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Category Archives: Hamburg

Stencil von XOOOOX in Hamburg (Altstadt)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2011

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Auf dem Weg von der Spitaler Straße in Richtung Binnenalster findet sich in der Straße Brandsende ein weiteres Werk des Berliner Streetart-Künstlers XOOOOX. Anders als das Stencil in der HafenCity ist dieses hier nicht an einem Schaltschrank angebracht, sondern an einem Mauervorsprung. Diese Fläche wirkt wirklich, als hätte sie nur darauf gewartet, gefüllt zu werden, weil sie so klar umrissen ist und den Eindruck einer gerahmten Leinwand macht. Google Street View gibt Aufschluss darüber, woher diese Umrisse stammen. Mindestens bis zum September 2008 hing ebendort offenbar eine Werbevitrine.

Dieses Bild hat XOOOX der Allgemeinheit geschenkt. Genauso wie seine hockende Frau in der Speicherstadt werden aber auch von der hier abgebildeten Frau weitere Exemplare mobiler Natur nicht eben zu Schnäppchenpreisen gehandelt. So bietet die New Yorker DE BUCK GALLERY drei gespiegelte Varianten an. Zwei davon auf Metallplatten (eine rostig, die andere blau lackiert mit Rost), die dritte auf zusammengefügten Brettern. Diese dritte Variante bietet die DE BUCK GALLERY auf der Online-Kunsthandelsplattform Artspace zu einem Preis von stolzen 6302 Euro an. Sie trägt den Titel „Livin Proof“, ist auf der Rückseite vom Künstler signiert und wird mit Echtheitszertifikat geliefert. Ein „lebendiger Beweis“ dafür, dass die Kommerzialisierung bei XOOOOX in vollem Gange ist. Von irgendetwas muss man schließlich leben. Gleichzeitig vernachlässigt XOOOOX aber die Straße nicht, so dass diejenigen, die gerade keine mittlere vierstellige Summe flüssig haben, auch etwas davon haben.

Allenthalben liest man, dass XOOOOX seine Kunst einerseits als Hommage an die Kunst und Ästhetik traditioneller Haute Couture verstanden wissen will und andererseits als Kritik an der Überindustrialisierung und Uniformität global agierender Massenmodemarken wie beispielsweise H&M.

So verfremdete XOOOOX dessen Logo während der Berliner Fashion Week im Sommer 2008 in einer vermeintlichen Werbung auf einer Plakatwand zum HIV-Schriftzug, um seiner Auffassung Ausdruck zu verleihen, dass solche Massenmarken mit ihrer Gleichmacherei die Welt wie ein Virus befallen.

XOOOOX arbeitet mit den Mitteln der Rekontextualisierung und Verfremdung. Seine weiblichen Models befinden sich eben nicht in bunten Hochglanzmagazinen, sondern auf alten, schäbigen Wänden und auf grauen Verteilerkästen. Diese Rekontextualisierung kontrastiert Schönheit und Perfektion mit Vergänglichkeit und Unvollkommenheit. Das macht die dargestellten Personen nahbarer und menschlicher und wirft einen Schatten auf den schönen Schein der Modeindustrie.

Außerdem verfremdet und rekontextualisiert XOOOOX auch die Logos von Luxus-Modelabels wie Chanel und Hermès sowie die Signets von Luxus-Uhrenmarken wie Breitling und Patek Philippe. Dabei bleibt der bildliche Teil des Logos unangetastet und nur der jeweilige Originalschriftzug wird durch  „XOOOOX“ ersetzt. Die im Logo von Hermès und Patek Philippe vorkommenden Herkunftsbezeichnungen (Paris und Genève) bleiben dagegen erhalten.

Auch ein mopsartiger Hund taucht hin und wieder auf einer öffentlichen Wand auf. So gut wie allen dargestellten Lebewesen ist gemein, dass sie mit einer Art Denkblase versehen sind. Diese besteht nicht wie typischerweise aus umrissenen Wölkchen, die nach und nach zu größeren Wolken werden, und in deren größter dann die Gedanken stehen. Vielmehr bestehen sie aus einer Anhäufung der Buchstaben »X« und »O«. Klein und vom Kopf ausgehend, wächst ihre Größe mit zunehmender Entfernung vom Kopf. Diese Buchstabenwolke vermittelt den Eindruck, dass die Geschöpfe von „XOOOOX“ alle gerade an ihren Schöpfer denken. Zugleich dient diese Denkblase als Signatur.

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Stencil von Piratoz in Hamburg (Rotherbaum)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2011

Stencil von PIRATOZ (Bundesstraße, Hamburg, Oktober 2011)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2011

Stencil von PIRATOZ (Bundesstraße, Hamburg, Oktober 2011)

Auf den ersten Blick einem Stencil von »Xoooox« nicht unähnlich, handelt es sich hier jedoch bei näherem Hinsehen um ein weit weniger detailreiches und ein wesentlich unsauberer gearbeitetes Stencil. Die auf dem Bauch liegende Schönheit hat auf ihrem rechten Unterarm »PIRATOZ« tätowiert. Der Name »PIRATOZ« ist bei diesem Street-Artisten Programm, fällt er doch sonst eher durch die monothematische Verbreitung von Piratensymbolik auf (siehe weitere Abbildungen unten). In einer Hafenstadt wie Hamburg bietet sich das an sich ja an. Eingedenk allerdings der Tatsache, dass diese Assoziation zuvor schon einer nicht geringen Zahl Anderer in den Sinn gekommen ist, lässt sich eine gewisse Übersättigung des Stadtbilds mit Freibeutersymbolik nicht leugnen.

Ob es sich nun um den allgegenwärtigen Jolly Roger vom FC St. Pauli handelt, der sich aufgrund massiven Merchandisings zu einem regelrechten Mainstream-Symbol gewandelt hat, so dass seine Träger ihre Absicht, eine nonkonformistische, alternative oder gar rebellische Haltung zur Schau zu tragen selbst ad absurdum führen.

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010

Standardmotiv von PIRATOZ (Illegalerie #7 Shanghaiallee – Paste-Up, HafenCity – Juni 2010)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010

Paste-Up von PIRATOZ, Stresemannstraße, Juni 2010

Oder ob es sich um die gekreuzten Säbel der Sansibar auf Sylt handelt, die gefühlt jeder Zweite auf das Heck seines Autos zu kleben sich bemüßigt zu fühlen scheint. Dann gibt es noch die Brauer der Hamburger ColaRebell, die – wie sollte es anders sein – zwei sich kreuzende stilisierte Säbel im Logo hat. Seeräuberromantik und diffuses Rebellengefühl, das soll damit wohl heraufbeschworen werden und ist doch längst Teil einer bedeutungslosen Folklore.

Die Verwendung gekreuzter Schwerter und Knochen, von Dreizack, Augenklappe, Kopftuch, Holzbein und Totenkopf als Insignien wilder, unangepasster Freibeuter scheint der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass sie irgendwie auf die eigene bürgerliche, angepasste Identität abfärben mögen.

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010

Piratenpapagei mit Kopftuch, Holzbein und Säbel auf Kachel

Die Dame oben scheint eine wohltuende Abwechslung in der Masse bedeutungsleerer Hülsen von Seemannssymbolik zu sein. Aber wahrscheinlich handelt es sich doch nur um eine Seemannsbraut, womit PIRATOZ dann seinem Lieblingssujet treu geblieben wäre.

 

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Paste-Ups von Quasikunst und Funk25

www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010Auf der Höhe des berüchtigten Blitzers in der Stresemannstraße, der den stadteinwärts rollenden Verkehr ins Visier nimmt, findet man diese zwei Paste-Ups an der Seitenwand des Hauses mit der Nummer 78.

Das linke Exemplar stammt von »quasikunst« und stellt eine Frau dar, deren Beine kurioserweise in Elefantenfüße münden, was auf nebenstehender Abbildung nur noch teilweise zu erkennen ist, da zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits ir­gend­je­mand der Auffassung war, Teile des Posters abreißen zu müssen. Auf früheren Aufnahmen, die sich online vereinzelt finden lassen, sind die Elefantenfüße aber gut zu erkennen. Der zierliche Oberkörper und die plumpen Beine stehen in irritierendem Kontrast zueinander.

Das rechte Poster ist mit »*//funk25« signiert und zeigt mit minimalistischen Mitteln ein ausdrucksvolles Frauenportät.

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Stencil von XOOOOX in Hamburg (HafenCity)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010Diese hockende Dame ist in der Hamburger Speicherstadt anzutreffen. Aus dem Augenwinkel könnte man meinen, sie verrichte an der Ecke Auf dem Sande / Am Sandtorkai ihre Notdurft. Betrachtet man die Position des Rocks, ist dies jedoch eher unwahrscheinlich. Es handelt sich hierbei um eine posierende Fashionista des Berliner Streetart-Künstlers XOOOOX.  Das gleiche Motiv wird übrigens gespiegelt im Format 100 x 80 cm von der Londoner Galerie »StolenSpace« für stolze £7020.00 (zzgl. Versandkosten) also knapp 8500 Euro feilgeboten. Dort gibt man als Titel des Werkes »Rewind (Bio) MonSun« an. Es scheint nicht ganz abwegig, dass hier ganz im Sinne des Bangles-Songs »Manic Monday« der Wunsch zum Ausdruck gebracht wird, dass man die Zeit zurückdrehen kann.1 Auf der Galerieseite ist übrigens auch von einer hockenden Frau die Rede, die beim Urinieren überrascht werde.2 War der erste Eindruck also doch richtig?

Der Vorteil von Schaltschränken in hochwassersicherer Ausführung wie dem abgebildeten ist übrigens, dass er trotz oben befindlicher Werbefläche auf dem Sockel genug Platz für weitere Verwendungen bietet. Die historische Umgebung mit Backsteinfassade und Straßenpflaster in ihrer klaren und ruhigen Struktur lässt das Schwarz-Weiß-Stencil stark wirken.

  1. „It’s just another manic Monday / I wish it was Sunday“ []
  2. […] one figure, caught off-guard, squats to urinate […]„ []
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Stencil von TONA in Hamburg

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010In unmittelbarer Nähe zum Hamburger Gängeviertel an der Ecke Caffamacherreihe / Valentinskamp und schräg gegenüber dem Polizeikommissariat 14 befindet sich das abgebildete Stencil des Hamburger Streetart-Künstlers »TONA« auf der Abdeckung eines Ampelmastes.

In seiner Perfektion und Sauberkeit der Ausführung könnte man fast meinen, es handele sich bei diesem Werk um eine Auftragsarbeit der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, mit dem Ziel, die Stadt bunter zu machen. Da schien es jemand trotz Polizeinähe nicht so eilig zu haben. Denkt man aber daran, an welchen – aus offizieller Perspektive wohl inakzeptablen – Stellen »TONA« seine Stencils, Paste-Ups und Kacheln sonst noch so hinterlässt und dass er es nach wie vor vorzieht, anonym zu bleiben,  ist nicht ernsthaft an eine Kooperation mit der Stadt zu glauben. Auch nicht, angesichts der Tatsache, dass der gegenwärtigen Stadtentwicklungssenatorin Hajduk immerhin der Rückkauf des Gängeviertels durch die Stadt Hamburg zu verdanken ist, womit dem von etwa 200 Künstlern besetzten historischen Quartier das drohende Schicksal eines nahezu vollständigen Abrisses und Neubebauung unter profitmaximierenden Gesichtspunkten erspart bleibt und stattdessen eine Zukunft als kulturelles Zentrum eröffnet wird.

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2010Eine Erklärung für die Perfektion der Ausführung wäre, dass die Abdeckung einfach mittels eines Dreikantschlüssels entfernt und an unbeobachteter Stelle in aller Seelenruhe verschönert wurde. Zu einem späteren Zeitpunkt hätte man sie dann in verändertem Zustand wieder schnell anschrauben könnnen. Zwei Dinge sprechen dagegen: Erstens verstößt es vielleicht gegen irgendeinen Ehrenkodex eines Streetart-Künstlers, nicht vor Ort, sondern daheim tätig zu sein. Abgesehen davon würden Kick und street credibility wohl auf diese Weise minimiert. Andererseits werden Kacheln, Sticker und Paste-Ups ja auch in Heimarbeit gefertigt und dann vor Ort nur schnell angebracht. Der zweite und triftigere Grund ist, dass sowohl die Dreikantschraube oben als auch die Schlitzschraube unten mit der gleichen Farbe beschichtet sind und haargenau ins umgebende Muster passen. Also wurde wahrscheinlich vor Ort gearbeitet – möglicherweise unter dem Schutz eines dort strategisch günstig geparkten Autos.

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Radio Hamburg und die Mär vom Wasserturm

Nun steht „Radio Hamburg“ ja nicht eben im Verdacht, einen Bildungsauftrag erfüllen zu wollen. Vielmehr dudelt es seicht und inhaltsgeizig vor sich hin. Dennoch irritiert es schon ein wenig, wenn der Privatsender ausgerechnet im Zentrum seines Reviers, der „schönsten Stadt der Welt“ nämlich, wie man die Elbmetropole bei „Radio Hamburg“ mit Vorliebe bezeichnet, eine nicht unwesentliche Wissenslücke offenbart.

So geschehen am dritten August dieses Jahres. In Geschäften oder bei der Sendersuche kommt man bisweilen nicht umhin, diesem Sender zu begegnen. Da der dritte August ein Sonntag war, war es also auf der Suche nach einem Sender, als der Auto-Scan innehielt und plötzlich der gute alte „Lotto King Karl“ in die heimischen vier Wände hinein tönte. In gewohntem Barmbek-Ba(r)sch-Tonfall moderierte der Musiker auf durchaus nicht unsympathische Weise seine offenbar neue Sendung „Radio Hamburg rockt“, die immer sonntags von 18 bis 20 Uhr ihren Lauf nimmt.
Es muss gegen 19:10 Uhr gewesen sein, als „Lotto“ begann, einen Text vorzulesen, in dem auf die Happy Hour in einer Hamburger Cocktail-Bar hingewiesen wurde, denn diese Zeit ist laut Programmschema für „unsere Tipps für Ihre Freizeit“ reserviert. Ob es sich hierbei um reine Veranstaltungshinweise handelt oder womöglich um als Veranstaltungshinweise getarnte Werbung, sei dahin gestellt. Nun also O-Ton „Lotto“:

Und wenn ihr euch das lieber ein bisschen gemütlich machen wollt heute Abend, dann geht am besten in die »Turm Bar«.

Bis hierhin ist nichts einzuwenden. Doch jetzt folgte ein Satz, der schon fast wie eine historische Hintergrundinformation anmutet:

Früher floss hier das Wasser, heute sind es Bier und Cocktails.

Bevor „Lotto“ nun explizit zur – sicher unbewussten – Umdeutung historischer Fakten anhub, präzisierte er noch die Vorzüge der Bar:

Macht es euch auf den Rattanmöbeln zwischen Palmen gemütlich und noch bis 20:30 Uhr ist Happy Hour, das heißt, alles [sic] Cocktails gibt’s zum halben Preis wie zum Beispiel eine Strawberry Daiquiri für 3,75 Euro.

Abschließend informierte „Lotto“ die Hörer, wo genau die Sause steige und versorgte sie dabei zugleich mit einer Desinformation:

Die Bar findet ihr im ehemaligen Wasserturm auf der Moorweide in der Rothenbaumchaussee 2.

Unter dieser Adresse findet sich tatsächlich und bekanntermaßen die „Turm-Bar“. Was also ist nun das Problem? Dieses besteht darin, dass es sich bei dem Gemäuer, in welchem sich diese Bar befindet, mitnichten um einen „ehemaligen Wasserturm“, sondern vielmehr um einen einstigen Luftschutzbunker handelt – ein nicht gänzlich unbedeutender Unterschied immerhin. Wenn also darin Wasser floss, dann vielleicht in Form von Angstschweiß und Tränen, aber gewiss nicht zum Zweck der Wasserbevorratung und Wasserdruckerzeugung. Weiterlesen ›

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»einestages« testet Printausgabe

»Der Spiegel« plant offenbar für den 9. September dieses Jahres eine Printausgabe seines bisher nur im Internet veröffentlichten Zeitgeschichte-Potals »einestages«, so vermeldet KRESS. Der Preis soll 4,80 EUR betragen und läge damit unter denen anderer Geschichtsmagazine wie »Geo-Epoche« (8,50 EUR), »epoc« (7,90 EUR) oder »Damals« (6,10 EUR). Offenbar orientierte man sich bei der Kalkulation eher an einem Magazin wie »Die Zeit – Zeitgeschichte« (meist 4,50 EUR) und sehr populärwissenschaftlichen Magazinen wie »P.M. History« (4,50 EUR) oder »G Geschichte« (4,30 EUR).

Abgesehen davon, dass es angesichts des bestehenden Negativtrends in der Presselandschaft bereits bemerkenswert ist, dass überhaupt noch ein Verlag den Versuch unternimmt, einen neuen Titel am Markt zu platzieren, scheint ein weiterer Punkt fast noch erstaunlicher. Während die meisten heutzutage online präsenten Presseerzeugnisse nämlich zuerst als Printausgabe existierten und sich dann – den Zeichen des Internetzeitalters früher oder später Rechnung tragend – eine Internetpräsenz zulegten, ist bei »einestages« genau das Gegenteil der Fall. Im Oktober 2007 auf den Seiten von »Spiegel-Online« gelauncht, hat »einestages« offenbar eine so große Resonanz bei den Lesern hervorgerufen, dass man nun den Testballon einer Printversion startet.

Ein ähnliches Phänomen ließ sich zuvor schon beim »ebay-Magazin« beobachten, das die Stern-Verlagsgruppe im Jahr 2007 herausbrachte, wenngleich sich die Parallelen zwischen »ebay-Magazin« und der Printversion von »einestages« darin erschöpfen dürften, dass beide aus einem Internet-Projekt hervorgingen. Abgesehen davon ging ja nicht »ebay.de« in Druck, sondern Geschichten und Erlebnisse rund um die Auktionsplattform.

Eine weitere Besonderheit von »einestages« ist, dass es zu einem großen Teil aus »User Generated Content« besteht. Das ist nicht zuletzt wirtschaftlich sehr vorteilhaft für den Verlag. Man lässt einfach die Leser ihre persönliche Geschichte bzw. Erinnerung schreiben, bebildern und sich dann zuschicken. Man selbst überprüft und redigiert sie schließlich »nur« noch, bündelt und präsentiert sie und setzt die Themen. Die Gesamtheit dieser Geschichten solle nicht weniger als ein »kollektives Gedächtnis unserer Geschichte« bilden, so ist bei »einestages« zu lesen. Das klingt nach einem hehren Vorhaben und ist es womöglich auch. Doch auch bei »einestages« ist Werbung geschaltet, wenn auch wenig aufdringlich. Letztlich geht es mit Sicherheit auch darum, Geld zu verdienen, schließlich ist der »Spiegel« kein Verein von Altruisten. Von der Printausgabe wird man sich erhoffen, mit »User Generated Content« Gewinn zu erwirtschaften. Was mit Talkshows seinen unheilvollen Anfang nahm, könnte somit eine glückliche Wende nehmen. Die User steuern ihre Geschichten bei, können sie dann als Leser in einer Printausgabe lesen, ein Pool der Geschichte des Privaten Lebens wird geschaffen, und »Der Spiegel« verdient daran, ohne viel investieren zu müssen. Die Liste der Partner von »einestages« stimmt zudem optimistisch hinsichtlich der Qualität des Inhalts. So finden sich dort u.a. das Bundesarchiv, die Deutsche Fotothek, das Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die defa-spektrum GmbH, das Deutsche Auswandererhaus sowie der Progress Film-Verleih. Man setzt also nicht allein auf »User Generated Content«, sondern favorisiert eine Mischung.

Bemerkenswert ist, diese Spitze sei erlaubt, dass »Der Spiegel« hier auf das Wissen der Massen vertraut, wo er viele Phänomene des »Web 2.0«, wie z.B. Blogs doch meist äußerst skeptisch kommentiert, belächelt und klein zu reden versucht. Vielleicht muss das Wissen der Massen eben nur von hoch qualifizierten Spiegel-Redakteuren kontrolliert, kanalisiert und veredelt werden sowie dem »Spiegel« zu Profit verhelfen, um als gut befunden zu werden.

Letzten Endes scheint »einestages« ein interessantes und viel versprechendes Projekt zu sein. Ein Projekt zudem, von dem alle profitieren und das es verdiente, in den Zeitschriftenkiosken Fuß zu fassen. Geschichte ist wichtig und ihre Kenntnis noch viel mehr. Und wenn »Der Spiegel« obendrein noch Geld damit verdient, ist das auch nicht von Schaden, es gibt weiß Gott Schlimmeres. Endlich einmal kein weiterer Lifestyle-Magazin-Klon oder Frauen-Magazin-Abklatsch, dafür gönnt man dem »Spiegel« auch ein kleines bisschen Gewinn. Es ist übrigens als gutes Zeichen im Sinne des Kampfes gegen die Verdummung zu werten, dass »einestages« am 5. März den goldenen LeadAward 2008 in der Kategorie »Webmagazin des Jahres« erhielt und nicht irgendein Lifestyle-Webmagazin. Muss es da weiter stutzig machen, dass »Der Spiegel« in der Sponsorenliste des LeadAward auftaucht? Es bleibt abzuwarten, ob der Printausgabe der gleiche Erfolg beschieden sein wird wie der Online-Version.

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Suizid bei Olympia? Oder doch eher ein Fall für Bastian Sick?

In seinen gestrigen „Top-News: Das Wichtigste am Mittag“ vermeldete Spiegel Online folgende zunächst dramatisch anmutende Nachricht über einen deutschen Sportschützen:

„Ralf Schumann erschoss sich mit seiner Schnellfeuerpistole […]“

nicht jedoch, ohne dann doch noch zur allgemeinen Beruhigung hinzuzufügen:

„[…] Silber.“

Die hierbei mögliche Irritation beim Hörer beruht wohl auf der Tatsache, dass die reflexive Form des Verbs „erschießen“ gemeinhin nicht in einer Kette „Dativobjekt-Akkusativobjekt“ verwendet wird, sondern lediglich mit einem der Reflexivform innewohnenden Akkusativobjekt. Setzt man nun die feststehende Form „sich erschießen“ in Bezug zu einem Dativobjekt und lässt dann ein sich darauf beziehendes Akkusativobjekt folgen, besteht die Gefahr der Missverständlichkeit. Diese Gefahr betrifft wie im oben geschilderten Fall z.B. die dritte Person Singular, da bei dieser die Form des Reflexivpronomens vom Kasus unberührt bleibt. Gleiches trifft aber auch auf die erste, zweite und dritte Person Plural zu:

Ich erschieße mich / mir
Du erschießt dich / dir
Er / sie / es erschießt sich / sich
Wir erschießen uns / uns
Ihr erschießt euch / euch
Sie erschießen sich / sich

Es ist anzunehmen, dass sich eben aufgrund dieser Problematik die Wendung „jmdm. etw. erschießen“ nirgendwo lexikalisiert findet. Selbstverständlich steht es jedem frei, Neologismen bzw. Wendungen und Kombinationen in den Sprachschatz einzubringen. Das macht diesen ja unter anderem aus. Wenn man sich Gold erschwimmen und Bronze erlaufen kann, warum sollte man sich nicht auch Silber erschießen können? „Jmdm. etw. erlaufen“ ist beispielsweise lexikalisiert, nämlich: „durch Laufen (als Preis) gewinnen: du hast [dir] viele Trophäen erlaufen.“1

Bei solchen Übertragungen anderer unproblematischer Wendungen sollte man jedoch vielleicht darauf Acht geben, dass es nicht zu unliebsamen Missverständnissen kommt. Natürlich erschließt der Kontext alsbald den gewollten Sinn. Dennoch stockt man zunächst. „Sich Silber erschwimmen“ ist deshalb unproblematisch, weil „sich erschwimmen“ allein nicht lexikalisiert ist, schon gar nicht mit problematischer Bedeutung. „Sich erschießen“ hingegen ist eben lexikalisiert.

Was spräche dagegen, in einem missverständlichen Fall herkömmliche Verben wie „erkämpfen“, „erstreiten“ „erringen“, „erreichen“ oder „erzielen“ zu verwenden? Dass man auf „gewinnen“ verzichtet, ist dann verständlich, wenn deutlich gemacht werden soll, dass der Sieg weniger auf Glück als vielmehr auf Kampf, Zähigkeit, Fähigkeit, Konzentration, Betablocker – wie offenbar im Fall des nordkoreanischen Sportschützen Kim Jong Su – oder anderweitige Leistung zurückzuführen ist.

Besonders problematisch wird „jmdm. etw. erschießen“, wenn die 3.P.Sg. oder eine der drei Personen Plural im Präteritum verwendet werden – wie im behandelten Beispiel – weil hier die Syntax so geartet ist, dass das Akkusativobjekt erst an letzter Position erscheint und somit Leser bzw. Hörer bis zuletzt im Unklaren lässt bzw. im Glauben, dass sich jemand erschossen habe. Die Formulierung im Perfekt wäre hingegen unproblematisch, weil hier das erklärende Akkusativobjekt vor dem problematischen Verb kommt: „Er hat sich Silber erschossen.“ Das Präsens dagegen birgt das gleiche Problem wie das Präteritum: „Er erschießt sich Silber.“ Das Plusquamperfekt ist wieder unproblematisch: „Er hatte sich Silber erschossen.“ Ebenso unproblematisch sind Futur I und Futur II: „Er wird sich Silber erschießen bzw. erschossen haben.“

Doch Spiegel Online macht den Eindruck, „jmdm. etw. erschießen“ zur Gleichberechtigung gegenüber „jmdm. etw. erlaufen“ verhelfen zu wollen. So kann man dort z.B. in einem Artikel vom 30.11.2007 über die Biathletin Magdalena Neuner lesen:

Sie […] düpierte die gesamte Biathlon-Weltspitze, erlief und erschoss sich Gold in den Disziplinen Verfolgung, Sprint und in der Staffel.

Das klingt ja schon fast nach dem „goldenen Schuss“. Im Kampf um die Gleichberechtigung will wohl auch der Hessische Rundfunk nicht hintan stehen und vermeldete gestern:

Der […] Sportschütze Christian Reitz ist der erste Hesse, der in Peking eine Medaille erobert hat. Am Samstagfrüh [sic] erschoss er sich Bronze.

Weniger missverständlich, da sensibler formuliert, äußert sich die kostenlose Schweizer Pendlerzeitung „.ch“, wo es in einer Meldung vom 15. August heißt:

Die Bronzemedaille erschoss sich der Russe Bajir Badenow gegen Juan Rene Serrano aus Mexiko […].

Ein geschickter syntaktischer Schachzug: Man stellt einfach das Akkusativobjekt ganz an den Anfang und kann somit problemlos „jmdm. etw. erschießen“ in der 3.P.Sg. und im Präteritum verwenden. Hier wird allerdings „jmdm. etw. erschießen“ noch ergänzt, so dass man „jmdm. etw. gegen jmdn. erschießen“ erhält.

Ebenfalls sprachlich sensibler als Spiegel Online und der Hessische Rundfunk zeigt sich ausgerechnet der Deutsche Schützenbund, der nämlich in einer Meldung vom 5. Mai dieses Jahres den doppeldeutigen Begriff in Anführungszeichen setzt:

In der Einzelwertung der Junioren war es Florian Hoheisel […], der sich mit 595 Ring [sic] die Goldmedaille »erschoss«.

Möglicherweise ist man angesichts der jüngsten Amokläufe um seinen Ruf besorgt und will Missverständnisse um jeden Preis vermeiden.

Ein Beispiel, bei dem die Aufklärung wirklich lange auf sich warten lässt, findet sich in den aktuellen Mitteilungen des SSG-Röwekamp, eines Schützenvereins aus dem Landkreis Osnabrück, wo es heißt:

Lisa erschoss sich im Finale mit anschliessendem Stechschuß vom 6. Platz aus gestartet noch die Bronzemedaille.

Spätestens nach dem Stechschuss wähnten die meisten Leser Lisa wohl nicht mehr unter den Lebenden. Ganz davon zu schweigen, dass hier der Gebrauch von Eszett und doppeltem „S“ etwas durcheinander geraten ist und auch der Einsatz von Kommas zum Zweck der Gliederung und Verständniserleichterung ein wenig zu kurz gekommen ist.

Abschließend sei festgehalten, dass es nun nicht gerade so ist, dass Spiegel Online dem „Sprachwahrer des Jahres 2004” und Redaktionsmitglied eben dieses Mediums – Bastian Sick – nicht auch mitunter ein Betätigungsfeld böte, auch wenn dieser sicher vor lauter Arbeit bisweilen erschossen ist …2

  1. Quelle: DUW []
  2. „erschossen sein (ugs.; am Ende seiner Kräfte, völlig erschöpft sein)“ Quelle: ebd. []
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Bunker Von-Sauer-Straße, Ecke Silcherstraße (Hamburg Bahrenfeld)

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Dieses Bunkerhaus befindet sich in der Von-Sauer-Straße 42 im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld. Es ist eines der letzten Gebäude vor der A7, wenn man von Osten her kommt bzw. stadtauswärts fährt. Das Beispiel dieses Bunkers zeigt, wie sich mit einfachsten Mitteln das Erscheinungsbild solch grauer Klötze erträglich machen lässt, ohne Geschichte zu verleugnen.
Es handelt sich hierbei um ein denkbar schlichtes Trompe-l’œil, das es weniger darauf anlegt, dem kritischen Blick sein wahres Wesen ernsthaft und lange zu verschleiern als vielmehr darauf, dem schweifenden Blick allzu schmerzhafte Hässlichkeit zu ersparen. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Die rote Farbe gibt der vormals grauen Fassade nicht nur ein wärmeres Aussehen, sondern integriert sie gut in die Reihe der benachbarten, aus rotem Backstein errichteten Häuser. Die angetäuschten Fenster verleihen ihr Offenheit und Helligkeit und sorgen dafür, dass der Klotz weniger monolithisch wirkt. Die zahlreichen runden Lüftungsöffnungen wurden dabei geometrisch gut integriert. Die Details zweier menschlicher Gesichter sowie einer schwarzen Katze, die drei der vermeintlichen Fenster zieren, vermögen gar, etwas Lebendigkeit zu erzeugen. Wie die meisten anderen Hamburger Bunker, wird auch dieser als Werbefläche genutzt. Im Moment sind dies zwei Tafeln mit wechselnder Werbung sowie eine dauerhaft vermietete Fläche. Außerdem befindet sich auf dem Dach des Bunkers ein monströser Sende- oder/und Empfangsmast, der über eine fest installierte Leiter im Hinterhof erreicht werden kann. Die vom Hinterhof zu sehende Fassade ist üppig und flächendeckend begrünt. Ob und wenn ja, wie das Bunkerinnere genutzt wird, ist dem Verfasser nicht bekannt.

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Alles in allem handelt es sich hier um eine simple aber ihren Zweck hervorragend erfüllende Illusionsmalerei. Warum sind dann noch so viele Bunker grau? Die Schrecken des Krieges lassen sich nur bedingt durch die Hässlichkeit unserer Alltagsumgebung begreiflicher machen. Was also spricht dagegen, die Fassaden wenigstens wärmer zu gestalten? Es ist kaum anzunehmen, dass auch nur ein Nazi weniger der Verdummung anheim fällt, wenn Bunkerfassaden grau bleiben. Im Gegenteil. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Graue Bunker dienen Nazis mit Sicherheit eher als gute Vorlage für ihre selbstmitleidige und dreiste These des „Bomben-Holocaust“. Die heutige Hässlichkeit vieler deutscher Städte führen sie nicht etwa auf die Nazis zurück, sondern auf die Alliierten und solche Feindbilder wie den Oberkommandierenden des Bomber Command der Royal Airforce, Arthur Harris, der dann gerne als „Bomber Harris“ bezeichnet wird. Doch Harris hatte ja nun nicht so ganz unrecht damit, dass es das Deutsche Reich war, das damit begonnen habe, die Zivilbevölkerung zum Ziel von Terrorangriffen zu machen. Diese Tatsache macht die Flächenbombardements der Alliierten zwar nicht humaner, stellt aber doch massiv das Recht derjenigen Deutschen infrage, welche die alliierten Luftangriffe, aus dem Kontext gelöst, als unmoralisch anprangern ohne eben zu erwähnen, dass es Nazis und nicht Briten waren, die Gernika zu 80 Prozent zerstörten, gezielt auf flüchtende Zivilbevölkerung schossen und somit diese Unmoral im noch jungen Phänomen des Luftkrieges überhaupt erst einführten. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Das vorgebliche strategische Ziel hingegen – ein Brücke nämlich – wurde nicht von einer einzigen Bombe getroffen. Auch wird gerne unterschlagen, dass es Nazis waren, die Coventry, Rotterdam, Warschau, London und Belgrad bombardierten.
Inwiefern man angesichts deutscher Vernichtungs- und Konzentrationslager und der darin getöteten mehreren Millionen Menschen ausgerechnet den Alliierten ein unmoralisches Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung vorwerfen kann, ist sowieso fragwürdig. Vielmehr stellt sich die Frage, ob die Alliierten nicht durch gezielte Bombardements der Infrastruktur der Vernichtungslager das industrielle Morden der Nazis hätten aufhalten können. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Schließlich war den Alliierten durch die Entschlüsselung von Enigma-Nachrichten seit 1943 bekannt, was in den Todeslagern vor sich ging.
Insbesondere zu den Vernichtungslagern führende Bahnlinien hätten bombardiert werden können. Während eines Treffens mit dem britischen Außenminister Anthony Eden am 6. Juli 1944 schlug Chaim Weizmann als Vertreter der Jewish Agency die Bombardierung der Eisenbahnstrecke Budapest-Auschwitz und der Vernichtungsanlagen innerhalb des Lagers vor. Doch die Alliierten waren der Ansicht, dass ein schneller Sieg über das Dritte Reich die effektivste Hilfe für KZ-Häftlinge sei, weshalb man trotz anfänglicher Aufgeschlossenheit gegenüber einer Bombardierung von KZ-Infrastruktur letztlich davon absah.

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Am 1. Mai hat die Post geschlossen

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Alles fing damit an, dass der NPD-Politiker Thomas Wulff ein Paket zur Post bringen wollte. Offenbar hat niemand seiner zahlreichen Begleiter ihn darauf hingewiesen, dass der 1. Mai ein Feiertag und das Postamt somit geschlossen ist. Man fragt sich, warum er sich zu diesem Zweck auf den über 100 Kilometer langen Weg aus dem mecklenburgischen Ludwigslust nach Hamburg begab. Aber gut, das ist seine Privatangelegenheit. Vielleicht wollte er den Gang zur Post mit einem Besuch bei Freunden in Hamburg verbinden. Vielen Freunden begegnete er dort dem Anschein nach aber nicht. Im Gegenteil. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Hamburgern schien vorab über die Ankunft von Herrn Wulff informiert gewesen zu sein, da sie ihn mit Sprechchören empfing. Niemand aber klärte ihn und seine Reisegefährten darüber auf, dass die Postämter heute geschlossen waren. Stattdessen skandierte man Sätze wie: „Ihr habt den Krieg verlor’n!“ Dies ist nun wirklich alles andere als hilfreich für einen Menschen, der auf der Suche nach einem Postamt ist. Man hätte ihn wenigstens darauf hinweisen können, dass es Packstationen gibt, an denen man zu jeder Tages- und Nachtzeit und auch an Feiertagen seine Pakete aufgeben kann. So aber irrte Wulff zusammen mit seinen Kameraden stundenlang mit seinem Paket unter dem Arm durch Hamburgs Norden. Die Menge schien ob des Missverständnisses von Wulff höchst erbost. Warum eigentlich? Das kann doch jedem einmal passieren. Angesichts dieser lautstark geäußerten Wut echauffierten sich auch Wulffs Begleiter zunehmend und begannen, Transparente zu entfalten. Langsam drängte sich der Verdacht auf, dass es hier um mehr als nur um das Verschicken eines Pakets ging. Auf den Transparenten nun fanden sich Aussagen wie: „International ist nur das Kapital – Freie Nationalisten Mecklenburg Süd-West“. Aha. Ein weiteres Transparent war beschriftet mit: „Deutsche Intifada“. Passend dazu trug ein anderer Reisegefährte eine Palästina-Flagge. Auch die mittlerweile obligatorische Flagge des Iran ließ man im Maiwind flattern. Ahmadinedschad, der große Freund des jüdischen Volkes, konnte selbst nicht kommen, um für die Tilgung Israels von der Landkarte zu plädieren. Er bereitet womöglich gerade eine Rede zum bevorstehenden 60. Jahrestag der Gründung Israels vor oder inspiziert die Bahnlinie, auf welcher der Mahdi dereinst nach Teheran reisen soll. Die US-amerikanische Flagge reckte man verkehrt herum empor. Also wirklich, die NPD-Anhänger werden immer einfallsreicher und subtiler. Auch die Kameradschaft Northeim hatte ein eigenes Transparent dabei mit einem Bertolt Brecht zugeschriebenen Ausspruch: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“ Der NPD-Kreisverband Kiel-Plön war ebenfalls mit einem Transparent vertreten. Dieses trug die Aufschrift: „Widerstand läßt sich nicht verbieten!“ Was sind da schon die Transparente der Gegner: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“ Dort hielt man u.a. auch die Flagge der Sowjetunion empor, die ja nun nicht gerade Sinnbild für eine pluralistische und demokratische Gesellschaft ist. Die Angelegenheit wurde zunehmend unerquicklich, so dass den NPD-Anhängern der Weg mit Wasserwerfern frei gespritzt wurde, damit sie ihren Weg in Richtung Stadtpark fortsetzen konnten. Dabei verloren sie viele kleine Zettelchen, auf denen die freundliche Einladung: „komm & mach mit bei den autonomen nationalisten!“ zu lesen war, inklusive Deppenapostroph bei „Info’s unter http://www…“. Also wirklich, diese Nazi’s aber auch! Später dann waren die NPD-Anhänger mehrere Stunden in der Straße „Alte Wöhr“ eingekesselt.

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Irgendwann ging völlig überflüssigerweise ein Polizeiauto in Flammen auf, später dann sechs Privatfahrzeuge. Neben diesen Fahrzeugen lagen CDs mit Titeln wie „RMK Waffen SS“. Ein Fahrzeug aus Hessen hatte rein zufällig die „1488” als Bestandteil des Kennzeichens. Natürlich stand die „14” nicht für die „Fourteen Words” des US-amerikanischen Neonazis David Lane, die da besagen: „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ Ebenso wenig stand die „88” im Kennzeichen für den achten Buchstaben im Alphabet, sodass „HH” also „Heil Hitler” gemeint ist. Das zusätzliche „N“ im Kennzeichen sollte höchstwahrscheinlich auch nicht für „national“ stehen. Das ist den hessischen Touristen bisher womöglich noch gar nicht aufgefallen. Möglicherweise war diese Kombination ja tatsächlich der blanke Zufall, und die Fahrzeugbesitzer sonnten sich gerade im Stadtpark, ohne etwas mit der Demonstration zu tun zu haben. Vielleicht aber auch nicht. Ungeachtet dessen ist solcher Vandalismus natürlich nicht gerechtfertigt und trägt alles andere als dazu bei, etwas in den Köpfen von Rechtsradikalen zu verändern. Nachdem die NPD nach vielen Stunden noch immer kein Postamt gefunden hatte, wo man Wulffs Paket hätte aufgeben können, beschimpfte man kurz vor der Heimfahrt den Hamburger Senat als „schwule Regierung“, als ob er für die Öffnungszeiten von Postämtern zuständig sei. Hätte die NPD Wulffs Paket doch einfach morgen in Ludwigslust zur Post gebracht. All das hätte vermieden werden können!

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