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Wer im Glashaus ZAPPt (die Fünfte) – „Jedem das Seine“

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Das Medienmagazin Zapp desavouiert sich ja schon fast wie auf Bestellung selbst. In seiner jüngsten Sendung berichtete es in seiner gewohnt peppig aufgemachten Rubrik „Durchgezappt“ wieder darüber, was in der Medienwelt sonst noch geschah. Diesmal informierte man seine schrumpfende Zuschauerschaft unter der knackigen Überschrift „Der Rausschmiss der Woche“ darüber, welcher Skandal sich am 30.01.2008 in der Sendung „Nightloft“ des Senders Pro7 zugetragen habe. Dort nämlich habe die Moderatorin Juliane Ziegler folgenden Satz geäußert: „Arbeit macht frei.“

Völlig zu Recht wurde sie dafür von vielen Seiten kritisiert. Wem nicht klar ist, dass es sich dabei um eine äußerst negativ konnotierte Aussage handelt, weil die Nationalsozialisten diesen ursprünglichen Titel eines Romans von Lorenz Diefenbach aus dem Jahr 1872 in zynischer und menschenverachtender Weise für ihre perversen Zwecke missbrauchten und an den Toren mehrerer Konzentrations- und Vernichtungslager anbringen ließen, hat im Fernsehen rein gar nichts verloren.

Das sieht man bei Zapp auch so und lobt Gott dafür, dass Ziegler deswegen gekündigt wurde: „Ihren Moderatorenjob ist sie gottlob […] los.“1. Diesen Beitrag einleitend, klärte man die Zuschauer zunächst darüber auf, dass „die Regeln der Fernsehunterhaltung nicht so schwer“ seien. Zum Beweis dafür fasste man diese in einem griffigen Merksatz zusammen: „Man darf fast alles, nur von Hitler-Deutschland sollte man tunlichst die Finger lassen“. Dies habe sich immer noch nicht richtig rumgesprochen, weiß Zapp. Wo Zapp recht hat, hat es recht. Um Belege für diese These zu finden, braucht Zapp allerdings gar nicht erst auf Pro7 umzuschalten. Warum auch in die Ferne schweifen, wenn die Fehlbarkeit liegt so nah? Es genügt völlig, das eigene Programm zu schauen und sich die Zapp-Sendung vom 11.07.2007 zu Gemüte zu führen. Dort verlautbarte Zapp in der Rubrik „Durchgezappt“ folgenden Satz: „Jedem das seine“. (Weiterlesen)

  1. Zapp-Sendung vom 06.02.2008 []
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Wer im Glashaus ZAPPt (die Vierte)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Ähnlich, wie ein schlechter Witz durch Wiederholung nicht besser wird, gewinnt eine dürftig fundierte Behauptung nicht an Glaubwürdigkeit, wenn man sie einfach erneut aufstellt, ohne sie mit wenigstens einem relevanten neuen Fakt zu untermauern. Es wirft ein schlechtes Licht auf Denjenigen, der diese Behauptung dennoch wieder aufstellt, liegt der Verdacht doch nahe, dass es ihm an guten Argumenten mangelt. Zu den umtriebigen Enthüllungsjournalisten vom Medienmagazin „Zapp“ des NDR scheinen diese kleinen Wahrheiten aus Kindertagen jedoch offenbar nicht durchgedrungen zu sein.

In der vergangenen Woche nämlich sendete man unter Ägide des „Königs der Recherche“1, auch bekannt unter seinem bürgerlichen Namen „Kuno Haberbusch“, einen ziemlich alten Zopf. Anlass dafür war die bevorstehende 58. Berlinale, auf welcher der Film „Feuerherz“ (Regie: Luigi Falorni) am 14. Februar Premiere haben wird. Da dieser an gleichnamiges Buch von Senait Mehari angelehnt ist, läuteten bei Zapp sämtliche Alarmglocken, schien dies im pawlowschen Sinn doch ein gefundenes Fressen, bei dem in gesteigertem Maß die Protestsekrete produziert wurden. Schließlich hat Zapp, seiner eigenen – gewohnt unbescheidenen – Auffassung zufolge, vor fast genau einem Jahr „enthüllt“, dass in Meharis Buch alles Lüge sei. Nun also die Verfilmung einer „Lüge“2 – da erklimmt man bei Zapp doch sofort mit Kampfgeheul die Barrikaden, um diese Gefahr für die Gesellschaft abzuwenden, für die man Meharis Buch zu halten scheint. Man misst ihrem Buch so viel Bedeutung bei, als hätte Mehari damit die Grundfesten der Gesellschaft ins Wanken gebracht. Die Menschen müssen endlich die Wahrheit erfahren, und diese eine Wahrheit hat Zapp und verbreitet sie mit missionarischem Eifer. Es könnte sonst morgen für alle zu spät sein. Es könnte jemand den Film sehen und sich eine eigene Meinung bilden, ohne von Zapp aufgeklärt bzw. indoktriniert worden zu sein. Welch Gefahr!

Es ist wirklich müßig, an dieser Stelle noch einmal en détail zu zeigen, wie einseitig Zapp damals augenscheinlich recherchierte und argumentierte. Es sei deshalb auf mehrere Artikel auf dieser Website verwiesen, die sich ausführlich mit dieser Einseitigkeit und auch mit der Doppelmoral von Zapp befassen3.

Zusammenfassend soll jedoch festgehalten werden, dass man bei Zapp offenbar alles andere als ergebnisoffen recherchierte, dass Zapps Argumente genauso gut oder schlecht sind, wie die von Mehari und dass Zapp eben nicht im Sinne des „audiatur et altera pars“ berichtete, wie es seine Aufgabe als von der Öffentlichkeit finanziertes Magazin ist. Zapp erfüllt somit seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag unzureichend, der auch dahingehend lautet, umfassend und ausgewogen zu informieren. Da hilft es wenig, wenn Zapp, offenbar irgendeiner Direktive der Intendanten des öffenlich-rechtlichen Fernsehens entsprechend, sich plötzlich immer bei den verehrten Zuschauern für die entrichteten Gebühren bedankt, ohne welche die unübertroffenen und bahnbrechenden Recherchen von Zapp gar nicht möglich wären. (Weiterlesen)

  1. Zapp-Eigenwerbung, natürlich mit selbstironischem Augenzwinkern, aber tief im Innern wahrscheinlich absolute Überzeugung. []
  2. Die Fiktionalisierung einer Fiktionalisierung, wie auch schon zu lesen war. []
  3. 1. Wer im Glashaus ZAPPt2. Wer im Glashaus ZAPPt (die Zweite) – 3. Wer im Glashaus ZAPPt (die Dritte) []
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Rimbaud – L’homme aux semelles devant / de vent

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Wie soll das Denkmal für einen Dichter aussehen, der im Alter von nur achtzehn Jahren die Poesie verwarf und ihr den Rücken kehrte? Für einen Dichter, von dem Stefan Zweig sagte: „Sein Atem ging so heiß, daß das Wachs unter seinen Händen schmolz, statt sich der Form anzupassen. Die Literatur, die Kunst waren zu schwach, um das Unaussprechliche ganz sagen zu lassen. Und so warf er sie weg, mit achtzehn Jahren.“ – „Die Poesie war ihm nichts; nur irgendein Befreiungsversuch, ein Ventil für die drängend-überschüssige Vitaltät; nur ein Versuch unter anderen, und der erste Versuch.“1 Wie also soll ein Denkmal aussehen für Arthur Rimbaud, der alle in seinem Besitz befindlichen Manuskripte seiner Dichtung auf einem Scheiterhaufen verbrannte, dessen Dichtung nur durch die posthume Initiative einstiger Freunde einer großen Öffentlichkeit bekannt wurden? Mit Sicherheit wäre ein auf einem Sockel stehender Mann mit zusammengerolltem Pergament oder einer Feder in der Hand sowie mit ins Gesicht modellierter demonstrativer Weitsicht dem rastlosen und getriebenen Rimbaud überhaupt nicht gerecht geworden. Eine Antwort auf die Frage, wie nun solch ein Denkmal aussehen könnte, findet sich im vierten Pariser Arrondissement im Quartier de l’Arsenal2 auf der Place du Père-Teilhard-de-Chardin, schräg gegenüber dem Pavillon de l’Arsenal. Die dortige Plastik ist das Ergebnis der Auseinandersetzung des französischen Bildhauers Jean Ipoustéguy3 mit der Person und dem Werk Arthur Rimbauds. Nachdem die Stadt Paris Ipoustéguy mit der Schaffung eines Denkmals für Rimbaud beauftragt hatte, entwarf dieser Ende des Jahres 1983 zunächst eine Kleinplastik mit dem Arbeitstitel „Maquette Rimbaud“4 aus Gips und Pappe5, aus der noch im gleichen Jahr die Kleinbronze mit dem Titel „Esquisse Rimbaud“6 hervorging. Ebenfalls Ende 1983 fertigte Ipoustéguy © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007eine Portätstudie mit dem Titel „Etude visage Rimbaud“7 an. Aus diesen Vorarbeiten ging zu Beginn des Jahres 1984 die Großplastik hervor, die schließlich 1985 bei Blanchet in Paris gegossen wurde. Die Bronzeplastik ist 2,2m hoch, 4,6m lang sowie 1,8m breit8 und trägt den Titel: „L’homme aux semelles devant“, was zu übersetzen ist mit: „Der Mann mit den Sohlen voran“ oder „Der Mann mit den Sohlen voraus“. Hierbei handelt es sich um eine Anspielung auf die Bezeichnung, mit der Verlaine seinen Geliebten tituliert haben soll, nämlich: „L’homme aux semelles de vent“9, was zu übersetzen ist mit: „Der Mann mit den Sohlen aus Wind“ oder „Der Mann mit den Windsohlen“ bzw. „Der Mann mit den vom Wind beflügelten Sohlen“. Offenbar scheinen einzelne Personen das Wesen einer Hommage nicht erfasst zu haben, wenn sie den Titel der Plastik für fehlerhaft befinden. Solche Zeitgenossen fühlen sich dann bemüßigt, der Welt mittels weißem Korrekturstift die vermeintlich korrekte Version mitteilen zu müssen10. Offensichtlich halten diese Personen es tatsächlich für möglich, dass der Schöpfer der Plastik, der sich ja, wie noch zu sehen sein wird, intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt haben muss, ausgerechnet im Titel seines Werkes einen Verständnisfehler und einen daraus resultierenden Setzfehler leistet, der dann auch jahrzehntelang von offizieller Seite in Paris geduldet wird. Nicht in den Sinn kam den Korrektoren wohl, dass es sich hierbei um eine gewollte Modifikation handelt, eine Weiterentwicklung und Überspitzung, ein Wortspiel – eben eine Hommage. Beim Anblick der Plastik fällt zunächst die Zweiteilung von Rimbauds © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Körper ins Auge. Mit dieser irritierenden Darstellung gelang Ipoustéguy eine markante Symbolisierung der Zerissenheit Rimbauds, seines ungestümen Wesens, seiner Rastlosigkeit und seines Getriebenseins. Und was liegt näher, als Symbolik zur Würdigung eines der Begründer des literarischen Symbolismus zu verwenden? Betrachtet man zudem die Etymologie des Wortes Symbol, erscheint die Verwendung dieses Stilmittels noch passender. Das griechische Ursprungswort sýmbolon (σύμβολον) mit der Bedeutung „Merkmal, Kenn-, Wahrzeichen“ ist eine Bildung aus symbállein (συμβάλλειν), was „zusammenwerfen, -legen, -fügen“ bedeutet. Sýmbolon war ursprünglich ein zwischen verschiedenen Personen vereinbartes Erkennungszeichen. Dabei handelte es sich um zerbrochene Ringe, Scherben und dergleichen. Durch die Passgenauigkeit der einzelnen Anfügestücke erkannten sich deren Besitzer wieder. Die Scherben verkörperten also die Zusammengehörigkeit. Deutlicher wird die Versinnbildlichung der Scherbenhälften daran, dass Freunde im antiken Griechenland bevor sie sich für längere Zeit trennten, ihre Namen in eine Scherbe ritzten und diese dann zerbrachen. Jeder trug eine Hälfte dann bei sich. Ein Symbol hat somit einen Hinweischarakter und weist über sich selbst hinaus. Die beiden Scherben sind zum einen natürlich nur Scherben, weisen jedoch über ihre Stofflichkeit bzw. ihr vordergründiges Erscheinungsbild hinaus aber „symbolisch“ auf Freundschaft bzw. auch auf Trennung und Sehnsucht hin. Somit kann mittels des Symbols auf einfachste und abstrakte Weise ein komplexer Zustand auf den Punkt gebracht werden, der sonst eines längeren Textes oder einer expliziten Darstellung bedürfte, wenn er denn überhaupt so ohne weiteres realitätsnah darstellbar wäre. Derartig kann auf eine schwer zugängliche, verborgene und tiefer liegende Wirklichkeit verwiesen werden. So gesehen hat Ipoustéguy durch den Bruch von Rimbauds Körper ein © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Symbol geschaffen, bei dem im ursprünglichen Sinn die Beine das Anfügestück zum Oberkörper darstellen. Fügte man Ober- und Unterkörper wieder zusammen, hätte man Rimbaud in seinem äußeren Zustand. Doch der Bruch des Körpers veranschaulicht hier seinen inneren Zustand und den daraus folgenden Lebenswandel, der ohne Symbolik ja gar nicht in statischer bildlicher Form darstellbar wäre. Ipoustéguy hat damit sowohl im ursprünglichen Sinn ein Symbolon als auch in der heutigen Bedeutung ein Symbol geschaffen. (Weiterlesen)

  1. Arthur Rimbaud. Leben und Dichtung. Übertragen von K. L. Ammer. Eingeleitet von Stefan Zweig. Leipzig, 1921, S. 18 u. 8. []
  2. In diesem Viertel befand sich, wie der Name erahnen lässt, ursprünglich das königliche Waffen- und Munitionslager. []
  3. *1920 †2006 []
  4. Modell Rimbaud []
  5. 30cm hoch und 50cm breit []
  6. Entwurf Rimbaud, 29,5cm hoch, 49cm lang und 29cm breit []
  7. Studie „Gesicht Rimbaud“ []
  8. Lipp, Michael: Jean Ipoustéguy – Das plastische Werk 1940-1992, S.537. []
  9. „Comme on sait, Rimbaud a été surnommé « l’homme aux semelles de vent ».“ Arthur Rimbaud – Œuvres complètes / correspondance. Paris, 2004, S.CXXXII. []
  10. siehe Abbildung []
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Luther und die Reformation

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Anlässlich des heutigen Reformationstages soll an dieser Stelle ein Aphorismus des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner zitiert werden:

„Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch, am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation.“1

Wenn das keine Gründe zum Feiern sind …
Die abgebildete, den Reformator Martin Luther darstellende Plastik stammt von Otto Lessing2. Sie befindet sich auf der nördlichen Seite der Hauptkirche St. Michaelis bzw. – mit anderen Worten – auf der vom Haupteingang aus gesehen linken Gebäudeseite. Lessing schuf die Plastik 1912 – in seinem letzten Lebensjahr. Den Guss besorgte die „Aktien-Gesellschaft Gladenbeck“ aus Berlin Friedrichshagen.
Als Urgroßneffe Gotthold Ephraim Lessings bot es sich natürlich an, dass man Otto Lessing seinem Urgroßonkel ein Denkmal setzen ließ, insbesondere, da ein weiterer Verwandter Lessings dem Komittee vorstand, das 1886 einen Wettbewerb für ein Lessing-Denkmal ausgerufen hatte. Von 1887-90 schuf Otto Lessing eine Marmorskulptur des großen Dichters und dazu zwei allegorische Figuren aus Bronze: einmal den Genius der Humanität und zum anderen die Allegorie der Kritik. Das Denkmal wurde 1890 im Großen Tiergarten in Berlin eingeweiht, wo es heute noch steht. Viele der von Otto Lessing geschaffenen Plastiken und Skulpturen sind während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden, so Bauplastiken am zweiten Gewandhaus in Leipzig oder Reliefs am Berliner Stadtschloss sowie der Rolandbrunnen in Berlin-Tiergarten. Ein von ihm geschaffenes Reiterdenkmal Kaiser Wilhelms I., wurde zudem eingeschmolzen. Eine weitere Figur Martin Luthers sowie auch eine Philipp Melanchtons hatte Lessing in den 1890er Jahren für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche geschaffen, wo sie bei einem Luftangriff zerstört wurden.

  1. Deschner, Karlheinz: Ärgernisse – Aphorismen. Reinbek, 1994, S. 74. []
  2. *1846 †1912 []
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Le Passe-muraille

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Abseits vom Trubel im Umkreis von Sacré-Cœur befindet sich etwa einen halben Kilometer nordwestlich davon, dort, wo sich die Rue Girardon und die Rue Norvins treffen, die Place Marcel Aymé, benannt nach dem französischen Erzähler und Dramatiker. Dieser lebte von seiner Geburt im Jahr 1902 an bis zu seinem Tod im Jahr 1967 auf dem Montmartre in der Rue Norvins Nummer 26. Ihm zu Ehren wurde aus dieser Hausnummer der Place Marcel Aymé Nummer 2. In seiner jetzigen baulichen Form bestand der Platz bereits zu seinen Lebzeiten als Einbuchtung der Rue Norvins. Er wurde also rein nominell für ihn geschaffen und besteht nur aus dieser Hausnummer. Dank dieser Einbuchtung konnte diese sehr elegante Lösung gelingen. Doch bei dieser Ehre allein ließ man es nicht bewenden. Der berühmte Schauspieler, Regisseur, Choreograph, Maler und Bildhauer Jean Marais schuf eine Bronzeplastik des Helden aus Aymés Novelle „Le passe-muraille“ aus dem Jahr 19431, die im Jahr 1989 eingeweiht wurde.
Dieser Held namens Dutilleul wohnte wie durch Zufall nur zwei Straßen von seinem Schöpfer entfernt im dritten Stockwerk der Rue d’Orchampt Nummer 75 und war Junggeselle sowie Beamter dritter Klasse im Finanzministerium. Aufgrund eines Stromausfalls fand er im Alter von 43 Jahren heraus, dass er über eine äußerst ungewöhnliche Fähigkeit verfügte. Bei diesem Stromausfall nämlich tappte er eine Weile im Dunkeln und fand sich unversehens im Treppenhaus wieder, ohne dass er jedoch eine Tür passiert hatte. Da die Wohnungstür von innen verschlossen war, sah sich Dutilleul gezwungen, auf dem Weg in seine Wohnung zurückzukehren, auf dem er sie offenbar verlassen hatte. Und siehe da, er gelangte tatsächlich durch die Wand hindurch in seine Wohnung zurück.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Nun war aber Dutilleul von seinem Naturell her so geartet, dass ihn diese Gabe eher befremdete als zu Abenteuern antrieb, weshalb er gleich am nächsten Tag in dieser Angelegenheit einen Arzt aufsuchte, der eine „schraubenförmige Verhärtung in der Drosselwand der Schilddrüse“ diagnostizierte und ihm Tabletten verschrieb, die aus „tetravalentem Schafgarbenextrakt, vermischt mit Reismehl und Zentaurenhormon“ bestanden und zweimal jährlich einzunehmen waren. Dutilleul nahm die erste Tablette ein, deponierte die übrigen in seinem Nachttisch und vergaß daraufhin diesen Vorfall und seine übermenschliche Fähigkeit für ein ganzes Jahr.

Doch eine Wendung in seinem Leben sollte sie ihm ins Gedächtnis zurückrufen, als er nämlich einen neuen Vorgesetzten mit Namen Lécuyer bekam, mit dem ein frischer Wind in die Abteilung einzog und der allerlei Dinge änderte, so z.B. auch Formulierungen, die seine Untergebenen in ihren Schreiben zu verwenden hatten. Dutilleul aber konnte sich partout nicht daran gewöhnen und verfiel immer wieder in die herkömmlichen, höflicheren Formulierungen zurück. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007 © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Wegen dieser Renitenz wurde er von Lécuyer in einen kleinen Abstellraum strafversetzt, der direkt an dessen Büro grenzte. Weil Lécuyer Dutilleul fortgesetzt schikanierte, entsann dieser sich eines Tages seiner besonderen Gabe. Wiederholt steckte er fortan seinen Kopf durch die Wand seines Chefs und beschimpfte diesen. Immer aber wenn Lécuyer nach einer solchen Erscheinung Dutilleuls in dessen Kabuff hinübereilte, fand er diesen ordnungsgemäß an seinem Schreibtisch bei der Arbeit, sodass Lécuyer an seinem Verstand zweifeln musste. Dutilleul trieb dieses Spiel solange, bis Lécuyer schließlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.
Eigentlich hätte Dutilleul es ja dabei bewenden lassen können, war er seinen ungeliebten tyrannischen Vorgesetzten doch nun los. Aber Dutilleul hatte Blut geleckt und dachte bereits über weitere Einsatzmöglichkeiten seiner Fähigkeit nach. Er verlegte sich nun auf Bankraub und suchte eine Bank nach der anderen heim, füllte seine Taschen mit Geld und weiteren Wertgegenständen. Bald kannte ganz Paris diesen Einbrecher, den die Polizei einfach nicht zu fassen bekam. Der Ganove, der immer sein Werwolf-Pseudonym „Garou-Garou“ schriftlich an den Tatorten hinterließ, wurde bald zum Stadt- und auch zum Bürogespräch. So musste Dutilleul mit ansehen, wie seine Kollegen sich voller Bewunderung über diesen „Garou-Garou“ äußerten. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und brüstete sich vor den Kollegen damit, dass er selbst dieser „Garou-Garou“ sei, was diese freilich nicht glaubten und Dutilleul stattdessen unentwegt hänselten.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007In der folgenden Nacht ließ Dutilleul sich deshalb absichtlich beim Einbbruch in ein Juweliergeschäft ertappen, um seinen Kollegen zu beweisen, dass er tatsächlich „Garou-Garou“ sei. Am nächsten Morgen war sein Bild auf den Titelseiten der Zeitungen und er selbst im Gefängnis. Dort hielt er Wärter und Direktor immer wieder zum Narren, indem er einfach das Gefängnis verließ, wie es ihm beliebte und auswärts frühstückte oder aber sich im Gästezimmer der Wohnung des Gefängnisdirektors einquartierte. Irgendwann aber war er dessen müde und verließ das Gefängnis auf Dauer, legte sich ein anderes Äußeres zu und nahm sich eine neue Wohung in der Avenue Junot2, direkt um die Ecke seiner bisherigen Wohnung. Er suchte eine neue Herausforderung für seine Gabe, nachdem die dicken Gefängnismauern ja kein Hindernis dargestellt hatte. So schwebte ihm eine Reise nach Ägypten vor, wo er sich an den Mauern der Pyramiden zu versuchen gedachte. Zunächst aber brachte er einige Zeit unerkannt auf dem Montmartre zu. (Weiterlesen)

  1. In deutscher Übersetzung erschien diese Novelle im Jahr 1949 bei Rowohlt Stuttgart/Hamburg/Baden-Baden unter dem Titel „Der Mann, der durch die Wand gehen konnte und andere Pariserische Scheherezaden.“ []
  2. Hierbei handelt es sich übrigens um die Fortsetzung der o.g. Rue Norvins, in der Marcel Aymé wohnte. []
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Philemon und Baucis

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Diese aufrecht stehende Reliefgrabplatte befindet sich auf dem Friedhof Hamburg Ohlsdorf. Sie wurde im Jahr 1938 aus Kalkstein gefertigt. Es handelt sich hierbei um eine Darstellung der durch den römischen Dichter Ovid überlieferten Sage „Philemon und Baucis“.

Darin wird berichtet, dass Jupiter1 und sein Sohn Hermes2 einst in Menschengestalt auf die Erde herabkamen und das auf der gegenüberliegenden Seite der Ägais gelegene Phrygien besuchten3: „Jupiter kam hierher, wie ein Sterblicher, und mit dem Vater / Sein stabtragender Sohn Merkurius, ohne Gefieder.“4

Dort wollten sie die Gastfreundschaft der Bevölkerung auf die Probe stellen, da Jupiter auch Schützer des Gastrechts war und daher auch Jupiter hospitalis (bzw. Zeus Xenios) hieß. Als arme und müde Wanderer verkleidet klopften sie an die Türen jeder kleinen Hütte und jedes großen Hauses, fanden jedoch nirgendwo Einlass: „Tausend Wohungen nahn sie, um Obdach bittend und Ruhe; / Tausend Wohnungen sperret das Schloß“5

Schließlich kamen sie zu einer Hütte, die alle vorherigen an Armseligkeit übertraf und deren Dach lediglich aus Blattwerk bestand. Auf ihr Klopfen hin wurde die Tür jedoch weit geöffnet, und eine fröhliche Stimme bat die beiden Wandersleute herein: „Ein Häuschen empfängt sie, / Zwar sehr klein, mit Halmen gedeckt und Rohre des Sumpfes“6

Zwar mussten sie sich bücken, um die niedrige Tür passieren zu können, doch einmal im Inneren angelangt, fanden sie einen behaglichen und sauberen Raum vor. Ein freundlich dreinblickendes altes Ehepaar hieß die beiden Wanderer willkommen und begann in aller Betriebsamkeit damit, es ihren Gästen so bequem wie möglich zu machen. So stellte der Alte eine Bank an die Feuerstelle und forderte seine Gäste auf, es sich darauf bequem zu machen und die müden Glieder auszustrecken. Zuvor hatte die alte Frau noch eine weiche Decke über die Bank gebreitet. Sie stellte sich den Fremden als Baucis und ihren Mann als Philemon vor: „Aber die redliche Baucis, und gleich an Alter Philemon, / Beide verlebeten dort die blühende Jugend, und beide / Alterten dort allmählich. Die Armut offen bekennend / Machten sie leicht und erträglich mit nicht unwilliger Seele. / Gleichviel, ob du den Herrn dort aufsuchst, oder den Diener: / Zween sind das sämtliche Haus; und dieselbigen tun und befehlen. / Als nun das himmlische Paar sich genaht der ärmlichen Wohnung, / Und die Scheitel gebückt, zur niedrigen Pforte hineinging, / Heißt sie der freundliche Greis ausruhn auf gestelletem Sessel, / Den mit grobem Gewebe die emsige Baucis bedeckte. / Darauf, dem Herde genaht, zerwühlt sie die lauliche Asche, / Weckt das gestrige Feuer, mit Laub und trockener Rinde / Nährend, und bläst aus dem Rauche mit keuchendem Atem die Flammen. / Kleingespaltenes Holz und gedörretes Reis von dem Boden / Trägt sie herab, und zerknickt’s, und legt es dem Kesselchen unter.“7

Während sie einen Kessel mit Wasser über das Feuer hängte, erzählte sie, dass sie mit ihrem Mann seit ihrer Hochzeit in dieser Hütte gelebt habe und sie immer glücklich gewesen seien. Sie seien zwar arm, doch dennoch zufrieden. Gerade als das Wasser zu kochen begann, kam der Alte mit einem Kohlkopf aus dem Garten herein. Zusammen mit einem Stück Schweinefleisch wurde der Kohl nun gekocht: „Auch was der Mann an Gemüs‘ im gewässerten Garten gesammelt, / Blättert sie ab. Doch jener mit zweigehörnter Gaffel / Hebt den beräucherten Rücken des Schweins von der rußigen Latte, / Wo er ihn lange gespart, und schneidet ein Stück von der Schulter, / Weniges nur nur, und zähmet den Schnitt in der brausenden Wallung. / Beide verkürzen indes die Zwischenstund‘ in Gesprächen, / Daß den Verzug nicht fühlen die Fremdlinge. Nahe dem Herde / Hing die buchene Wann‘ am Pflock mit gebogenem Handgriff. / Diese, mit laulichem Wasser gefüllt, empfänget die Glieder / Bähend. Es steht in der Mitte, von fedrigen Kolben des Teichschilfs / Weich ein Lager gestopft, das Gestell und die Füße von Weiden. / Dieses umhüllen sie nun mit Teppichen, die sie gewöhnlich / Nur am festlichen Tag‘ ausbreiteten; aber auch diese / Waren schlecht und veraltet, der weidenen Flechte nicht unwert. / Hierauf ruhn die Götter.“8

Währenddessen deckte Baucis mit ihren zitternden alten Händen den Tisch: Geschürzt dann stellet und zitternd / Baucis den Tisch; doch einer der drei Tischfüße war ungleich; / Bald macht gleich ihn die Scherbe: da untergefügt sie den Höcker / Heilete, jetzo reibt den geebneten grünende Minze.“9 Sie brachte Oliven, in Essig eingelegte Kornelkirschen, Radieschen und Käse sowie einige Eier auf den Tisch. Auch Nachtisch wurde bereitgehalten: „Aufgetischt wird dann die gesprenkelte Beere der Pallas. / Auch des Herbstes Kornelle, bewahrt in gekläreter Lake; / Rettich, Endivien auch, und Milch zu Käse gerundet; / Eier zugleich, vorsichtig in warmer Asche gewendet: / Alles auf irdnem Geschirr. Der aus Ton geformte Mischkrug / Prangt nun bunt auf der Tafel, und buchene Becher, mit Zierat / Voll geschnitzt, und die Höhlung mit gelblichem Wachse gefirnißt. / Wenige Frist, da sendet der Herd die dampfenden Speisen. / Wieder enthebt man jetzo die nicht hochaltrigen Weine; / Daß sie, entfernt ein kleines, den Raum nicht engen dem Nachtisch. / Hier ist Nuß, hier Feige, gemischt mit runzligen Datteln, / Pflaumen im kleineren Korb‘, im größeren duftende Äpfel, / Und großbeerige Trauben, von Purpurreben gesammelt; / Mitten die weißliche Scheibe des Honiges; aber vor allem / Ladet der heitere Blick, und ein Herz, nicht träge noch kargend.“10

Philemon stellte zwei wacklige Bänke an den Tisch. Kohl und Fleisch waren indes gar und wurden ebenfalls aufgetischt. Nachdem alles bereit war, forderten Philemon und Baucis ihre Gäste auf, es sich schmecken zu lassen. Philemon brachte ihnen überdies noch Becher aus Buchenholz und einen Tonkrug mit Wein, der eher Ähnlichkeit mit Essig hatte und zudem mit Wasser verdünnt war. Doch Philemon war offensichtlich stolz und glücklich, seinen Gästen etwas Derartiges vorsetzen zu können. Er achtete darauf, sofort wenn ein Becher leer wurde, nachzuschenken. In seiner geschäftigen Gastfreundlichkeit fiel dem alten Ehepaar zunächst nicht auf, dass der Weinkrug sich nie leerte. Egal wieviel Philemon nachschenkte, der Krug blieb randvoll. Als sie dessen dann doch gewahr wurden, wechselten sie schreckerfüllte Blicke, senkten sodann aber ihre Augen und beteten leise. Sie hatten erkannt, dass es sich bei ihren Gästen nicht um gewöhnliche Menschen handelte: Beide nun sehn, daß, wie oft sie erschöpfeten, immer der Mischkrug / Wieder von selbst sich füllt, und der Wein freiwillig heranwächst. / Staunend vor Angst und bestürzt, und rückwärts hebend die Hände, / Flehen sie, Baucis zugleich, im Gebet, und der bange Philemon“.11 (Weiterlesen)

  1. griech. Zeus []
  2. griech. Merkur []
  3. das heutige Anatolien []
  4. Ovid: Verwandlungen. Übersetzt von Johann Heinrich Voß. []
  5. ebd. []
  6. ebd. []
  7. ebd. []
  8. ebd. []
  9. ebd. []
  10. ebd. []
  11. ebd. []
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When we have wandered all our ways

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Das Motiv des müden Wanderers bzw. Pilgers findet sich auch auf dem Pariser Friedhof Montparnasse. Dort wird es von einer Plastik des spanischen Bildhauers Baltasar Lobo (*1910, †1993) verkörpert, die sich auf dessen Grab befindet. Folgende Zeilen von Walter Ralegh (*1554, †1618) scheinen geeignet, das Wanderermotiv lyrisch aufzunehmen:

Even such is time, which takes in trust / Our youth, our joys, and all we have, / And pays us but with age and dust, / Who in the dark and silent grave, / When we have wandered all our ways, / Shuts up the story of our days. / And from which earth, and grave, and dust, / The Lord shall raise me up, I trust.1

Dies habe Ralegh am Abend vor seiner Hinrichtung geschrieben, sodass der fromme Beiklang nur verständlich ist. Man fand die Zeilen in Raleghs Bibel im Gatehouse Prison in Westminster, London, wo er zuvor dreizehn Jahre mit einer Unterbrechung in Haft gesessen hatte. Auf dem Schafott habe er, nachdem er die Schärfe des Henkersbeils geprüft hatte, gesagt: „‚Tis a sharp remedy, but a sure one for all ills.“2 Auf die Frage, wie er sein Haupt auf dem Richtblock zu betten beliebe, habe er entgegnet: „So the heart be right, it is no matter which way the head lies.“3

  1. The Concise Oxford Dictionary of Quotations, Oxford 1964, S. 174. []
  2. ebd. []
  3. ebd. []
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Des Treibens müde

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Diese aufrecht stehende Grabplatte befindet sich auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg. Das darauf dargestellte Motiv des müden Wanderer bzw. Pilgers lässt an Goethes „Wandrers Nachtlied“ denken:

Der du von dem Himmel bist / Alles Leid und Schmerzen stillest, / Den, der doppelt elend ist, / Doppelt mit Erquickung füllest, / Ach! ich bin des Treibens müde! / Was soll all der Schmerz und Lust? / Süßer Friede! / Komm, ach komm in meine Brust!1

Auch ein weiteres Nachtlied eines Wanderers von Goethe kommt einem in den Sinn – nämlich „Ein gleiches“, womit ein gleiches bzw. weiteres Nachtlied gemeint ist:

Über allen Gipfeln / ist Ruh‘, / In allen Wipfeln / Spürest Du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur! Balde / Ruhest du auch.2

  1. Johann Wolfgang Goethe, Wandrers Nachtlied. In: Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Simm. Frankfurt a.M. und Leipzig 2001, S. 342. []
  2. Johann Wolfgang Goethe, Ein gleiches. Ebd. []
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Haus mit Persönlichkeit

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Dieses Gebäude befindet sich im ersten Pariser Arrondissement in der Rue de Rivoli Nummer 59, genau gegenüber der Einmündung der Rue des Déchargeurs.
Nachdem sich Crédit Lyonnais und der französische Staat aus der Nummer 59 zurückgezogen hatten, besetzten am ersten November 1999 die drei Künstler Kalex, Gaspard und Bruno (KGB) das Haus. Sehr bald folgten ihnen an die zehn weitere Künstler nach. Das Haus befand sich zu diesem Zeitpunkt offenbar in einem heruntergekommenen Zustand und bot sich mit sich darin befindlichen toten Tauben, Spritzen und Bauschutt als Müllhalde dar. Man begann, das Gebäude wieder herzurichten und bewohnbar zu machen. Die sich als Kollektiv bezeichnende Gruppe gab sich den Namen „Chez Robert, électron libre“ und organisierte Vernissagen, Aktionskunst und Ausstellungen, die der Öffentlichkeit kostenlos zugänglich waren. Der französische Staat aber stellte Strafanzeige gegen die Hausbesetzer. Das folgende Urteil legte fest, dass die Besetzer bis zum 4. Februar 2000 das Haus zu räumen hätten. Doch deren Anwältin Florence Diffre erwirkte eine sechsmonatige Fristverlängerung. Zu dieser Zeit griff die Presse das Thema auf und schuf somit eine breitere Öffentlichkeit, die dazu führte, dass die endgültige Urteilsfindung wiederum hinausgezögert wurde. Auch aus der Politik meldeten sich Stimmen, die mit dem sogenannten Phänomen „Squart“1 sympathisierten. Dennoch blieb das Schicksal des Projekts ungewiss. Im März 2001 fanden in Paris Kommunalwahlen statt, aus denen die Sozialisten als Sieger hervorgingen, was den Hausbesetzern einen weiteren Aufschub verschaffte, da die Linke mit ihnen sympathisierte. Der nunmehr sozialistische Bürgermeister Bertrand Delanoë ernannte Christophe Girard von den Grünen zu seinem Kulturbeauftragten, der seitdem alles tut, um die Räumung zu verhindern. Eine vom Kulturministerium in Auftrag gegebene Zählung ergab, dass „Chez Robert, électron libre“ mit 40.000 Besuchern pro Jahr die drittmeist besuchte Ausstellungsstätte für zeitgenössische Kunst in Paris ist.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007 Infolgedessen kündigte Delanoë an, das Gebäude im Namen der Stadt Paris zurückzukaufen und eine Legalisierung der Kunststätte in Gang zu setzen. Auf dem Weg dahin war es nötig, dass die Hausbesetzer einen gemeinnützigen Verein gründen, was auch geschah. Dieser Verein trägt den Namen „59 Rivoli“. Die Kunststätte ist bis zur endgültigen Entscheidung geschlossen. Weitere Informationen und Abbildungen von Kunstwerken der gegenwärtig offenbar 25 das Haus bewohnenden Künstler finden sich auf der Homepage von „59 Rivoli“ sowie auf deren Blog, dessen letzter Eintrag jedoch schon über ein halbes Jahr zurückliegt2.
Zu den eher unterhaltsamen Künstlern von „59 Rivoli“ zählt offenbar Jean-Luc Abiven, dessen Homepage einige überraschende Bilder parat hält. Sehr interessant sind auch die Skulpturen und Bilder auf der Seite von Bazilio. Reizvoll sind zudem die Werke von Dao, Deinki, Eve Clair, Francesco, Kalex, Malou, Mariko, Michel Vray, Thierry Hodebar. Doch auch die Werke all jener nicht in dieser Aufzählung genannten Künstler sind allemal einen Blick wert, genau wie diejenigen derer, die früher in der 59 Rue de Rivoli aktiv waren.

  1. Kontraktion der beiden Begriffe „squat“ (engl. u. frz. für „besetztes Haus“) und „art“ (Kunst) []
  2. Quelle: http://www.59rivoli.org/newsite/index.htm – Für obigen Text wurde hauptsächlich auf die dort befindliche Darstellung der Ereignisse zurückgegriffen. Damit handelt es sich um die subjektive Sicht der Besetzer. []
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