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Tag Archives: Plastik

Orpheus und Eurydike

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Diese Bronzeplastik befindet sich in Hamburg am westlichen Alsterufer und wurde 1958 von Ursula Querner1 geschaffen. Der Titel lautet „Orpheus und Eurydike“. Dargestellt ist zur Rechten Orpheus mit der Lyra (Leier), die er von Apollon, seinem Vater, dem Gott der Künste geschenkt bekam. Links steht die betört wirkende thrakische Baumnymphe Eurydike, die spätere Frau des Orpheus.

Der uns durch Ovid in seinen Metamorphosen überlieferten Sage zufolge sei Orpheus der beste Sänger unter den Sterblichen gewesen. Wilde Tiere seien von seinem Gesang zahm geworden und hätten sich friedlich um Orpheus geschart. Pflanzen und sogar Steine seien von seinem Gesang erweicht worden. Die Argonauten schließlich hätten Orpheus mit auf ihre Kriegszüge genommen, weil er mit seinem Gesang zum einen die Kampfmoral der eigenen Leute stärkte und zum anderen, weil er sowohl die Wut des Meeres als auch die Macht der Feinde mit dem Zauber seines Gesangs und seiner Lyra zu besänftigen bzw. bezwingen vermochte. Darüber hinaus erwies sich der Gesang des Orpheus als so mächtig, dass er es sogar schaffte, den betörenden und fatalen Gesang der Sirenen zu übertönen, womit er die Argonauten vor dem sicheren Tod bewahrte.

Doch alle Sangeskunst konnte am Ende doch nicht verhindern, dass Orpheus in sein Unglück rannte. Das Unheil nahm kurz nach seiner Vermählung mit Eurydike seinen Lauf, als diese nämlich durch einen Schlangenbiss starb: „Ach, und starb, an der Ferse verletzt von dem Bisse der Natter.“2 Darüber, wie es genau dazu kam, finden sich in den verschiedenen späteren Übertragungen voneinander abweichende Varianten bzw. Ausschmückungen. In den einen heißt es z.B., Eurydike sei im Anschluss an die Hochzeit mit den Brautjungfern auf einer Wiese spazieren gewesen, als die Schlange sie biss. Einer anderen Fassung zufolge habe es sich so verhalten, dass Eurydike nach der Hochzeit zusammen mit anderen Nymphen spazieren gegangen und dabei von Aristaios gesehen worden sei, der so von ihrer Schönheit verzaubert gewesen sei, dass er ihr nachgestiegen sei und sie bedrängt habe, woraufhin sie die Flucht ergriffen habe und dabei von der Schlange gebissen worden sei. Bei Ovid ist von Aristaios jedoch keine Rede. Dort heißt es dazu schlicht: „Durch die Gefilde / Schweifte die jüngst Vermählte, vom Schwarm der Najaden begeleitet, / Ach und starb, an der Ferse verletzt von dem Bisse der Natter.“3 Was auch immer dem Biss vorausging bzw. dazu führte, darin, dass Eurydike daran verstarb, sind sich die Übertragungen wieder einig.

Voller Trauer klagte Orpheus daraufhin singenderweise den Göttern und Menschen sein Leid. Doch vergebens, Eurydike wurde ihm nicht zurückgegeben. Also beschloss er, in die Unterwelt hinabzusteigen, um dort – ganz auf seine Sangeskunst vertrauend – das Herz des Hades4 zu erweichen und seine Geliebte zurückzugewinnen: „Als zum Himmel empor der rhodopeïsche Sänger / Lange die Gattin beweint, jetzt auch zu versuchen die Schatten, / Wagt er hinab zur Styx durch des Tänarus Pforte zu steigen. Und durch lustige Scharen bestatteter Totengebilde / Naht er Persephonen nun, und des anmutlosen Bezirkes / Könige drunten in Nacht“5 Weiterlesen ›

  1. *10.05.1921 in Dresden – †23.06.1969 in Hamburg []
  2. Ovid: Verwandlungen. Übersetzt von Johann Heinrich Voß. []
  3. ebd. []
  4. röm. Pluto []
  5. Ovid: Verwandlungen. Übersetzt von Johann Heinrich Voß. []
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Rimbaud – L’homme aux semelles devant / de vent

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Wie soll das Denkmal für einen Dichter aussehen, der im Alter von nur achtzehn Jahren die Poesie verwarf und ihr den Rücken kehrte? Für einen Dichter, von dem Stefan Zweig sagte: „Sein Atem ging so heiß, daß das Wachs unter seinen Händen schmolz, statt sich der Form anzupassen. Die Literatur, die Kunst waren zu schwach, um das Unaussprechliche ganz sagen zu lassen. Und so warf er sie weg, mit achtzehn Jahren.“ – „Die Poesie war ihm nichts; nur irgendein Befreiungsversuch, ein Ventil für die drängend-überschüssige Vitaltät; nur ein Versuch unter anderen, und der erste Versuch.“1 Wie also soll ein Denkmal aussehen für Arthur Rimbaud, der alle in seinem Besitz befindlichen Manuskripte seiner Dichtung auf einem Scheiterhaufen verbrannte, dessen Dichtung nur durch die posthume Initiative einstiger Freunde einer großen Öffentlichkeit bekannt wurden? Mit Sicherheit wäre ein auf einem Sockel stehender Mann mit zusammengerolltem Pergament oder einer Feder in der Hand sowie mit ins Gesicht modellierter demonstrativer Weitsicht dem rastlosen und getriebenen Rimbaud überhaupt nicht gerecht geworden. Eine Antwort auf die Frage, wie nun solch ein Denkmal aussehen könnte, findet sich im vierten Pariser Arrondissement im Quartier de l’Arsenal2 auf der Place du Père-Teilhard-de-Chardin, schräg gegenüber dem Pavillon de l’Arsenal. Die dortige Plastik ist das Ergebnis der Auseinandersetzung des französischen Bildhauers Jean Ipoustéguy3 mit der Person und dem Werk Arthur Rimbauds. Nachdem die Stadt Paris Ipoustéguy mit der Schaffung eines Denkmals für Rimbaud beauftragt hatte, entwarf dieser Ende des Jahres 1983 zunächst eine Kleinplastik mit dem Arbeitstitel „Maquette Rimbaud“4 aus Gips und Pappe5, aus der noch im gleichen Jahr die Kleinbronze mit dem Titel „Esquisse Rimbaud“6 hervorging. Ebenfalls Ende 1983 fertigte Ipoustéguy © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007eine Portätstudie mit dem Titel „Etude visage Rimbaud“7 an. Aus diesen Vorarbeiten ging zu Beginn des Jahres 1984 die Großplastik hervor, die schließlich 1985 bei Blanchet in Paris gegossen wurde. Die Bronzeplastik ist 2,2m hoch, 4,6m lang sowie 1,8m breit8 und trägt den Titel: „L’homme aux semelles devant“, was zu übersetzen ist mit: „Der Mann mit den Sohlen voran“ oder „Der Mann mit den Sohlen voraus“. Hierbei handelt es sich um eine Anspielung auf die Bezeichnung, mit der Verlaine seinen Geliebten tituliert haben soll, nämlich: „L’homme aux semelles de vent“9, was zu übersetzen ist mit: „Der Mann mit den Sohlen aus Wind“ oder „Der Mann mit den Windsohlen“ bzw. „Der Mann mit den vom Wind beflügelten Sohlen“. Offenbar scheinen einzelne Personen das Wesen einer Hommage nicht erfasst zu haben, wenn sie den Titel der Plastik für fehlerhaft befinden. Solche Zeitgenossen fühlen sich dann bemüßigt, der Welt mittels weißem Korrekturstift die vermeintlich korrekte Version mitteilen zu müssen10. Offensichtlich halten diese Personen es tatsächlich für möglich, dass der Schöpfer der Plastik, der sich ja, wie noch zu sehen sein wird, intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt haben muss, ausgerechnet im Titel seines Werkes einen Verständnisfehler und einen daraus resultierenden Setzfehler leistet, der dann auch jahrzehntelang von offizieller Seite in Paris geduldet wird. Nicht in den Sinn kam den Korrektoren wohl, dass es sich hierbei um eine gewollte Modifikation handelt, eine Weiterentwicklung und Überspitzung, ein Wortspiel – eben eine Hommage. Beim Anblick der Plastik fällt zunächst die Zweiteilung von Rimbauds © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Körper ins Auge. Mit dieser irritierenden Darstellung gelang Ipoustéguy eine markante Symbolisierung der Zerissenheit Rimbauds, seines ungestümen Wesens, seiner Rastlosigkeit und seines Getriebenseins. Und was liegt näher, als Symbolik zur Würdigung eines der Begründer des literarischen Symbolismus zu verwenden? Betrachtet man zudem die Etymologie des Wortes Symbol, erscheint die Verwendung dieses Stilmittels noch passender. Das griechische Ursprungswort sýmbolon (σύμβολον) mit der Bedeutung „Merkmal, Kenn-, Wahrzeichen“ ist eine Bildung aus symbállein (συμβάλλειν), was „zusammenwerfen, -legen, -fügen“ bedeutet. Sýmbolon war ursprünglich ein zwischen verschiedenen Personen vereinbartes Erkennungszeichen. Dabei handelte es sich um zerbrochene Ringe, Scherben und dergleichen. Durch die Passgenauigkeit der einzelnen Anfügestücke erkannten sich deren Besitzer wieder. Die Scherben verkörperten also die Zusammengehörigkeit. Deutlicher wird die Versinnbildlichung der Scherbenhälften daran, dass Freunde im antiken Griechenland bevor sie sich für längere Zeit trennten, ihre Namen in eine Scherbe ritzten und diese dann zerbrachen. Jeder trug eine Hälfte dann bei sich. Ein Symbol hat somit einen Hinweischarakter und weist über sich selbst hinaus. Die beiden Scherben sind zum einen natürlich nur Scherben, weisen jedoch über ihre Stofflichkeit bzw. ihr vordergründiges Erscheinungsbild hinaus aber „symbolisch“ auf Freundschaft bzw. auch auf Trennung und Sehnsucht hin. Somit kann mittels des Symbols auf einfachste und abstrakte Weise ein komplexer Zustand auf den Punkt gebracht werden, der sonst eines längeren Textes oder einer expliziten Darstellung bedürfte, wenn er denn überhaupt so ohne weiteres realitätsnah darstellbar wäre. Derartig kann auf eine schwer zugängliche, verborgene und tiefer liegende Wirklichkeit verwiesen werden. So gesehen hat Ipoustéguy durch den Bruch von Rimbauds Körper ein © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Symbol geschaffen, bei dem im ursprünglichen Sinn die Beine das Anfügestück zum Oberkörper darstellen. Fügte man Ober- und Unterkörper wieder zusammen, hätte man Rimbaud in seinem äußeren Zustand. Doch der Bruch des Körpers veranschaulicht hier seinen inneren Zustand und den daraus folgenden Lebenswandel, der ohne Symbolik ja gar nicht in statischer bildlicher Form darstellbar wäre. Ipoustéguy hat damit sowohl im ursprünglichen Sinn ein Symbolon als auch in der heutigen Bedeutung ein Symbol geschaffen. Weiterlesen ›

  1. Arthur Rimbaud. Leben und Dichtung. Übertragen von K. L. Ammer. Eingeleitet von Stefan Zweig. Leipzig, 1921, S. 18 u. 8. []
  2. In diesem Viertel befand sich, wie der Name erahnen lässt, ursprünglich das königliche Waffen- und Munitionslager. []
  3. *1920 †2006 []
  4. Modell Rimbaud []
  5. 30cm hoch und 50cm breit []
  6. Entwurf Rimbaud, 29,5cm hoch, 49cm lang und 29cm breit []
  7. Studie „Gesicht Rimbaud“ []
  8. Lipp, Michael: Jean Ipoustéguy – Das plastische Werk 1940-1992, S.537. []
  9. „Comme on sait, Rimbaud a été surnommé « l’homme aux semelles de vent ».“ Arthur Rimbaud – Œuvres complètes / correspondance. Paris, 2004, S.CXXXII. []
  10. siehe Abbildung []
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Luther und die Reformation

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Anlässlich des heutigen Reformationstages soll an dieser Stelle ein Aphorismus des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner zitiert werden:

„Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch, am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation.“1

Wenn das keine Gründe zum Feiern sind …
Die abgebildete, den Reformator Martin Luther darstellende Plastik stammt von Otto Lessing2. Sie befindet sich auf der nördlichen Seite der Hauptkirche St. Michaelis bzw. – mit anderen Worten – auf der vom Haupteingang aus gesehen linken Gebäudeseite. Lessing schuf die Plastik 1912 – in seinem letzten Lebensjahr. Den Guss besorgte die „Aktien-Gesellschaft Gladenbeck“ aus Berlin Friedrichshagen.
Als Urgroßneffe Gotthold Ephraim Lessings bot es sich natürlich an, dass man Otto Lessing seinem Urgroßonkel ein Denkmal setzen ließ, insbesondere, da ein weiterer Verwandter Lessings dem Komittee vorstand, das 1886 einen Wettbewerb für ein Lessing-Denkmal ausgerufen hatte. Von 1887-90 schuf Otto Lessing eine Marmorskulptur des großen Dichters und dazu zwei allegorische Figuren aus Bronze: einmal den Genius der Humanität und zum anderen die Allegorie der Kritik. Das Denkmal wurde 1890 im Großen Tiergarten in Berlin eingeweiht, wo es heute noch steht. Viele der von Otto Lessing geschaffenen Plastiken und Skulpturen sind während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden, so Bauplastiken am zweiten Gewandhaus in Leipzig oder Reliefs am Berliner Stadtschloss sowie der Rolandbrunnen in Berlin-Tiergarten. Ein von ihm geschaffenes Reiterdenkmal Kaiser Wilhelms I., wurde zudem eingeschmolzen. Eine weitere Figur Martin Luthers sowie auch eine Philipp Melanchtons hatte Lessing in den 1890er Jahren für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche geschaffen, wo sie bei einem Luftangriff zerstört wurden.

  1. Deschner, Karlheinz: Ärgernisse – Aphorismen. Reinbek, 1994, S. 74. []
  2. *1846 †1912 []
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Le Passe-muraille

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Abseits vom Trubel im Umkreis von Sacré-Cœur befindet sich etwa einen halben Kilometer nordwestlich davon, dort, wo sich die Rue Girardon und die Rue Norvins treffen, die Place Marcel Aymé, benannt nach dem französischen Erzähler und Dramatiker. Dieser lebte von seiner Geburt im Jahr 1902 an bis zu seinem Tod im Jahr 1967 auf dem Montmartre in der Rue Norvins Nummer 26. Ihm zu Ehren wurde aus dieser Hausnummer der Place Marcel Aymé Nummer 2. In seiner jetzigen baulichen Form bestand der Platz bereits zu seinen Lebzeiten als Einbuchtung der Rue Norvins. Er wurde also rein nominell für ihn geschaffen und besteht nur aus dieser Hausnummer. Dank dieser Einbuchtung konnte diese sehr elegante Lösung gelingen. Doch bei dieser Ehre allein ließ man es nicht bewenden. Der berühmte Schauspieler, Regisseur, Choreograph, Maler und Bildhauer Jean Marais schuf eine Bronzeplastik des Helden aus Aymés Novelle „Le passe-muraille“ aus dem Jahr 19431, die im Jahr 1989 eingeweiht wurde.
Dieser Held namens Dutilleul wohnte wie durch Zufall nur zwei Straßen von seinem Schöpfer entfernt im dritten Stockwerk der Rue d’Orchampt Nummer 75 und war Junggeselle sowie Beamter dritter Klasse im Finanzministerium. Aufgrund eines Stromausfalls fand er im Alter von 43 Jahren heraus, dass er über eine äußerst ungewöhnliche Fähigkeit verfügte. Bei diesem Stromausfall nämlich tappte er eine Weile im Dunkeln und fand sich unversehens im Treppenhaus wieder, ohne dass er jedoch eine Tür passiert hatte. Da die Wohnungstür von innen verschlossen war, sah sich Dutilleul gezwungen, auf dem Weg in seine Wohnung zurückzukehren, auf dem er sie offenbar verlassen hatte. Und siehe da, er gelangte tatsächlich durch die Wand hindurch in seine Wohnung zurück.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Nun war aber Dutilleul von seinem Naturell her so geartet, dass ihn diese Gabe eher befremdete als zu Abenteuern antrieb, weshalb er gleich am nächsten Tag in dieser Angelegenheit einen Arzt aufsuchte, der eine „schraubenförmige Verhärtung in der Drosselwand der Schilddrüse“ diagnostizierte und ihm Tabletten verschrieb, die aus „tetravalentem Schafgarbenextrakt, vermischt mit Reismehl und Zentaurenhormon“ bestanden und zweimal jährlich einzunehmen waren. Dutilleul nahm die erste Tablette ein, deponierte die übrigen in seinem Nachttisch und vergaß daraufhin diesen Vorfall und seine übermenschliche Fähigkeit für ein ganzes Jahr.

Doch eine Wendung in seinem Leben sollte sie ihm ins Gedächtnis zurückrufen, als er nämlich einen neuen Vorgesetzten mit Namen Lécuyer bekam, mit dem ein frischer Wind in die Abteilung einzog und der allerlei Dinge änderte, so z.B. auch Formulierungen, die seine Untergebenen in ihren Schreiben zu verwenden hatten. Dutilleul aber konnte sich partout nicht daran gewöhnen und verfiel immer wieder in die herkömmlichen, höflicheren Formulierungen zurück. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007 © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Wegen dieser Renitenz wurde er von Lécuyer in einen kleinen Abstellraum strafversetzt, der direkt an dessen Büro grenzte. Weil Lécuyer Dutilleul fortgesetzt schikanierte, entsann dieser sich eines Tages seiner besonderen Gabe. Wiederholt steckte er fortan seinen Kopf durch die Wand seines Chefs und beschimpfte diesen. Immer aber wenn Lécuyer nach einer solchen Erscheinung Dutilleuls in dessen Kabuff hinübereilte, fand er diesen ordnungsgemäß an seinem Schreibtisch bei der Arbeit, sodass Lécuyer an seinem Verstand zweifeln musste. Dutilleul trieb dieses Spiel solange, bis Lécuyer schließlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.
Eigentlich hätte Dutilleul es ja dabei bewenden lassen können, war er seinen ungeliebten tyrannischen Vorgesetzten doch nun los. Aber Dutilleul hatte Blut geleckt und dachte bereits über weitere Einsatzmöglichkeiten seiner Fähigkeit nach. Er verlegte sich nun auf Bankraub und suchte eine Bank nach der anderen heim, füllte seine Taschen mit Geld und weiteren Wertgegenständen. Bald kannte ganz Paris diesen Einbrecher, den die Polizei einfach nicht zu fassen bekam. Der Ganove, der immer sein Werwolf-Pseudonym „Garou-Garou“ schriftlich an den Tatorten hinterließ, wurde bald zum Stadt- und auch zum Bürogespräch. So musste Dutilleul mit ansehen, wie seine Kollegen sich voller Bewunderung über diesen „Garou-Garou“ äußerten. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und brüstete sich vor den Kollegen damit, dass er selbst dieser „Garou-Garou“ sei, was diese freilich nicht glaubten und Dutilleul stattdessen unentwegt hänselten.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007In der folgenden Nacht ließ Dutilleul sich deshalb absichtlich beim Einbbruch in ein Juweliergeschäft ertappen, um seinen Kollegen zu beweisen, dass er tatsächlich „Garou-Garou“ sei. Am nächsten Morgen war sein Bild auf den Titelseiten der Zeitungen und er selbst im Gefängnis. Dort hielt er Wärter und Direktor immer wieder zum Narren, indem er einfach das Gefängnis verließ, wie es ihm beliebte und auswärts frühstückte oder aber sich im Gästezimmer der Wohnung des Gefängnisdirektors einquartierte. Irgendwann aber war er dessen müde und verließ das Gefängnis auf Dauer, legte sich ein anderes Äußeres zu und nahm sich eine neue Wohung in der Avenue Junot2, direkt um die Ecke seiner bisherigen Wohnung. Er suchte eine neue Herausforderung für seine Gabe, nachdem die dicken Gefängnismauern ja kein Hindernis dargestellt hatte. So schwebte ihm eine Reise nach Ägypten vor, wo er sich an den Mauern der Pyramiden zu versuchen gedachte. Zunächst aber brachte er einige Zeit unerkannt auf dem Montmartre zu. Weiterlesen ›

  1. In deutscher Übersetzung erschien diese Novelle im Jahr 1949 bei Rowohlt Stuttgart/Hamburg/Baden-Baden unter dem Titel „Der Mann, der durch die Wand gehen konnte und andere Pariserische Scheherezaden.“ []
  2. Hierbei handelt es sich übrigens um die Fortsetzung der o.g. Rue Norvins, in der Marcel Aymé wohnte. []
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When we have wandered all our ways

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Das Motiv des müden Wanderers bzw. Pilgers findet sich auch auf dem Pariser Friedhof Montparnasse. Dort wird es von einer Plastik des spanischen Bildhauers Baltasar Lobo (*1910, †1993) verkörpert, die sich auf dessen Grab befindet. Folgende Zeilen von Walter Ralegh (*1554, †1618) scheinen geeignet, das Wanderermotiv lyrisch aufzunehmen:

Even such is time, which takes in trust / Our youth, our joys, and all we have, / And pays us but with age and dust, / Who in the dark and silent grave, / When we have wandered all our ways, / Shuts up the story of our days. / And from which earth, and grave, and dust, / The Lord shall raise me up, I trust.1

Dies habe Ralegh am Abend vor seiner Hinrichtung geschrieben, sodass der fromme Beiklang nur verständlich ist. Man fand die Zeilen in Raleghs Bibel im Gatehouse Prison in Westminster, London, wo er zuvor dreizehn Jahre mit einer Unterbrechung in Haft gesessen hatte. Auf dem Schafott habe er, nachdem er die Schärfe des Henkersbeils geprüft hatte, gesagt: „‚Tis a sharp remedy, but a sure one for all ills.“2 Auf die Frage, wie er sein Haupt auf dem Richtblock zu betten beliebe, habe er entgegnet: „So the heart be right, it is no matter which way the head lies.“3

  1. The Concise Oxford Dictionary of Quotations, Oxford 1964, S. 174. []
  2. ebd. []
  3. ebd. []
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Harmonie – Antoniucci Volti

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Diese Plastik mit dem Titel „Harmonie“ stammt von Antoniucci Volti (1915-89) und befindet sich in Paris im dritten Arrondissement im Quartier Arts et Métiers auf der Höhe der gleichnamigen Métro-Station. Das auf einem kleinen Platz befindliche Kunstwerk bildet einen optischen Ruhepunkt innerhalb des verkehrsreichen Knotenpunktes, der durch das Zusammentreffen der Rue Réaumur, der Rue de Turbigo, der Rue Beaubourg, der Rue Vaucanson sowie weiterer kleinerer Straßen gebildet wird. Die Kreuzung wird von der Skulptur ästhetisch enorm aufgewertet. Durch einzelne die Skulptur umgebende Birken und Gebüsch ensteht inmitten eines urbanen Umfelds eine kleine grüne, künstlerische Oase, die sich als Treffpunkt eignet aber auch zum kurzen Verweilen und Innehalten einlädt. Ein schönes Beispiel von Kunst im öffentlichen Raum, die eben nicht nur unnahbar im Museum in einer Vitrine bestaunt werden kann, sondern sich in das tägliche Leben einfügt und mit ihm verschmilzt, ob als Treffpunkt, Stadtmöbel oder Kunstwerk oder alles zugleich.
Volti entstammt einer italienischen Familie, die jedoch 1905 nach Frankreich übersiedelte. Dennoch verbrachte er die ersten fünf Jahre seines Lebens in Italien, da sein Vater seinen Kriegsdienst in der italienischen Armee zu absolvieren hatte. Im Jahr 1920 kehrte die Familie dann endgültig nach Frankreich zurück. Im Alter von nur zwölf Jahren wurde Volti in die École des Arts décoratifs in Nizza aufgenommen, die er bis 1930 besuchte. In diesem Jahr wurde ihm auch eine Goldmedaille für zwei polychrome Bas-reliefs (Flachreliefs) verliehen. Danach ging er – erst fünfzehnjährig – nach Paris und trat in das Atelier von Jean Boucher an der École Nationale des Beaux-Arts ein. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft in Bayern kehrte er 1943 krank nach Paris zurück, wo er sein Atelier zerstört vorfand. Seit 1947 nahm er an Ausstellungen verschiedener Pariser Salons teil, 1954 bzw. 1955 an den Biennalen in Brüssel und Antwerpen. Außerdem stellte Volti eine erste Retrospektive seines Werkes 1957 im Musée Rodin in Paris aus. Voltis Werk ist in starkem Maß von der Darstellung des weiblichen Körpers geprägt. Plastiken von Volti befinden sich neben Paris auch in Angers, Orléans, Colombes und Villefranche-sur-Mer.

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Aristide Maillol – Der Fluss

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007

Die von dem französischen Bildhauer Aristide Maillol im Jahr 1939 geschaffene Plastik befindet sich neben der Hamburger Kunsthalle auf dem Mittelstreifen des Glockengießer Steintors.

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„Quintili Vare, legiones redde!“ – Arminius

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2006

Das ist der Teutoburger Wald, / Den Tacitus beschrieben, / Das ist der klassische Morast, / Wo Varus steckengeblieben.
Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, / Der Hermann, der edle Recke, / Die deutsche Nationalität, / Die siegte in diesem Drecke.
Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann, / Mit seinen blonden Horden, / So gäb es die deutsche Freiheit nicht mehr, / Wir wären römisch geworden!
In unserem Vaterland herrschten jetzt / Nur römische Sprache und Sitten, / Vestalen gäb es in München sogar, / Die Schwaben hießen Qiriten!1

… in der Tat, kaum auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Zivilisation ein paar Jahrhunderte früher nach Deutschland gekommen wäre. Vielleicht wäre uns so das Mittelalter vorenthalten worden!

Obwohl der ironische Unterton Heines schwerlich zu überhören ist, so gesteht er doch im letzten Vers ein, dass er selbst „subskribieret“ habe, also sein Scherflein beigetragen hat:

„O Hermann, dir verdanken wir das! / Drum wird dir, wie sich gebühret, / Zu Detmold ein Monument gesetzt; / Hab selber subskribieret.“

Der etwa 27 Meter hohe Arminius hält in seiner ausgestreckten Rechten ein etwa sieben Meter hohes Schwert (Inschrift: Deutschlands Einigkeit, meine Stärke / Meine Stärke, Deutschlands Macht). Diese Siegerpose ist natürlich auf den Triumph des germanischen Heeres unter Hermann dem Cherusker im Jahr 9 (wo auch immer sie sich nun wirklich ereignet haben mag) gemünzt. Doch die Himmelsrichtung, in die das Schwert weist, ist mitnichten Süden (Rom), sondern vielmehr Westen (Frankreich) und dem politischen Kontext der Zeit der Erbauung des Denkmals (1838-75) geschuldet. Frankreich sollte der Sieg der Cherusker und ihrer Verbündeten über die Römer als Mahnung dienen. Ein besonders patriotisches Hochgefühl wird man im Einweihungsjahr gehabt haben, wo man es den – diesmal französischen – „Welschen“ mal wieder gezeigt hat. Und so wird Wilhem II. auch in nach 1871 hinzugefügten Inschriften in direkte Nachfolge von Arminius gestellt:

Der lang getrennte Stämme vereint mit starker Hand, Der welsche Macht und Tücke siegreich überwandt, Der längst verlorene Söhne heimführt zum Deutschen Reich, Armin, dem Retter ist er gleich.

Wilhelm, Kaiser, 22. März 1797, König von Preußen, 2. Januar 1861. Erster Kaisertag, Versailles, 18. Januar 1871, Krieg 17. Juli 1870, Frieden 26. Februar 1871.“

Am 17. Juli 1870 erklärte Frankreichs Kaiser, Louis Napoleon, Preußen den Krieg, da erstunden alle Volksstämme Deutschlands und züchtigten von August 1870 bis Januar 1871 immer siegreich französischen Übermut unter Führung König Wilhelms von Preußen, den das deutsche Volk am 18. Januar zu seinem Kaiser erkor.

Nur weil deutsches Volk verwelscht und durch Uneinigkeit machtlos geworden, konnte Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, mit Hilfe Deutscher Deutschland unterjochen; da endlich 1813 scharten sich um das von Preußen erhobene Schwert alle deutschen Stämme ihrem Vaterland aus Schmach und Freiheit erkämpfend. Leipzig, 18. Oktober 1813 – Paris, 31. März 1814 – Waterloo, 18. Juni 1815 – Paris, 3. Juli 1815.

Arminius liberator haud dubie Germaniae et qui non primordia populi romani, sicut alii reges ducesque, sed florentissimum imperium lacessieret: proeliis ambiguus, bello non victus.2

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  1. Heinrich Heine, Deutschland ein Wintermärchen, Caput XI, Verse 1-4 []
  2. Tacitus, Annales: II, 88: Armin ohne Zweifel Deutschlands [Germaniens] Befreier, der das römische Volk nicht in seinen Anfängen bedrängt hat wie andere Könige und Heerführer, sondern in der höchsten Blüte seiner Herrschaft: In Schlachten mit schwankendem Erfolge, im Kriege nicht besiegt. []
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Vogels Freud, Vogels Leid …

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007

Details einer Grabstätte auf dem Friedhof Hamburg Ohlsdorf (Fotomontage)

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Ihr müsst alle diese Straße wandeln …

Grabmal von Caedar Scharff »Charon mit Mädchen«Dieses portalartige Grabmal befindet sich auf dem Friefhof Hamburg Ohlsdorf. Die Plastik und die Skulpturen wurden 1903 vom Bildhauer Caedar Scharff geschaffen. Vorgelagert sind dem Grabmal zu beiden Seiten Skulpturen aus Granit. Diese stellen Sphinxen dar, die im Sinne ägyptischer und griechischer Vorstellung das Grab bewachen sollen. Die Plastik aus Bronze verkörpert Charon, der eine junge, gerade verstorbene Schöne am Handgelenk fasst und sie in seinen Nachen zieht, um sie über den Acheron (Styx) zum Eingang des Hades zu bringen.

Literatur:

  • Leisner, Barbara; Heiko K.L. Schulze u. Ellen Thormann. Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Geschichte und Grabmäler. Band 1 und 2. Hamburg, 1990.
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