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In den Startlöchern des Lebens …

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Ähnlich wie bei der 1913 errichteten Hamburger Hochschule für Bildende Künste, ist auch der 1927/28 erbauten Mädchenschule Uferstraße (heute Berufliche Schule Uferstraße) von Künstlerhand eine Art Motto beigegeben. Nur geschah dies hier nicht in Form von Glaskunst, sondern durch die Schaffung einer Skulptur. Anders als etwa beim Hansa-Kolleg, von dem an anderer Stelle noch die Rede sein wird, handelt es sich hier nicht um die bloße Verkörperung dessen, was im Gebäude vor sich geht. Beim Hansa-Kolleg versinnbildlicht dies die Skulptur einer Lesenden recht direkt und nicht überdurchschnittlich originell. Bei der früheren Mädchenschule Uferstraße ist der Sinn der Institution etwas abstrakter in Kunst umgesetzt worden. Dem Betrachter wird daher etwas mehr Interpretationsfähigkeit abverlangt. Vieles scheint für die Deutung zu sprechen, dass sich die Dame nicht etwa bückt, um das nicht vorhandene Schuhwerk zu schnüren, sondern um sich in eine Startposition zu begeben, aus der heraus es ihr am besten gelingen wird, zu starten. In der Leichtatlethik hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass der Tiefstart unter Zuhilfenahme von Startblöcken bei den Sprintdisziplinen bzw. den Kurzstrecken den optimalen Abstoß gewährt. In der Mädchenschule erhielt man demnach den optimalen Start ins Frauenleben. Dies ist eine etwas zielorientiertere Darstellung als beim Hansa-Kolleg, wo es weniger um das Danach als mehr um das Jetzt zu gehen scheint. Aus heutiger Sicht könnte man annehmen, dass in der Beruflichen Schule der optimale Start ins Berufsleben geboten wird. Die Startform suggeriert dem Betrachter, dass hier eine Kurzstrecken- bzw. Sprintausbildung geboten wird, worüber hier jedoch aus mangelnder Kenntnis der gegenwärtigen Ausbildungsdauer kein Urteil gefällt werden kann.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Geschaffen wurde diese aus Muschelkalk bestehende1 „Starterin“ im Übrigen von dem Bildhauer Friedrich Wield (*15. März 1880 Hamburg – †10. Juni 1940 Hamburg), dem ersten Vorsitzenden der 1919 gegründeten Hamburgischen Sezession.

Diese bestand aus 52 Mitgliedern, unter denen sich neben Malern auch Architekten und Bildhauer befanden. Anders als beispielsweise die 1905 in Dresden gegründete „Brücke“ oder der 1911 in München gegründete „Blaue Reiter“, hatte die Hamburgische Sezession keine feste Programmatik. Aufgrund der späten Gründung der Hamburgischen Sezession im Vergleich zu ähnlichen Vereinigungen in Deutschland (Münchner Sezession 1892, Wiener Secession 1897, Berliner Secession 1898), war sie nicht mehr von der Kriegsbegeisterung mancher Expressionisten geprägt. Ihre Mitglieder waren bereits von ihr geheilt, sofern sie je von ihr befallen gewesen waren. Nichtsdestotrotz sind viele Werke bis hinein in die zwanziger Jahre noch vom Expressionismus geprägt. Ab der Mitte der zwanziger Jahre hatten die meisten Mitglieder jedoch den nachexpressionistischen Kunststil der Neuen Sachlichkeit für sich entdeckt. Dass auch Architekten Aufnahme in der Hamburgischen Sezession fanden, rückt diese, von ihrem programmatischen Ansatz her, in die Nähe des zeitgleich in Weimar gegründeten „Bauhauses“, war jedoch weniger systematisch als dieses.

Der künstlerische und auch politische Nonkonformismus der Sezessionskünstler, der sich zu Beginn der dreißiger Jahre mitunter in unverholener Kritik an Repräsentanten der Nationalsozialisten äußerte, führte dazu, dass die Frühjahrsausstellung der Hamburgischen Sezession im Jahr 1933 die erste Ausstellung in Deutschland war, die auf Veranlassung der Nazis polizeilich geschlossen wurde (am 30. März). Als Begründung wurde von der Polizeibehörde angeführt, dass:

[…] die Ausstellungsobjekte in ihrer überwältigenden Mehrzahl zur Förderung des Kulturbolschewismus geeignet sind.2

Bereits vor der Machtergreifung hatte die NS-Propaganda in ihren Blättern gegen die Sezession gehetzt. Man beschimpfte sie als „verjudete Börse der Unkunst“ sowie als „artfremd“ bzw. „entartet“. Als die Nazis im Mai 1933 von der Hamburgischen Sezession den Ausschluss ihrer sechs jüdischen Mitglieder verlangten, kam es zu einem bemerkenswerten Akt der Solidarität: Um den jüdischen Mitgliedern den demütigenden Ausschluss zu ersparen, löste sich die Hamburgische Sezession selbst auf, und ihre Mitglieder vertranken gemeinsam das Vereinsvermögen – anders als durch Betäubung war es wahrscheinlich auch kaum möglich, die Dumpfheit der Nazis zu ertragen. Viele der Künstler erhielten Berufsverbot, ihre Ateliers und Arbeiten wurden zu allem Überfluss z.T. Opfer der späteren Luftangriffe der Alliierten.

Friedrich Wield schied 1940 durch Freitod aus dem Leben, weil er an der völligen Einschränkung seiner schöpferischen Freiheit durch das NS-Regime zugrunde gegangen war. Alma del Banco nahm sich 1943 im Alter von 81 Jahren mittels einer Überdosis Morphium das Leben, nachdem sie einen Deportationsbescheid für Theresienstadt erhalten hatte. Bereits in den Jahren zuvor war sie von den Nazis systematisch gedemütigt worden. So hatte sie Ausstellungsverbot erhalten, war künstlerisch isoliert worden, hatte die Entfernung mehrerer ihrer Arbeiten aus der Hamburger Kunsthalle ertragen und schließlich auch den Judenstern tragen müssen. Anita Rée nahm sich bereits 1933 im Alter von 48 Jahren das Leben und kam somit der Verfolgung durch die Nazis wegen ihrer jüdischen Abstammung zuvor. Viele Mitglieder emigrierten entweder in die Schweiz, nach England oder in die USA, andere, wie Wield, gingen in die Innere Emigration, an der sie z.T. zerbrachen. Manch männliches Mitglied wurde von der Wehrmacht eingezogen und an der Ostfront verheizt, so geschehen mit dem Maler und Werbegrafiker Fred Hendriok.

Wieder andere wie beispielsweise Ludolf Albrecht biederten sich den Nazis an und denunzierten Kollegen. So habe Albrecht sich in einem Denunziationsschreiben gegen Befürworter der nationalen und internationalen Avantgarde sowie gegen alle Juden ausgesprochen.3 Er habe „sich für eine vorrangige Förderung von kunstgewerblichen, an vermeintlich deutschen Traditionen orientierten Schöpfungen“ ausgesprochen und sich offenbar „die Position eines kulturpolitischen Beraters des neuen Regimes“ erhofft.4 Albrecht wurde aufgrund seiner Denunziationen während der NS-Zeit nach 1945 aus dem „Berufsverband bildender Künstler“ (BBK) ausgeschlossen. Im Jahr 1951 gründete er die „Künstlergilde Pinneberg“, die noch heute besteht. Auf der Internetseite der „Künstlergilde Pinneberg“ wird übrigens mit keinem Wort auf die Rolle ihres Gründers und ersten Vorsitzenden Ludolf Albrecht während der NS-Zeit eingegangen. Somit bleibt auch seine Mitgliedschaft im „Kampfbund für deutsche Kultur“ dort unerwähnt. Diese NSDAP-nahe Organisation wurde 1928 u.a. vom NS-Chef-Ideologen Alfred Rosenberg gegründet und geleitet. Weiterer Unterzeichner des Gründungsmemorandums war der Geflügelzüchter und Massenmörder Heinrich Himmler, der als „Reichsführer-SS“ hauptverantwortlich für die Durchführung des Holocaust und damit für die Ermordung von sechseinhalb Millionen Menschen war. Schon der Gründungsaufruf machte mit seinem NS-Vokabular in aller Deutlichkeit klar, worum es diesem Kampfbund ging, nämlich um den Kampf gegen die „Verbastardisierung unseres Daseins“. Man wollte „opferbereite deutsche Männer und Frauen“ an sich binden, um „artbewusste“ Zeitungen und Zeitschriften sowie bisher angeblich unterdrückte Gelehrte und Künstler zu fördern. Im Presseorgan der Organisation „Mitteilungen des Kampfbundes für deutsche Kultur“ wurden die Fronten geklärt, indem die Feinde einzeln namentlich aufgeführt wurden. Zu diesen Feinden zählten die üblichen Verdächtigen der Nazis, nämlich Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Bertolt Brecht, Walter Mehring, das Berliner Institut für Sexualwissenschaft, weiterhin Paul Klee, Wassily Kandinsky, Kurt Schwitters, das Bauhaus, Emil Nolde, Karl Hofer, Beckmann, George Grosz. Außerdem die Bücher von Ernst Toller, Arnold Zweig, Jakob Wassermann, Lion Feuchtwanger, Arnolt Bronnen, Leonhard Frank, Emil Ludwig, Alfred Neumann, die zudem nicht die Bezeichnung „deutsch“ führen durften. Eine Kulturoffensive des Bundes von 1930 richtete sich gegen Ernst Barlach und gegen die sogenannte „Hetzkunst“ von Käthe Kollwitz. Erscheinungsformen der klassischen Moderne wie die Architektur des Bauhaus, der Expressionismus und die Abstraktion in der Malerei oder auch die Zwölftonmusik wurden pauschal als „Kulturbolschewismus“ diffamiert und bekämpft. Künstler wie Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal oder Max Liebermann galten dem Kampfbund als „internationalistisch“. Als Vorbild diente dem deutschtümelnden und provinziellen Kampfbund vielmehr jemand wie der wiederentdeckte Romantiker Caspar David Friedrich. Expressionismus, proletkultische Kunstexperimente, Jazz sowie sozialkritische Kunst galtem Bund als gezielte Schwächung des Staates.

Eine gemeinsame Entschließung des Kampfbundes forderte „vor allem die Stärkung des deutschen Wehrwillens“. Hinsichtlich der Künste hieß es: „Wir rufen auf zum Widerstand gegen alle volksschädigenden Einflüsse auf dem Gebiet des Theaters … in Literatur und bildender Kunst … gegen eine wesensfremde Baukunst.“ Unter dem Motto „Es ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl aber, daß ich meine Pflicht tue!“ veranstaltete der Kampfbund Pfingsten 1931 eine Jugend- und Kulturtagung in Potsdam, auf der Alfred Rosenberg einen Vortrag über „Blut und Ehre“, „Rasse und Persönlichkeit“ hielt und Hermann Göring zum Thema „Wehrwille sichert die Kultur“ sprach.

Dass man keineswegs zum Eintritt in den Kampfbund gezwungen war, zeigen die Beispiele anderer Künstler, die nicht Mitglied wurden. Es war also Überzeugung oder zumindest Opportunismus, der jemanden wie Ludolf Albrecht eintreten ließ. Die Überzeugungen des Kampfbundes waren jedenfalls kein Geheimnis. Noch heute stehen im öffentlichen Raum Hamburgs übrigens Skulpturen von Ludolf Albrecht, ein Umstand, der die Größe und Souveränität einer Demokratie zeigt. Das NS-Regime, zu dem Ludolf Albrechts Kampfbund gehörte, hat ja die Werke Andersdenkender keineswegs stehen lassen, sondern vielmehr einen wahnwitzigen Bildersturm gigantischen Ausmaßes betrieben.

Während es einem Ludolf Albrecht offenbar nach Kriegsende gelang, in der Kunstszene Fuß zu fassen, aus der er ja schließlich auch nie ausgeschlossen wurde, war dies vielen anderen nicht vergönnt. Wenn mit dem Leben davongekommen und nicht im Exil, gelang es den wenigsten, an die Zeit vor der Machtergreifung der Nazis anzuknüpfen in einem Kunstbetrieb, der nunmehr vom „Informel“ geprägt war.

Sämtliche Versuche, die Hamburgische Sezession wiederzubeleben, scheiterten. Anders übrigens erging es der Münchner Secession. Sie kam den Nazis zwar nicht durch Selbstauflösung zuvor, sondern wurde von diesen 1938 im Zuge der sogenannten „Kultursäuberung“ aufgelöst. Aber ihre Mitglieder fanden sich 1946 wieder zusammen, so dass die Münchner Secession bis heute weiter besteht.

Literatur:

  • Sieker, Hugo (Hrsg.): Bildhauer Wield 1880-1940. Hamburg, 1975.
  • Weimar, Friederike: Die Hamburgische Sezession 1919-1933. Fischerhude, 2003.

Die Fotos und ihre Veröffentlichung im Internet wurden genehmigt von Reinhard Kolkmann, dem stellvertretenden Schulleiter der Beruflichen Schule Uferstraße. Das Copyright liegt beim Betreiber dieser Seite.

  1. Sieker, Hugo (Hrsg.): Bildhauer Wield 1880-1940. Hamburg, 1975, S.89. Auf der Abbildung auf Tafel 12 ist die Figur grau. Es scheint daher unsicher, ob es sich bei der heutigen Figur noch um das Original handelt. Die heutige Figur ist weiß. Möglicherweise wurde sie weiß getüncht. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine Nachbildung. []
  2. zitiert nach: Weimar, Friederike: Die Hamburgische Sezession 1919-1933. Fischerhude, 2003, S. 58. []
  3. Weimar, Friederike: Die Hamburgische Sezession 1919-1933. Fischerhude, 2003, S. 66. []
  4. Ebd. []
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