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Tag Archives: Geschichte

„… laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!”

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Das Denkmal erinnert an die Schlacht bei Möckern – eine Teilschlacht der Völkerschlacht bei Leipzig. Hierbei wurde am 16. Oktober 1813 das von französischen Elitetruppen unter Marschall Marmont zur Festung ausgebaute Dorf Möckern (im Nordwesten Leipzigs) von der Schlesischen Armee unter Führung ihres Oberbefehlshabers Gebhard Leberecht von Blücher („Marschall Vorwärts”) sowie vom Preußischen Armeecorps unter Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg erobert. Etwa 10.000 Franzosen und 5.000 Preußen ließen bei dem Gemetzel ihr Leben. Dieser Sieg trug dazu bei, dass Napoleon eine Verkürzung des durch seine Truppen gezogenen Schlachtbogens vornehmen musste. Am 19. Oktober wurde Napoleon endgültig von der Koalition besiegt.
Das Sächsische Königreich gehörte durch den 1806 mehr oder weniger zwangsweise erfolgten Beitritt zum Rheinbund (Confédération du Rhin) zu den Verbündeten Frankreichs und war somit verpflichtet, Napoleon große Militärkontingente zu stellen. Im Gegenzug war Kurfürst Friedrich August I. (der Gerechte) zum König erhoben worden. Sachsen diente den Franzosen nur unwillig und gezwungenermaßen, wurde aber nichtsdestotrotz von den Siegern als Kollaborateur angesehen und musste fürchten, als solcher vom Wiener Kongress abgestraft zu werden. Preußens Ziel war es dabei, im Zuge der Arrondierung seines Territoriums, sich das Königreich Sachsen als Ganzes einzuverleiben, was jedoch nicht gelang, da es nicht dem Interesse Österreichs bzw. Frankreichs (die Monarchie war wiederhergestellt) entsprach, Preußen mehr als nötig erstarken zu lassen. Das europäische Gleichgewicht stand auf dem Spiel.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007
Immerhin fielen Preußen aber doch etwa 57% des sächsischen Territoriums und 42% der sächsischen Bevölkerung zu, von zuvor etwa 2 Millionen Einwohnern verblieben nur noch 1,2 Millionen. Das somit gewonnene Gebiet wurde „Provinz Sachsen” genannt und entspricht großen Teilen des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Nicht nur dort fühlten sich die Menschen als „Musspreußen”.
Wie zum Trost dafür, nicht ganz Sachsen bekommen zu haben, wurden Preußen im Westen Territorien erheblichen Ausmaßes zugestanden, nämlich die Provinz Westfalen und die Rheinprovinz, mit dem Nebeneffekt, dass somit der katholische Bevölkerungsanteil im bis dahin fast ausschließlich protestantischen Preußen wesentlich zunahm.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Zu den von Sachsen an Preußen abgetretenen Gebieten gehörte neben Merseburg, Naumburg, Mansfeld und Querfurt auch Wittenberg, die alte Hauptstadt Kursachsens – also ursächsisches Gebiet. Bereits 1817 wurde die durch Luther und Melanchton weltberühmt gewordene – sächsische – Universität Leucorea („leukos” = weiß in Anlehnung an „Wittenberg” = weißer Berg) mit der preußischen Universität Halle zur Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg zusammengelegt.
Das Dorf Möckern nun, das mittlerweile längst ein Stadtteil Leipzigs ist (Eingemeindung 1. Oktober 1910), zählte 1813 gerade einmal 300 Einwohner und gehörte zum dort befindlichen Rittergut. Nach der Schlacht ist der Ort fast völlig zerstört (15 Häuser bzw. Güter, das Gemeindehaus, die Schule, das Hirtenhaus und wohl auch die Windmühle). Zudem hatte die Gemeinde im April 1813 einen Kredit von 300 Talern aufnehmen müssen, um die zu diesem Zeitpunkt noch einquartierten russischen Truppen unterhalten zu können.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Möglicherweise hatte das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung Möckerns noch in Erinnerung, dass es nicht einmal 200 Jahre her war, dass schwedische Truppen im Dreißigjährigen Krieg 1637 Möckern in Brand steckten. Zuvor waren im Jahr 1631 Tillys Truppen vor der Belagerung Leipzigs an Möckern vorbeigezogen, wo sie ein Lager aufschlugen. Immerhin handelte es sich dabei um 21.000 Mann Fußvolk und 11.000 Reiter, deren Verpflegung Möckern sicher eine große wirtschaftliche Last auflud. Doch Möckern lebte auch später mit dem Militär, als nämlich 1877 nach zweijähriger Bauzeit die Infanteriekaserne fertiggestellt wurde und bald darauf das 7. Kgl. Sächsische Infanterie-Regiment „Prinz Georg” Nr. 106 dort stationiert wurde. Nachdem auf dem Gelände nach dem Ersten Weltkrieg Sicherheitskompanien untergbracht waren, diente die Kaserne nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1949 als Flüchtlings- und Umsiedlerlager sowie als Quarantänelager für zurückkehrende Soldaten. Von 1952-56 beherbergte die Kaserne Einheiten der Kasernierten Volkspolizei. Von 1956-90 schließlich waren Einheiten der NVA dort untergebracht.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Ein Jahr lang nutzte die Bundeswehr noch die Kaserne, ehe sie einer zivilen Nutzung zugeführt wurde. Seit 1991 befindet sich auf dem ehemaligen Kasernenareal die Landesversicherungsanstalt Sachsen, seit 1997 der Neubau des Leipziger Arbeitsamts. Zusammen mit weiteren dort angesiedelten Institutionen bildet der Komplex heute das Sozialversicherungszentrum Leipzig.
Doch zurück zum eingangs erwähnten Denkmal. Dieses befindet sich heute vor der Auferstehungskirche, die am 10. November 1901 als Not- bzw. Interimslösung eingeweiht wurde, jedoch bis heute aufgrund zweier Weltkriege, Weltwirschaftskrise und Sozialismus nach wie vor unverändert als Fachwerkbau mit Ausfachung aus unverputzten gelben Ziegeln besteht. Von 1886 bis 1901 waren Gottesdienste in der Aula der 1884-86 gebauten „roten Schule” abgehalten worden. Bis in das Jahr 1543 war Möckern nach der Thomaskirche in Leipzig gepfarrt, nach der Reformation nach Wahren sowie von 1544-1857 nach Eutritzsch und 1857 schließlich wieder nach Wahren. Im Jahr 1901 war also erstmals die Kirche im eigenen Dorf.
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Friede den Entschlafenen

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Der Sarkophag erinnert an die letzte Phase der Besatzung Hamburgs durch napoleonische Truppen im Winter 1813/14. Tausende Hamburger Bürger, die nicht ausreichend persönlichen Proviant vorweisen konnten, wurden damals von den Besatzern des Stadtgebietes verwiesen. Den Franzosen ging angesichts der Belagerung der Stadt durch die Allierten die Verpflegung der Truppe vor – hungrige Zivilisten hatten da das Nachsehen. Etwa ein knappes halbes Jahr später wurde die Stadt von russischen Truppen befreit, was nicht verhinderte, dass viele der Vertriebenen den Tod fanden. Der Sarkophag befindet sich auf dem Gelände von Planten un Blomen in Hamburg. Die Inschrift auf der Vorderseite lautet:
FRIEDE DEN ENTSCHLAFENEN
AN DIESER STÆTTE RUHEN DIE GEBEINE VON ELFHUNDERT ACHT UND DREIZIG HAMBURGERN WELCHE MIT VIELEN TAUSENDEN IHRER MITBÜRGER VON DEM FRANZÖSISCHEN MARSCHALL DAVOUST IM HÆRTESTEN WINTER 1813 UND 1814 AUS DEM BELAGERTEN HAMBURG VERTRIEBEN, MIT MENSCHENFREUNDLICHER MILDE IN ALTONA AUFGENOMMEN, VON DESSEN EDLEN EINWOHNERN SOWIE VON IHREN FRÜHER AUSGEWANDERTEN LANDESLEUTEN IN IHREM ELENDE UNTERSTÜTZT UND VERPFLEGT, DEM UNGEACHTET ABER OPFER IHRES KUMMERS UND ANSTECKENDER SEUCHEN WURDEN
IM JAHRE 1841 IST DIESES MONUMENT MIT DEN GEBEINEN VON OTTENSEN HIERHER VERSETZT.
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Mahnmal Hamburger Straße

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Dort, wo einst ein viel hermachendes Karstadt-Warenhaus stand, steht nun der hässlichste Monumentaleinkaufskomplex, den sich ein menschliches Hirn ausdenken kann – eine unwirtliche, schier endlose Betonwüste. Das Denkmal steht zwischen der Polizeiwache und erwähntem EKZ. Wer von der U-Bahn-Station Mundsburg kommt, um im EKZ Einkäufe zu tätigen, passiert das Mahnmal. Wenn die Fußgängerampel gerade Rot zeigt, schweift manch gelangweilter Blick umher und bleibt mitunter am Mahnmal hängen. Wer sich die Zeit nimmt, genauer hinzusehen, wird sich der Beklemmung, die es vermittelt, kaum entziehen können. Die Skulptur wurde 1985 von der Hamburger Bildhauerin Hildegard Huza-Schneider im Auftrag der Stadt Hamburg geschaffen.

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“Quintili Vare, legiones redde!” – Arminius

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2006

Das ist der Teutoburger Wald, / Den Tacitus beschrieben, / Das ist der klassische Morast, / Wo Varus steckengeblieben.
Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, / Der Hermann, der edle Recke, / Die deutsche Nationalität, / Die siegte in diesem Drecke.
Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann, / Mit seinen blonden Horden, / So gäb es die deutsche Freiheit nicht mehr, / Wir wären römisch geworden!
In unserem Vaterland herrschten jetzt / Nur römische Sprache und Sitten, / Vestalen gäb es in München sogar, / Die Schwaben hießen Qiriten!1

… in der Tat, kaum auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Zivilisation ein paar Jahrhunderte früher nach Deutschland gekommen wäre. Vielleicht wäre uns so das Mittelalter vorenthalten worden!

Obwohl der ironische Unterton Heines schwerlich zu überhören ist, so gesteht er doch im letzten Vers ein, dass er selbst „subskribieret” habe, also sein Scherflein beigetragen hat:

„O Hermann, dir verdanken wir das! / Drum wird dir, wie sich gebühret, / Zu Detmold ein Monument gesetzt; / Hab selber subskribieret.”

Der etwa 27 Meter hohe Arminius hält in seiner ausgestreckten Rechten ein etwa sieben Meter hohes Schwert (Inschrift: Deutschlands Einigkeit, meine Stärke / Meine Stärke, Deutschlands Macht). Diese Siegerpose ist natürlich auf den Triumph des germanischen Heeres unter Hermann dem Cherusker im Jahr 9 (wo auch immer sie sich nun wirklich ereignet haben mag) gemünzt. Doch die Himmelsrichtung, in die das Schwert weist, ist mitnichten Süden (Rom), sondern vielmehr Westen (Frankreich) und dem politischen Kontext der Zeit der Erbauung des Denkmals (1838-75) geschuldet. Frankreich sollte der Sieg der Cherusker und ihrer Verbündeten über die Römer als Mahnung dienen. Ein besonders patriotisches Hochgefühl wird man im Einweihungsjahr gehabt haben, wo man es den – diesmal französischen – „Welschen” mal wieder gezeigt hat. Und so wird Wilhem II. auch in nach 1871 hinzugefügten Inschriften in direkte Nachfolge von Arminius gestellt:

Der lang getrennte Stämme vereint mit starker Hand, Der welsche Macht und Tücke siegreich überwandt, Der längst verlorene Söhne heimführt zum Deutschen Reich, Armin, dem Retter ist er gleich.

Wilhelm, Kaiser, 22. März 1797, König von Preußen, 2. Januar 1861. Erster Kaisertag, Versailles, 18. Januar 1871, Krieg 17. Juli 1870, Frieden 26. Februar 1871.”

Am 17. Juli 1870 erklärte Frankreichs Kaiser, Louis Napoleon, Preußen den Krieg, da erstunden alle Volksstämme Deutschlands und züchtigten von August 1870 bis Januar 1871 immer siegreich französischen Übermut unter Führung König Wilhelms von Preußen, den das deutsche Volk am 18. Januar zu seinem Kaiser erkor.

Nur weil deutsches Volk verwelscht und durch Uneinigkeit machtlos geworden, konnte Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, mit Hilfe Deutscher Deutschland unterjochen; da endlich 1813 scharten sich um das von Preußen erhobene Schwert alle deutschen Stämme ihrem Vaterland aus Schmach und Freiheit erkämpfend. Leipzig, 18. Oktober 1813 – Paris, 31. März 1814 – Waterloo, 18. Juni 1815 – Paris, 3. Juli 1815.

Arminius liberator haud dubie Germaniae et qui non primordia populi romani, sicut alii reges ducesque, sed florentissimum imperium lacessieret: proeliis ambiguus, bello non victus.2

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  1. Heinrich Heine, Deutschland ein Wintermärchen, Caput XI, Verse 1-4 []
  2. Tacitus, Annales: II, 88: Armin ohne Zweifel Deutschlands [Germaniens] Befreier, der das römische Volk nicht in seinen Anfängen bedrängt hat wie andere Könige und Heerführer, sondern in der höchsten Blüte seiner Herrschaft: In Schlachten mit schwankendem Erfolge, im Kriege nicht besiegt. []

Anton Philipp Reclam

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007

Der oben abgebildete Sarkophag befindet sich im Lapidarium des Alten Johannisfriedhofs in Leipzig. In ihm waren die Urnen der Familie Reclam beigesetzt, wie eine Informationstafel wissen lässt. Die dort verwendete Vergangenheitsform, weist darauf hin, dass sich die Urnen nicht mehr darin befinden, weshalb es sich bei dem Sarkophag überdies um ein Kenotaph handelt, das zwar nicht als solches errichtet wurde, aber der wörtlichen Bedeutung nach1 zu einem wurde.
Die Vermutung liegt nahe, dass die Familie Reclam die Urnen mit sich nahm bzw. überführen ließ, als sie im Jahr 1947 nach Stuttgart übersiedelte, um dort zunächst eine Filiale des Leipziger Stammhauses zu gründen, die nach Teilenteignung und Demontage des Leipziger Verlages durch die Sowjetunion im Jahr 1950 schließlich aber zum neuen Stammsitz wurde, während das Leipziger Mutterhaus verstaatlicht wurde und unter DDR-Ägide parallel dazu fortbestand. Nach der Wiedervereinigung wurde die Leipziger Universalbibliothek zugunsten der Stuttgarter eingestellt bzw. z.T. als Reclam-Bibliothek weitergeführt. Nach der Reprivatisierung des Leipziger Zweigs wurde dieser 1992 unter dem Namen Reclam Leipzig zu einer Tochtergesellschaft von Reclam Stuttgart2. Diese Dependance konnte bereits in ihrem Gründungsjahr mit dem Titel „Schlafes Bruder”von Robert Schneider einen großen Erfolg verbuchen, der in 30 Auflagen erschien, in 24 Sprachen übersetzt und 1995 gar verfilmt wurde. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Nichtsdestotrotz entschied man sich in Ditzingen3 2005 gegen einen Fortbestand des Leipziger Tochterverlages, der 2006 seine Tore schloss. Von Reclam Leipzig ist somit nichts übriggeblieben als der Name, dessen sich der Stuttgarter Verlag noch als Imprint bedient4. Außerdem blieb der Buchstadt Leipzig noch ein leerer Sarkophag. Ein weiteres Trauerspiel, dessen Ursache sich in den Verbrechen der Nationalsozialisten findet.

Literatur:

  • Bode, Dietrich: Reclam – Daten, Bilder und Dokumente zur Verlagsgeschichte 1828-2003. Stuttgart, 2003.
  1. Kenotaph, (auch:) Zenotaph, das; -s, -e [lat. cenotaphium < griech. kenotáphion, zu: kenós = leer u. táphos = Grab] []
  2. In ähnlicher Weise handhabte es übrigens auch der Frankfurter Suhrkamp-Verlag mit dem Leipziger Insel-Verlag []
  3. Im in der Nähe von Stuttgart gelegenen Ditzingen hat Reclam Stuttgart seit 1980 seinen Sitz. []
  4. z.B. für Titel aus den Bereichen Philosophie, Religion, Kulturgeschichte und Biographien sowie für die sog. „Reihe Mythos” []

Flucht zu Ostern …

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007

Das Bild zeigt die Ruine des Zisterzienserklosters in Nimbschen bei Grimma in Sachsen von Nordwesten aus gesehen. Zu sehen sind die Außenmauern des Kapitelsaals und des Konventgebäudes. Im ersten Stockwerk befand sich der Schlafsaal. Gegründet wurde das Kloster im Jahr 1243 vom Wettiner Markgrafen Heinrich dem Erlauchten (1221-88) zunächst in der Nähe von Torgau. Das Nonnenkloster zog zweimal um, 1250 nach Grimma und um 1291 schließlich nach Nimbschen, unmittelbar an die Mulde, wo die Ruinen noch heute zu besichtigen sind. Zur rechtlichen Absicherung war das Kloster bereits 1244 in den Zisterzienserorden inkorporiert worden. Sechs Jahre später erhielt das Nonnenkloster in Nimbschen das “privilegium commune” des Zisterzienserordens von Papst Innozenz dem IV. verliehen. Ungeachtet dessen unterstanden die Nonnen dem Bischof der Merseburger Diözese.
Die Nonne Katharina von Bora war im Jahr 1510 von ihrem Vater nach Nimbschen ins Kloster gegeben worden, wo sie Lesen, Schreiben und Latein lernte. Die reformatorischen Gedanken gingen auch an diesem Kloster nicht spurlos vorüber und beeinflussten die dort lebenden Nonnen. Zusammen mit anderen Nonnen beschloss Katharina von Bora die Flucht. Sie baten Luther selbst um Hilfe, der zu Ostern 1523 einen Wagen schickte, in dem die fluchtwilligen Nonnen schließlich unter Mithilfe des Torgauer Ratsherren Leonhard Koppe entkamen.

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Familie Baedeker – Letzte Reise …

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007

Während Karl Baedeker, Verlagsgründer und einer der Wegbereiter des Massentourismus, in Koblenz begraben liegt, wo er den Grundstein für den späteren Verlag legte, sind sein dritter Sohn Fritz und sein Enkel Ernst sowie andere Familienmitglieder auf dem Leipziger Südfriedhof (Abteilung VI) begraben. Die Firma Baedeker war 1872 von Koblenz nach Leipzig gezogen. Fritz Baedeker führte den Verlag zu seiner größten Blüte.
Dass Baedekers Reiseführer bald auch international ein Begriff waren, zeigt folgendes Zitat aus der englischen Übersetzung des Librettos zu Jacques Offenbachs Operette „La Vie Parisienne”:

Kings and governments may err but never Mr. Baedeker.

Dieser Ansicht war wohl auch Kaiser Wilhelm I., der sich pünktlich jeden Mittag zur Wachablösung der Garde in seinem Palast Unter den Linden präsentierte, denn, so soll er gesagt haben: „Es steht im Baedeker, dass ich den Wachwechsel vom Fenster aus betrachte, und die Leute sind dafür hergekommen.”
Bezüglich der sprichwörtlichen Akribie Karl Baedekers berichtet eine Anekdote vom Zusammentreffen des westfälischen Freiherrn Gisbert von Vincke mit Karl Baedeker im Jahr 1847, wie sie zufällig beide gleichzeitig den Mailänder Dom bestiegen, wobei der Freiherr ein merkwürdiges Treiben bei dem ihm noch unbekannten Herrn Baedeker bemerkte. Dieser griff häufig in seine Westentasche und danach sogleich in die Hosentasche. Nach dem Grund seines Tuns befragt, erklärte der Reiseführerautor, dass er damit die Stufen genau abzähle: Alle zwanzig Stufen stecke er eine Erbse von seiner Westen- in die Hosentasche, rechne oben die Endsumme aus, indem er die Erbsen mit zwanzig multipliziere und die Reststufen addiere und mache beim Hinabsteigen die Gegenprobe. Die sich daraus ergebende Zahl war die präzise Stufenangabe für den späteren Reiseführer. Ob sich daher der sprichwörtliche Begriff des „Erbsenzählers” herleitet? Dieser könnte jedoch genauso gut auf den Augustinermönch Gregor Mendel zurückzuführen sein, der ja bekanntermaßen die Regeln der Vererbung anhand von Merkmalen bei Erbsen untersuchte. Allerdings kam der Name „Baedeker” während des Zweiten Weltkriegs auch zu zweifelhaften Ehren: Die deutschen Bombenangriffe auf die kulturhistorisch wichtigen Städte Bath, Canterbury, Exeter, Norwich und York vom April bis Juni 1942 wurden in England bald als „Baedeker raids” bzw. „Baedeker Blitz” bezeichnet, weil kolportiert wurde, dass die Nazis sich bei der Auswahl kulturhistorisch besonders bedeutsamer Orte an den im Baedeker üblichen Asterisken (Sternchen) orientiert hätten1. Ein Asterisk weist auf „besonders Beachtenswertes” hin. Die Höchstzahl von zwei Asterisken markiert „einzigartige Sehenswürdigkeiten”.

  1. Quelle: Baedeker-Homepage, Rubrik: Verlagsgeschichte []

Christian Fürchtegott Gellert – Ein FABELhaftes Grab …

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Am 13. Dezember habe der Philosophieprofessor Gellert nach dreizehntägiger hartnäckiger Leibes-Obstruktion und innerlicher Entzündung die Zeitlichkeit verlassen, meldeten Leipziger Zeitungen.1 Mit ihm hätten Stadt und Universität Leipzig einen ihrer berühmtesten Männer verloren, hieß es dort weiter. In der Tat gingen die Menschen eines der bedeutendsten Vertreter der Leipziger Aufklärung verlustig, die sich auch solch bekannter Namen wie Johann Christoph Gottsched und Gotthold Ephraim Lessing rühmen kann. Mit seinen „Fabeln und Erzählungen” (1746-48), die aus dem aufklärerischen Tugendideal heraus entstanden, wurde Gellert einer der meistgelesenen Autoren des 18. Jahrhunderts. Sein Briefroman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***” begründete in Deutschland den bürgerlichen Roman. Seine Lustspiele führten das „Rührstück” (Comédie larmoyante) aus dem Französischen in die deutsche Literatur ein. Auch als Professor genoss Gellert seitens seiner Studenten große Verehrung und Liebe, wie Goethe in „Dichtung und Wahrheit” berichtet. Seine Vorlesungen über Moral, Poesie und Beredsamkeit seien gedrängt voll gewesen, so Goethe. Zu Goethes Studienzeit in Leipzig neigte sich das Leben Gellerts jedoch bereits seinem Ende zu. Mit seiner Beerdigung hatte Gellert jedoch mitnichten seine letzte Ruhestätte gefunden, wie im Folgenden beschrieben werden soll.
Nach dreifacher Umbettung befindet sich Gellerts letzte Ruhestätte nunmehr auf dem Leipziger Südfriedhof (Abteilung I). Seine erste Grabstätte jedoch befand sich auf dem Alten Johannisfriedhof. Als die heute nicht mehr existierende Johanniskirche 1894 bis auf den Turm abgebrochen wurde, um nach den Plänen des Architekten Hugo Licht im neobarocken Stil neu gebaut zu werden, fand man an der Südwand die Gebeine Johann Sebastian Bachs und diejenigen Gellerts. Man exhumierte sie und setzte sie 1897 in dem fertig gestellten Kirchenneubau in einer Gruft unter dem Altarraum erneut bei.
Nachdem das Kirchenschiff im Jahr 1943 bei Luftangriffen stark beschädigt worden war, wurden 1949 die Trümmer beseitigt und die verbliebenen Ruinen des Kirchenschiffs abgetragen. Im gleichen Jahr wurden die Gebeine Bachs in die Thomaskirche umgebettet, während die Gebeine Gellerts in die Universitätskirche St. Pauli überführt wurden. Der übriggebliebene Turm der Johanniskirche wurde 1956 saniert, was nichts daran änderte, dass das atheistische Regime der DDR ihn 1963 sprengen ließ, sodass an dieser Stelle heute nur noch der Name „Johannisplatz” an die Kirche erinnert. Der weiter südöstlich, hinter dem Grassimuseum gelegene Alte Johannisfriedhof, der heute eine museale Parkanlage ist, ist ein weiterer Hinweis auf die frühere Existenz der Kirche. Der seit 1563 bestehende Alte Johannisfriedhof war 1883 wegen vollständiger Auslastung seiner Kapazitäten für Bestattungen geschlossen worden. Fortan wurde der 1846 eröffnete Neue Johannisfriedhof genutzt, der etwa einen Kilometer südöstlich vom Alten Johannisfriedhof gelegen war. Am 31.12.1950 wurde jedoch auch dieser Friedhof von der Stadtverwaltung für Bestattungen – und zwanzig Jahre später, am 31.12.1970, für die Öffentlichkeit geschlossen. Darauf folgte zunächst die Säkularisation des Gottesackers, in deren Zuge Gruftanlagen und Umfassungsmauern abgebrochen und Gräber eingeebnet wurden. Umbettungen fanden nur dann statt, wenn sie privat finanziert wurden. Nur etwa 120 Grabmale wurden gerettet und auf dem Alten Johannisfriedhof gelagert. Unsachgemäßer Transport dorthin führte jedoch zu starken Beschädigungen der historisch bedeutenden Objekte. Vandalismus und Diebstahl taten schließlich ihr Übriges, sodass nach dem Ende des Arbeiter- und Bauernstaates nur noch 58 Grabmale übrig waren, die saniert werden konnten und daraufhin im südöstlichen Teil des Alten Johannisfriedhofs im eigens für diese Objekte eingerichteten Lapidarium aufgestellt wurden. Im Jahr 1983 wurde der nunmehr säkularisierte Neue Johannisfriedhof der Bevölkerung unter dem neuen Namen „Friedenspark” als städtisches Naherholungsgebiet zur Nutzung freigegeben. Somit fiel hier ein Name weg, der an die Existenz der Johanniskirche erinnerte. Die in nordöstlicher Richtung verlaufende Johannisallee ist jedoch ein heute noch existierender Hinweis auf diese Kirche. Die Johannisallee befindet sich zwischen Altem Johannisfriedhof und dem Friedenspark.
Doch zurück zum Schicksal von Gellerts Gebeinen. Ihnen war nur eine kurz Zeit der Ruhe vergönnt, denn die sie beherbergende Universitätskirche St. Pauli war den sozialistischen Bauplanern ein Dorn im Auge. Religion hatte in einer inzwischen in „Karl Marx” umbenannten Universität, auf einem inzwischen auf den Namen „Karl Marx” umgetauften Platz keine Daseinsberechtigung, hatte doch ausgerechnet dieser den von Lenin abgewandelten Auspruch geprägt, demzufolge Religion Opium für das Volk sei. Nun hatte aber der – seine späteren Jünger des DDR-Politbüros an Intelligenz wohl allesamt weit überlegene – Marx diesen Ausspruch in einer Zeit getätigt, als die christliche Konfession fast ausschließlich auf der Seite der „besitzenden Klassen” stand. Das „Übel” der Existenz dieser besitzenden Klassen hatte das SED-Regime im Jahr 1968 jedoch weitgehend beseitigt. Man war dem Ziel der „klassenlosen Gesellschaft” also bedeutend nähergerückt. Es ist durchaus vorstellbar, dass ein Marx diesem neuen Kontext Rechnung getragen hätte. Seine buchstabengläubigen und parolenverliebten Anhänger waren zu einer solchen geistigen Transferleistung offenbar nicht imstande. Das klerikale Übel musste allem Anschein in ihren ideologisch verblendeten Augen mit Stumpf und Stiel ausgemerzt werden. Weiterlesen ›

  1. Vgl. Löffler, Katrin; Schöpa, Iris u.a.: Der Leipziger Südfriedhof – Geschichte / Grabstätten / Grabdenkmäler. Leipzig, 20042, S. 46. []

Bunker Hinrichsenstraße 27/29 (Hamburg Hohenfelde)

Der Bunker in der Hinrichsenstraße im Hamburger Stadtteil Hohenfelde geht auf Entwürfe des Architekten Ulrich Pierstorff aus dem Jahr 1941 zurück1. Im Jahr 1950 wurde der Bunker „entfestigt” und umgebaut, womit „38 Ein- und Zweizimmerwohnungen für ältere Leute, allein stehende Berufstätige und kinderlose Ehepaare mit geringem Einkommen” geschaffen wurden2. Im Rahmen einer späteren Modernisierung wurden Balkone aus Metall angebaut. Die Fassade erhielt einen hellgelben und freundlich wirkenden Anstrich. Diesem Gebäude sieht ein Passant ohne entsprechende Fachkenntnisse kaum noch sein Bunkervorleben an. Eine gelungene Umwidmung also, ohne ästhetische Abstriche.

Literatur:

  • Schmal, Helga u. Selke, Tobias: Bunker – Luftschutz und Luftschutzbau in Hamburg. Unter Mitarbeit v. Henning Angerer u. Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Herausgegeben von der Kulturbehörde und dem Denkmalschutzamt. Hamburg, 2001.
  1. Schmal, Helga u. Selke, Tobias: Bunker – Luftschutz und Luftschutzbau in Hamburg. Unter Mitarbeit v. Henning Angerer u. Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Herausgegeben von der Kulturbehörde und dem Denkmalschutzamt. Hamburg, 2001, S. 116f. []
  2. ebd. []

Bunker Sillemstraße (Hamburg Eimsbüttel)

Der Hochbunker in der Sillemstraße ist ein hervorragendes positives Beispiel für eine Entfestigung und Umwidmung, die zudem auch ästhetisch gelungen ist. Hier wird Geschichte nicht verleugnet, sondern in die Gegenwart integriert. Somit bleibt sie kein Fremdkörper im Alltag der Menschen. Vielmehr verschmilzt sie mit ihm, ohne jedoch unkenntlich gemacht zu werden.

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