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Wer im Glashaus ZAPPt (die Fünfte) – „Jedem das Seine“

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2008Das Medienmagazin Zapp desavouiert sich ja schon fast wie auf Bestellung selbst. In seiner jüngsten Sendung berichtete es in seiner gewohnt peppig aufgemachten Rubrik „Durchgezappt“ wieder darüber, was in der Medienwelt sonst noch geschah. Diesmal informierte man seine schrumpfende Zuschauerschaft unter der knackigen Überschrift „Der Rausschmiss der Woche“ darüber, welcher Skandal sich am 30.01.2008 in der Sendung „Nightloft“ des Senders Pro7 zugetragen habe. Dort nämlich habe die Moderatorin Juliane Ziegler folgenden Satz geäußert: „Arbeit macht frei.“

Völlig zu Recht wurde sie dafür von vielen Seiten kritisiert. Wem nicht klar ist, dass es sich dabei um eine äußerst negativ konnotierte Aussage handelt, weil die Nationalsozialisten diesen ursprünglichen Titel eines Romans von Lorenz Diefenbach aus dem Jahr 1872 in zynischer und menschenverachtender Weise für ihre perversen Zwecke missbrauchten und an den Toren mehrerer Konzentrations- und Vernichtungslager anbringen ließen, hat im Fernsehen rein gar nichts verloren.

Das sieht man bei Zapp auch so und lobt Gott dafür, dass Ziegler deswegen gekündigt wurde: „Ihren Moderatorenjob ist sie gottlob […] los.“1. Diesen Beitrag einleitend, klärte man die Zuschauer zunächst darüber auf, dass „die Regeln der Fernsehunterhaltung nicht so schwer“ seien. Zum Beweis dafür fasste man diese in einem griffigen Merksatz zusammen: „Man darf fast alles, nur von Hitler-Deutschland sollte man tunlichst die Finger lassen“. Dies habe sich immer noch nicht richtig rumgesprochen, weiß Zapp. Wo Zapp recht hat, hat es recht. Um Belege für diese These zu finden, braucht Zapp allerdings gar nicht erst auf Pro7 umzuschalten. Warum auch in die Ferne schweifen, wenn die Fehlbarkeit liegt so nah? Es genügt völlig, das eigene Programm zu schauen und sich die Zapp-Sendung vom 11.07.2007 zu Gemüte zu führen. Dort verlautbarte Zapp in der Rubrik „Durchgezappt“ folgenden Satz: „Jedem das seine“.

Um mit Zapp zu sprechen: „Da war doch mal was.“ Ja, aber was? Zapp wird nicht einmal live gesendet und hat zudem eine ganze Woche Zeit, sich seine Formulierungen genauestens durch den Kopf gehen zu lassen. Man sollte meinen, dass sieben Tage ausreichten, um darauf zu kommen, was es mit diesem Satz auf sich hat. Schlimm genug, wenn man es nicht von vornherein weiß. Es wurde auf dieser Website bereits damals darauf hingewiesen, dass wohl davon auszugehen ist, dass Zapp mit dieser Formulierung eher nicht auf die lateinische Urfassung „suum cuique” Bezug nahm. Dies wäre sonst wie ein Fremdkörper im offenbar an „Bild“ oder RTL-Explosiv angelehnten Stil von „Durchgezappt“.

Während also Zapp alle Welt väterlich darauf hinweist, dass „die Regeln der Fernsehunterhaltung nicht so schwer“ seien, ist es selbst augenscheinlich nicht sonderlich damit vertraut bzw. in der Praxis damit heillos überfordert und zitiert daher so beiläufig wie ungerührt die im Eingangstor des Vernichtungslagers Buchenwald eingeschmiedete Inschrift: „Jedem das Seine.“

Dieser Satz steht nun schon seit mehr als einem halben Jahr unverändert auf der Website von NDR-Zapp [→]. Es mutet daher schon etwas absurd an, dass sich Zapp über Pro7 erhebt. Pro7 bzw. der Produktionsfirma 9Live kann man vielmehr zugute halten, dass man sofort reagierte. Juliane Ziegler wurde umgehend vorübergehend aus der Live-Sendung genommen, um sie, nachdem sie offensichtlich über die Problematik ihrer Aussage aufgeklärt worden war, wieder in das Sendegeschehen einzubinden, damit sie sich von ihrer Aussage distanziere, was sie auch umgehend tat. Ihre Aussage ist gleichwohl durch nichts zu rechtfertigen und unhaltbar. Dass man sie deshalb entließ, ist ein gutes Signal, und macht 9Live wenigstens in dieser Hinsicht doch eher sympathisch als unsympathisch, was aber selbstredend nicht der Tenor des Zapp-Beitrages war. Wo käme man auch hin, wenn man ein gutes Haar am Privatfernsehen ließe? Es ist doch viel bequemer, einfach immer in dieselbe Kerbe zu hauen, sich in Stereotypen zu ergehen, und sich diese Dünnbrettbohrerei von den ach so verehrten Gebührenzahlern auch noch honorieren zu lassen.

Von Zapp hat man übrigens bisher keine distanzierende Äußerung vernommen, geschweige denn, dass man etwa die Zusammenarbeit mit Gita Datta, der für diesen Beitrag verantwortlichen Mitarbeiterin, beendet hätte. Gott bewahre! Warum auch, für Zapp gelten offenbar andere, eigene und seltsame Regeln. Gita Datta darf munter weiter für Zapp arbeiten2 , Zapp bleibt auf einem Auge blind und echauffiert sich über Gott und die Welt, während auch heute noch „Jedem das Seine“ auf seinen Internetseiten prangt.3

In der von 9Live für Pro7 produzierten Quizshow „Nightloft“ saß ja offenbar immerhin ein verantwortlicher Redakteur oder Aufnahmeleiter, der die nötige historische und sprachliche Sensibilität besaß, um noch in derselben Sendung zu intervenieren. Kuno Haberbusch, der Chefredakteur und „König der Recherche“ von Zapp schien sich an „Jedem das Seine“ offenbar nicht zu stören, ebenso wenig wie irgendjemand anders in der Zapp-Redaktion, die wie gesagt alle Zeit der Welt hatte, um diese Formulierung zu verhindern. Was ist bei den Recherchen schief gelaufen? War die Internetverbindung gekappt oder war der Telefonjoker schon verbraucht?

Es wurde bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass Gita Datta, nachdem sie eine Arbeit über das „fragmentarische Weltbild deutscher Fernsehnachrichten” geschrieben hat, sich, mit Verlaub, vielleicht als Nächstes ihrer möglicherweise fragmentarischen Allgemeinbildung widmen sollte.

Die Anderen als dumm hinzustellen, ist eine von Zapps wenigen Meisterdisziplinen. Obgleich in diesem Artikel keine Mühe gescheut wird, es Zapp diesbezüglich gleich zu tun, um ihm unbescheidenerweise den Spiegel vorzuhalten, muss man sich einfach anerkennend eingestehen, Zapp in diesem Belang, wie in allen anderen auch, nicht das Wasser reichen zu können. Im Zuge der Ausübung dieser Disziplin informierte jedenfalls Zapp-Mitarbeiter Maik Gizinski im Zusammenhang mit Zieglers inakzeptablem sprachlichen Missgriff, dass „selbst“ Zieglers „blonde Kollegin“ komisch geguckt habe. Also dann muss es ja richtig dumm sein, wenn sogar die Blondine komisch guckt! Zapp lässt, so hat es den Anschein, in Bezug auf Klischees, und seien diese noch so platt, eben nichts anbrennen, ganz wie auf dem Bolzplatz, Herr Gizinski. Außerdem scheint man sich an Frau Zieglers etwas holpriger Entschuldigung zu delektieren, die man natürlich auch noch mal sendet: „[…] das sind diese Live-Momente, diese spontanen, wo irgendetwas einfach rausflutscht, was man irgendwo mal aufgeschnappt hat, was einfach ein Fehler war. Entschuldigung.“, um sie dann noch einmal mit eigenen Worten zu zitieren: „Obwohl ihr da nur irgendetwas rausgeflutscht ist, was sie irgendwo aufgeschnappt hat […]“. So stellt man Frau Ziegler zu allem Überfluss noch als kleines Dummchen dar, das irgendwo etwas „aufgeschnappt“ hat, das ihr dann „rausflutscht“. Herr Gizinski, würden Sie Ihre Kollegin Gita Datta wegen ihres „Jedem das Seine“ auch so herablassend in Ihrer Sendung als Dummchen darstellen?

Man darf gespannt sein, ob Zapp irgendwann einmal den gleichen Maßstab bei sich selbst anlegt, an dem es seine Umwelt misst. Bevor man also anderen heimleuchtet, sollte man vielleicht doch einmal überprüfen, ob die Tatsache, dass man auf einem Auge blind ist, vielleicht damit in Zusammenhang steht, dass sich darin ein gewaltiger Balken befindet, um den man sich mehr kümmern sollte als um den Splitter in den Augen der anderen. Um nicht enttäuscht zu werden, setze man seine Hoffnungen auf Einsicht bei Zapp bei Null an. Besser als an obigem Beispiel lässt sich jedenfalls Doppelmoral kaum illustrieren. Oder, um einen schönen Anglizismus sprechen zu lassen: Selbstgerechtigkeit at its best! Und weil’s so schön war, gleich noch ein Anglizismus: Gleichbehandlung und Gerechtigkeit sind bei Zapp offenbar nur On-demand-Ware.

Da ist es doch fast wieder beruhigend festzustellen, dass die Zapp-Zuschauer offensichtlich weniger unterbelichtet sind, als man bei Zapp womöglich meint, ja, dass sie Zapp als Leitfaden in der Medienlandschaft gar nicht benötigen und mit der Fernbedienung abstimmen. Wie oben bereits angedeutet, hält offenbar eine nicht gerade geringe Anzahl von Zuschauern Zapp nicht die Treue. Hätten am 11.07.2007 noch 130.000 Zuschauer Zapp eingeschaltet, seien es am vergangenen Mittwoch nur noch 90.000 gewesen, was einem Marktanteil von läppischen 3,1% entspreche und einen Einbruch von über 25% bedeutet.4 Angesichts dieser geringen Einschaltquote sollte man sich wiederum nicht allzu sehr über Zapp aufregen. Viel Flurschaden kann Zapp mit einer solchen Reichweite sowieso nicht in der Medienlandschaft anrichten. Man stelle sich nur vor, dass die spätere NDR-Sendung „Planet Erde“ in der Wiederholung zu nachtschlafender Zeit, nämlich um 1.59 Uhr, mit 3,4% einen größeren Marktanteil hatte. Natürlich ist dies nur bedingt vergleichbar, doch die Zahl 90.000 ist nun wirklich erschreckend gering und spricht für sich.

Nun ist es ja an und für sich ein großer Vorteil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens, dass man sich bei der Programmgestaltung nicht allein von Einschaltquoten leiten lassen muss, sondern bestimmte Sparten auch bei niedrigen Einschaltquoten weiterhin unterhält, wie das Beispiel Phoenix zeigt, das überdies erfolgreicher ist, als ursprünglich erwartet, liegt es doch mit einem Marktanteil um die 1% vor den privaten NTV und N24.5 Nun ist Phoenix über jeden Zweifel erhaben, und es ist als Errungenschaft anzusehen, dass die Bundesrepublik der Bevölkerung diesen Sparten- und Niveauluxus von Theaterkanal, Dokukanal, Infokanal, 3sat, arte ebenso erhält wie die Regionalprogramme. Doch nicht jede Sparte hat Niveau. Und wo es an Niveau mangelt, darf man sich schon fragen, wieso man als Gebührenzahler so etwas finanzieren soll. Das fragt man sich bei einer Reihe von Sendungen in ARD und ZDF und nun auch langsam bei Zapp. Ansatz und Anspruch sind doch gut, warum hat man es nötig, sich auf das Niveau derer herab zu begeben, die man ständig z.T. zu recht kritisiert? Ein Medienmagazin ist wichtig, aber die Intendanz des NDR soll dabei bitte nicht Böcke zu Gärtnern im Mediengarten machen bzw. die Böcke nicht weiterhin so gärtnern lassen.

Kleine Anregung zum Schluss: Jetzt, da Juliane Ziegler arbeitslos ist, kann sie ja vielleicht das nächste „Durchgezappt“ präsentieren.

Nur wacker weiter so! Viele Grüße an die vom Bert-Donnepp-Preis wahrscheinlich noch ganz beschwipsten6 Historiker und Linguisten von Zapp.

bert-donnepp-preisP.S.:

Irritierenderweise scheint der NDR nicht einmal zu wissen, wie der Preis, den man eingeheimst hat, korrekt geschrieben wird, ist doch seit mehreren Tagen eine Pressemeldung mit folgender Überschrift zu lesen: „Medienmagazin ‚Zapp‘ erhält Bert-Donepp-Preis.“ Zweimal hintereinander wird dort der Preis, auf den man so stolz ist, falsch, nämlich mit einem, statt mit zwei „n“ geschrieben. Na, wahrscheinlich tippt eine Blondine die Pressemitteilungen ein, was, Herr Gizinski?! Zapp, Medienmagazin, NDR, Kuno Haberbusch, Kuno, Haberbusch, Nicola von Hollander, Julia Stein, Bert Donnepp Preis, Bert Donepp Preis, Donnepp, Juliane Ziegler, 9Live, Pro7, Nightloft, Gita Datta, Datta, Gita, Maik Gizinski, Gizinski, Jedem das Seine, Arbeit macht frei, KZ, Konzentrationslager
© Stefan Fix, 2008

  1. Zapp-Sendung vom 06.02.2008 []
  2. So geschehen am 09. und 16.01.2008. []
  3. siehe screen capture vom 08.02.2008 []
  4. Quelle: AGF/GfK-Fernsehforschung, pc#tv, Fernsehpanel (D+EU), NDR Medienforschung []
  5. Quelle: Presseportal, 01.09.2006. []
  6. von Freude beschwipst. []
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