Diese Bronzeplastik befindet sich in Hamburg am westlichen Alsterufer und wurde 1958 von Ursula Querner1 geschaffen. Der Titel lautet „Orpheus und Eurydike”. Dargestellt ist zur Rechten Orpheus mit der Lyra (Leier), die er von Apollon, seinem Vater, dem Gott der Künste geschenkt bekam. Links steht die betört wirkende thrakische Baumnymphe Eurydike, die spätere Frau des Orpheus.
Der uns durch Ovid in seinen Metamorphosen überlieferten Sage zufolge sei Orpheus der beste Sänger unter den Sterblichen gewesen. Wilde Tiere seien von seinem Gesang zahm geworden und hätten sich friedlich um Orpheus geschart. Pflanzen und sogar Steine seien von seinem Gesang erweicht worden. Die Argonauten schließlich hätten Orpheus mit auf ihre Kriegszüge genommen, weil er mit seinem Gesang zum einen die Kampfmoral der eigenen Leute stärkte und zum anderen, weil er sowohl die Wut des Meeres als auch die Macht der Feinde mit dem Zauber seines Gesangs und seiner Lyra zu besänftigen bzw. bezwingen vermochte. Darüber hinaus erwies sich der Gesang des Orpheus als so mächtig, dass er es sogar schaffte, den betörenden und fatalen Gesang der Sirenen zu übertönen, womit er die Argonauten vor dem sicheren Tod bewahrte.
Doch alle Sangeskunst konnte am Ende doch nicht verhindern, dass Orpheus in sein Unglück rannte. Das Unheil nahm kurz nach seiner Vermählung mit Eurydike seinen Lauf, als diese nämlich durch einen Schlangenbiss starb: „Ach, und starb, an der Ferse verletzt von dem Bisse der Natter.”2 Darüber, wie es genau dazu kam, finden sich in den verschiedenen späteren Übertragungen voneinander abweichende Varianten bzw. Ausschmückungen. In den einen heißt es z.B., Eurydike sei im Anschluss an die Hochzeit mit den Brautjungfern auf einer Wiese spazieren gewesen, als die Schlange sie biss. Einer anderen Fassung zufolge habe es sich so verhalten, dass Eurydike nach der Hochzeit zusammen mit anderen Nymphen spazieren gegangen und dabei von Aristaios gesehen worden sei, der so von ihrer Schönheit verzaubert gewesen sei, dass er ihr nachgestiegen sei und sie bedrängt habe, woraufhin sie die Flucht ergriffen habe und dabei von der Schlange gebissen worden sei. Bei Ovid ist von Aristaios jedoch keine Rede. Dort heißt es dazu schlicht: „Durch die Gefilde / Schweifte die jüngst Vermählte, vom Schwarm der Najaden begeleitet, / Ach und starb, an der Ferse verletzt von dem Bisse der Natter.”3 Was auch immer dem Biss vorausging bzw. dazu führte, darin, dass Eurydike daran verstarb, sind sich die Übertragungen wieder einig.
Voller Trauer klagte Orpheus daraufhin singenderweise den Göttern und Menschen sein Leid. Doch vergebens, Eurydike wurde ihm nicht zurückgegeben. Also beschloss er, in die Unterwelt hinabzusteigen, um dort – ganz auf seine Sangeskunst vertrauend – das Herz des Hades4 zu erweichen und seine Geliebte zurückzugewinnen: „Als zum Himmel empor der rhodopeïsche Sänger / Lange die Gattin beweint, jetzt auch zu versuchen die Schatten, / Wagt er hinab zur Styx durch des Tänarus Pforte zu steigen. Und durch lustige Scharen bestatteter Totengebilde / Naht er Persephonen nun, und des anmutlosen Bezirkes / Könige drunten in Nacht”5
Damit wagte er wohl mehr für seine Liebe, als irgend ein anderer Mann bis dahin. Vor dem Eingang des Hades angekommen, spielte er die Leier und rührte damit den Höllenhund Kerberos, der dort wachte, so sehr, dass dieser unwachsam wurde und Orpheus passieren ließ. Im Hades selbst spielt Orpheus abermals die Leier: „[...] und sanft zum Getöne der Saiten / Singet er: O ihr Gewalten des unterirdischen Weltraums, / Welcher uns alle aufnimmt, so viel wir sterblich erwuchsen! Wenn ihr, ohne der falsch umschweifenden Worte Beschönung, / Wahres zu reden vergönnt; nicht hier zu schauen den dunkeln Tartarus, stieg’ ich herab, und nicht den schlangenumsträubten, / Dreifach bellenden Hals dem medusischen Greuel zu fesseln. / Nein, ich kam um die Gattin, der jüngst die getretene Natter / Gift in die Wund’ einhaucht’, und die blühenden Jahre verkürzte. / Dulden wollt’ ich als Mann, und strengte micht; aber es siegte / Amor. Man kennt den Gott sehr wohl in der oberen Gegend. / Ob ihr unten ihn kennt? Nicht weiß ich es, aber ich glaube. / Wenn nicht täuscht das Gerücht des altbesungenen Raubes, / Hat euch Amor gefügt. Bei den Orten des Grauns und Entsetzens, / Bei der verstummten Öd’ und diesem unendlichen Chaos, / Löst der Eurydice, fleh’ ich, o löst das beschleunigte Schicksal! / Alle gehören wir euch; wann wenige Frist wir geweilet, / Etwas früher und später ereilen wir einerlei Wohnung. / Hierher müssen wir all; hier ist die letzte Behausung; / Ihr beherrscht am längsten die elenden Menschengeschlechter. / Jen’ auch, wenn sie gereift die beschiedenen Jahre gelebet, / Kommt zu euch; nur kurzen Genuß verlang’ ich zur Wohltat. / Wenn mir das Schicksal versagt das Geschenk der Vermählten, niemals / Kehr’ ich von hinnen zurück! Dann freut euch des doppelten Todes! / Also rief der Sänger und schlug zum Gesange die Saiten; / Blutlos horchten die Seelen und weineten.”6
Orpheus’ Gesang ließ Tantalos vorübergehend Durst, Hunger und Angst vergessen, die seine Strafen waren: „Tantalos haschte / Nicht die entschlüpfende Flut”7 Das Feuerrad des Ixion, an das dieser zur Strafe gebunden war, hörte auf sich zu drehen: „und es stutzte das Rad des Ixion”.8 Die beiden Geier ließen von der Leber des Riesen Tityos ab, an der sie zu dessen Strafe ununterbrochen fraßen und die zu diesem Zweck immer wieder nachwuchs: „Geier zerhackten die Leber nicht mehr”.9 Die Danaiden hörten auf, Wasser in das durchlöcherte Fass zu schöpfen: „die belischen Jungfrau’n / rasteten neben der Urn’”10. Sisyphos unterbrach sein absurdes Werk und setzte sich auf seinen Stein, um zu lauschen: „Sisyphus saß auf dem Marmor.” 11 Die Erinyen (bzw. Eumeniden / röm. Furien) schließlich, aus deren Augen sonst nur Blut und giftiger Geifer rann, wurden durch den Gesang des Orpheus zu echten Tränen gerührt: „Damals ist, wie man sagt, den gerühreten Eumeniden / Bei dem Gesange zuerst die Trän’ auf die Wange geflossen.” 12
Auch Hades selbst näherte sich mit seiner Frau Persephone, um zu lauschen, wie Oprheus bei ihnen um seine Geliebte warb. Und tatsächlich gelang es Orpheus, auch Hades zu eisernen Tränen zu rühren und ihn somit dazu zu bewegen, ihm Eurydike zurück zu geben: „Nicht die Königin kann, nicht kann der untere König / Weigern das Flehn; und sie rufen Eurydice. Unter den Schatten / War sie, die frisch ankamen, und wandelte schwer von der Wunde.” 13 Jedoch stellte Hades Orpheus eine Bedingung, nämlich die, dass er sich bis zu ihrer beider Erreichen des Diesseits nicht umsehen dürfe. Sollte er dies dennoch tun, würde er Eurydike wieder verlieren: „Jetzt empfing sie der Held von Rhodope samt der Bedingung, / Daß er die Augen zurück nicht wendete, bis er entflohen / Aus dem avernischen Tal; sonst wäre die Gab’ ihm vereitelt.” 14
Hades gab nun den Weg frei für die Rückkehr der Beiden in die Welt der Lebenden. So machten sie sich auf den Weg: „Schnell erklommen sie nun durch Todesstille den Fußsteig, / Jäh empor, und düster, umdrängt von dumpfigem Nachtgraun”.15 Orpheus voran und dicht hinter ihm Eurydike. Sie stiegen höher und höher und die Dunkelheit wich zunehmend. Da, endlich sah Orpheus Tageslicht und stieg zurück ins Diesseits. Voller Freude wandte er sich sogleich zu seiner Geliebten um: „Und nicht waren sie ferne dem Rand der oberen Erde. / Jetzo besorgt, sie bleibe zurück, und begierig des Anschauns, / Wandt’ er die Augen voll Lieb’;” 16 Doch es war zu früh. Eurydike war selbst noch nicht ganz der Unterwelt entstiegen, so dass die gestellte Bedingung unerfüllt blieb. Orpheus sah Eurydike noch einen kurzen Augenblick und hörte ein gehauchtes „Lebewohl”, bevor sie für immer zurück in die Dunkelheit entschwand: „und sogleich war jene versunken.” 17
Verzweifelt versuchte er, ihr zu folgen. Jedoch hinderten ihn die Götter daran, das Schattenreich ein zweites Mal zu betreten: „Streckend die Arm’, und ringend, gefaßt zu sein und zu fassen, / Haschte der Unglückselige nichts, als weichende Lüfte. / Wieder starb sie den Tod; doch nicht ein Laut um den Gatten / Klagete. Konnte sie wohl, so geliebt zu sein, sich beklagen? / Fernher rief sie zuletzt, und kaum den Ohren vernehmlich: / Lebe wohl! Und gerafft zu der vorigen Wohnung entflog sie. / Orpheus starrte wie Fels bei dem doppelten Tode der Gattin. / Jammernd bat er und fleht’, und wollt’ hinüber von neuem: / Charon scheucht’ ihn hinweg. Doch saß er sieben der Tage / Trauernd in Wust am Bord’, unerquickt von den Gaben der Ceres. / Gram und tränender Schmerz und Kümmernis waren ihm Nahrung. / Grausam schalt er die Götter des Erebus” 18
Untröstlich kehrte er in die Welt der Lebenden zurück. Fortan verschmähte er alle Frauen und mied überhaupt die menschliche Gesellschaft: „und zu dem steilen / Rhodope wandt’ er den Fuß und dem sausenden Hämos im Nordsturm. / Dreimal endete schon den Kreis des rollenden Jahres / Sol mit den Fischen des Meeres; und es floh der verhärtete Orpheus / Stets der Liebe der Frau’n. Denn ihr verdankt’ er sein Unglück; / Treu’ auch hat er gelobt. Es schmachteten viele der Weiber, / Lieb dem Sänger zu sein; und es eiferten viele verachtet. ” 19
Orpheus kehrte nach Thrakien zurück und wanderte durch die dortigen wilden Einöden, ohne jede Annehmlichkeit. Nur seine Lyra hatte er nach wie vor bei sich und spielte unablässig darauf, sehr zur Freude der Felsen und Flüsse, die nunmehr seine einzige Gesellschaft waren. Doch eines Tages liefen die Frauen der Cikonen Orpheus über den Weg, als er gerade wieder zur Musik seiner Lyra sang: „Aber indem mit Gesang der begeisterte Thrazierbarde / Waldungen samt dem Gewild’ und folgenden Felsen heranzog, / Siehe, die Frau’n der Cikonen, mit zottigen Häuten des Waldes / Um die verwilderte Brust, von des Bergs erschaun sie / Orpheus, welcher das Lied den geschlagenen Saiten gesellet. / Eine des taumelnden Schwarms, die das Haupthaar schwang in den Lüften: / Ha! dort, rief sie, er ist’s, der Verächter der Frau’n! und der Thyrsus 20 / Flog zu dem tönenden Munde des apollonischen Sehers. / Aber mit Laub umsponnen, bezeichnet’ er, ohne Verwunderung. / Wütend erhub die andere den Stein; doch er ward in dem Fluge / Vom harmonischen Halle besiegt des Gesangs und der Leier; / Und als flehet’ er Gnade der ungeheuren Verschuldung, / Sank zu den Füßen er hin. Nun wächst des verwegenen Unsinns / Krieg, und die Mäßigung floh; und rasender herrscht die Erynnis. / Noch wär’ alles Geschoß erweicht vom Gesange, wenn machtvoll / Nicht das Geschrei und das Horn des J[B]acchus / Überscholl der Gitarre Getön. Jetzt troffen die Steine / Rot vom heiligen Blute des unvernommenen Sängers. / Stets noch blieben erstaunt von dem Wohllaut seines Gesanges, / Vögelschwärm’ und Schlangen und drängende Tiere des Waldes; / Doch die Mänaden zerstürmten des Orpheus Wunderversammlung. / Gegen ihn selbst dann streckten sie wild die blutigen Hände, / Alle geschart: wie die Vögel, wenn einst am Tage sie flattern / Sehn den Vogel der Nacht; wie zur Schau dem Doppeltheater / Früh im besandeten Raum ein Hirsch zu sterben bestimmt wird, / Hunden ein Raub. Sie bestürmen den göttlichen Sänger und schleudern / Laubumwundene Stäbe, zu anderem Dienste geweihet. / Die hebt Schollen zum Wurf, die schwingt den gebrochenen Baumast, / Jene Gestein; und damit nicht wehrlos rase der Wahnsinn: / Sieh, dort ackerten Stiere das Land mit gedrängeter Pflugschar; / Und nicht ferne sich Frucht mit verdienendem Schweiße bereitend, / Grub im harten Gefilde die nervige Faust der Besteller. / Diese, den Heerzug schauend, entfliehn; die Geräte der Arbeit / Bleiben zurück; und es liegen, zerstreut durch verlassene Felder, / Lastende Haun, Jäthacken und langgeklauete Karste. / Als die Verwilderten solches geraubt und zerissen die Stiere, / Trotz dem drohenden Horn; jetzt mörderisch nahn sie dem Sänger. / Ihn, der die Händ’ ausstreckt’ und das erstemal heute vergebens / Redet’ und nichts mit der Stimme bewegete: diesen ermordet / Frech der entweihende Schwarm; aus dem Mund’, o Jupiter! jenem, / Den der Felsen vernahm, und den mit Empfindung das Bergwild / Hörete, schwand in die Luft die ausgeatmete Seele. / Dich wehklagt das Gewild; dich, Orpheus, girrende Vögel, / Dich das starre Gestein; dich, gleichsam scherend das Haupthaar, / Trau’rt der entblätterte Baum; mit Tränen auch, sagt man, vermehrten / Ströme die eigene Flut; und gehüllt in dunkle Leinwand ging Najad’ und Dryade, mit aufgelöseten Locken. / Weithin lagen die Glieder zerstreut. Haupt nahmst du und Leier, / Hebros, auf; und, o Wunder! da mitten im Strom sie hinabfließt, / Sanft wie Wehmut klagt der Leier Getön, wie Wehmut / Lallt die entseelete Zunge; die Bord’ antworten wie Wehmut. / Schon aus dem heimischen Strom entrollen sie über die Meerflut, / Bis sie erreicht die Gestade der methymnäischen Lesbos. / Aber der Geist geht unter die Erd’, und erkennet die Gegend, / Welche zuvor er gesehn. In der Flur der Seligen forschend, / Fand er Eurydice nun, und umschlang sie mit sehnenden Armen. / Jetzo wandeln sie dort mit vereinigtem Schritte, die beiden; / Bald geht jene voran, und er folgt; bald eilet er selbst vor; /Und nach Eurydice darf mit Sicherheit Orpheus sich umsehn.” 21
Der Standort der Plastik vor einer Trauerweide erweist sich insofern als gut gewählt, als dass es in der Sage auch heißt, dass sich die Bäume Orpheus zugeneigt hätten, wenn er musizierte. Die Alster im Hintergrund könnte der Acheron (Styx) sein.
Quelle:
- Ovid: Verwandlungen. Übersetzt von Johann Heinrich Voß.
- *10.05.1921 in Dresden – †23.06.1969 in Hamburg [←]
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- röm. Pluto [←]
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- der in einem Pinienzapfen endende, mit Efeu und Weinlaub umwundene Stab des Dionysos (Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase) und seines Gefolges [←]
- ebd. [←]









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