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Tag Archives: Berlin

Verrat am Verräter

Wie viele andere Zeitungen, wirft auch die „junge Welt“ ihre marxistisch orientierte1 Postille auf der Leipziger Buchmesse kostenlos unters Volk. Damit verbindet sich wohl die vage Hoffnung, den einen oder anderen Leser hinzugewinnen zu können.

Da man aus Erfahrung weiß, dass dieses Blatt bisweilen mit unfreiwilliger Komik und selbstparodistischen Zügen aufwartet, greift man zu, um in einer ruhigen Minute, wenn es einen mal wieder nach Realsatire gelüstet, darin schmökern zu können. Ist es dann soweit, tut sich eine Parallelwelt auf, bei der man zwischen Lachen und Entsetzen schwankt. Ein Beispiel, bei dem diese beiden Gefühlsregungen heftig miteinander konkurrieren, wurde hier bereits 2006 anhand einer in der „jungen Welt“ abgedruckten Traueranzeige für Slobodan Milosevič dokumentiert. Darin würdigte man den als Kriegsverbrecher angeklagten Milosevič als „heldenhaften Verteidiger Jugoslawiens und des Völkerrechts“ sowie als „Internationalisten, Antiimperialisten und Sozialisten“.2

In der diesjährigen Gratisausgabe nun fällt einem zunächst die zwölfseitige Beilage „marxismus“ entgegen, schließlich jährt sich Marx‘ Todestag 2008 zum 125. Mal, sein Geburtstag gar zum 190. Mal. So, nun hält man die Rumpfausgabe in den Händen und beginnt nach alter Gewohnheit, von hinten zu blättern.

Zunächst liest man da, dass Bernd Stange, der einstige Trainer der DDR-Fußballnationalmannschaft3, gerade 60 Jahre alt geworden sei und dass es ihn nunmehr nach Belorussland verschlagen habe. Ganz richtig, die DSFler der „jungen Welt“ sagen nicht „Weißrussland“, sondern in alter DDR-Manier „Belorussland“, was natürlich der Originalbezeichnung näher kommt und somit korrekter ist. Inkonsequent ist es allemal. Konsequenterweise müsste man sagen „Bielarus“4 oder eben „Weißrussland“. Aber solche Überlegungen spielen im Sprachgebrauch der „jungen Welt“ wohl eher eine untergeordnete Rolle. Wichtiger scheint die Identifikation mit der Sprache des untergegangenen Idealstaates DDR zu sein.

In gewisser, etwas eindimensionaler Weise ist der „jungen Welt“ Sprache nämlich gar nicht einerlei. Ganz genau schaut man bei den bürgerlichen Medien hin. So findet sich auf Seite 13 der Ausgabe vom 14. März 2008 ein Artikelchen mit der Überschrift „LTI aktuell“. Darin weist man anhand entsprechender Beispiele darauf hin, dass der Programmdirektor des Deutschlandfunks, Günter Müchler, in einem Interview in nur drei Minuten vier Mal Lingua Tertii Imperii verwendet habe (siehe screen capture). In der Tat verwendet Müchler da ein etwas merkwürdiges und durchaus nach LTI klingendes Vokabular.5 Insbesondere die Tatsache, dass Müchler über Lyrik spricht, lässt es seltsam erscheinen, dass Begriffe wie „reingeschossen“, „eingeschlagen“ und „Offensive“ fallen. Gut, da hat die „junge Welt“ offenbar einen Vogel „abgeschossen“ (LTI?!).
Den Sprachliebhabern von der „jungen Welt“ ist ja aber wohl hoffentlich nicht entgangen, dass Victor Klemperer nach 1945 nicht aufgehört hat zu schreiben. Deswegen wird man bei der „jungen Welt“ sicher auch schon von der sogenannten „LQI“ gehört oder gelesen haben. Hinsichtlich dieser Lingua Quartii Imperii notiert Klemperer:

„Ich muß allmählich anfangen, systematisch auf die Sprache des vierten Reiches zu achten. Sie scheint mir manchmal weniger von der des dritten unterschieden als etwa das Dresdener Sächsische vom Leipziger6. Wenn etwa Marschall Stalin der Grösste der derzeit Lebenden ist, der genialste Stratege usw. Oder wenn Stalin in einer Rede aus dem Anfang des Krieges von Hitler, natürlich mit allergrößtem Recht, als von dem »Kannibalen Hitler« spricht. Jedenfalls will ich unser Nachrichtenblatt und die Deutsche Volkszeitung, die mir jetzt zugestellt wird, genau sub specie LQI studieren.“7

„Jeden Tag beobachte ich von neuem die Fortdauer von LTI in LQI.“8

„LTI = LQI!!“9

„LQI übernimmt LTI mit Haut und Haaren. Sogar Becher – höher geht’s nimmer – schreibt andauernd kämpferisch. Frau Kreisler erstaunt, als ich »charakterlich« beanstande. In einem Aufsatz, der die Humanität der jetzigen Straflager (Kommandohaft) rühmt, werden die Häftlinge zu »einsatzfreudigen« Menschen erzogen.“10

„[…] und dieses Ganze concentriert sich immer mehr auf den einen Ulbricht, unterscheidet sich immer weniger von nazistischer Gesinnung u. Methode. Sag Arbeiterklasse statt Rasse, u. beide Bewegungen sind identisch. Tyrannei u. Enge nehmen täglich zu. Glaubenshetze, Jugendweihe, Kampf gegen »ideologische Coëxistenz« gegen »Fraktionismus«, gegen »kleinbürgerliche Überheblichkeit« – all das ist LQI.11

Wie wäre es, liebe „junge Welt“, wenn Du der Rubrik „LTI aktuell“ noch eine weitere mit dem Titel „LQI aktuell“ hinzufügtest? Deine eigenen Seiten dürften vorerst ausreichend Stoff dafür bieten.

Was Klemperers Verhältnis zum Kommunismus angeht, sei zudem abermals aus seinem Tagebuch zitiert:

„Es ist mir an diesem Nachmittag klar geworden, daß der Kommunismus gleicherweise geeignet ist, primitive Völker aus dem Urschlamm zu ziehen und civilisierte in den Urschlamm zurückzutauchen. Im zweiten Fall geht er verlogener zu Werk und wirkt nicht nur verdummend sondern entsittlichend, indem er durchweg zur Heuchelei erzieht. Ich bin gerade durch meine Chinareise u. bei Anerkennung der gewaltigen Leistungen hier zum endgiltigen Antikommunisten geworden. Das kann nicht Marx‘ Idealzustand gewesen sein.“12

Doch zurück zum Fußballtrainer Bernd Stange. Nun erfährt man, dass Stange seinen Geburtstag bei einem Schnittchenbüffet in Minsk begehe, um dann im Sommer in Jena mit einem Grillfest nachzufeiern. Irgendwie erinnert diese Passage an Loriots Lottogewinner Lindemann: „Ich … heiße … Erwin … Lindemann, bin Rentner und 66 Jahre … mit meinem Lottogewinn von 500.000 D-Mark mache ich erst mal eine Reise nach Island … dann fahre ich mit meiner Tochter nach Rom und besuche eine Papstaudienz … und im Herbst eröffne ich dann in Wuppertal eine Herren-Boutique“.13 – Schließlich liest man, dass es Stanges Ziel sei, sich mit der weißrussischen Nationalmannschaft für die WM 2010 in Südafrika zu qualifizieren.

Nun schweift der bereits amüsierte Blick weiter nach unten und bleibt an folgender erschreckenden Überschrift hängen: „Kuba verraten“. Ein Schauder ergreift sogleich den Leser, der sich alsdann bange fragt, wer in aller Welt Kuba verraten habe? Der erste Verdacht geht dahin, dass der gesamte einstige Ostblock – ausgenommen natürlich der „geliebte Führer“ Kim Jong-il – gemeint sei. Doch dieser Verdacht zerschlägt sich sogleich, ist die Seite 16 der „jungen Welt“ doch dem Sport vorbehalten. Also liest man weiter. Nach einem Qualifikationsspiel der kubanischen Olympiaauswahl, heißt es da, seien fünf kubanische Spieler nicht in ihr Quartier zurückgekehrt. Unter ihnen befänden sich sowohl der Torwart als auch der Kapitän.

Da hat die „junge Welt“ ja ein glückliches Händchen bewiesen, dass sie diesen Kuba-Artikel direkt unter denjenigen über den ehemaligen Trainer der DDR-Fußballnationalmannschaft platzierte. Damit erleichtert sie es dem Leser, sich zu erinnern, dass die Staatssicherheit der DDR sehr viel besser zu verhindern wusste, dass DDR-Athleten Fahnenflucht begingen. In der DDR wurden Republikflüchtige schon mal durch Erschießen zum Bleiben im lebenswerten Sozialismus überredet. Diese Karibik-Bewohner sind da offenbar etwas nachlässiger, so dass eben fünf Leute auf einmal durchs Netz gehen können. Gut, die Sache verkompliziert sich, wenn man sich mitten im Land des imperialistischen Feindes aufhält. Dafür hat Kuba aber durch seine Insellage wiederum einen Heimvorteil bei der Verhinderung von Republikflucht.

In den verklärten Augen der „jungen Welt“ haben die kubanischen Sportler also Verrat an Kuba und höchstwahrscheinlich am Sozialismus insgesamt begangen. Per definitionem bedeutet Verrat „Bruch eines Vertrauensverhältnisses“14 Hat man diese fünf bzw. all die anderen Kubaner je gefragt, ob das Kuba des Máximo Líder, ob der Sozialismus und alles, was mit ihm einhergeht, das ist, was sie wollen? Oder wird nicht vielmehr das Volk zu seinem „Glück“ gezwungen? Besteht zwischen Volk und Regierung Kubas, Nordkoreas oder auch Weißrusslands tatsächlich ein Vertrauensverhältnis, das gebrochen werden kann? Oder handelt es sich nicht vielmehr um ein Abhängigkeitsverhältnis, in das man hineingeraten ist oder hineingeboren wurde und aus dem man ausbrechen möchte, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt? Wie lebenswert muss ein Land sein, dem selbst privilegierte Reisekader wie eben Sportler den Rücken kehren? Weiterlesen ›

  1. Eigenangabe auf der Internetpräsenz des Blattes []
  2. Traueranzeige für Slobodan Milosevic aus: junge Welt (18./19. März 2006) []
  3. bundesweit bekannt geworden als Trainer der irakischen Nationalmannschaft von 2002 bis 2004 []
  4. Transkription von weißruss. Беларусь []
  5. Man könnte das zu seinen Gunsten auch einfach als Versuch der Anbiederung an das jugendliche Zielpublikum auslegen. Schließlich geht es in dem Interview um den Schülerwettbewerb „lyrix“. Der Versuch, Jugendsprache zu verwenden, geht ja bei so manch älterem Semester gerne mal nach hinten los. Aber gut, die „junge Welt“ will es nicht zu Müchlers Gunsten auslegen, was ihr gutes Recht ist. []
  6. Für Nicht-Sachsen sind diese beiden Spielarten des Sächsischen nur schwer zu unterscheiden. []
  7. Klemperer, Victor: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Eintrag vom 25.06.1945. Band 1: Tagebücher 1945 – 1949, S.24. []
  8. Ebd. Eintrag vom 12.10.1945, S.126. []
  9. Ebd. Eintrag vom 26.10.1945, S.133. []
  10. Ebd., Eintrag vom 15.10.1945, S.127. []
  11. Klemperer, Victor: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Eintrag vom 14.02.1958. Band 2: Tagebücher 1950-1959, S.673. []
  12. Ebd., Eintrag vom 24.10.1958, S.723. []
  13. Loriot: Das Frühstücksei. Gesammelte dramatische Geschichten mit Doktor Klöbner und Herrn Müller-Lüdenscheidt, Herrn und Frau Hoppenstedt, Erwin Lindemann u.v.a. Zürich, 2003, S. 269. []
  14. Duden – Deutsches Universalwörterbuch. 4., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim, 2001. []
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Bunker Eimsbütteler, Ecke Glücksburger Straße (Hamburg Eimsbüttel)

Dieses Bunkerhaus befindet sich in der Eimsbütteler Straße zwischen der Hausnummer 129 zur Linken und der 137 zur Rechten und beansprucht somit also drei Hausnummern für sich. Das Gebäude dient als Träger von Mobilfunknetzantennen sowie als Werbeträger. Außerdem dient es als Rankgrundlage für Efeu. Wobei hier die Frage ist, wer eigentlich wem dient. Eigentlich dient doch der Efeu wohl dazu, der Umwelt den Anblick dieses Bunkers von ausgesuchter Hässlichkeit zu erparen. Die blinde Fassade bietet einen äußerst tristen Anblick. Wenn für die Stadt Hamburg, aus welchen Gründen auch immer, ein Abriss dieses hässlichen Klotzes nicht infrage kommt, fragt man sich doch, warum man seinen Bürgern nicht wenigstens ein wie auch immer geartetes Trompe-l’œil gönnt.

Dass solche Fassadenmalerei bzw. Illusionsmalerei keineswegs nur eine Notlösung zur Kaschierung architektonischer Mängel sein muss, zeigt das Beispiel der Stadt Lyon, die es wohl im Großen und Ganzen weniger nötig hat als Hamburg, architektonische Schandflecken zu beseitigen. Dortige Fassaden-Trompe-l’œils sind mittlerweile weit über Lyons Grenzen hinaus bekannt und über ihren ursprünglichen Zweck hinaus gar zu einer Touristenattraktion avanciert. Zudem wurden die Lyoner Fassadenmalereien auch zum Postkartenmotiv und mithin zu einem Aushängeschild der Stadt. Verantwortlich für diese erfrischende Stadtaufwertung ist die zwölfköpfige Lyoner Künstlergruppe „La Cité de la Création“, die seit mehr als 25 Jahren Fassaden künstlerisch verschönert und weltweit zu einer Referenz der Trompe-l’œil-Malerei auf Fassaden geworden ist. Auf einer „La Cité de la Création“ gewidmeten Website ist zu lesen, dass die Gruppe bisher 139 Projekte mit mehr als 1000 Wandbildern realisiert habe. Auch findet sich dort eine Vielzahl prächtiger Bilder, die das Werk der Muralisten-Gruppe eindrucksvoll dokumentieren. Eine große Zahl von Vorher- und Nachherbildern zeigt, was für unglaubliche Effekte erzielt werden können, welche phantastischen Illusionen von Dreidimensionalität, welche farbliche Vielfalt und Lebendigkeit. Auf der Homepage von „La Cité de la Création“ findet sich eine Vielzahl weiter Bilder und Informationen in französischer und englischer Sprache. Weiterlesen ›

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