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Tag Archives: Denkmal

Rimbaud – L’homme aux semelles devant / de vent

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Wie soll das Denkmal für einen Dichter aussehen, der im Alter von nur achtzehn Jahren die Poesie verwarf und ihr den Rücken kehrte? Für einen Dichter, von dem Stefan Zweig sagte: „Sein Atem ging so heiß, daß das Wachs unter seinen Händen schmolz, statt sich der Form anzupassen. Die Literatur, die Kunst waren zu schwach, um das Unaussprechliche ganz sagen zu lassen. Und so warf er sie weg, mit achtzehn Jahren.“ – „Die Poesie war ihm nichts; nur irgendein Befreiungsversuch, ein Ventil für die drängend-überschüssige Vitaltät; nur ein Versuch unter anderen, und der erste Versuch.“1 Wie also soll ein Denkmal aussehen für Arthur Rimbaud, der alle in seinem Besitz befindlichen Manuskripte seiner Dichtung auf einem Scheiterhaufen verbrannte, dessen Dichtung nur durch die posthume Initiative einstiger Freunde einer großen Öffentlichkeit bekannt wurden? Mit Sicherheit wäre ein auf einem Sockel stehender Mann mit zusammengerolltem Pergament oder einer Feder in der Hand sowie mit ins Gesicht modellierter demonstrativer Weitsicht dem rastlosen und getriebenen Rimbaud überhaupt nicht gerecht geworden. Eine Antwort auf die Frage, wie nun solch ein Denkmal aussehen könnte, findet sich im vierten Pariser Arrondissement im Quartier de l’Arsenal2 auf der Place du Père-Teilhard-de-Chardin, schräg gegenüber dem Pavillon de l’Arsenal. Die dortige Plastik ist das Ergebnis der Auseinandersetzung des französischen Bildhauers Jean Ipoustéguy3 mit der Person und dem Werk Arthur Rimbauds. Nachdem die Stadt Paris Ipoustéguy mit der Schaffung eines Denkmals für Rimbaud beauftragt hatte, entwarf dieser Ende des Jahres 1983 zunächst eine Kleinplastik mit dem Arbeitstitel „Maquette Rimbaud“4 aus Gips und Pappe5, aus der noch im gleichen Jahr die Kleinbronze mit dem Titel „Esquisse Rimbaud“6 hervorging. Ebenfalls Ende 1983 fertigte Ipoustéguy © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007eine Portätstudie mit dem Titel „Etude visage Rimbaud“7 an. Aus diesen Vorarbeiten ging zu Beginn des Jahres 1984 die Großplastik hervor, die schließlich 1985 bei Blanchet in Paris gegossen wurde. Die Bronzeplastik ist 2,2m hoch, 4,6m lang sowie 1,8m breit8 und trägt den Titel: „L’homme aux semelles devant“, was zu übersetzen ist mit: „Der Mann mit den Sohlen voran“ oder „Der Mann mit den Sohlen voraus“. Hierbei handelt es sich um eine Anspielung auf die Bezeichnung, mit der Verlaine seinen Geliebten tituliert haben soll, nämlich: „L’homme aux semelles de vent“9, was zu übersetzen ist mit: „Der Mann mit den Sohlen aus Wind“ oder „Der Mann mit den Windsohlen“ bzw. „Der Mann mit den vom Wind beflügelten Sohlen“. Offenbar scheinen einzelne Personen das Wesen einer Hommage nicht erfasst zu haben, wenn sie den Titel der Plastik für fehlerhaft befinden. Solche Zeitgenossen fühlen sich dann bemüßigt, der Welt mittels weißem Korrekturstift die vermeintlich korrekte Version mitteilen zu müssen10. Offensichtlich halten diese Personen es tatsächlich für möglich, dass der Schöpfer der Plastik, der sich ja, wie noch zu sehen sein wird, intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt haben muss, ausgerechnet im Titel seines Werkes einen Verständnisfehler und einen daraus resultierenden Setzfehler leistet, der dann auch jahrzehntelang von offizieller Seite in Paris geduldet wird. Nicht in den Sinn kam den Korrektoren wohl, dass es sich hierbei um eine gewollte Modifikation handelt, eine Weiterentwicklung und Überspitzung, ein Wortspiel – eben eine Hommage. Beim Anblick der Plastik fällt zunächst die Zweiteilung von Rimbauds © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Körper ins Auge. Mit dieser irritierenden Darstellung gelang Ipoustéguy eine markante Symbolisierung der Zerissenheit Rimbauds, seines ungestümen Wesens, seiner Rastlosigkeit und seines Getriebenseins. Und was liegt näher, als Symbolik zur Würdigung eines der Begründer des literarischen Symbolismus zu verwenden? Betrachtet man zudem die Etymologie des Wortes Symbol, erscheint die Verwendung dieses Stilmittels noch passender. Das griechische Ursprungswort sýmbolon (σύμβολον) mit der Bedeutung „Merkmal, Kenn-, Wahrzeichen“ ist eine Bildung aus symbállein (συμβάλλειν), was „zusammenwerfen, -legen, -fügen“ bedeutet. Sýmbolon war ursprünglich ein zwischen verschiedenen Personen vereinbartes Erkennungszeichen. Dabei handelte es sich um zerbrochene Ringe, Scherben und dergleichen. Durch die Passgenauigkeit der einzelnen Anfügestücke erkannten sich deren Besitzer wieder. Die Scherben verkörperten also die Zusammengehörigkeit. Deutlicher wird die Versinnbildlichung der Scherbenhälften daran, dass Freunde im antiken Griechenland bevor sie sich für längere Zeit trennten, ihre Namen in eine Scherbe ritzten und diese dann zerbrachen. Jeder trug eine Hälfte dann bei sich. Ein Symbol hat somit einen Hinweischarakter und weist über sich selbst hinaus. Die beiden Scherben sind zum einen natürlich nur Scherben, weisen jedoch über ihre Stofflichkeit bzw. ihr vordergründiges Erscheinungsbild hinaus aber „symbolisch“ auf Freundschaft bzw. auch auf Trennung und Sehnsucht hin. Somit kann mittels des Symbols auf einfachste und abstrakte Weise ein komplexer Zustand auf den Punkt gebracht werden, der sonst eines längeren Textes oder einer expliziten Darstellung bedürfte, wenn er denn überhaupt so ohne weiteres realitätsnah darstellbar wäre. Derartig kann auf eine schwer zugängliche, verborgene und tiefer liegende Wirklichkeit verwiesen werden. So gesehen hat Ipoustéguy durch den Bruch von Rimbauds Körper ein © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Symbol geschaffen, bei dem im ursprünglichen Sinn die Beine das Anfügestück zum Oberkörper darstellen. Fügte man Ober- und Unterkörper wieder zusammen, hätte man Rimbaud in seinem äußeren Zustand. Doch der Bruch des Körpers veranschaulicht hier seinen inneren Zustand und den daraus folgenden Lebenswandel, der ohne Symbolik ja gar nicht in statischer bildlicher Form darstellbar wäre. Ipoustéguy hat damit sowohl im ursprünglichen Sinn ein Symbolon als auch in der heutigen Bedeutung ein Symbol geschaffen. Weiterlesen ›

  1. Arthur Rimbaud. Leben und Dichtung. Übertragen von K. L. Ammer. Eingeleitet von Stefan Zweig. Leipzig, 1921, S. 18 u. 8. []
  2. In diesem Viertel befand sich, wie der Name erahnen lässt, ursprünglich das königliche Waffen- und Munitionslager. []
  3. *1920 †2006 []
  4. Modell Rimbaud []
  5. 30cm hoch und 50cm breit []
  6. Entwurf Rimbaud, 29,5cm hoch, 49cm lang und 29cm breit []
  7. Studie „Gesicht Rimbaud“ []
  8. Lipp, Michael: Jean Ipoustéguy – Das plastische Werk 1940-1992, S.537. []
  9. „Comme on sait, Rimbaud a été surnommé « l’homme aux semelles de vent ».“ Arthur Rimbaud – Œuvres complètes / correspondance. Paris, 2004, S.CXXXII. []
  10. siehe Abbildung []
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Luther und die Reformation

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Anlässlich des heutigen Reformationstages soll an dieser Stelle ein Aphorismus des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner zitiert werden:

„Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch, am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation.“1

Wenn das keine Gründe zum Feiern sind …
Die abgebildete, den Reformator Martin Luther darstellende Plastik stammt von Otto Lessing2. Sie befindet sich auf der nördlichen Seite der Hauptkirche St. Michaelis bzw. – mit anderen Worten – auf der vom Haupteingang aus gesehen linken Gebäudeseite. Lessing schuf die Plastik 1912 – in seinem letzten Lebensjahr. Den Guss besorgte die „Aktien-Gesellschaft Gladenbeck“ aus Berlin Friedrichshagen.
Als Urgroßneffe Gotthold Ephraim Lessings bot es sich natürlich an, dass man Otto Lessing seinem Urgroßonkel ein Denkmal setzen ließ, insbesondere, da ein weiterer Verwandter Lessings dem Komittee vorstand, das 1886 einen Wettbewerb für ein Lessing-Denkmal ausgerufen hatte. Von 1887-90 schuf Otto Lessing eine Marmorskulptur des großen Dichters und dazu zwei allegorische Figuren aus Bronze: einmal den Genius der Humanität und zum anderen die Allegorie der Kritik. Das Denkmal wurde 1890 im Großen Tiergarten in Berlin eingeweiht, wo es heute noch steht. Viele der von Otto Lessing geschaffenen Plastiken und Skulpturen sind während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden, so Bauplastiken am zweiten Gewandhaus in Leipzig oder Reliefs am Berliner Stadtschloss sowie der Rolandbrunnen in Berlin-Tiergarten. Ein von ihm geschaffenes Reiterdenkmal Kaiser Wilhelms I., wurde zudem eingeschmolzen. Eine weitere Figur Martin Luthers sowie auch eine Philipp Melanchtons hatte Lessing in den 1890er Jahren für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche geschaffen, wo sie bei einem Luftangriff zerstört wurden.

  1. Deschner, Karlheinz: Ärgernisse – Aphorismen. Reinbek, 1994, S. 74. []
  2. *1846 †1912 []
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Le Passe-muraille

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Abseits vom Trubel im Umkreis von Sacré-Cœur befindet sich etwa einen halben Kilometer nordwestlich davon, dort, wo sich die Rue Girardon und die Rue Norvins treffen, die Place Marcel Aymé, benannt nach dem französischen Erzähler und Dramatiker. Dieser lebte von seiner Geburt im Jahr 1902 an bis zu seinem Tod im Jahr 1967 auf dem Montmartre in der Rue Norvins Nummer 26. Ihm zu Ehren wurde aus dieser Hausnummer der Place Marcel Aymé Nummer 2. In seiner jetzigen baulichen Form bestand der Platz bereits zu seinen Lebzeiten als Einbuchtung der Rue Norvins. Er wurde also rein nominell für ihn geschaffen und besteht nur aus dieser Hausnummer. Dank dieser Einbuchtung konnte diese sehr elegante Lösung gelingen. Doch bei dieser Ehre allein ließ man es nicht bewenden. Der berühmte Schauspieler, Regisseur, Choreograph, Maler und Bildhauer Jean Marais schuf eine Bronzeplastik des Helden aus Aymés Novelle „Le passe-muraille“ aus dem Jahr 19431, die im Jahr 1989 eingeweiht wurde.
Dieser Held namens Dutilleul wohnte wie durch Zufall nur zwei Straßen von seinem Schöpfer entfernt im dritten Stockwerk der Rue d’Orchampt Nummer 75 und war Junggeselle sowie Beamter dritter Klasse im Finanzministerium. Aufgrund eines Stromausfalls fand er im Alter von 43 Jahren heraus, dass er über eine äußerst ungewöhnliche Fähigkeit verfügte. Bei diesem Stromausfall nämlich tappte er eine Weile im Dunkeln und fand sich unversehens im Treppenhaus wieder, ohne dass er jedoch eine Tür passiert hatte. Da die Wohnungstür von innen verschlossen war, sah sich Dutilleul gezwungen, auf dem Weg in seine Wohnung zurückzukehren, auf dem er sie offenbar verlassen hatte. Und siehe da, er gelangte tatsächlich durch die Wand hindurch in seine Wohnung zurück.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Nun war aber Dutilleul von seinem Naturell her so geartet, dass ihn diese Gabe eher befremdete als zu Abenteuern antrieb, weshalb er gleich am nächsten Tag in dieser Angelegenheit einen Arzt aufsuchte, der eine „schraubenförmige Verhärtung in der Drosselwand der Schilddrüse“ diagnostizierte und ihm Tabletten verschrieb, die aus „tetravalentem Schafgarbenextrakt, vermischt mit Reismehl und Zentaurenhormon“ bestanden und zweimal jährlich einzunehmen waren. Dutilleul nahm die erste Tablette ein, deponierte die übrigen in seinem Nachttisch und vergaß daraufhin diesen Vorfall und seine übermenschliche Fähigkeit für ein ganzes Jahr.

Doch eine Wendung in seinem Leben sollte sie ihm ins Gedächtnis zurückrufen, als er nämlich einen neuen Vorgesetzten mit Namen Lécuyer bekam, mit dem ein frischer Wind in die Abteilung einzog und der allerlei Dinge änderte, so z.B. auch Formulierungen, die seine Untergebenen in ihren Schreiben zu verwenden hatten. Dutilleul aber konnte sich partout nicht daran gewöhnen und verfiel immer wieder in die herkömmlichen, höflicheren Formulierungen zurück. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007 © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Wegen dieser Renitenz wurde er von Lécuyer in einen kleinen Abstellraum strafversetzt, der direkt an dessen Büro grenzte. Weil Lécuyer Dutilleul fortgesetzt schikanierte, entsann dieser sich eines Tages seiner besonderen Gabe. Wiederholt steckte er fortan seinen Kopf durch die Wand seines Chefs und beschimpfte diesen. Immer aber wenn Lécuyer nach einer solchen Erscheinung Dutilleuls in dessen Kabuff hinübereilte, fand er diesen ordnungsgemäß an seinem Schreibtisch bei der Arbeit, sodass Lécuyer an seinem Verstand zweifeln musste. Dutilleul trieb dieses Spiel solange, bis Lécuyer schließlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.
Eigentlich hätte Dutilleul es ja dabei bewenden lassen können, war er seinen ungeliebten tyrannischen Vorgesetzten doch nun los. Aber Dutilleul hatte Blut geleckt und dachte bereits über weitere Einsatzmöglichkeiten seiner Fähigkeit nach. Er verlegte sich nun auf Bankraub und suchte eine Bank nach der anderen heim, füllte seine Taschen mit Geld und weiteren Wertgegenständen. Bald kannte ganz Paris diesen Einbrecher, den die Polizei einfach nicht zu fassen bekam. Der Ganove, der immer sein Werwolf-Pseudonym „Garou-Garou“ schriftlich an den Tatorten hinterließ, wurde bald zum Stadt- und auch zum Bürogespräch. So musste Dutilleul mit ansehen, wie seine Kollegen sich voller Bewunderung über diesen „Garou-Garou“ äußerten. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und brüstete sich vor den Kollegen damit, dass er selbst dieser „Garou-Garou“ sei, was diese freilich nicht glaubten und Dutilleul stattdessen unentwegt hänselten.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007In der folgenden Nacht ließ Dutilleul sich deshalb absichtlich beim Einbbruch in ein Juweliergeschäft ertappen, um seinen Kollegen zu beweisen, dass er tatsächlich „Garou-Garou“ sei. Am nächsten Morgen war sein Bild auf den Titelseiten der Zeitungen und er selbst im Gefängnis. Dort hielt er Wärter und Direktor immer wieder zum Narren, indem er einfach das Gefängnis verließ, wie es ihm beliebte und auswärts frühstückte oder aber sich im Gästezimmer der Wohnung des Gefängnisdirektors einquartierte. Irgendwann aber war er dessen müde und verließ das Gefängnis auf Dauer, legte sich ein anderes Äußeres zu und nahm sich eine neue Wohung in der Avenue Junot2, direkt um die Ecke seiner bisherigen Wohnung. Er suchte eine neue Herausforderung für seine Gabe, nachdem die dicken Gefängnismauern ja kein Hindernis dargestellt hatte. So schwebte ihm eine Reise nach Ägypten vor, wo er sich an den Mauern der Pyramiden zu versuchen gedachte. Zunächst aber brachte er einige Zeit unerkannt auf dem Montmartre zu. Weiterlesen ›

  1. In deutscher Übersetzung erschien diese Novelle im Jahr 1949 bei Rowohlt Stuttgart/Hamburg/Baden-Baden unter dem Titel „Der Mann, der durch die Wand gehen konnte und andere Pariserische Scheherezaden.“ []
  2. Hierbei handelt es sich übrigens um die Fortsetzung der o.g. Rue Norvins, in der Marcel Aymé wohnte. []
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Ex septentrione lux …

tn_glaubensfreiheit-fuer-die-welt.JPGtn_rettete-bei-breitenfeld.JPGtn_gustav-adolph.JPGtn_am-7-september-1631.JPGTotale des Denkmals mit Umzäunung
Glaubensfreiheit für die Welt / Rettete bei Breitenfeld / Gustav Adolph Christ und Held

Das ist der Löw von Mitternacht / Von dem man so lang hat gesagt / Daß er plötzlich einbrechen werd / Wenn die Kirch ist am meistn beschwert / Daß er die Unbarmherzigkeit / Und unerhörte grawsamkeit / Der Feinde Christi mögte straffn / Mit Gott und ritterlichen Waffn / Und das bedrengte Häufflein rettn / In äußerster gefahr und Nöthn. O Bete nun wer beten kan / Der Löw getrost den Feind greiff an / Gott der alte Kirchen Patron / Kan uns durch diesen Gedeon / Eretten auß der Feinde Hand / Und sie stürzen mit Spott und Schand / Daß unser Mund voll lachens frey / Und unser Zung voll rühmens sey/ Weil durch den Helden in höchster Noth / Uns hat erlöst der treue Gott.1

Der „Löw von Mitternacht“ ist der Löwe aus dem Norden (Gustav Adolf), da der Osten für Morgen, der Süden für Mittag und der Westen für Abend steht. Bei dem lateinischen Ausdruck septem triones handelt es sich um die Bezeichnung des Siebengestirns. Die wörtliche Übersetzung jedoch lautet: die sieben Dreschochsen. Die Römer nannten das Sternbild deshalb so, weil sich die sieben hellsten Sterne des Sternbilds um den Polarstern bewegen, wie Ochsen um den Göpel einer Dreschmaschine. Diese Ochsen zu hüten, ist im Übrigen die Aufgabe des benachbarten Sternbilds Bärenhüter, der auch Ochsentreiber genannt wird.2 Plejaden lautet die griechische Bezeichnung für das Siebengestirn, was sich aus der griechischen Mythologie ableitet. Plejaden hießen nämlich die sieben Töchter des Atlas und der Okeanide Pleione. Aufgrund ihrer Abstammung von Atlas werden sie auch als Atlantiden bezeichnet. Dem Mythos zufolge wurden die Plejaden von Zeus als Siebengestirn an den Himmel versetzt, um sie vor den Nachstellungen des Jägers Orion zu retten, doch auch dort werden sie noch immer von Orion verfolgt, dessen Sternbild sich etwa 30° südwestlich der Plejaden befindet. Die Plejaden sind etwa von Mitte September bis Ende April am nördlichen Sternenhimmel sichtbar, daher stehen sie als Synonym für die Himmelsrichtung Norden. Weiterlesen ›

  1. Gedicht, wie es im Informationsschaukasten am Denkmal abgedruckt ist, Verfasser unbekannt. []
  2. Das Schlagwort ex septentrione lux (aus dem Norden [kommt] das Licht) geht ursprünglich auf das Eingreifen Gustav Adolfs in den Dreißigjährigen Krieg und die somit erfolgte Rettung der protestantischen Sache zurück. Wieder aufgenommen wurde der Ausspruch während der Völkerschlacht im Jahr 1813, als die Schweden dem Bund gegen Napoleon beitraten (so z.B. in einer Gedichtzeile Theodor Körners: Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht). Erst später wurde das Schlagwort in national gesinnten Kreisen nord-, ost- und mitteleuropäischer Länder als gezielte Infragestellung der bis dahin vorherrschenden These ex oriente lux benutzt. Der Meinung dieser Anhänger völkischen Denkens zufolge habe der Ursprung aller Kultur in Nordeuropa und Germanien gelegen und sich dann nach Süden hin ausgebreitet. Trotz intensiver Anstrengungen vor allem in den 1920er Jahren gelang es völkischen Forschern nie, überzeugende Beweise für diese archäologisch unhaltbare Theorie zu finden. Vetreterin dieser „Ariosophie“ war u.a. die berüchtigte Thule-Gesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind sowohl Nachdrucke entsprechender älterer Arbeiten, besonders aus der Zeit des „Dritten Reiches“, als auch neuere Arbeiten in erster Linie in Verlagen aus dem rechtsextremen Spektrum erschienen. In ihnen wird die angeblich kulturbringende Sendung „nordischer“ bzw. „germanischer“ Völker bereits in der Ur- und Frühgeschichte gegenüber den antiken Hochkulturen (beispielsweise der Griechen, Philister, Phönizier und Ägypter) betont und damit deren Überlegenheit bzw. die Abstammung von ersteren. Zu den bekanntesten Verfechtern von Ex septentrione lux wird Jürgen Spanuth gezählt, der 1953 in seiner Veröffentlichung Das enträtselte Atlantis das untergegangene Atlantis in der Nordsee lokalisierte und eine bronzezeitliche Einwanderung nordeuropäischer Völker in den Mittelmeerraum postulierte. Als früher Vertreter des Nordismuswird hier der Schwede Olof Rudbeck d.Ä. (1630-1702) beansprucht, der Atlantis in Uppsala platziert hatte. []
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Bis in trunkne Wogen schönheitsselig sinkt der Weltentag

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007

Wir verkünden euch:
Der Sinn der Erde ist der Schönheit sich als Leib zu bünden
Traum des Seins und Traumeslustgebärde selig in des Lichtes Flur zu gründen
Schöpfungsliebesglanz und Morgenfülle blühen Klänge Maasse Formen Lieder
Der Notwendigkeit Demant Gefieder
Aus des Weltengrunds krystallner Stille
zünden sich zu Gleichniss Glanz und Spiegel irdischer Gesichte Allgestalt
und am Gram des Nichts der ewige Riegel
ist der Schönheit heilige Gewalt

Wir entsenden euch:
Der Sinn der Erde soll in euch sich neuer Klarheit zünden
Hehrer Schönheit herrische Gebärde sollt ihr streng der dumpfen Welt verkünden
Denn verheissen ward:
Der Ewigkeiten erster Ring ist feierlich vollendet
wenn dem fernsten Ding und allen Welten ward des Schönen Botschaft zugesendet
Seid ihm Boten!
Traumgeführt umflogen von der Lustgesichte Schwingenschlag
Seid ihm Künder!
Bis in trunkne Wogen schönheitsselig sinkt der Weltentag

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Männerskulptur am Gebäude der HFBKSo steht es, nicht frei von Umschweife, in den Fenstern des Vestibüls der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HFBK) geschrieben. Der Text flankiert links und rechts die Darstellung einer Frau, die wiederum von der Darstellung zweier Männer umgeben ist. Geschaffen wurden die Fenster von dem österreichischen Graphiker und Maler sowie Mitarbeiter der Wiener Werkstätte Carl Otto Czeschka 1913.
Im gleichen Jahr bezog die Hochschule das von Fritz Schumacher entworfene Gebäude. Nachdem die Schule im Krieg zerbombt worden war, wurde sie 1955 vorbildhaft wiederaufgebaut.
Überlebt haben dabei offenbar die jugendstilhaften Darstellungen einer Frau und eines Mannes aus dem Jahr 1912, die im zur Straße hin gelegenen Innenhof einander gegenüber in die Fassade integriert wurden, so dass sie einander anzublicken scheinen. Darüber hinaus befindet sich die Plastik einer Frau im Vorderhof, die von drei Kindern umgeben ist – zwei Mädchen und einem Jungen. Während die Mädchen Schutz bei der Mutter zu suchen scheinen, ist es fast so, als ob der Junge sich schützend vor seine Mutter stellt.
Skulptur einer Frau mit Kindern auf dem Gelände der HFBKSkulptur Kind auf Pferd auf einem Eckpfosten auf dem Geländer der HFBKDesweiteren befindet sich auf einem Eckpfosten einer Seitenmauer eine Plastik, die aus allen vier Perspektiven das Gleiche darstellt, nämlich einen Knaben auf einem Pferd unter einem Dach aus Rosen. Doch damit nicht genug, die zum Eilbekkanal hin gelegene Fassade ist mit drei weiteren Plastiken bestückt. Diese sind ein märchenhaftes, auf allen Vieren kniendes Pferd mit gelockter Mähne und geblähten Nüstern sowie ein ebenfalls auf allen Vieren kniender Widder, der auch märchenhaft überzogen dargestellt ist. Schließlich befindet sich das Relief einer nackten, von Früchten umgebenen Frau an der Fassade.
Gedenktafel für Professor Friedrich AdlerLeider stößt man auch hier wieder auf eine Gedenktafel, auf der man an Naziverbrechen erinnert wird. Die Nazis haben in ihrem menschenverachtenden und völlig hirnlosen Rassenwahn eben auch diese Hochsschule nicht verschont. Das auf der Tafel vermerkte Zitat, das von dem nach Auschwitz verschleppten und dort umgebrachten Professor Friedrich Adler stammt, würde sich im Übrigen, ebenso wie oben zitiertes Gedicht auch hervorragend als Wahlspruch der Hochschule eignen:

unser Leben wäre armselig, wenn uns nicht die Einbildungskraft, die Phantasie eingeboren wäre.

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„… laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Das Denkmal erinnert an die Schlacht bei Möckern – eine Teilschlacht der Völkerschlacht bei Leipzig. Hierbei wurde am 16. Oktober 1813 das von französischen Elitetruppen unter Marschall Marmont zur Festung ausgebaute Dorf Möckern (im Nordwesten Leipzigs) von der Schlesischen Armee unter Führung ihres Oberbefehlshabers Gebhard Leberecht von Blücher („Marschall Vorwärts“) sowie vom Preußischen Armeecorps unter Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg erobert. Etwa 10.000 Franzosen und 5.000 Preußen ließen bei dem Gemetzel ihr Leben. Dieser Sieg trug dazu bei, dass Napoleon eine Verkürzung des durch seine Truppen gezogenen Schlachtbogens vornehmen musste. Am 19. Oktober wurde Napoleon endgültig von der Koalition besiegt.
Das Sächsische Königreich gehörte durch den 1806 mehr oder weniger zwangsweise erfolgten Beitritt zum Rheinbund (Confédération du Rhin) zu den Verbündeten Frankreichs und war somit verpflichtet, Napoleon große Militärkontingente zu stellen. Im Gegenzug war Kurfürst Friedrich August I. (der Gerechte) zum König erhoben worden. Sachsen diente den Franzosen nur unwillig und gezwungenermaßen, wurde aber nichtsdestotrotz von den Siegern als Kollaborateur angesehen und musste fürchten, als solcher vom Wiener Kongress abgestraft zu werden. Preußens Ziel war es dabei, im Zuge der Arrondierung seines Territoriums, sich das Königreich Sachsen als Ganzes einzuverleiben, was jedoch nicht gelang, da es nicht dem Interesse Österreichs bzw. Frankreichs (die Monarchie war wiederhergestellt) entsprach, Preußen mehr als nötig erstarken zu lassen. Das europäische Gleichgewicht stand auf dem Spiel.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007
Immerhin fielen Preußen aber doch etwa 57% des sächsischen Territoriums und 42% der sächsischen Bevölkerung zu, von zuvor etwa 2 Millionen Einwohnern verblieben nur noch 1,2 Millionen. Das somit gewonnene Gebiet wurde „Provinz Sachsen“ genannt und entspricht großen Teilen des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Nicht nur dort fühlten sich die Menschen als „Musspreußen“.
Wie zum Trost dafür, nicht ganz Sachsen bekommen zu haben, wurden Preußen im Westen Territorien erheblichen Ausmaßes zugestanden, nämlich die Provinz Westfalen und die Rheinprovinz, mit dem Nebeneffekt, dass somit der katholische Bevölkerungsanteil im bis dahin fast ausschließlich protestantischen Preußen wesentlich zunahm.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Zu den von Sachsen an Preußen abgetretenen Gebieten gehörte neben Merseburg, Naumburg, Mansfeld und Querfurt auch Wittenberg, die alte Hauptstadt Kursachsens – also ursächsisches Gebiet. Bereits 1817 wurde die durch Luther und Melanchton weltberühmt gewordene – sächsische – Universität Leucorea („leukos“ = weiß in Anlehnung an „Wittenberg“ = weißer Berg) mit der preußischen Universität Halle zur Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg zusammengelegt.
Das Dorf Möckern nun, das mittlerweile längst ein Stadtteil Leipzigs ist (Eingemeindung 1. Oktober 1910), zählte 1813 gerade einmal 300 Einwohner und gehörte zum dort befindlichen Rittergut. Nach der Schlacht ist der Ort fast völlig zerstört (15 Häuser bzw. Güter, das Gemeindehaus, die Schule, das Hirtenhaus und wohl auch die Windmühle). Zudem hatte die Gemeinde im April 1813 einen Kredit von 300 Talern aufnehmen müssen, um die zu diesem Zeitpunkt noch einquartierten russischen Truppen unterhalten zu können.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Möglicherweise hatte das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung Möckerns noch in Erinnerung, dass es nicht einmal 200 Jahre her war, dass schwedische Truppen im Dreißigjährigen Krieg 1637 Möckern in Brand steckten. Zuvor waren im Jahr 1631 Tillys Truppen vor der Belagerung Leipzigs an Möckern vorbeigezogen, wo sie ein Lager aufschlugen. Immerhin handelte es sich dabei um 21.000 Mann Fußvolk und 11.000 Reiter, deren Verpflegung Möckern sicher eine große wirtschaftliche Last auflud. Doch Möckern lebte auch später mit dem Militär, als nämlich 1877 nach zweijähriger Bauzeit die Infanteriekaserne fertiggestellt wurde und bald darauf das 7. Kgl. Sächsische Infanterie-Regiment „Prinz Georg“ Nr. 106 dort stationiert wurde. Nachdem auf dem Gelände nach dem Ersten Weltkrieg Sicherheitskompanien untergbracht waren, diente die Kaserne nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1949 als Flüchtlings- und Umsiedlerlager sowie als Quarantänelager für zurückkehrende Soldaten. Von 1952-56 beherbergte die Kaserne Einheiten der Kasernierten Volkspolizei. Von 1956-90 schließlich waren Einheiten der NVA dort untergebracht.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Ein Jahr lang nutzte die Bundeswehr noch die Kaserne, ehe sie einer zivilen Nutzung zugeführt wurde. Seit 1991 befindet sich auf dem ehemaligen Kasernenareal die Landesversicherungsanstalt Sachsen, seit 1997 der Neubau des Leipziger Arbeitsamts. Zusammen mit weiteren dort angesiedelten Institutionen bildet der Komplex heute das Sozialversicherungszentrum Leipzig.
Doch zurück zum eingangs erwähnten Denkmal. Dieses befindet sich heute vor der Auferstehungskirche, die am 10. November 1901 als Not- bzw. Interimslösung eingeweiht wurde, jedoch bis heute aufgrund zweier Weltkriege, Weltwirschaftskrise und Sozialismus nach wie vor unverändert als Fachwerkbau mit Ausfachung aus unverputzten gelben Ziegeln besteht. Von 1886 bis 1901 waren Gottesdienste in der Aula der 1884-86 gebauten „roten Schule“ abgehalten worden. Bis in das Jahr 1543 war Möckern nach der Thomaskirche in Leipzig gepfarrt, nach der Reformation nach Wahren sowie von 1544-1857 nach Eutritzsch und 1857 schließlich wieder nach Wahren. Im Jahr 1901 war also erstmals die Kirche im eigenen Dorf.
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Friede den Entschlafenen

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Der Sarkophag erinnert an die letzte Phase der Besatzung Hamburgs durch napoleonische Truppen im Winter 1813/14. Tausende Hamburger Bürger, die nicht ausreichend persönlichen Proviant vorweisen konnten, wurden damals von den Besatzern des Stadtgebietes verwiesen. Den Franzosen ging angesichts der Belagerung der Stadt durch die Allierten die Verpflegung der Truppe vor – hungrige Zivilisten hatten da das Nachsehen. Etwa ein knappes halbes Jahr später wurde die Stadt von russischen Truppen befreit, was nicht verhinderte, dass viele der Vertriebenen den Tod fanden. Der Sarkophag befindet sich auf dem Gelände von Planten un Blomen in Hamburg. Die Inschrift auf der Vorderseite lautet:
FRIEDE DEN ENTSCHLAFENEN
AN DIESER STÆTTE RUHEN DIE GEBEINE VON ELFHUNDERT ACHT UND DREIZIG HAMBURGERN WELCHE MIT VIELEN TAUSENDEN IHRER MITBÜRGER VON DEM FRANZÖSISCHEN MARSCHALL DAVOUST IM HÆRTESTEN WINTER 1813 UND 1814 AUS DEM BELAGERTEN HAMBURG VERTRIEBEN, MIT MENSCHENFREUNDLICHER MILDE IN ALTONA AUFGENOMMEN, VON DESSEN EDLEN EINWOHNERN SOWIE VON IHREN FRÜHER AUSGEWANDERTEN LANDESLEUTEN IN IHREM ELENDE UNTERSTÜTZT UND VERPFLEGT, DEM UNGEACHTET ABER OPFER IHRES KUMMERS UND ANSTECKENDER SEUCHEN WURDEN
IM JAHRE 1841 IST DIESES MONUMENT MIT DEN GEBEINEN VON OTTENSEN HIERHER VERSETZT.
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Mahnmal Hamburger Straße

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Dort, wo einst ein viel hermachendes Karstadt-Warenhaus stand, steht nun der hässlichste Monumentaleinkaufskomplex, den sich ein menschliches Hirn ausdenken kann – eine unwirtliche, schier endlose Betonwüste. Das Denkmal steht zwischen der Polizeiwache und erwähntem EKZ. Wer von der U-Bahn-Station Mundsburg kommt, um im EKZ Einkäufe zu tätigen, passiert das Mahnmal. Wenn die Fußgängerampel gerade Rot zeigt, schweift manch gelangweilter Blick umher und bleibt mitunter am Mahnmal hängen. Wer sich die Zeit nimmt, genauer hinzusehen, wird sich der Beklemmung, die es vermittelt, kaum entziehen können. Die Skulptur wurde 1985 von der Hamburger Bildhauerin Hildegard Huza-Schneider im Auftrag der Stadt Hamburg geschaffen.

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Mit Charon ins Reich der Schatten

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007
„Mahnmal für die Opfer des Bombenkrieges“ (Friedhof Hamburg Ohlsdorf)

„[…] unter vier breiten, kreuzförmig angelegten Massengräbern liegen hier 36.918 Opfer des Hamburger Feuersturms, der Bombennächte vom Juli und August 1943. Die hölzernen Querbalken tragen die Namen der Stadtteile, aus denen die Toten zu dieser Ruhestätte transportiert wurden.

Der quadratische Mittelbau sowie das Relief im Innern wurden 1947 von Gerhardt Marcks entworfen und 1952 eingeweiht. Er bedient sich in einer monumentalen und beklemmend wirkenden Szene der griechischen Mythenwelt. Dargestellt ist der Totenfährmann Charon, der ein anmutiges Brautpaar, einen Mann, eine Mutter mit Kind und einen Greis über den Acheron setzt, den Strom, der die Oberwelt vom Reich der Schatten trennt. Er wirkt erstarrt und symbolisiert die Gleichgültigkeit des organisierten Massentodes. Die anderen Figuren wirken teilnahmslos und tragen, wie der Bildhauer erläutert, ‚das Menschliche unberührt hinüber‘. Mit den Mitteln der Kunst wird versucht, die Würde angesichts der furchtbaren Heimsuchung für die Stadt Hamburg zu wahren.“1

Von Marcks stammt übrigens auch die bronzene Skulptur der Bremer Stadtmusikanten, wie sie seit 1953 links neben dem Bremer Rathaus steht. Aus den Bremer Stadtmusikanten stammt wiederum die Aussage: „etwas besseres als den Tod findest du überall“. Carl Zuckmayer hat diesen Satz in seinem Hauptmann von Köpenick aufgegriffen, um zu verdeutlichen, dass aus jeder noch so aussichtslosen Lage Kraft für einen Neuanfang geschöpft werden kann. Wenn das nicht auch auf das zerbombte Hamburg zutrifft …

  1. Der Text entstammt der beim Mahnmal befindlichen Hinweistafel. []
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„Quintili Vare, legiones redde!“ – Arminius

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2006

Das ist der Teutoburger Wald, / Den Tacitus beschrieben, / Das ist der klassische Morast, / Wo Varus steckengeblieben.
Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, / Der Hermann, der edle Recke, / Die deutsche Nationalität, / Die siegte in diesem Drecke.
Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann, / Mit seinen blonden Horden, / So gäb es die deutsche Freiheit nicht mehr, / Wir wären römisch geworden!
In unserem Vaterland herrschten jetzt / Nur römische Sprache und Sitten, / Vestalen gäb es in München sogar, / Die Schwaben hießen Qiriten!1

… in der Tat, kaum auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Zivilisation ein paar Jahrhunderte früher nach Deutschland gekommen wäre. Vielleicht wäre uns so das Mittelalter vorenthalten worden!

Obwohl der ironische Unterton Heines schwerlich zu überhören ist, so gesteht er doch im letzten Vers ein, dass er selbst „subskribieret“ habe, also sein Scherflein beigetragen hat:

„O Hermann, dir verdanken wir das! / Drum wird dir, wie sich gebühret, / Zu Detmold ein Monument gesetzt; / Hab selber subskribieret.“

Der etwa 27 Meter hohe Arminius hält in seiner ausgestreckten Rechten ein etwa sieben Meter hohes Schwert (Inschrift: Deutschlands Einigkeit, meine Stärke / Meine Stärke, Deutschlands Macht). Diese Siegerpose ist natürlich auf den Triumph des germanischen Heeres unter Hermann dem Cherusker im Jahr 9 (wo auch immer sie sich nun wirklich ereignet haben mag) gemünzt. Doch die Himmelsrichtung, in die das Schwert weist, ist mitnichten Süden (Rom), sondern vielmehr Westen (Frankreich) und dem politischen Kontext der Zeit der Erbauung des Denkmals (1838-75) geschuldet. Frankreich sollte der Sieg der Cherusker und ihrer Verbündeten über die Römer als Mahnung dienen. Ein besonders patriotisches Hochgefühl wird man im Einweihungsjahr gehabt haben, wo man es den – diesmal französischen – „Welschen“ mal wieder gezeigt hat. Und so wird Wilhem II. auch in nach 1871 hinzugefügten Inschriften in direkte Nachfolge von Arminius gestellt:

Der lang getrennte Stämme vereint mit starker Hand, Der welsche Macht und Tücke siegreich überwandt, Der längst verlorene Söhne heimführt zum Deutschen Reich, Armin, dem Retter ist er gleich.

Wilhelm, Kaiser, 22. März 1797, König von Preußen, 2. Januar 1861. Erster Kaisertag, Versailles, 18. Januar 1871, Krieg 17. Juli 1870, Frieden 26. Februar 1871.“

Am 17. Juli 1870 erklärte Frankreichs Kaiser, Louis Napoleon, Preußen den Krieg, da erstunden alle Volksstämme Deutschlands und züchtigten von August 1870 bis Januar 1871 immer siegreich französischen Übermut unter Führung König Wilhelms von Preußen, den das deutsche Volk am 18. Januar zu seinem Kaiser erkor.

Nur weil deutsches Volk verwelscht und durch Uneinigkeit machtlos geworden, konnte Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, mit Hilfe Deutscher Deutschland unterjochen; da endlich 1813 scharten sich um das von Preußen erhobene Schwert alle deutschen Stämme ihrem Vaterland aus Schmach und Freiheit erkämpfend. Leipzig, 18. Oktober 1813 – Paris, 31. März 1814 – Waterloo, 18. Juni 1815 – Paris, 3. Juli 1815.

Arminius liberator haud dubie Germaniae et qui non primordia populi romani, sicut alii reges ducesque, sed florentissimum imperium lacessieret: proeliis ambiguus, bello non victus.2

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  1. Heinrich Heine, Deutschland ein Wintermärchen, Caput XI, Verse 1-4 []
  2. Tacitus, Annales: II, 88: Armin ohne Zweifel Deutschlands [Germaniens] Befreier, der das römische Volk nicht in seinen Anfängen bedrängt hat wie andere Könige und Heerführer, sondern in der höchsten Blüte seiner Herrschaft: In Schlachten mit schwankendem Erfolge, im Kriege nicht besiegt. []
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