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Verrat am Verräter

Wie viele andere Zeitungen, wirft auch die „junge Welt” ihre marxistisch orientierte1 Postille auf der Leipziger Buchmesse kostenlos unters Volk. Damit verbindet sich wohl die vage Hoffnung, den einen oder anderen Leser hinzugewinnen zu können.

Da man aus Erfahrung weiß, dass dieses Blatt bisweilen mit unfreiwilliger Komik und selbstparodistischen Zügen aufwartet, greift man zu, um in einer ruhigen Minute, wenn es einen mal wieder nach Realsatire gelüstet, darin schmökern zu können. Ist es dann soweit, tut sich eine Parallelwelt auf, bei der man zwischen Lachen und Entsetzen schwankt. Ein Beispiel, bei dem diese beiden Gefühlsregungen heftig miteinander konkurrieren, wurde hier bereits 2006 anhand einer in der „jungen Welt” abgedruckten Traueranzeige für Slobodan Milosevič dokumentiert. Darin würdigte man den als Kriegsverbrecher angeklagten Milosevič als „heldenhaften Verteidiger Jugoslawiens und des Völkerrechts” sowie als „Internationalisten, Antiimperialisten und Sozialisten”.2

In der diesjährigen Gratisausgabe nun fällt einem zunächst die zwölfseitige Beilage „marxismus” entgegen, schließlich jährt sich Marx’ Todestag 2008 zum 125. Mal, sein Geburtstag gar zum 190. Mal. So, nun hält man die Rumpfausgabe in den Händen und beginnt nach alter Gewohnheit, von hinten zu blättern.

Zunächst liest man da, dass Bernd Stange, der einstige Trainer der DDR-Fußballnationalmannschaft3, gerade 60 Jahre alt geworden sei und dass es ihn nunmehr nach Belorussland verschlagen habe. Ganz richtig, die DSFler der „jungen Welt” sagen nicht „Weißrussland”, sondern in alter DDR-Manier „Belorussland”, was natürlich der Originalbezeichnung näher kommt und somit korrekter ist. Inkonsequent ist es allemal. Konsequenterweise müsste man sagen „Bielarus”4 oder eben „Weißrussland”. Aber solche Überlegungen spielen im Sprachgebrauch der „jungen Welt” wohl eher eine untergeordnete Rolle. Wichtiger scheint die Identifikation mit der Sprache des untergegangenen Idealstaates DDR zu sein.

In gewisser, etwas eindimensionaler Weise ist der „jungen Welt” Sprache nämlich gar nicht einerlei. Ganz genau schaut man bei den bürgerlichen Medien hin. So findet sich auf Seite 13 der Ausgabe vom 14. März 2008 ein Artikelchen mit der Überschrift „LTI aktuell”. Darin weist man anhand entsprechender Beispiele darauf hin, dass der Programmdirektor des Deutschlandfunks, Günter Müchler, in einem Interview in nur drei Minuten vier Mal Lingua Tertii Imperii verwendet habe (siehe screen capture). In der Tat verwendet Müchler da ein etwas merkwürdiges und durchaus nach LTI klingendes Vokabular.5 Insbesondere die Tatsache, dass Müchler über Lyrik spricht, lässt es seltsam erscheinen, dass Begriffe wie „reingeschossen”, „eingeschlagen” und „Offensive” fallen. Gut, da hat die „junge Welt” offenbar einen Vogel „abgeschossen” (LTI?!).
Den Sprachliebhabern von der „jungen Welt” ist ja aber wohl hoffentlich nicht entgangen, dass Victor Klemperer nach 1945 nicht aufgehört hat zu schreiben. Deswegen wird man bei der „jungen Welt” sicher auch schon von der sogenannten „LQI” gehört oder gelesen haben. Hinsichtlich dieser Lingua Quartii Imperii notiert Klemperer:

„Ich muß allmählich anfangen, systematisch auf die Sprache des vierten Reiches zu achten. Sie scheint mir manchmal weniger von der des dritten unterschieden als etwa das Dresdener Sächsische vom Leipziger6. Wenn etwa Marschall Stalin der Grösste der derzeit Lebenden ist, der genialste Stratege usw. Oder wenn Stalin in einer Rede aus dem Anfang des Krieges von Hitler, natürlich mit allergrößtem Recht, als von dem »Kannibalen Hitler« spricht. Jedenfalls will ich unser Nachrichtenblatt und die Deutsche Volkszeitung, die mir jetzt zugestellt wird, genau sub specie LQI studieren.”7

„Jeden Tag beobachte ich von neuem die Fortdauer von LTI in LQI.”8

„LTI = LQI!!”9

„LQI übernimmt LTI mit Haut und Haaren. Sogar Becher – höher geht’s nimmer – schreibt andauernd kämpferisch. Frau Kreisler erstaunt, als ich »charakterlich« beanstande. In einem Aufsatz, der die Humanität der jetzigen Straflager (Kommandohaft) rühmt, werden die Häftlinge zu »einsatzfreudigen« Menschen erzogen.”10

„[...] und dieses Ganze concentriert sich immer mehr auf den einen Ulbricht, unterscheidet sich immer weniger von nazistischer Gesinnung u. Methode. Sag Arbeiterklasse statt Rasse, u. beide Bewegungen sind identisch. Tyrannei u. Enge nehmen täglich zu. Glaubenshetze, Jugendweihe, Kampf gegen »ideologische Coëxistenz« gegen »Fraktionismus«, gegen »kleinbürgerliche Überheblichkeit« – all das ist LQI.11

Wie wäre es, liebe „junge Welt”, wenn Du der Rubrik „LTI aktuell” noch eine weitere mit dem Titel „LQI aktuell” hinzufügtest? Deine eigenen Seiten dürften vorerst ausreichend Stoff dafür bieten.

Was Klemperers Verhältnis zum Kommunismus angeht, sei zudem abermals aus seinem Tagebuch zitiert:

„Es ist mir an diesem Nachmittag klar geworden, daß der Kommunismus gleicherweise geeignet ist, primitive Völker aus dem Urschlamm zu ziehen und civilisierte in den Urschlamm zurückzutauchen. Im zweiten Fall geht er verlogener zu Werk und wirkt nicht nur verdummend sondern entsittlichend, indem er durchweg zur Heuchelei erzieht. Ich bin gerade durch meine Chinareise u. bei Anerkennung der gewaltigen Leistungen hier zum endgiltigen Antikommunisten geworden. Das kann nicht Marx’ Idealzustand gewesen sein.”12

Doch zurück zum Fußballtrainer Bernd Stange. Nun erfährt man, dass Stange seinen Geburtstag bei einem Schnittchenbüffet in Minsk begehe, um dann im Sommer in Jena mit einem Grillfest nachzufeiern. Irgendwie erinnert diese Passage an Loriots Lottogewinner Lindemann: „Ich … heiße … Erwin … Lindemann, bin Rentner und 66 Jahre … mit meinem Lottogewinn von 500.000 D-Mark mache ich erst mal eine Reise nach Island … dann fahre ich mit meiner Tochter nach Rom und besuche eine Papstaudienz … und im Herbst eröffne ich dann in Wuppertal eine Herren-Boutique”.13 – Schließlich liest man, dass es Stanges Ziel sei, sich mit der weißrussischen Nationalmannschaft für die WM 2010 in Südafrika zu qualifizieren.

Nun schweift der bereits amüsierte Blick weiter nach unten und bleibt an folgender erschreckenden Überschrift hängen: „Kuba verraten”. Ein Schauder ergreift sogleich den Leser, der sich alsdann bange fragt, wer in aller Welt Kuba verraten habe? Der erste Verdacht geht dahin, dass der gesamte einstige Ostblock – ausgenommen natürlich der „geliebte Führer” Kim Jong-il – gemeint sei. Doch dieser Verdacht zerschlägt sich sogleich, ist die Seite 16 der „jungen Welt” doch dem Sport vorbehalten. Also liest man weiter. Nach einem Qualifikationsspiel der kubanischen Olympiaauswahl, heißt es da, seien fünf kubanische Spieler nicht in ihr Quartier zurückgekehrt. Unter ihnen befänden sich sowohl der Torwart als auch der Kapitän.

Da hat die „junge Welt” ja ein glückliches Händchen bewiesen, dass sie diesen Kuba-Artikel direkt unter denjenigen über den ehemaligen Trainer der DDR-Fußballnationalmannschaft platzierte. Damit erleichtert sie es dem Leser, sich zu erinnern, dass die Staatssicherheit der DDR sehr viel besser zu verhindern wusste, dass DDR-Athleten Fahnenflucht begingen. In der DDR wurden Republikflüchtige schon mal durch Erschießen zum Bleiben im lebenswerten Sozialismus überredet. Diese Karibik-Bewohner sind da offenbar etwas nachlässiger, so dass eben fünf Leute auf einmal durchs Netz gehen können. Gut, die Sache verkompliziert sich, wenn man sich mitten im Land des imperialistischen Feindes aufhält. Dafür hat Kuba aber durch seine Insellage wiederum einen Heimvorteil bei der Verhinderung von Republikflucht.

In den verklärten Augen der „jungen Welt” haben die kubanischen Sportler also Verrat an Kuba und höchstwahrscheinlich am Sozialismus insgesamt begangen. Per definitionem bedeutet Verrat „Bruch eines Vertrauensverhältnisses”14 Hat man diese fünf bzw. all die anderen Kubaner je gefragt, ob das Kuba des Máximo Líder, ob der Sozialismus und alles, was mit ihm einhergeht, das ist, was sie wollen? Oder wird nicht vielmehr das Volk zu seinem „Glück” gezwungen? Besteht zwischen Volk und Regierung Kubas, Nordkoreas oder auch Weißrusslands tatsächlich ein Vertrauensverhältnis, das gebrochen werden kann? Oder handelt es sich nicht vielmehr um ein Abhängigkeitsverhältnis, in das man hineingeraten ist oder hineingeboren wurde und aus dem man ausbrechen möchte, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt? Wie lebenswert muss ein Land sein, dem selbst privilegierte Reisekader wie eben Sportler den Rücken kehren?

Reicht es den Bewohnern Kubas etwa nicht, eine der höchsten Alphabetisierungsraten und Ärztedichten sowie eine der niedrigsten Kindersterblichkeitsraten und eine hohe Lebenserwartung zu haben? Reichen ihnen denn nicht die schönen Strände, derentwegen es Touristen aus aller Welt nach Kuba zieht? Ganz zu schweigen vom herrlichen Klima. Was will er denn noch, der undankbare kubanische Untertan. Was könnte ihm denn fehlen?

Hat da jemand Freiheitsrechte gesagt? Nun, wie ist es denn in Kuba um die Freiheitsrechte bestellt? Dazu heißt es beispielsweise im Jahresbericht 2007 von „amnesty international”:

Die Rechte auf freie Meinungsäußerung und Vereinigungsfreiheit waren nach wie vor massiv beschnitten. [...] Politisch Andersdenkende, unabhängige Journalisten und Menschenrechtsverteidiger sahen sich anhaltenden Repressalien und Einschüchterungsversuchen ausgesetzt oder wurden inhaftiert, einige ohne Anklageerhebung oder Prozess. [...]

Alle Presse- und Rundfunkmedien unterlagen weiterhin strikter staatlicher Kontrolle. Repressalien und Einschüchterungsversuche gegenüber unabhängigen Journalisten und Betreibern regimekritischer Büchereien nahmen zu. Personen, die im Verdacht standen, Kontakte zu Dissidentengruppen zu unterhalten, oder sich für die Menschenrechte engagierten, wurden festgenommen und inhaftiert. Die Zahl der Festnahmen wegen »zu Straftaten neigender Gefährlichkeit« (peligrosidad predelictiva) stieg an. Der Zugang zum Internet außerhalb staatlicher Behörden und Bildungseinrichtungen blieb extrem eingeschränkt. Der Journalist Guillermo Fariñas trat für sieben Monate in den Hungerstreik, um einen Internetzugang zu erhalten, jedoch blieb sein Protest ohne Erfolg. [...]

Im Berichtszeitraum war eine wachsende Zahl der Fälle öffentlicher Drangsalierungen und Einschüchterungen von Menschenrechtsverteidigern und Regimekritikern durch regierungsnahe Gruppen mittels sogenannter actos de repudio zu verzeichnen. Dabei rotten sich regimetreue Bürger in großer Zahl vor der Wohnung eines Dissidenten oder Oppositionellen zusammen, um ihn zu beschimpfen, zu bedrohen und zuweilen auch tätlich anzugreifen oder sein Haus mit Steinen oder anderen Gegenständen zu bewerfen.15

Ganz ähnlich liest sich der Human Rights Watch World Report 2007:

Cuba remains the one country in Latin America that represses nearly all forms of political dissent. [...] the Cuban government continues to enforce political conformity using criminal prosecutions, long- and short-term detentions, mob harassment, police warnings, surveillance, house arrests, travel restrictions, and politically-motivated dismissals from employment. The end result is that Cubans are systematically denied basic rights to free expression, association, assembly, privacy, movement, and due process of law. [...] The Cuban government forbids the country’s citizens from leaving or returning to Cuba without first obtaining official permission, which is often denied. Unauthorized travel can result in criminal prosecution. [...] The government also frequently bars citizens engaged in authorized travel from taking their children with them overseas, essentially holding the children hostage to guarantee the parents’ return. Given the widespread fear of forced family separation, these travel restrictions provide the Cuban government with a powerful tool for punishing defectors and silencing critics. [...] The Cuban government maintains a media monopoly on the island, ensuring that freedom of expression is virtually non-existent. Although a small number of independent journalists manage to write articles for foreign websites or publish underground newsletters, the risks associated with these activities are considerable. According to Reporters Without Borders, there are currently 23 journalists serving prison terms in Cuba, most of them charged with threatening “the national independence and economy of Cuba.” This makes the country second only to China for the number of journalists in prison.16

Auf der Seite des Auswärtigen Amtes liest man zudem folgendes:

Individuelle Bürgerrechte und Grundfreiheiten werden den Kubanern nach wie vor weitgehend verwehrt. Der Papst-Besuch 1998 brachte einige Verbesserungen für die Kirche, u.a. Zulassung öffentlicher Prozessionen, jedoch nicht den von manchen erwarteten dauerhaften Lockerungsprozess. [...] Nach unabhängigen Quellen ist Kuba im weltweiten Vergleich eines der Länder mit dem höchsten Anteil politischer Gefangener pro Kopf der Bevölkerung und mit dem höchsten Anteil der Bevölkerung im Strafvollzug.17

Wer verrät hier also wen? Fünf Sportler Kuba oder doch vielmehr Kuba grundlegende Menschenrechte? Man stelle sich nur vor, der „jungen Welt” würde aufgrund ihrer politischen Einstellung der Zugang zum Internet verwehrt! Da wäre das Gezeter aber groß. Dann würde man die „BRD” lauthals als Unrechtssystem beschimpfen. Tut man das nicht schon? Man stelle sich des weiteren vor, ein Redakteur der „jungen Welt” könnte nicht reisen, wie es ihm beliebt! Man stelle sich zudem vor, ein Mitarbeiter der „jungen Welt” könnte nicht an Demonstrationen teilnehmen! Man stelle sich vor, die „junge Welt” erhielte gar keine Erlaubnis, zu erscheinen! Man stelle sich vor, Mitarbeiter der „jungen Welt” würden ohne Anklage oder Prozess inhaftiert, nur ihrer Meinung wegen! Man stelle sich vor, Mitarbeiter der „jungen Welt” würden von einem Mob regierungstreuer Bürger öffentlich beleidigt und bedroht, ihr Haus mit Steinen beworfen! Man stelle sich vor, Mitarbeiter der „jungen Welt” würden unter Hausarrest gestellt, weil ihre Meinung von der offiziellen Regierungsmeinung abweicht!

Nein, so weit denkt man bei der „jungen Welt” wohl eher nicht. All diese Bedenken lassen sich im Milieu der „jungen Welt” sicher mit einem „Hasta la victoria siempre” abtun. Aus Sicht der „jungen Welt” sind die in Kuba praktizierten Repressalien gegen Andersdenkende und die Vorenthaltung von grundlegenden Freiheitsrechten wahrscheinlich gar nichts gegen die Tatsache, dass die „junge Welt” unter Beobachtung des Verfassungsschutzes des Bundes steht. Da steht der wahre Feind. Die Imperialisten beobachten die „junge Welt”! Das wiegt wohl viel schwerer als all die Menschenrechtsverletzungen in Kuba. Die Motive der Kommunisten für den Griff zur Waffe und für die Beschneidung von Rechten sind wahrscheinlich immer hehrer Natur, während die Kriege der Imperialisten und deren Rechtebeschneidung immer von Grund auf böse und unredlich sind. Während die imperialistischen Rädelsführer die „junge Welt” „beobachten” lassen, werden in Kuba Journalisten eingeschüchtert, inhaftiert, bedroht, öffentlich gedemütigt sowie tätlich angegriffen, und es wird ihnen der Zugang zum Internet verwehrt.

Im Fall Kuba kann hinsichtlich der dortigen Menschenrechtsverletzungen allerdings nicht einmal das ansonsten bei Revolutionsromantikern sehr beliebte Argument herhalten, dass es sich dabei um „Kinderkrankheiten” handele, die im Zuge der Überwindung des Kapitalismus zwangsläufig einträten, beim Erreichen der idealen Gesellschaftsform aber verschwänden. Fast fünfzig Jahre nach der Revolution, kann man doch nicht mehr von Kinderkrankheiten sprechen!? Nun gut, man sollte wahrscheinlich nicht ein Menschenleben zum Maßstab nehmen. Vielleicht dauert die Kindheit einer gesellschaftlichen Entwicklung ja nicht zehn, sondern 100 Jahre, womöglich noch länger? Darf Kuba dann etwa noch weitere fünfzig Jahre Menschenrechte verletzen, bis die dortige gesellschaftliche Entwicklung endlich die Adoleszenz erreicht?

Da sitzen also die Mitarbeiter der „jungen Welt” in der Torstraße 6 in Berlin Mitte, genießen so ziemlich alle Freiheiten dieser Welt und beleidigen fünf Kubaner als Verräter, weil diese sich erlaubten, von einer selbstverständlichen Freiheit Gebrauch zu machen, die ihnen in ihrem Heimatland, neben vielen anderen Freiheiten vorenthalten wird. Da erinnert die „junge Welt” doch sehr an die Zeiten, als sie noch „Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend” war und mit einer Auflage von ca. anderthalb Millionen Exemplaren die Bevölkerung des Arbeiter- und Bauernstaates indoktrinierte. Angesichts solch politischer Borniertheit kann man sehr gut nachvollziehen, dass sich 1997 mit der „Jungle World” eine undogmatische und unorthodoxe linke Tageszeitung von der „jungen Welt” abspaltete. Es war wahrscheinlich auf Dauer schwer erträglich, mit sturen Nostalgikern zusammen zu arbeiten, die Staaten huldigen, welche Grundrechte mit Füßen treten aber z.B. die USA verteufeln, wenn diese Grundrechte missachten. Menschen, die pragmatisch denken und sich nicht in exklusivistischer Weise von einer einzigen Ideologie vereinnahmen lassen, sind auf Dauer eben nicht kompatibel, mit Menschen, die z.B. allein im Marxismus ihr Heil suchen.

Soweit zum redaktionellen Teil der „jungen Welt”. Am Vortag fand sich auf Seite 7 eine Anzeige, in der zur Solidarität mit Kuba aufgerufen wurde, unterzeichnet von Frank Schwitalla vom „Netzwerk Cuba – Informationsbüro e.V.”. Darin wird zur Bildung einer Menschenkette um das Gelände der Botschaft der Republik Cuba in Berlin am 18. März 2008 aufgerufen. Der Anlass dazu war offensichtlich die Ankündigung des Vereins »Kuba – Demokratische Zukunft«, am gleichen Tag vor der Botschaft eine Demonstration „für eine friedliche Wende und für eine bessere Zukunft Cubas” und für die Freilassung politischer Gefangener abhalten zu wollen.

Für das „Netzwerk Cuba” ist die Sache klar. Zunächst einmal handelt es sich seiner Auffassung zufolge nur um „sogenannte” politische Gefangene. Die Implikation soll wahrscheinlich sein, dass die kubanische Regierung hier ganz gewöhnliche Verbrecher inhaftierte – wenn schon nicht Diebe, Mörder, Vergewaltiger, dann aber doch bestimmt Agenten, die aus imperialistischen, also niederen Motiven handelten und daher völlig zu Recht im Gefängnis sitzen. Außerdem ist für das „Netzwerk Cuba” klar, dass es sich bei den Demonstranten um „Contras” also Konterrevolutionäre handele. Der Begriff „Contras” bezeichnet eigentlich von den USA z.T. über Einnahmen aus geheimen Waffenverkäufen18 und Drogenhandel finanzierte Guerilla-Kämpfer, die in den achtziger Jahren hauptsächlich von Honduras aus gegen die nikaraguanischen Sandinisten operierten, aber er lässt sich offenbar wunderbar auf alles als schlecht und imperialistisch Empfundene anwenden. Doch beim Begriff „Contras” allein belässt man es nicht. Man disqualifiziert die Demonstranten als „Handlanger des US-Staatsterrorismus”, die nichts anderes im Sinne hätten als den „Sturz der cubanischen Regierung und der sozialistischen Gesellschaftsordnung!”. Aus diesem Grund also rief das Netzwerk Cuba dazu auf, „Cubas Unabhängigkeit und Souveränität” sowie „den mehrheitlichen Willen des cubanischen Volkes auf [sic!] einen eigenständigen sozialistischen Entwicklungsweg” zu verteidigen. Am Ende steht der Ausruf: „Den Contras keine Chance! Cuba ist nicht allein!”

Damit wieder zurück zum redaktionellen Teil. Am 18. März 2008 druckte die „junge Welt” auf Seite 4 einen kleinen Artikel zu diesen beiden Demonstrationen ab, der sich fast wie ein Veranstaltungshinweis liest, da am Ende „9 Uhr, Stavangerstraße 20, 10439 Berlin” steht. Gut, dieser Veranstaltungshinweis taugt wahrscheinlich nur noch für Kurzentschlossene sowie für Personen, die nicht der werktätigen Bevölkerung angehören – ist man geneigt anzunehmen. Aber, wenn es gilt, gegen Konterrevolutionäre vorzugehen, lässt der typische „junge Welt”-Leser wahrscheinlich alles stehen und liegen. Denn alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will …

Fazit: Man kann getrost wieder ein Jahr mit der Lektüre der „jungen Welt” aussetzen. Sie liest sich heute noch wie vor 20 Jahren und wird sich wohl auch nächstes Jahr genauso lesen. Internationalismus wird gepredigt, aber in Wirklichkeit ist man wahrscheinlich dafür, die Menschen in ihren jeweiligen Ländern einzusperren, zu bevormunden, zu kontrollieren, zu bespitzeln. Dagegen scheint man jedenfalls nicht zu sein. Was will man auch anderes von einem Blatt erwarten, das von der Presse des Klassenfeindes, der Springer-Publikation „Welt online” nämlich, als „Sammelbecken für Stasi-Kader”19 eingestuft wird, weil z.B. dessen Chefredakteur Arnold Schölzel laut „Welt online” inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sei und über Jahre hinweg als IM „André Holzer“ eine studentische Oppositionsgruppe an der Humboldt-Universität bespitzelt habe, der er zu diesem Zweck beigetreten sei? Auch der Ressortleiter Innenpolitik der „jungen Welt”, Peter Wolter, habe der Stasi als Westjournalist Informationen zugetragen und sei deswegen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Rainer Rupp, Kommentator im Bereich Außenpolitik, habe unter dem Decknamen „Topas” als einer der Topspione der DDR in der Bundesrepublik gewirkt. Der aus Saarlouis gebürtige Rupp wurde 1994 wegen schweren Landesverrats zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt, von der er sieben Jahre absaß20. Solche Personen werden im Milieu der „jungen Welt” höchstwahrscheinlich als Märtyrer angesehen.

Also dann bis nächstes Jahr!

© Stefan Fix, 2008

  1. Eigenangabe auf der Internetpräsenz des Blattes []
  2. Traueranzeige für Slobodan Milosevic aus: junge Welt (18./19. März 2006) []
  3. bundesweit bekannt geworden als Trainer der irakischen Nationalmannschaft von 2002 bis 2004 []
  4. Transkription von weißruss. Беларусь []
  5. Man könnte das zu seinen Gunsten auch einfach als Versuch der Anbiederung an das jugendliche Zielpublikum auslegen. Schließlich geht es in dem Interview um den Schülerwettbewerb „lyrix”. Der Versuch, Jugendsprache zu verwenden, geht ja bei so manch älterem Semester gerne mal nach hinten los. Aber gut, die „junge Welt” will es nicht zu Müchlers Gunsten auslegen, was ihr gutes Recht ist. []
  6. Für Nicht-Sachsen sind diese beiden Spielarten des Sächsischen nur schwer zu unterscheiden. []
  7. Klemperer, Victor: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Eintrag vom 25.06.1945. Band 1: Tagebücher 1945 – 1949, S.24. []
  8. Ebd. Eintrag vom 12.10.1945, S.126. []
  9. Ebd. Eintrag vom 26.10.1945, S.133. []
  10. Ebd., Eintrag vom 15.10.1945, S.127. []
  11. Klemperer, Victor: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Eintrag vom 14.02.1958. Band 2: Tagebücher 1950-1959, S.673. []
  12. Ebd., Eintrag vom 24.10.1958, S.723. []
  13. Loriot: Das Frühstücksei. Gesammelte dramatische Geschichten mit Doktor Klöbner und Herrn Müller-Lüdenscheidt, Herrn und Frau Hoppenstedt, Erwin Lindemann u.v.a. Zürich, 2003, S. 269. []
  14. Duden – Deutsches Universalwörterbuch. 4., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim, 2001. []
  15. Quelle: amnesty international Jahresbericht 2007 Kuba []
  16. Quelle: Human Rights Watch World Report 2007 Cuba []
  17. Quelle: Einschätzung des Auswärtigen Amts zur innenpolitischen Lage Kubas []
  18. Iran-Contra-Affäre []
  19. Jana Hensel: Die schöne junge Welt der Stasiveteranen, Artikel vom 31.03.2007 []
  20. einschließlich der Zeit in der Untersuchungshaft []
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