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Le Passe-muraille

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Abseits vom Trubel im Umkreis von Sacré-Cœur befindet sich etwa einen halben Kilometer nordwestlich davon, dort, wo sich die Rue Girardon und die Rue Norvins treffen, die Place Marcel Aymé, benannt nach dem französischen Erzähler und Dramatiker. Dieser lebte von seiner Geburt im Jahr 1902 an bis zu seinem Tod im Jahr 1967 auf dem Montmartre in der Rue Norvins Nummer 26. Ihm zu Ehren wurde aus dieser Hausnummer der Place Marcel Aymé Nummer 2. In seiner jetzigen baulichen Form bestand der Platz bereits zu seinen Lebzeiten als Einbuchtung der Rue Norvins. Er wurde also rein nominell für ihn geschaffen und besteht nur aus dieser Hausnummer. Dank dieser Einbuchtung konnte diese sehr elegante Lösung gelingen. Doch bei dieser Ehre allein ließ man es nicht bewenden. Der berühmte Schauspieler, Regisseur, Choreograph, Maler und Bildhauer Jean Marais schuf eine Bronzeplastik des Helden aus Aymés Novelle „Le passe-muraille” aus dem Jahr 19431, die im Jahr 1989 eingeweiht wurde.
Dieser Held namens Dutilleul wohnte wie durch Zufall nur zwei Straßen von seinem Schöpfer entfernt im dritten Stockwerk der Rue d’Orchampt Nummer 75 und war Junggeselle sowie Beamter dritter Klasse im Finanzministerium. Aufgrund eines Stromausfalls fand er im Alter von 43 Jahren heraus, dass er über eine äußerst ungewöhnliche Fähigkeit verfügte. Bei diesem Stromausfall nämlich tappte er eine Weile im Dunkeln und fand sich unversehens im Treppenhaus wieder, ohne dass er jedoch eine Tür passiert hatte. Da die Wohnungstür von innen verschlossen war, sah sich Dutilleul gezwungen, auf dem Weg in seine Wohnung zurückzukehren, auf dem er sie offenbar verlassen hatte. Und siehe da, er gelangte tatsächlich durch die Wand hindurch in seine Wohnung zurück.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Nun war aber Dutilleul von seinem Naturell her so geartet, dass ihn diese Gabe eher befremdete als zu Abenteuern antrieb, weshalb er gleich am nächsten Tag in dieser Angelegenheit einen Arzt aufsuchte, der eine „schraubenförmige Verhärtung in der Drosselwand der Schilddrüse” diagnostizierte und ihm Tabletten verschrieb, die aus „tetravalentem Schafgarbenextrakt, vermischt mit Reismehl und Zentaurenhormon” bestanden und zweimal jährlich einzunehmen waren. Dutilleul nahm die erste Tablette ein, deponierte die übrigen in seinem Nachttisch und vergaß daraufhin diesen Vorfall und seine übermenschliche Fähigkeit für ein ganzes Jahr.

Doch eine Wendung in seinem Leben sollte sie ihm ins Gedächtnis zurückrufen, als er nämlich einen neuen Vorgesetzten mit Namen Lécuyer bekam, mit dem ein frischer Wind in die Abteilung einzog und der allerlei Dinge änderte, so z.B. auch Formulierungen, die seine Untergebenen in ihren Schreiben zu verwenden hatten. Dutilleul aber konnte sich partout nicht daran gewöhnen und verfiel immer wieder in die herkömmlichen, höflicheren Formulierungen zurück. © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007 © www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Wegen dieser Renitenz wurde er von Lécuyer in einen kleinen Abstellraum strafversetzt, der direkt an dessen Büro grenzte. Weil Lécuyer Dutilleul fortgesetzt schikanierte, entsann dieser sich eines Tages seiner besonderen Gabe. Wiederholt steckte er fortan seinen Kopf durch die Wand seines Chefs und beschimpfte diesen. Immer aber wenn Lécuyer nach einer solchen Erscheinung Dutilleuls in dessen Kabuff hinübereilte, fand er diesen ordnungsgemäß an seinem Schreibtisch bei der Arbeit, sodass Lécuyer an seinem Verstand zweifeln musste. Dutilleul trieb dieses Spiel solange, bis Lécuyer schließlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.
Eigentlich hätte Dutilleul es ja dabei bewenden lassen können, war er seinen ungeliebten tyrannischen Vorgesetzten doch nun los. Aber Dutilleul hatte Blut geleckt und dachte bereits über weitere Einsatzmöglichkeiten seiner Fähigkeit nach. Er verlegte sich nun auf Bankraub und suchte eine Bank nach der anderen heim, füllte seine Taschen mit Geld und weiteren Wertgegenständen. Bald kannte ganz Paris diesen Einbrecher, den die Polizei einfach nicht zu fassen bekam. Der Ganove, der immer sein Werwolf-Pseudonym „Garou-Garou” schriftlich an den Tatorten hinterließ, wurde bald zum Stadt- und auch zum Bürogespräch. So musste Dutilleul mit ansehen, wie seine Kollegen sich voller Bewunderung über diesen „Garou-Garou” äußerten. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und brüstete sich vor den Kollegen damit, dass er selbst dieser „Garou-Garou” sei, was diese freilich nicht glaubten und Dutilleul stattdessen unentwegt hänselten.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007In der folgenden Nacht ließ Dutilleul sich deshalb absichtlich beim Einbbruch in ein Juweliergeschäft ertappen, um seinen Kollegen zu beweisen, dass er tatsächlich „Garou-Garou” sei. Am nächsten Morgen war sein Bild auf den Titelseiten der Zeitungen und er selbst im Gefängnis. Dort hielt er Wärter und Direktor immer wieder zum Narren, indem er einfach das Gefängnis verließ, wie es ihm beliebte und auswärts frühstückte oder aber sich im Gästezimmer der Wohnung des Gefängnisdirektors einquartierte. Irgendwann aber war er dessen müde und verließ das Gefängnis auf Dauer, legte sich ein anderes Äußeres zu und nahm sich eine neue Wohung in der Avenue Junot2, direkt um die Ecke seiner bisherigen Wohnung. Er suchte eine neue Herausforderung für seine Gabe, nachdem die dicken Gefängnismauern ja kein Hindernis dargestellt hatte. So schwebte ihm eine Reise nach Ägypten vor, wo er sich an den Mauern der Pyramiden zu versuchen gedachte. Zunächst aber brachte er einige Zeit unerkannt auf dem Montmartre zu.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007 Eines Tages wurde er auf der Rue de l’Abreuvoir von dem Maler Gen Paul3, mit dem der Autor auch in Wirklichkeit bekannt und befreundet war, erkannt, weshalb er seine Reisepläne forcierte. Doch noch am gleichen Nachmittag verliebte er sich unsterblich in eine schöne Blonde, der er in der Rue Lepic über den Weg lief und die ihn auch bemerkte und ihm nicht abgeneigt zu sein schien. Doch Dutilleul musste von Gen Paul erfahren, dass diese Dame einen äußerst eifersüchtigen Gatten habe, der sie nur dann aus den Augen lasse, wenn er sich des Nachts amüsieren ging, sie dann aber einschloss. Als Dutilleul die Dame das nächste Mal traf, gestand er ihr seine Liebe und teilte ihr mit, sie in der kommenden Nacht zu besuchen. Diese entgegnete, dass dies unmöglich sei, doch am gleichen Aben, nachdem der eifersüchtige Ehegatte das Haus verlassen hatte, betrat Dutilleul das Haus seiner Geliebten in der Rue Norvins durch die Mauer und drang schließlich auch in ihr Zimmer vor, wo sich beide bis in die Nacht liebten. Anderntags litt Dutilleul unter Kopfschmerzen und nahm zwei von den Tabletten zu sich, die er im Nachttisch fand. Am folgenden Abend machte er sich wieder zu seiner Geliebten auf, wo sie sich abermals liebten. Als Dutilleul sie aber in der Nacht wieder verließ, war das Gefühl beim Hineintreten in die Mauer ein anderes als all die Male zuvor. Bisher war das Durchdringen von Mauern ohne Widerstand vonstatten gegangen, nun aber war ihm als ob er sich in einer zähflüssigen Masse bewegte. Je weiter er eindrang, desto schwerer wurde es. Als er schließlich vollständig in der Mauer war, konnte er sich mit einem Mal gar nicht mehr bewegen. Erst jetzt entsann er sich der vermeintlichen Kopfschmerztabletten, die er eingenommen hatte, bei denen es sich aber offensichtlich, wie ihm nun dämmerte, um die Tabletten handelte, die ihm der Arzt ein Jahr zuvor gegen seine übermenschliche Gabe verschrieben hatte und die er zweimal jährlich einzunehmen hatte. Offenbar entfaltete die zweite Dosis, die er zudem doppelt zu sich genommen hatte, ihre damals gewünschte Wirkung. Dutilleul blieb somit in der Mauer stecken und steckt dort bis zum heutigen Tag. Des Nachts lassen sich aus Richtung der Mauer gedämpfte Klagelaute vernehmen.
Um dem in der Mauer steckenden Dutilleul ein Denkmal zu setzen, hätte es keines Bildhauers bedurft, man hätte einfach ein Hinweisschild an der Mauer anbringen können, mit der Aussage, dass sich darin Monsieur Dutilleul befinde. Aber man hat ihn stattdessen nur halb in der Mauer stecken gelassen, was eine großartige Plastik zur Folge hat. Vielleicht wird hier auch nur demonstriert, wie es ausgesehen haben muss, als Dutilleul noch Mauern passieren konnte. Wie auch immer, hier ist eine absolut sehenswerte Plastik gelungen, die noch dazu ein sehr würdiges Denkmal für Marcel Aymé darstellt.
Welch’ große Faszination von der Novelle und der ihr zugrunde liegenden Idee ausgeht, lässt sich nicht zuletzt daran ermessen, dass „Le passe-muraille” mehrmals verfilmt wurde. So bereits 1951 in einer französisch-italienischen Produktion unter der Regie von Jean Boyer. Im Jahr 1970 wurde die Novelle abermals filmisch adaptiert, diesmal in einer französischen Produktion unter der Regie von Pierre Tchernia. Im Jahr 1959 wurde die Geschichte von László Vajda auch in der Bundesrepublik verfilmt, mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Vajda und Rühmann erhielten dafür den Ernst-Lubitsch-Preis des Jahres 1959, der seit 1957 für die beste komödiantische Leistung im deutschen Film verliehen wird.

  1. In deutscher Übersetzung erschien diese Novelle im Jahr 1949 bei Rowohlt Stuttgart/Hamburg/Baden-Baden unter dem Titel „Der Mann, der durch die Wand gehen konnte und andere Pariserische Scheherezaden.” []
  2. Hierbei handelt es sich übrigens um die Fortsetzung der o.g. Rue Norvins, in der Marcel Aymé wohnte. []
  3. *1895-1975 []

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