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Suizid bei Olympia? Oder doch eher ein Fall für Bastian Sick?

In seinen gestrigen „Top-News: Das Wichtigste am Mittag“ vermeldete Spiegel Online folgende zunächst dramatisch anmutende Nachricht über einen deutschen Sportschützen:

„Ralf Schumann erschoss sich mit seiner Schnellfeuerpistole […]“

nicht jedoch, ohne dann doch noch zur allgemeinen Beruhigung hinzuzufügen:

„[…] Silber.“

Die hierbei mögliche Irritation beim Hörer beruht wohl auf der Tatsache, dass die reflexive Form des Verbs „erschießen“ gemeinhin nicht in einer Kette „Dativobjekt-Akkusativobjekt“ verwendet wird, sondern lediglich mit einem der Reflexivform innewohnenden Akkusativobjekt. Setzt man nun die feststehende Form „sich erschießen“ in Bezug zu einem Dativobjekt und lässt dann ein sich darauf beziehendes Akkusativobjekt folgen, besteht die Gefahr der Missverständlichkeit. Diese Gefahr betrifft wie im oben geschilderten Fall z.B. die dritte Person Singular, da bei dieser die Form des Reflexivpronomens vom Kasus unberührt bleibt. Gleiches trifft aber auch auf die erste, zweite und dritte Person Plural zu:

Ich erschieße mich / mir
Du erschießt dich / dir
Er / sie / es erschießt sich / sich
Wir erschießen uns / uns
Ihr erschießt euch / euch
Sie erschießen sich / sich

Es ist anzunehmen, dass sich eben aufgrund dieser Problematik die Wendung „jmdm. etw. erschießen“ nirgendwo lexikalisiert findet. Selbstverständlich steht es jedem frei, Neologismen bzw. Wendungen und Kombinationen in den Sprachschatz einzubringen. Das macht diesen ja unter anderem aus. Wenn man sich Gold erschwimmen und Bronze erlaufen kann, warum sollte man sich nicht auch Silber erschießen können? „Jmdm. etw. erlaufen“ ist beispielsweise lexikalisiert, nämlich: „durch Laufen (als Preis) gewinnen: du hast [dir] viele Trophäen erlaufen.“1

Bei solchen Übertragungen anderer unproblematischer Wendungen sollte man jedoch vielleicht darauf Acht geben, dass es nicht zu unliebsamen Missverständnissen kommt. Natürlich erschließt der Kontext alsbald den gewollten Sinn. Dennoch stockt man zunächst. „Sich Silber erschwimmen“ ist deshalb unproblematisch, weil „sich erschwimmen“ allein nicht lexikalisiert ist, schon gar nicht mit problematischer Bedeutung. „Sich erschießen“ hingegen ist eben lexikalisiert.

Was spräche dagegen, in einem missverständlichen Fall herkömmliche Verben wie „erkämpfen“, „erstreiten“ „erringen“, „erreichen“ oder „erzielen“ zu verwenden? Dass man auf „gewinnen“ verzichtet, ist dann verständlich, wenn deutlich gemacht werden soll, dass der Sieg weniger auf Glück als vielmehr auf Kampf, Zähigkeit, Fähigkeit, Konzentration, Betablocker – wie offenbar im Fall des nordkoreanischen Sportschützen Kim Jong Su – oder anderweitige Leistung zurückzuführen ist.

Besonders problematisch wird „jmdm. etw. erschießen“, wenn die 3.P.Sg. oder eine der drei Personen Plural im Präteritum verwendet werden – wie im behandelten Beispiel – weil hier die Syntax so geartet ist, dass das Akkusativobjekt erst an letzter Position erscheint und somit Leser bzw. Hörer bis zuletzt im Unklaren lässt bzw. im Glauben, dass sich jemand erschossen habe. Die Formulierung im Perfekt wäre hingegen unproblematisch, weil hier das erklärende Akkusativobjekt vor dem problematischen Verb kommt: „Er hat sich Silber erschossen.“ Das Präsens dagegen birgt das gleiche Problem wie das Präteritum: „Er erschießt sich Silber.“ Das Plusquamperfekt ist wieder unproblematisch: „Er hatte sich Silber erschossen.“ Ebenso unproblematisch sind Futur I und Futur II: „Er wird sich Silber erschießen bzw. erschossen haben.“

Doch Spiegel Online macht den Eindruck, „jmdm. etw. erschießen“ zur Gleichberechtigung gegenüber „jmdm. etw. erlaufen“ verhelfen zu wollen. So kann man dort z.B. in einem Artikel vom 30.11.2007 über die Biathletin Magdalena Neuner lesen:

Sie […] düpierte die gesamte Biathlon-Weltspitze, erlief und erschoss sich Gold in den Disziplinen Verfolgung, Sprint und in der Staffel.

Das klingt ja schon fast nach dem „goldenen Schuss“. Im Kampf um die Gleichberechtigung will wohl auch der Hessische Rundfunk nicht hintan stehen und vermeldete gestern:

Der […] Sportschütze Christian Reitz ist der erste Hesse, der in Peking eine Medaille erobert hat. Am Samstagfrüh [sic] erschoss er sich Bronze.

Weniger missverständlich, da sensibler formuliert, äußert sich die kostenlose Schweizer Pendlerzeitung „.ch“, wo es in einer Meldung vom 15. August heißt:

Die Bronzemedaille erschoss sich der Russe Bajir Badenow gegen Juan Rene Serrano aus Mexiko […].

Ein geschickter syntaktischer Schachzug: Man stellt einfach das Akkusativobjekt ganz an den Anfang und kann somit problemlos „jmdm. etw. erschießen“ in der 3.P.Sg. und im Präteritum verwenden. Hier wird allerdings „jmdm. etw. erschießen“ noch ergänzt, so dass man „jmdm. etw. gegen jmdn. erschießen“ erhält.

Ebenfalls sprachlich sensibler als Spiegel Online und der Hessische Rundfunk zeigt sich ausgerechnet der Deutsche Schützenbund, der nämlich in einer Meldung vom 5. Mai dieses Jahres den doppeldeutigen Begriff in Anführungszeichen setzt:

In der Einzelwertung der Junioren war es Florian Hoheisel […], der sich mit 595 Ring [sic] die Goldmedaille »erschoss«.

Möglicherweise ist man angesichts der jüngsten Amokläufe um seinen Ruf besorgt und will Missverständnisse um jeden Preis vermeiden.

Ein Beispiel, bei dem die Aufklärung wirklich lange auf sich warten lässt, findet sich in den aktuellen Mitteilungen des SSG-Röwekamp, eines Schützenvereins aus dem Landkreis Osnabrück, wo es heißt:

Lisa erschoss sich im Finale mit anschliessendem Stechschuß vom 6. Platz aus gestartet noch die Bronzemedaille.

Spätestens nach dem Stechschuss wähnten die meisten Leser Lisa wohl nicht mehr unter den Lebenden. Ganz davon zu schweigen, dass hier der Gebrauch von Eszett und doppeltem „S“ etwas durcheinander geraten ist und auch der Einsatz von Kommas zum Zweck der Gliederung und Verständniserleichterung ein wenig zu kurz gekommen ist.

Abschließend sei festgehalten, dass es nun nicht gerade so ist, dass Spiegel Online dem „Sprachwahrer des Jahres 2004” und Redaktionsmitglied eben dieses Mediums – Bastian Sick – nicht auch mitunter ein Betätigungsfeld böte, auch wenn dieser sicher vor lauter Arbeit bisweilen erschossen ist …2

  1. Quelle: DUW []
  2. „erschossen sein (ugs.; am Ende seiner Kräfte, völlig erschöpft sein)“ Quelle: ebd. []
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