereits BILDblog, wo die Falschdarstellungen der Bild bestens dokumentiert und richtig gestellt werden.

Es gehört im Übrigen zu einer der leichtesten und bequemsten pseudo-intellektuellen Übungen, der Bild Recherchefehler, Widersprüche o.Ä. nachzuweisen. Das ist in etwa so, als wollte man dem NDR jede Woche aufs Neue nachweisen, dass er sich über Gebührengelder finanziere. Letztlich handelt es sich bei der Bild-Kritik von Zapp also um nichts weiter als um von Gebührengeldern finanzierte Glasperlenspielerei – ein selbstzweckhaftes, eitles und unkreatives Hantieren mit Klischees. Zudem: Die Schnittmenge der Bild-Leserschaft und der Zuschauerschaft, auf die Zapp dem Anschein nach abzielt, ist wohl denkbar klein. Man trägt also bei den eigenen Zuschauern Eulen nach Athen. Die Bild-Leser hingegen werden eher nicht erreicht.

Nun denn, Zapp jedenfalls bedient sich in schöner Regelmäßigkeit aus dem BILDblog-Fundus, was nun auch nicht gerade als Recherche im eigentlichen Sinn zu bezeichnen ist, wie Zapp sie immer von allen anderen Medien einfordert und sich selbst als Qualitätsmerkmal an die Brust heftet. Vielmehr lässt sich angenehm billig und unaufwendig Sendezeit füllen, indem man BILDBlog-Einträge verfilmt. Der BILDblog-Gründer Stefan Niggemeier zeigt sich in seinem privaten Blog übrigens deutlich enerviert davon, dass Zapp regelmäßig BILDblog-Einträge zum Teil auch noch ohne Quellenangabe verfilmt. Er bezeichnet Zapp daher nicht gerade ungerechtfertigt sogar als BILDblog-TV. Der von Niggemeier zudem geäußerte klare Verdacht, dass Zapp im Zuge seiner Verfilmungen auch noch Ideen von ihm klaue und bestenfalls nur geringfügig variiere, lässt befürchten, dass man bei Zapp den Unterschied zwischen Copyright und Copyleft nicht kennt. Sicher „recherchiert” Zapp aber auch selbst in Bild.

Ansonsten mutet Zapp oft auch als Trailer-Show für Monitor, Panorama, Report Mainz und extra3 an. Die von diesen Sendungen recherchierten und produzierten Beiträge werden dann in Kurzform bei Zapp gezeigt. An deren Ende wird darauf hingewiesen, dass man den vollständigen Beitrag in den Sendungen der jeweiligen Kollegen sehen könne. Oder aber man sendet Beiträge, die längst anderswo gelaufen sind. Diese Art billiger Zweitverwertung erinnert arg an die nervende cross promotion-Praxis bei Privatsendern. Wo aber ist hierbei die eigene Recherche, für die man sich selbst so gerne auf die Schulter klopft? Ist das die Art „journalistischer Tiefenbohrung”, mit der das Netzwerk Recherche e.V. die Vergabe seines Preises „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen”2 begründete? Solche Art von Dünnbrettbohrerjournalismus sollte Kuno Haberbusch, Vorstandsmitglied des Netzwerk Recherche e.V. und Zapp-Chefredakteur sowie laut Eigenwerbung der „König der Recherche” doch nicht in der eigenen Sendung zulassen. Was die selbstgesetzten Standards des Netzwerks angeht, gelingt es ja sogar seinem Vorsitzenden, Thomas Leif, in die Kritik zu geraten, weil er es mit der von ihm postulierten Wichtigkeit der Trennung von PR und Journalismus, mit dem korrekten Zitieren des geistigen Eigentums Anderer, mit dem nicht-manipulativen Umgang von Fakten sowie mit Recherchemethoden selbst alles andere als ernst nehme3. Dazu fällt einem doch gleich wieder Heinrich Heine mit seinem so zutreffenden Vers ein:

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.4

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  1. von 4.509.545 Exemplaren 1998 auf 3.444.977 Exemplare 2007. Quelle: IVW []
  2. im Jahr 2004 []
  3. siehe dazu die Quellensammlung auf Wikipedia. Diese Quellensammlung wurde mittlerweile auffällig „bereinigt“. Das ist eben Wikipedia. Böse Zungen munkeln, dass es schon einmal vorkomme, dass bei Wikipedia der Gegenstand des Artikels den Artikel über sich selbst „richtigstellt“, doch diese Meinung wird hier als Verschwörungstheorie verurteilt. Also alle Vorwürfe, die gegen Herrn Leif erhoben wurden, sind offensichtlich aus der Luft gegriffen. Die Rubrik „Kritik“ nimmt sich mittlerweile nahezu wie Werbung für die Person Thomas Leif und das Netzwerk Recherche aus, angereichert mit einem bequemen Link zum Verein. Daher sei hier jedoch auf den Artikel „That’s Leif“ von Jörg Jacoby in „konkret“- Heft 3/2006 verwiesen. Im Archiv von „konkret“ kann glücklicherweise noch nicht jedermann die Artikel nach seinem Geschmack umschreiben. []
  4. Heine, Heinrich: Deutschland – Ein Wintermärchen. Zürich 2005, S.12. []
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Christian Fürchtegott Gellert – Ein FABELhaftes Grab …

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Am 13. Dezember habe der Philosophieprofessor Gellert nach dreizehntägiger hartnäckiger Leibes-Obstruktion und innerlicher Entzündung die Zeitlichkeit verlassen, meldeten Leipziger Zeitungen.1 Mit ihm hätten Stadt und Universität Leipzig einen ihrer berühmtesten Männer verloren, hieß es dort weiter. In der Tat gingen die Menschen eines der bedeutendsten Vertreter der Leipziger Aufklärung verlustig, die sich auch solch bekannter Namen wie Johann Christoph Gottsched und Gotthold Ephraim Lessing rühmen kann. Mit seinen „Fabeln und Erzählungen“ (1746-48), die aus dem aufklärerischen Tugendideal heraus entstanden, wurde Gellert einer der meistgelesenen Autoren des 18. Jahrhunderts. Sein Briefroman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ begründete in Deutschland den bürgerlichen Roman. Seine Lustspiele führten das „Rührstück“ (Comédie larmoyante) aus dem Französischen in die deutsche Literatur ein. Auch als Professor genoss Gellert seitens seiner Studenten große Verehrung und Liebe, wie Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ berichtet. Seine Vorlesungen über Moral, Poesie und Beredsamkeit seien gedrängt voll gewesen, so Goethe. Zu Goethes Studienzeit in Leipzig neigte sich das Leben Gellerts jedoch bereits seinem Ende zu. Mit seiner Beerdigung hatte Gellert jedoch mitnichten seine letzte Ruhestätte gefunden, wie im Folgenden beschrieben werden soll.
Nach dreifacher Umbettung befindet sich Gellerts letzte Ruhestätte nunmehr auf dem Leipziger Südfriedhof (Abteilung I). Seine erste Grabstätte jedoch befand sich auf dem Alten Johannisfriedhof. Als die heute nicht mehr existierende Johanniskirche 1894 bis auf den Turm abgebrochen wurde, um nach den Plänen des Architekten Hugo Licht im neobarocken Stil neu gebaut zu werden, fand man an der Südwand die Gebeine Johann Sebastian Bachs und diejenigen Gellerts. Man exhumierte sie und setzte sie 1897 in dem fertig gestellten Kirchenneubau in einer Gruft unter dem Altarraum erneut bei.
Nachdem das Kirchenschiff im Jahr 1943 bei Luftangriffen stark beschädigt worden war, wurden 1949 die Trümmer beseitigt und die verbliebenen Ruinen des Kirchenschiffs abgetragen. Im gleichen Jahr wurden die Gebeine Bachs in die Thomaskirche umgebettet, während die Gebeine Gellerts in die Universitätskirche St. Pauli überführt wurden. Der übriggebliebene Turm der Johanniskirche wurde 1956 saniert, was nichts daran änderte, dass das atheistische Regime der DDR ihn 1963 sprengen ließ, sodass an dieser Stelle heute nur noch der Name „Johannisplatz“ an die Kirche erinnert. Der weiter südöstlich, hinter dem Grassimuseum gelegene Alte Johannisfriedhof, der heute eine museale Parkanlage ist, ist ein weiterer Hinweis auf die frühere Existenz der Kirche. Der seit 1563 bestehende Alte Johannisfriedhof war 1883 wegen vollständiger Auslastung seiner Kapazitäten für Bestattungen geschlossen worden. Fortan wurde der 1846 eröffnete Neue Johannisfriedhof genutzt, der etwa einen Kilometer südöstlich vom Alten Johannisfriedhof gelegen war. Am 31.12.1950 wurde jedoch auch dieser Friedhof von der Stadtverwaltung für Bestattungen – und zwanzig Jahre später, am 31.12.1970, für die Öffentlichkeit geschlossen. Darauf folgte zunächst die Säkularisation des Gottesackers, in deren Zuge Gruftanlagen und Umfassungsmauern abgebrochen und Gräber eingeebnet wurden. Umbettungen fanden nur dann statt, wenn sie privat finanziert wurden. Nur etwa 120 Grabmale wurden gerettet und auf dem Alten Johannisfriedhof gelagert. Unsachgemäßer Transport dorthin führte jedoch zu starken Beschädigungen der historisch bedeutenden Objekte. Vandalismus und Diebstahl taten schließlich ihr Übriges, sodass nach dem Ende des Arbeiter- und Bauernstaates nur noch 58 Grabmale übrig waren, die saniert werden konnten und daraufhin im südöstlichen Teil des Alten Johannisfriedhofs im eigens für diese Objekte eingerichteten Lapidarium aufgestellt wurden. Im Jahr 1983 wurde der nunmehr säkularisierte Neue Johannisfriedhof der Bevölkerung unter dem neuen Namen „Friedenspark“ als städtisches Naherholungsgebiet zur Nutzung freigegeben. Somit fiel hier ein Name weg, der an die Existenz der Johanniskirche erinnerte. Die in nordöstlicher Richtung verlaufende Johannisallee ist jedoch ein heute noch existierender Hinweis auf diese Kirche. Die Johannisallee befindet sich zwischen Altem Johannisfriedhof und dem Friedenspark.
Doch zurück zum Schicksal von Gellerts Gebeinen. Ihnen war nur eine kurz Zeit der Ruhe vergönnt, denn die sie beherbergende Universitätskirche St. Pauli war den sozialistischen Bauplanern ein Dorn im Auge. Religion hatte in einer inzwischen in „Karl Marx“ umbenannten Universität, auf einem inzwischen auf den Namen „Karl Marx“ umgetauften Platz keine Daseinsberechtigung, hatte doch ausgerechnet dieser den von Lenin abgewandelten Auspruch geprägt, demzufolge Religion Opium für das Volk sei. Nun hatte aber der – seine späteren Jünger des DDR-Politbüros an Intelligenz wohl allesamt weit überlegene – Marx diesen Ausspruch in einer Zeit getätigt, als die christliche Konfession fast ausschließlich auf der Seite der „besitzenden Klassen“ stand. Das „Übel“ der Existenz dieser besitzenden Klassen hatte das SED-Regime im Jahr 1968 jedoch weitgehend beseitigt. Man war dem Ziel der „klassenlosen Gesellschaft“ also bedeutend nähergerückt. Es ist durchaus vorstellbar, dass ein Marx diesem neuen Kontext Rechnung getragen hätte. Seine buchstabengläubigen und parolenverliebten Anhänger waren zu einer solchen geistigen Transferleistung offenbar nicht imstande. Das klerikale Übel musste allem Anschein in ihren ideologisch verblendeten Augen mit Stumpf und Stiel ausgemerzt werden. Weiterlesen ›

  1. Vgl. Löffler, Katrin; Schöpa, Iris u.a.: Der Leipziger Südfriedhof – Geschichte / Grabstätten / Grabdenkmäler. Leipzig, 20042, S. 46. []
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Der Rechtsextremist Thomas Wulff „Steiner” hat schon frappierende phänotypische Ähnlichkeit mit Ernst „Teddy” Thälmann (beide Hamburger Gewächse) … während Letzterer aber in Buchenwald ermordet wurde, dürfen T.W. und seine Kameraden, dank der ihnen ach so verhassten Demokratie („Demokröten“, „Grundgeschwätz“, „Verfassungsschmutz“) öffentlich und ungehindert ihre armseligen Ungereimtheiten in die Welt posaunen – geschützt von einer Polizei, deren Angehörige mitunter nicht wissen, wer Anne Frank war.

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Kleiner Kontrapunkt:

„Kein Sex mit Nazis!”

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