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Philemon und Baucis

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Diese aufrecht stehende Reliefgrabplatte befindet sich auf dem Friedhof Hamburg Ohlsdorf. Sie wurde im Jahr 1938 aus Kalkstein gefertigt. Es handelt sich hierbei um eine Darstellung der durch den römischen Dichter Ovid überlieferten Sage „Philemon und Baucis“.

Darin wird berichtet, dass Jupiter1 und sein Sohn Hermes2 einst in Menschengestalt auf die Erde herabkamen und das auf der gegenüberliegenden Seite der Ägais gelegene Phrygien besuchten3: „Jupiter kam hierher, wie ein Sterblicher, und mit dem Vater / Sein stabtragender Sohn Merkurius, ohne Gefieder.“4

Dort wollten sie die Gastfreundschaft der Bevölkerung auf die Probe stellen, da Jupiter auch Schützer des Gastrechts war und daher auch Jupiter hospitalis (bzw. Zeus Xenios) hieß. Als arme und müde Wanderer verkleidet klopften sie an die Türen jeder kleinen Hütte und jedes großen Hauses, fanden jedoch nirgendwo Einlass: „Tausend Wohungen nahn sie, um Obdach bittend und Ruhe; / Tausend Wohnungen sperret das Schloß“5

Schließlich kamen sie zu einer Hütte, die alle vorherigen an Armseligkeit übertraf und deren Dach lediglich aus Blattwerk bestand. Auf ihr Klopfen hin wurde die Tür jedoch weit geöffnet, und eine fröhliche Stimme bat die beiden Wandersleute herein: „Ein Häuschen empfängt sie, / Zwar sehr klein, mit Halmen gedeckt und Rohre des Sumpfes“6

Zwar mussten sie sich bücken, um die niedrige Tür passieren zu können, doch einmal im Inneren angelangt, fanden sie einen behaglichen und sauberen Raum vor. Ein freundlich dreinblickendes altes Ehepaar hieß die beiden Wanderer willkommen und begann in aller Betriebsamkeit damit, es ihren Gästen so bequem wie möglich zu machen. So stellte der Alte eine Bank an die Feuerstelle und forderte seine Gäste auf, es sich darauf bequem zu machen und die müden Glieder auszustrecken. Zuvor hatte die alte Frau noch eine weiche Decke über die Bank gebreitet. Sie stellte sich den Fremden als Baucis und ihren Mann als Philemon vor: „Aber die redliche Baucis, und gleich an Alter Philemon, / Beide verlebeten dort die blühende Jugend, und beide / Alterten dort allmählich. Die Armut offen bekennend / Machten sie leicht und erträglich mit nicht unwilliger Seele. / Gleichviel, ob du den Herrn dort aufsuchst, oder den Diener: / Zween sind das sämtliche Haus; und dieselbigen tun und befehlen. / Als nun das himmlische Paar sich genaht der ärmlichen Wohnung, / Und die Scheitel gebückt, zur niedrigen Pforte hineinging, / Heißt sie der freundliche Greis ausruhn auf gestelletem Sessel, / Den mit grobem Gewebe die emsige Baucis bedeckte. / Darauf, dem Herde genaht, zerwühlt sie die lauliche Asche, / Weckt das gestrige Feuer, mit Laub und trockener Rinde / Nährend, und bläst aus dem Rauche mit keuchendem Atem die Flammen. / Kleingespaltenes Holz und gedörretes Reis von dem Boden / Trägt sie herab, und zerknickt’s, und legt es dem Kesselchen unter.“7

Während sie einen Kessel mit Wasser über das Feuer hängte, erzählte sie, dass sie mit ihrem Mann seit ihrer Hochzeit in dieser Hütte gelebt habe und sie immer glücklich gewesen seien. Sie seien zwar arm, doch dennoch zufrieden. Gerade als das Wasser zu kochen begann, kam der Alte mit einem Kohlkopf aus dem Garten herein. Zusammen mit einem Stück Schweinefleisch wurde der Kohl nun gekocht: „Auch was der Mann an Gemüs‘ im gewässerten Garten gesammelt, / Blättert sie ab. Doch jener mit zweigehörnter Gaffel / Hebt den beräucherten Rücken des Schweins von der rußigen Latte, / Wo er ihn lange gespart, und schneidet ein Stück von der Schulter, / Weniges nur nur, und zähmet den Schnitt in der brausenden Wallung. / Beide verkürzen indes die Zwischenstund‘ in Gesprächen, / Daß den Verzug nicht fühlen die Fremdlinge. Nahe dem Herde / Hing die buchene Wann‘ am Pflock mit gebogenem Handgriff. / Diese, mit laulichem Wasser gefüllt, empfänget die Glieder / Bähend. Es steht in der Mitte, von fedrigen Kolben des Teichschilfs / Weich ein Lager gestopft, das Gestell und die Füße von Weiden. / Dieses umhüllen sie nun mit Teppichen, die sie gewöhnlich / Nur am festlichen Tag‘ ausbreiteten; aber auch diese / Waren schlecht und veraltet, der weidenen Flechte nicht unwert. / Hierauf ruhn die Götter.“8

Währenddessen deckte Baucis mit ihren zitternden alten Händen den Tisch: Geschürzt dann stellet und zitternd / Baucis den Tisch; doch einer der drei Tischfüße war ungleich; / Bald macht gleich ihn die Scherbe: da untergefügt sie den Höcker / Heilete, jetzo reibt den geebneten grünende Minze.“9 Sie brachte Oliven, in Essig eingelegte Kornelkirschen, Radieschen und Käse sowie einige Eier auf den Tisch. Auch Nachtisch wurde bereitgehalten: „Aufgetischt wird dann die gesprenkelte Beere der Pallas. / Auch des Herbstes Kornelle, bewahrt in gekläreter Lake; / Rettich, Endivien auch, und Milch zu Käse gerundet; / Eier zugleich, vorsichtig in warmer Asche gewendet: / Alles auf irdnem Geschirr. Der aus Ton geformte Mischkrug / Prangt nun bunt auf der Tafel, und buchene Becher, mit Zierat / Voll geschnitzt, und die Höhlung mit gelblichem Wachse gefirnißt. / Wenige Frist, da sendet der Herd die dampfenden Speisen. / Wieder enthebt man jetzo die nicht hochaltrigen Weine; / Daß sie, entfernt ein kleines, den Raum nicht engen dem Nachtisch. / Hier ist Nuß, hier Feige, gemischt mit runzligen Datteln, / Pflaumen im kleineren Korb‘, im größeren duftende Äpfel, / Und großbeerige Trauben, von Purpurreben gesammelt; / Mitten die weißliche Scheibe des Honiges; aber vor allem / Ladet der heitere Blick, und ein Herz, nicht träge noch kargend.“10

Philemon stellte zwei wacklige Bänke an den Tisch. Kohl und Fleisch waren indes gar und wurden ebenfalls aufgetischt. Nachdem alles bereit war, forderten Philemon und Baucis ihre Gäste auf, es sich schmecken zu lassen. Philemon brachte ihnen überdies noch Becher aus Buchenholz und einen Tonkrug mit Wein, der eher Ähnlichkeit mit Essig hatte und zudem mit Wasser verdünnt war. Doch Philemon war offensichtlich stolz und glücklich, seinen Gästen etwas Derartiges vorsetzen zu können. Er achtete darauf, sofort wenn ein Becher leer wurde, nachzuschenken. In seiner geschäftigen Gastfreundlichkeit fiel dem alten Ehepaar zunächst nicht auf, dass der Weinkrug sich nie leerte. Egal wieviel Philemon nachschenkte, der Krug blieb randvoll. Als sie dessen dann doch gewahr wurden, wechselten sie schreckerfüllte Blicke, senkten sodann aber ihre Augen und beteten leise. Sie hatten erkannt, dass es sich bei ihren Gästen nicht um gewöhnliche Menschen handelte: Beide nun sehn, daß, wie oft sie erschöpfeten, immer der Mischkrug / Wieder von selbst sich füllt, und der Wein freiwillig heranwächst. / Staunend vor Angst und bestürzt, und rückwärts hebend die Hände, / Flehen sie, Baucis zugleich, im Gebet, und der bange Philemon“.11 Mit bebenden Stimmen und am ganzen Leib zitternd baten sie ihre Gäste um Vergebung für das karge Mahl, das sie ihnen serviert hatten. Sie seien im Besitz einer alten Gans, die ihnen als Beschützerin ihres bescheidenen Häuschens diene. Diese würden sie aber sogleich zubereiten, wenn die Gäste solange warten würden. Doch es sollte ihnen partout nicht gelingen, die Gans zu fangen, so sehr sie sich, zur großen Belustigung von Jupiter und Merkur (die natürlich auch hier, wie schon beim Weinkrug ihre Hände im Spiel hatten), auch mühten. Schließlich gaben sie völlig entkräftet auf: „Daß sie mit Gnad‘ anschauen das ungerüstete Gastmahl. / Jetzo die einzige Gans, die bei der Nacht ihr winziges Häuschen / Hütete, trachten die Eigner den himmlischen Gästen zu opfern. / Jene, mit flatterndem Lauf vor den langsam folgenden Alten, / Müdet sie lang‘ umtäuschend, und fliehet zuletzt, wie um Rettung, / Zu den Unsterblichen selbst; und den Tod verbieten die Herrscher.“12

Nun hielten die Götter den Zeitpunkt für gekommen, sich den alten Leuten zu offenbaren. Sie seien die Gastgeber von Göttern gewesen, ließen sie die Alten wissen. Dafür sollten sie belohnt werden. Das ungastliche Land, in dem der arme Fremde verschmäht werde, solle bestraft werden, nicht jedoch sie: „Wir sind Götter und tragen den unrechtschaffenen Nachbarn, / Sagten sie, würdigen Lohn. Doch euch vergönnen wir, teillos / Solcher Strafe zu sein. Verlasst nur eure Wohnung / Folget unserem Schritt, und hinauf zu den Höhen des Berges / Gehet zugleich! – Sie gehorchen, und beid‘ auf Stäbe gestützet, / Streben sie weit hinauf mit mühsamen Tritten die Anhöh’n. / Jetzo dem Gipfel so fern,
wie der Pfeil von der Senne geschnellet, / Abreicht, wenden sie bange den Blick; und in sumpfender Sintflut / Sehen sie alles versenkt; ihr eigenes Häuschen war übrig.
((ebd.))

Sie waren nunmehr von einem großen See umgeben. Obwohl die Nachbarn nie gut zu Philemon und Baucis gewesen waren, weinten die beiden doch um sie, da sie von den Göttern von der Erde getilgt worden waren. Doch ihre Tränen trockneten angesichts des nun folgenden Wunders. Ihre kleine, niedrige Hütte verwandelte sich plötzlich in einen Tempel aus weißestem Marmor, versehen mit herrschaftlichen Säulen und einem goldenen Dach: „Während sie noch anstaunten, der Nachbarn Schicksal bejammernd; / Sieh! die veraltete Hütte, zu klein auch zweien Bewohnern, / Wandelt zum Tempel sich um: für die Gaffeln ragt ein Gesäul auf: / Rötlich schimmert das Stroh, und wie Gold erscheinet der Giebel, / Bunt getrieben die Pfort‘, und gedeckt der Boden mit Marmor.“13

Daraufhin stellte ihnen Jupiter darüber hinaus noch einen Wunsch frei. Die alten Leute tauschten sich kurz flüsternd aus. Dann äußerte Philemon ihrer beider Wunsch. Sie wünschten, die Priester dieses Tempels zu sein und ihn zu hüten. Da sie so lange zusammen gelebt hätten, sei es ihr Wunsch, dass keiner von beiden je allein sein müsse und das Grab des anderen sehen müsse. Man möge ihnen daher vergönnen, gemeinsam zu sterben. Die Götter gewährten diesen Wunsch. Noch lange lebten sie in diesem Tempel und ehrten darin die Götter: Jetzt mit ruhigem Antlitz begann Saturnius also: / Sagt uns, redlicher Greis, und du des redlichen Mannes / Würdige, was ihr begehrt! – Mit Baucis redet Philemon / Weniges, öffnet den Himmlischen drauf den gemeinsamen Ratschluß: / Euere Priester zu sein, und euch zu pflegen des Tempels, / Werd‘ uns vergönnt! Und weil wir in Eintracht immer gelebet, / Laßt die selbige Stund‘ uns beid‘ hinnehmen; und niemals / Schau‘ ich die Gruft der Gattin hinfort, noch bestatte mich jene! / Gleich war Wunsch und Erfolg. Sie pflegeten beide des Tempels, / Ganz ihr Leben hindurch.14

Es ist nicht überliefert, ob die beiden ihre armselige Hütte, die doch so gemütlich und freundlich war, je vermissten. Eines Tages nun standen sie vor der marmornen und goldenen Pracht und begannen, sich über ihr früheres Leben auszutauschen, das so hart und doch so glücklich gewesen war. Beide waren inzwischen überaus alt geworden. Während sie ihre Erinnerungen austauschten, brachten beide mit einem Mal Blätter hervor und Rinde wuchs um sie herum. Die Zeit reichte gerade noch dazu aus, einander zuzurufen: „Lebe wohl, geliebter Gefährte“. In dem Moment als die Worte verklungen waren, wurde beide zu Bäumen – Baucis zu einer Linde und Philemon zu einer Eiche. Doch sie waren nach wie vor zusammen, da sie aus ein und demselben Stamm wuchsen. Von nah und fern kamen die Menschen fortan, um dieses Wunders gewärtig zu werden: Da, gelöst von Jahren und Alter, / Einst vor den heiligen Stufen vereint sie standen und sprachen / Über das Schicksal des Orts, sah Baucis in Laub den Philemon, / Sah der alte Philemon in Laub aufgrünen die Baucis. / Und wie nun beider Gesicht der laubige Wipfel emporwuchs: / Leb‘, o Trautester, wohl! und o Trauteste! riefen sie wechselnd, / Weil sie noch konnten, zugleich; und zugleich umhüllte das Antlitz / Beiden Gebüsch. Noch zeigt der tyanischen Fluren Bewohner / Dort das heilige Paar als nachbarlich grünende Bäume. / Wahrheit liebende Greise (warum auch sollten sie täuschen?) / Haben mir solches erzählt. Auch sah ich die hangenden Kränze / Selbst an den Ästen umher; und hängend den meinigen sagt ich: / Fromme sind Himmlischen wert, und Ehrende werden geehret.“15

Die in der Sage beinhaltete Vorstellung, über den Tod hinaus in Liebe verbunden zu bleiben, eignet sich wunderbar als Trostmotiv für alle Liebenden, die ihre Trennung durch den Tod fürchten. Die Idee, dass Tote in Bäumen fortleben, ist ein weiterer Trostaspekt. Die Grabplatte repräsentiert ein recht seltenes Grabsteinmotiv, womit sie den Friedhof bereichert und mitnichten nur Angehörige der darunter Begrabenen inspiriert. Begraben ist dort tatsächlich ein Ehepaar, dem leider nicht der gleichzeitige Tod vergönnt war, wie Philemon und Baucis. Sie starb 1938 (geb. 1861), ihr Mann folgte 1942 (geb. 1853). Der Künstler ist unbekannt, die Arbeit dürfte aus den Dreißiger Jahren stammen.

Literatur:

  • Ovid: Verwandlungen. Übersetzt von Johann Heinrich Voß.
  • Leisner, Barbara; Heiko K.L. Schulze u. Ellen Thormann. Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Geschichte und Grabmäler. Band 1 und 2. Hamburg, 1990.
  1. griech. Zeus []
  2. griech. Merkur []
  3. das heutige Anatolien []
  4. Ovid: Verwandlungen. Übersetzt von Johann Heinrich Voß. []
  5. ebd. []
  6. ebd. []
  7. ebd. []
  8. ebd. []
  9. ebd. []
  10. ebd. []
  11. ebd. []
  12. ebd. []
  13. ebd. []
  14. ebd. []
  15. ebd. []
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