Es bedarf wahrlich keiner besonders regen Phantasie mehr, um sich oben genanntes Horrorszenario vor Augen zu führen. Trotzdem nämlich Zapp, das Medienmagazin des NDR, seiner eigenen anzunehmenden Perzeption zufolge ein wahres Feuerwerk an „Enthüllungen” zündete, halbierte sich die Zuschauerzahl innerhalb nur eines halben Jahres von 120.000 auf 60.000, was einem Marktanteil von 2,1 Prozent entspricht (siehe Grafik). Wie lässt sich dieser massive Zuschauerschwund erklären?
Sicher ist der späte Sendeplatz nicht gerade von Vorteil, doch vor einem halben Jahr wurde Zapp auch erst um 23 Uhr ausgestrahlt. Was also dann? Wissen die dumpfen Zuschauer einfach nicht die brillante Arbeit und die lupenreine Recherche der Zapp-Redaktion zu schätzen? Wirft Kuno Haberbusch, der Chefredakteur von Zapp, also etwa mit seinen „Enthüllungen” Perlen vor die Säue? Womöglich ist auch dies Teil einer Erklärung. Der typische NDR-Zuschauer sieht vielleicht viel lieber „Großstadtrevier”, „Bingo!”, Übertragungen aus dem „Ohnsorg Theater”, Naturfilme, Sport und Regionales und weiß den romantischen Abenteuerjournalismus einfach nicht zu würdigen. Zapp läuft eben nicht, wie Panorama, im Ersten, auch wenn man mit Biegen und Brechen zu versuchen scheint, Zapp zu einer Art Panorama zu machen.
Kuno Haberbusch ist eben offenbar ein Rechercheur mit Leib und Seele. Wäre er von Panorama nicht zu Zapp versetzt worden bzw. gewechselt, sondern in die Sendung „Tiere suchen ein Zuhause”1, dann würde er vermutlich auch dort noch mit einer Art Kommissar Rex, der Katze Cindy nachrecherchieren und enthüllen, dass sie unter Vortäuschung falscher Tatsachen Aufnahme im Tierheim gefunden habe und somit den Steuerzahler jährlich um Hunderte von Euro betrüge. Außerdem würde eine Vielzahl von Katzen (nur die mit schwarzem Fell, keine mit grauem und schon gar keine mit weißem Fell) aufgeboten, die bezeugen könnten, dass Cindy alles nur erlogen habe, um für sich einen Opferstatus zu reklamieren. Fabeln waren schon immer dazu geeignet, schlichten Gemütern grundlegende Wahrheiten nahe zu bringen. Dann müsste es bei den sicherlich äußerst elaborierten Gemütern der Zapp-Mitarbeiter eigentlich erst recht funktionieren.
Angesichts des Quotentiefs muss Zapp wohl tapfer sein und sich damit abfinden, dass wahre Künstler oft erst posthum in den Genuss von Ruhm kommen. Die Instanz aber, die für Zapp zählt, ist offenbar sowieso weniger der Zuschauer, als vielmehr die Lorbeeren, wie z.B. der Bert-Donnepp-Preis. Also, selbst wenn eines nicht allzu fernen Tages nur noch die Anverwandten und Freunde der Zapp-Mitarbeiter Zapp schauen, ist der Preis wohl Beweis genug dafür, dass Zapp alles richtig macht.
Wenn jemand einen Fehler macht, dann ist es der Zuschauer, nämlich wenn er Zapp nicht einschaltet. Bereits jetzt sendet Zapp nur für eine Zuschauergemeinde, die in etwa den addierten Einwohnerzahlen von Buxtehude und Husum entspricht. Für einen Sender, dessen Sendegebiet etwa 14 Millionen Einwohner bevölkern, ist das eine recht geringe Reichweite, auch wenn man sie in Relation zu Sendeplatz und für sich selbst reklamierten Anspruch setzt. Aber ein bisschen Dekadenz wird ja wohl noch erlaubt sein?!
Dabei hat Zapp nun schon so viel getan, um besser zu werden, was ja bereits ein Widerspruch in sich zu sein scheint. Denn zumindest grammatisch lässt sich ein positiver Superlativ, für den Zapp sich offenbar hält, nicht mehr weiter steigern. Doch Zapp war ja bisher noch immer für eine Überraschung gut. Ganz im Sinne der Vorstellung, dass Inhalte mehr als Äußerlichkeiten zählen, hat man eine Menge Requisiten eingespart, wie beispielsweise Sessel, Flokati, Kaminfeuer, Reling und Barhocker. Damit konnte man zudem auf einen teuren Requisiteur verzichten. Das solchermaßen eingesparte Geld sollte stattdessen angeblich in Recherchen fließen. Außerdem hat man allem Anschein nach die aberwitzige Krankamera abgeschafft2, die noch unter der Ägide von Haberbuschs Vorgänger, Burkhard Nagel, zum festen Inventar gehörte, wohl, damit sich der Zuschauer auch aus der Vogelperspektive ein Bild von den epochalen Ereignissen im Studio machen konnte. Die Vogelperspektive würde vielmehr Zapp ab und an gut tun, wie im übrigen jeder Perspektivwechsel, weil somit bewirkt werden könnte, dass Zapp festgefahrene Meinungen vielleicht zumindest überdenkt. Was waren das für herrliche Zeiten, als 3sat bzw. das ZDF noch Frontal ausstrahlten und damit den Inbegriff einer ausgewogenen Berichterstattung lieferten, wenn Bodo H. Hauser die konservative Position einnahm und Ulrich Kienzle die sozialdemokratische. Bei Zapp sind offenbar alle immer entweder Hauser oder Kienzle. Manches war früher eben doch besser. Durch Zapp könnte man fast zum Wertkonservativen mutieren.
Dann verzichtete Zapp auch noch auf die Gäste, die durchaus ein Positivum der Sendung waren. Momentan scheint man vorrangig damit beschäftigt, sich auch noch der restlichen Zuschauer zu entledigen. So etwas nennt man auch kontrollierten Rückbau, der vorwiegend bei Gebäuden, die nicht mehr gebraucht werden, die überflüssig sind, Anwendung findet. Schließlich verlegte man noch den Sendeplatz von Sonntagabend auf Mittwochabend. Ein wichtiges Kriterium bei dieser Entscheidung sei es gewesen, so war zu lesen, dass man auf diese Weise verhindere, dass die meist älteren Herren mit Schlafstörungen, die zuvor Sportclub geschaut hätten, nur deshalb bei Zapp nicht abschalteten, weil sie an – damals noch – Caren Miosgas hübschem Gesicht hängen blieben.3 Somit leistete man also auch noch einen Beitrag gegen die Schönung von Statistiken. Man will eben auch nur Zuschauer, die wirklich wissen, um was für eine Perle es sich bei Zapp handelt und keine, die sich von äußeren Reizen leiten lassen.
Man wagt gar nicht sich vorzustellen, auf was für wackeligen Füßen beispielsweise die Zapp-„Enthüllungen” über Senait Meharis Feuerherz gestanden hätten, ohne all diese Einsparungen, die nun – dem Himmel sei Dank – den Recherchen zugute kommen konnten. Diese „Enthüllungen” bestehen ja auch so schon mehr oder weniger nur aus Behauptungen, die ebenso glaubwürdig bzw. unglaubwürdig sind, wie die von Mehari. Ohne all diese Einsparungen aber wäre das Argumentationskartenhaus von Zapp wahrscheinlich noch vor der Ausstrahlung der „Enthüllung” in sich zusammengefallen. So aber ist es einfach nur sehr wackelig und wird, dessen vollkommen ungeachtet, mit Freuden in ziemlich unkreativen Variationen immer wieder neu verwurstet.
Allein die Beseitigung von Requisiten ist jedoch lediglich ein demonstrativer Akt und bedeutet mitnichten eine automatische Konzentration auf den Inhalt. Das zu meinen, wäre ein Trugschluss. Jedenfalls hat der Wegfall von Mobiliar bei Zapp ganz und gar nicht zu einer spürbaren Verbesserung des Inhalts geführt. Es ist wohl aber auch davon auszugehen, dass es bei der gelieferten Begründung um einen Euphemismus handelt. Wahrscheinlicher ist schon, dass man Zapp einfach und allein unter Einsparungsgesichtspunkten eiskalt zusammengekürzt hat, da bei Zapp jeglicher Aufwand im Äther verpufft.
Doch zurück zur Frage, warum Zapp die Zuschauer in Scharen davonlaufen. Vielleicht braucht der moderne Fernsehkonsument im Mediendickicht keinen Blindenhund, der ihm den Weg weist und erklärt, wie er diese Meldung in Bild oder jenes Ereignis bei RTL II einzuordnen hat. Womöglich sendet Zapp ja völlig am Bedürfnis des Zuschauers vorbei. Der Zuschauer braucht vielleicht niemanden, der ihm Meinungen vorkaut bzw. die Ereignisse der Woche wiederkäut. Zapp ist ja keine Sendung, die Nachrichten bietet, ebenso wenig wie eine Sendung, in der Diskussionen stattfinden, geschweige denn eine Sendung, die Humor hat – höchstens sehr bemühten.
Zapp ist – so der häufige Eindruck – eine Verwurstungssendung. Dort scheinen überdies des Öfteren Meinungen nicht gegeneinander abgewogen, sondern gemacht zu werden. Oft mutet Zapp also an, als betreibe man Suggestion, statt ausgewogener Berichterstattung. Von Massensuggestion kann angesichts der verschwindend geringen Quote ja keine Rede sein, was fast schon wieder Dankbarkeit aufkommen lässt. Bei Zapp scheint man sich einig zu sein. Zweifel am eigenen Tun sind augenscheinlich nicht vorhanden. Auch gerade im „Fall” Mehari wirkt Zapp alles andere als souverän, vielmehr tendenziös. Vielleicht empfindet der Zuschauer Zapp als einen Vexierspiegel, der nur Zerrbilder der Realität zeigt, weil wichtige Fakten und Perspektiven womöglich unterschlagen werden?
Laut Vorankündigung soll morgen schon wieder etwas über Mehari enthüllt werden. Wenn die Enthüllung genauso lau und unfundiert ist, wie die bisherigen in diesem Fall – was stark zu vermuten ist – kann man sich für 23 Uhr schon einmal einen Plan B schmieden. Eigentlich war die Enthüllung offenbar bereits für die letzte Sendung geplant, jedenfalls stand im Videotext eine dahingehende Meldung. Doch diese Meldung verschwand alsbald wieder so schnell, wie sie aufgetaucht war. Sie war wohl selbst in den Augen von Zapp zu unfundiert, was schon etwas heißen muss. Zapp fertigt also Enthüllungen am Fließband, was zwangsläufig zu einer Inflation, also zu einer Entwertung führt. Genau dies merkt wohl auch der Zuschauer. Vollmundige Ankündigungen, und dann doch wieder nur zweifelhafte bis mäßig spektakuläre Informationen, kombiniert mit einseitiger Berichterstattung. Seit Zapps jüngster Enthüllungssendung sanken die Zuschauerzahlen im Zehntausenderbereich. Warum dies? Vielleicht gewinnt der Zuschauer ja den Eindruck, dass bei Zapp Meinungen zurechtgebogen werden? Vielleicht mag es der Zuschauer nicht, wenn ihm Gegenmeinungen vorenthalten werden, weil er dann den Eindruck hat, für dumm verkauft zu werden. Vielleicht entsteht beim Zuseher das Gefühl, dass man ihn für nicht in der Lage hält, sich aus einer ausgewogenen Präsentation von Für und Wider eine eigene Meinung zu bilden, anstatt sich eine Meinung aufoktroyieren zu lassen? Hat der Zuschauer tendenziöse Berichterstattung womöglich satt und wendet sich enttäuscht von Zapp ab?
Zapp wird mit Sicherheit Erklärungen für sein massives Quotentief haben und zweifelsfrei die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Noch ist es nicht zu spät, die Kurve hin zum seriösen Journalismus zu kriegen. Einfach weniger Meinungsmache und mehr Ausgewogenheit, und schon wäre die Essenz eines ernstzunehmenden Magazins gemischt. Was dann noch fehlt, sind Themen. Zapp scheint ja unbedingt Themen setzen zu wollen, um zitiert zu werden bzw. für voll genommen zu werden.
Laue Berichte darüber, dass Christian Wulff nicht durch bloßen Zufall einem Pulk Journalisten im Wald begegne, sondern es sich hierbei um eine Verabredung handele, sind eher weniger dazu geeignet, mit ihnen Themen zu setzen. Ohne Zapp hätte wohl jeder Durchschnittszuschauer gedacht, dass Wulff im Walde so still vor sich hinging, und nichts zu suchen, das war sein Sinn. Im Schatten sah’ er dann Kameras stehn … Dank Zapps Enthüllung wissen wir nun, dass Journalisten und Politiker sich verabreden, sei es für Pressekonferenzen, Homestories oder Interviews. Auch lernt der Zuschauer, dass Bilder in Nachrichten eine wichtige Rolle spielen. Man erfährt von der Macht, die Bildern offenbar innewohnt. Das klingt doch arg nach Proseminar Journalistik „Einführung für Erstsemestler” an der Kinderuni. Das alles sind äußerst abgestandene Erkenntnisse, also auch ganz und gar nicht geeignet, um Themen zu setzen. Zapp ergeht sich, so will einem scheinen, in großem Maß in Plattitüden.
Ab und zu springt man bei Zapp aber auch auf den richtigen Zug, sei es die bedrohte Pressefreiheit in Russland oder diejenige in China. Doch auch hier setzt Zapp zu seinem wahrscheinlichen Verdruss keine Themen. Das muss es ja eigentlich auch nicht. Es würde genügen, wenn Zapp sich presserelevanten Themen widmete und diese nüchtern und ohne Sensationsgier ausleuchtete. Aber Kuno Haberbuschs Ansprüche sind offenbar höherer Natur. Da kann er sich natürlich auch nicht um solche Marginalien kümmern, wie die nach wie vor auf der Internetseite von Zapp befindliche Parole: „Jedem das Seine”, deren Verwendung sich durch ihren Missbrauch durch die Nationalsozialisten am Eingangstor des Vernichtungslagers Buchenwald für jeden halbwegs historisch gebildeten und nicht dem Neonazi-Spektrum zugehörigen Menschen eigentlich verbietet.
Dass am 17. Februar in Europa ein neuer Staat namens Kosovo gegründet wurde, scheint Zapp auch nicht der Berichterstattung wert. Jedenfalls ist in den Vorankündigungen davon mit keiner Silbe die Rede. Dabei wäre es durchaus interessant zu erfahren, wie die Medien in Europa – in Serbien und im Kosovo, in Spanien und in Griechenland – darauf reagieren. Doch das kann man letztlich auch selbst, entweder Online oder durch internationale Presseschauen wie beispielsweise im Deutschlandfunk. Und eben dies ist die Crux bei Zapp. So richtig klar ist nicht, was Zapp eigentlich zu bieten hat, was jeder einigermaßen intelligente Mensch nicht auch selber bewerkstelligen könnte. Diese Frage scheint man sich bei Zapp auch zu stellen und beantwortet sie mit der Flucht nach vorne, nämlich mit der Skandalisierung eines Belletristiktitels, bei der man aber auch nach einem Jahr noch immer nicht in der Lage ist, hieb- und stichfeste Beweise zu liefern, die wenigstens Zapps klare Verurteilung Meharis rechtfertigen würden.
Nun denn, zurück zur Frage, warum Zapp nicht über den bzw. das Kosovo berichtet. Womöglich hat ja kein Zapp-Mitarbeiter einen Kosovaren oder Serben in seinem Bekanntenkreis, dessen Position man dann völlig neutral und objektiv vertreten könnte? Frau Salden habe ihre Zeitzeugen im Fall Mehari ja ihrer eigenen Aussage zufolge, schlicht über ihren Bekanntenkreis kennengelernt.
Zudem wäre es auch interessant zu erfahren, welche Medien es im Kosovo überhaupt gibt, wie es dort um die Meinungsfreiheit bestellt ist usw. Wird dort ein Staatsfernsehen aufgebaut, ein Rundfunk? Naja, wie gesagt, das bekommt man auch selbst heraus. Zapp schweigt und liefert stattdessen zum wiederholten Mal das, was es selbst für „Enthüllungen” hält, was doch aber letztlich eher an Kolportage erinnert, über den zweitklassigen Bestseller „Feuerherz”. Ein drittes Programm und ein zweitklassiger Bestseller – da haben sich ja zwei gefunden. Man ist fast geneigt anzunehmen, der Journalist für Popmusik, Peter Disch habe zusammen mit Julia Salden das Zepter bei Zapp übernommen. Bald wird es dort womöglich heißen: „Herzlich willkommen bei ‚Feuerherzapp’, schön, dass Sie wieder dabei sind!” Obsession par excellence, könnten böse Zungen über diese Berichterstattung behaupten. Für manche Menschen ist das Eingeständnis, möglicherweise auf dem Holzweg zu sein, wahrscheinlich ehrenrührig. Auch nur einen Zentimeter zurück zu rudern, bedeutet in deren Augen womöglich schon Selbstaufgabe.Kuno Haberbusch, Julia Salden, Zapp, Feuerherz, Senait Mehari, Peter Disch, NDR
© Stefan Fix, 2008
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- Jedenfalls werden seit längerem keine Aufnahmen aus der Vogelperspektive mehr in die Wohnzimmer gesendet. [←]
- Artikel im Hamburger Abendblatt 22.05.2004 „Der Neue will mehr Zack bei ‚Zapp’” [←]









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