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Wer im Glashaus ZAPPt (die Dritte)

Es ist schon bemerkenswert, mit welch grober Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit man sich beim NDR-Medienmagazin Zapp wöchentlich über die mediale Umwelt erhebt. Doch wer sich als pedantischer Gralshüter politischer Korrektheit aufspielt, sollte wenigstens selbst keine Angriffsflächen bieten.

Zur Erinnerung: Am Mittwoch, den 30.11.2005 strahlte Zapp im Rahmen seiner Rubrik „Durchgezappt“ auch einen Beitrag mit dem Titel „Ausrutscher der Woche“ aus.NDR Zapp Senait Mehari Gita Datta Darin ging Zapp hart mit der Sozialkampagne „Du bist Deutschland” ins Gericht. Deren gleich lautender Slogan sei nicht neu, sondern bereits eine „Nazi-Parole“ gewesen. Das hätten „Internet-Blogger“ in einem „historischen Bildband“ entdeckt. Dabei handelt es sich übrigens um ein Buch mit dem Titel „Ludwigshafen – Ein Jahrhundert in Bildern“, herausgegeben vom Stadtarchiv Ludwigshafen am Rhein. Die zur Debatte stehende Parole findet sich dort auf einem Bild, das eine NS-Kundgebung im Jahr 1935 auf dem Ludwigsplatz in Ludwigshafen zeigt. Der genaue Wortlaut ist: „Denn Du bist Deutschland”. Die Parole nimmt offensichtlich Bezug auf das über ihr befindliche große Hitlerporträt, sodass wohl zu verstehen ist: „Denn Du, Adolf Hitler, bist Deutschland”.

Dies ist jedoch genau das Gegenteil dessen, was die Kampagne „Du bist Deutschland” augenscheinlich zu bezwecken sucht. Dort liegt ja die Betonung gerade darauf, dass jede/r Einzelne auf die ihr/ihm eigene Art Deutschland sei. Somit steht totale Ausrichtung auf einen Diktator gegen Betonung des Individuums und der Eigeninitiative. Es stellt sich die Frage, was dann eigentlich das Problem von Zapp ist. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei einmal mehr um das reflexartige und substanzlose pseudo-intellektuelle Gehabe sich politisch links wähnender Journalisten handelt. Leider haben bei diesen in Bezug auf Äußerungen die Reflexe offenbar die Oberhand über das Denken. Statt sich also die Mühe zu machen, selbst etwas nachzudenken, wird reproduziert, was „Internet-Blogger“ herausfinden.

Wenn also diese Parole so offensichtlich negativ besetzt sei, warum war Zapp dann auf die Hilfe von Bloggern angewiesen und hat nicht selbst sofort darauf hingewiesen? Möglicherweise ja deshalb, weil es sich dabei um eine Parole handelt, die sich bei den Nazis gar nicht durchgesetzt hat, die kaum Verbreitung gefunden hat? Es ist überdies ziemlich infam, dass Zapp den Machern der Kampagne indirekt die gleichen Intentionen unterstellt, wie sie die Nazis damals hatten. In Verschwörung witterndem, nahezu reißerischem Ton heißt es bei Zapp: „Doch jetzt kam heraus: Der Spruch ist nicht ganz neu. Aber wer hat ihn denn schon mal benutzt?“. Besagte Blogger hätten das „Original“ in einem Bildband entdeckt. Damit insinuiert Zapp, dass die Macher der Kampagne in Kenntnis der Originalparole diese kopierten und sich somit in die nationalsozialistische Tradition stellten. Zapp stellt sodann die Vermutung an, dass dem an der Kampagne beteiligten Gerald Asamoah das Lachen wohl im Halse steckengeblieben wäre, wenn er davon gewusst hätte.

Auch hier, wie schon im Fall von Senait Mehari attackiert Zapp Personen und deren Anliegen, die allem Anschein nach alles andere als Böses im Schilde führen. Niemand ist doch gezwungen, die Kampagne zu mögen. Man kann sich daran stören, dass man als Adressat geduzt wird. Aber die Zapp-Mitarbeiter sind doch sicher keine Spießer!? Man kann die Primitivität der Botschaft ablehnen, sogar die „Volkskörperrethorik“, die sie verwende1. Man kann auch – wie das Satiremagazin Titanic – die Auffassung vertreten, dass die Kampagne „ein PR-Schwindel“ sei, „den sich zynische Reklamefritzen ausgedacht haben, um ein paar Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt abzuzapfen und sie in Immobilien, Investmentfonds und Puffbesuchen anzulegen.“2 Das ist pointiert und trifft womöglich den Nagel auf den Kopf. Aber den Machern der Kampagne indirekt NS-Ideologie zu unterstellen, aufgrund der Tatsache, dass ihr Slogan einer weitgehend unbekannten NS-Parole ähnele, ist lächerlich, vollkommen unverhältnismäßig und platt.

Etwas völlig anderes ist es, wenn für „Kompetenzzentrum“ die Abkürzung „KZ“ verwendet wird. Diese Abkürzung weckt international in breiten Bevölkerungsschichten negative Assoziationen. Jeder Mensch weiß, dass es sich dabei um die Abkürzung für die „Konzentrationslager“ der Nationalsozialisten handelte. Insofern ist es absolut indiskutabel, dass diese Abkürzung heute wofür auch immer nicht mehr verwendet werden sollte.

Sicherlich kann der Eindruck entstehen, dass Gerald Asamoah als „Quoten-Afro-Deutscher“ benutzt wurde und Patrick Lindner als „Quoten-Homosexueller“. Doch wie groß wäre das Geschrei – gerade auch bei Zapp – gewesen, wenn eine der von ihnen repräsentierten Gruppen nicht vertreten gewesen wäre? Die Tatsache, dass in der Kampagne ein Marcel Reich-Ranicki vertreten ist, ein Wojtek Czyz, ein Xavier Kurt Naidoo, eine Minh-Khai Phan-Thi sowie ein Kool Savas alias Savaş Yurderi, nimmt Zapp nicht etwa zum Anlass, anzuerkennen, dass „Du bist Deutschland“ eindeutig ein Plädoyer für den Pluralismus hält. Stattdessen fällt Zapp nichts Klügeres ein, als eine Parallele zum Nationalsozialismus zu ziehen.

Angesichts solch destruktiven Verhaltens kann man in gewisser Weise nachvollziehen, dass sich Jean-Remy von Matt – Teilhaber der an der Kampagne beteiligten Werbeagentur „Jung von Matt“ – über die Undankbarkeit von Journalisten und Bloggern beschwerte. Dass er in diesem Zusammenhang zudem Weblogs als „Klowände des Internet“ bezeichnete, bedarf spätestens seit dem Zeitpunkt keines weiteren Kommentars mehr, an dem seine Agentur begann, sich selbst dieses Mediums zu bedienen3.

So weit also zu Zapps Empörung über die Sozialkampagne im Herbst 2005. Etwa anderthalb Jahre später, nämlich am 11.07.2007, strahlte Zapp wiederum in der Rubrik „Durchgezappt“ einen Beitrag mit dem Titel „Der Knaller der Woche“ aus, der es ebenfalls in sich hat. Was übrigens die Betitelungen der Beiträge angeht, ist Zapp nicht sonderlich weit vom Stil des Erzfeindes BILD entfernt. Was dort der Gewinner bzw. Verlierer des Tages ist, sind bei Zapp der Knaller, der Ausrutscher, die Peinlichkeit, das Lob, die Wahrheit, die Trennung sowie die Blitzmerker der Woche. Selbst wenn es sich dabei um eine Persiflage handeln sollte, wäre diese wahrlich nicht der Ausbund an Einfallsreichtum. Es ödet den Zuschauer nämlich an, immer nur zu hören, wie dumm alle anderen sind. Viel interessanter wäre es doch, zu erfahren wie schlau Zapp ist. Wenn Zapp sich aber mehr durch das Wiederkäuen dessen hervortut, was der Feder Anderer entstammt und mit dem Reproduzieren von Klischees, anstatt durch bemerkenswerte Eigenleistung, ist es kein Leichtes zu erkennen, dass Zapp so viel schlauer sei.

Aber zurück zu oben genanntem Beitrag. Darin berichtet Zapp über einen Werbeclip der EU-Filmförderung, der wegen seiner unverblümten Sexszenen bei einigen „eher prüden Parlamentariern“4 auf Protest gestoßen sei. Aus diesem Grund habe eutube – das EU-Portal bei youtube – einen weiteren, diesmal romantischer ausgelegten Werbeclip nachgelegt. So weit, so gut. Doch der Kommentar von Zapp lautete nicht einfach: „Zapp meint: Gut so!“, sondern: „Zapp meint: Jedem das seine.“NDR Zapp Senait Mehari Gita Datta Jedem das Seine Es soll hier gar nicht darum gehen, dass substantivierte Possessivpronomina ohne vorherige Nennung eines Referenznomens bzw. wenn ihnen ein Artikel vorausgeht mit einem großen Buchstaben beginnen, sondern vielmehr um den inhaltlichen Aspekt.
Hier bedarf Zapp offenbar einer überfälligen Nachhilfe in Sachen Geschichte. Man möchte meinen, es gehöre zur Allgemeinbildung, dass das Schlagwort „Jedem das Seine“ zu einem Synonym für den Massenmord der Nazi-Verbrecher wurde, weil die Nazis es in das Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald einschmieden ließen.

Es kann wohl ausgeschlossen werden, dass Zapp damit Bezug auf die lateinische Urfassung „suum cuique“ nehmen wollte, bei der es sich um einen klassischen Rechtsgrundsatz im Sinne der Gerechtigkeit handelt. So hat diese Formel ihren Weg vom klassischen Griechenland aus über Aristoteles, Sokrates und Platon bis hinein in die Zeit des Oströmischen Reiches genommen, wo sie im Rahmen der von Kaiser Justinian I. im Jahr 528 n.Chr. in Auftrag gebenen Kodifikation und Vereinheitlichung des römischen Rechts5 in einen Rechtsgrundsatz gegossen wurde6. Da die meisten Staaten Europas das Römische Recht bis in die Neuzeit hinein als maßgebliche Rechtsquelle verwendeten, gelangte die Formel bis ins 20. Jahrhundert, wo sie dann von den Nazis pervertiert wurde. Die Nazis ließen dieses Schlagwort in Buchenwald so anbringen, dass es von innen lesbar war, was die Aussage nur noch verhöhnender, demütigender und zynischer machte, als sie mit ihrem missbrauchten Inhalt ohnehin schon war. Im Entwürdigen sind und waren die Nazis besonders begabt, was daran liegen muss, dass es ihnen selbst an Würde mangelt/e. Um mit ihren Opfern auf Augenhöhe zu sein, müssen sie diese entwürdigen. Anders als bei „Du bist Deutschland“, das eben nicht über einem der größten Konzentrationslager prangte, sollte eigentlich jeder halbwegs gebildete Mensch in Deutschland wissen, dass sich die Nutzung dieses Schlagworts verbietet. Insbesondere wenn man, wie Zapp, mit Hohn auf andere herabschaut, denen ein weitaus geringerer Lapsus unterläuft, sollte es einem selbst nicht an politisch-historischer Sensibilität mangeln, der zur obszönen Verwendung eines extrem negativ konnotierten Schlagwortes führt.

Zapp reiht sich damit ein in eine Gruppe von Firmen, deren Werbeagenturen in den vergangenen Jahren ähnlich wenig historische Bildung und Sensibilität aufwiesen. So bewarb beispielsweise Nokia 1998 in Deutschland seine neuen Mobiltelefone mit auswechselbaren, verschiedenfarbigen Frontblenden mit dem Slogan „Jedem das Seine“. Proteste, die darauf hinwiesen, dass dieser Slogan historisch belastet ist, führten schließlich dazu, dass Nokia die Kampagne abbrach. Im gleichen Jahr warb die Firma REWE mit diesem Slogan ausgerechnet für Grillzubehör. Microsoft bewarb damit Software und McDonald’s seine Burger-Menüs in Thüringen – ausgerechnet also in dem Bundesland, auf dessen Territorium sich die heutige Gedenkstätte für das einstige KZ-Buchenwald befindet. Dass man mit zunehmender Nähe zum Ort und zu Überlebenden eines Massenmordes nicht unbedingt sensibler werden muss, bewies ja am 28. August des vergangenen Jahres der stellvertretende Bundesbeauftragte für Kultur und Medien und studierte Historiker Hermann Schäfer mit seiner völlig taktlosen Rede anlässlich des Eröffnungskonzerts des Kunstfestes Weimar, das den Titel „Gedächtnis Buchenwald“ trug. Der ehemalige Bundestagspräsident Jenninger (CDU) befand sich während seiner missratenen Rede anlässlich des 50. Jahrestages der Novemberpogrome im Jahr 1988 wenigstens nicht auch noch an einem Ort des organisierten Massenmordes, sondern „nur“ vor dem versammelten Bundestag, weshalb die Rede in ihrer Art natürlich trotzdem besonders deplaziert war.

Nun denn, vielleicht sollte Gita Datta, die Zuständige für den zur Debatte stehenden Zapp-Beitrag, nachdem sie eine Arbeit über das „fragmentarische Weltbild deutscher Fernsehnachrichten“ geschrieben hat, sich mit ihrer möglicherweise fragmentarischen Allgemeinbildung befassen. Doch auch der ach so kritische und recherchefreudige Kuno Haberbusch hat sich an dieser von Frau Datta verwendeten Formulierung offenbar nicht gestört. Er hätte sonst jederzeit eine Umformulierung bewirken können. Ist ihm bei seinen Recherchen etwa die diesem Schlagwort innewohnende Brisanz und Problematik entgangen? Hätte Gerald Asamoah diese Zapp-Sendung gesehen, wäre ihm bestimmt das Lachen im Halse steckengeblieben.

Man darf gespannt sein, wann Zapp sich das nächste Mal über seine mediale Umwelt erhebt. Angesichts des Balkens im eigenen Auge sollte Zapp sich aber beim Kritisieren der Splitter in den Augen der Anderen vielleicht etwas weniger weit aus dem Fenster lehnen. Senait Mehari, Mehari, Feuerherz, Kuno Haberbusch, Zapp, NDR,Medienmagazin, Gita Datta, Datta, Jedem das Seine, Arbeit macht frei, KZ, Konzentrationslager, Buchenwald, Auschwitz
© Stefan Fix, 2007

  1. Harald Jähner in der Berliner Zeitung vom 30.09.2005 []
  2. Titanic, März 2006, S.8. []
  3. http://blog.jvm-neckar.com/ []
  4. Zapp-Diktion in der Sendung vom 11.07.2007 []
  5. Codex Iustinianus später Corpus Iuris Civilis []
  6. Das Recht ist die Kunst des Guten und Gerechten. […] Gerechtigkeit ist der unwandelbare und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zu gewähren. Die Regeln des Rechts sind die folgenden: ehrbar leben, andere nicht verletzen, jedem das Seine zubilligen. (Digesten 1, 1, 1 u. 1, 1, 10) []
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