Solche und ähnliche Fragen stellen die Mitglieder einer chinesischen Delegation für Stadtentwicklung aus der ostchinesischen Hafenstadt Ningbo ihrer Reiseleiterin in Luo Lingyuans jüngst erschienenem Roman „Die chinesische Delegation”. Die Parallelen zwischen der Reiseleiterin Song Sanya und der Autorin sind unübersehbar. Beide sind gebürtige Chinesinnen, die ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben und nach Deutschland gegangen sind, wo sie seit mehreren Jahren mit einem deutschen Mann leben und ihren Lebensunterhalt als Reiseleiterin und Dolmetscherin verdien(t)en. In der Sendung Büchermarkt im Deutschlandfunk räumte Lingyuan auch völlig unumwunden ein, die ihr bei dieser Arbeit begegneten Charaktere in diesem Buch versammelt zu haben. Es handelt sich hier also um einen Roman mit autobiographischen Zügen, was ihn in diesem Fall nur noch reizvoller macht.
Neunzehn Delegationsmitglieder wollen in ebenso vielen Tagen Europa bereisen, offiziell, um sich über europäische Architektur und europäischen Städtebau zu informieren, eigens für sie veranstaltete Fachvorträge zu besuchen, Fachkräfte zu akquirieren und Geschäfte einzufädeln, darüber hinaus jedoch auch, um zu „shoppen”, Casinos zu besuchen sowie anderen anrüchigen Vergnügungen nachzugehen. Die Route beginnt in Rom und führt über den Vatikan nach Pisa, Venedig, Wien, Salzburg, München, Leipzig, Berlin, Potsdam, Hamburg, Amsterdam, Brüssel, Trier, Luxemburg und endet schließlich in Paris.
Als „disziplinierten Schnelltouristen” bereitet den Delegationsmitgliedern ein solches für europäische Reisegewohnheiten überbordendes Programm keine weiteren Schwierigkeiten, was nicht weiter überrascht, ist man doch hierzulande von Japanern schon so einiges gewöhnt. Man möchte meinen, dass derartig in Anspruch genommene Touristen abends direkt ins Bett fallen und schlafen. Doch die Geselligkeit kommt bei den Chinesen offenbar nicht zu kurz. Regelmäßig treffen sie sich in Hotelzimmern anderer Mitglieder, um dort gemeinsam Tee zu trinken und Karten zu spielen. Andere schleichen sich auch mal kurz aus dem Hotel, um Sehenswürdigkeiten des Tages noch einmal auf eigene Faust genauer unter die Lupe zu nehmen.
Das Haupt der Delegation ist Wang Jian, da dieser als stellvertretender Parteisekretär, Vizebürgermeister und Stadtbaurat von Ningbo das ranghöchste Mitglied der Gruppe ist. Sein ziviler Name wird nur am Anfang kurz erwähnt, da er sowohl von den Mitreisenden als auch von der Reiseführerin ängstlich respektvoll mit Kommandant Wang angesprochen wird bzw. nur mit Kommandant. Er ist ein despotischer Mensch, von dessen Launen das Befinden der gesamten Gruppe beeinflusst wird, dem von Mitreisenden immer Honig ums Maul geschmiert wird, um ihn bei Laune zu halten, was insofern auch wichtig ist, weil er aufgrund seiner Position durch Auftragsvergabe oder eben Auftragsverweigerung das wirtschaftliche Wohl und Wehe seiner Mitreisenden in der Hand hat. Wang ist ein abstoßender Charakter, der die Reiseleiterin, die er ungeachtet ihrer Herkunft sowieso als Ausländerin (Dissidentin?) betrachtet, permanent tyrannisiert und schikaniert. Ein Mann voller Doppelmoral, der vor dem Betreten besonders anrüchiger und kapitalistischer Orte, wie der Reeperbahn moralinsaure Vorträge hält, in denen er die Gruppe daran erinnert, wen sie vertritt:
„Genossen”, ruft er ins Mikrofon. „Wir werden ein Stadtviertel sehen, das korrupt und verkommen ist, und wo öffentlich Dinge stattfinden, die in China zu Recht verboten sind. Wir müssen darauf achten, dass wir nicht den Abschaum des Kapitalismus mit seiner goldenen Seite verwechseln. Eine kritische und distanzierte Betrachtungsweise ist angebracht. Ich betone: kritisch und distanziert!“
Was Kommandant Wang darunter versteht, kann man dann in Amsterdam beobachten. Abgesehen davon, dass die Autorin ihre Charaktere fein beobachtet hat und mit z.T. spitzer Zunge, aber keineswegs frei von Sympathie (selbst für den Kommandanten scheint sie irgendwie zumindest so etwas wie Mitgefühl aufbringen zu können) beschreibt, ist doch das Interessanteste und Spannendste an diesem Buch, zu lesen, was Chinesen in Europa auffällt, was sie interessant, seltsam, überflüssig oder sinnvoll finden. Auf diese Weise wird nicht nur der eigene Blick auf sich selbst geschärft, sondern man erfährt gleichzeitig so einiges über China und die Denkart moderner Chinesen. Ein Phänomen, von dem wohl auch ein Autor wie Wladimir Kaminer profitiert, nur dass man in seinen Büchern Deutschland durch die russische Brille sieht. Wie bei Kaminer sind auch die Dinge, die Lingyuan beschreibt, allesamt nicht neu, werden von uns jedoch kaum wahrgenommen, schon gar nicht als etwas Besonderes. Die eingangs zitierte Frage gehört dazu. Offenbar kommt es Chinesen seltsam vor, dass an Deutschlands Fenstern (so gut wie) keine Wäsche zum Trocknen hängt, sodass man sich fragt, wie das denn hierzulande bewerkstelligt wird. Verwundert sind Chinesen offenbar auch darüber, dass deutsche Parks nicht von einer Mauer umgeben oder wenigstens umzäunt sind und warum man dort keinen Eintritt entrichten muss. Erstaunt sind sie zudem darüber, dass es auf deutschen Baustellen so wenige Arbeitsunfälle geben soll. Gleichzeitig wundert man sich, dass die Gerüste hier nicht aus wackeligem Bambusrohr, sondern aus Stahlrohr bestehen, das doch um so vieles teurer ist. Die Dinge, die in Deutschland besser gelöst zu sein scheinen, werden genauestens registriert. So auch Themen wie Umweltschutz, Denkmalschutz und die Förderung und Konservierung der Kultur. Über andere Dinge amüsiert man sich. Wieder andere Dinge werden dagegen nicht akzeptiert, wie das Kennzeichen des Busses, dessen Ziffernfolge im Chinesischen nichts Gutes verheißt oder aber Doppelbetten für Unverheiratete. Seltsam mutet auch an, dass die Chinesen bei aller Aufgeschlossenheit so gut wie immer in chinesischen Restaurants essen, selbst wenn es nur von Vietnamesen geführt wird, wie in Leipzig der Fall, was natürlich eine inakzeptable Qualität mit sich bringt. Die wenigen Ausnahmen bilden Venedig, wo die Delegation sehen will, was die Italiener aus den chinesischen Nudeln gemacht haben, die Marco Polo aus China mitgebracht hat, sowie das Hofbräuhaus, wo man „Wurstplatte, Eisbein, Schnitzel und Leberkäse” sowie einige Maß Bier zu sich nimmt, was offensichtlich gut ankommt, jedoch nicht dazu führt, dass man auf diese Erfahrung hin etwa dazu überginge, öfter die europäische Küche zu probieren.
Die Chinesen wundern sich, dass die Geschäfte so früh schließen, dass Busfahrer nur eine begrenzte gesetzliche Lenkzeit haben, dass (fast) alle Bauarbeiter versichert sind und dass man sich über das Grundwasser Gedanken macht.
Beim Lesen des Buches kommt es einem gar nicht so widersprüchlich vor, dass Kommandant Wang im Wohnhaus der Familie Marx in Trier ein Gesicht macht, „als hätte er durch jahrelanges Beten endlich Kontakt zu Buddha erhalten” und ein anderes Delegationsmitglied in Amsterdam einen Diamanten im Wert von 60.000 Dollar kauft. Denn solche scheinbaren Widersprüche werden anhand einzelner Biographien gleichzeitig aufgelöst. So werden von der Kulturrevolution deformierte und entwurzelte Menschen gezeigt, die dennoch dem Kommunismus nicht abhold sind, weil sie später von der Modernisierung Chinas unter Deng Xiaoping profitierten, die zwar keine politischen Freiheiten gewährte, aber einen wirtschaftlichen Pragmatismus mit sich brachte, der China zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt und so manchen Chinesen zum Millionär machte. Nach der Lektüre dieses Buches wird sich wohl selbst die Ansicht des Busfahrers Frank Wagner ändern, derzufolge sich die Delegationsmitglieder „wie eine Horde frisch geschlüpfter Küken” ähneln, allesamt „gelbhäutig, schwarzäugig und von kleiner Statur”, die auch wie Küken piepsen.
So plötzlich, wie sie auf dem Flughafen Rom-Fiumicino aufgetaucht ist, entschwebt „die chinesische Delegation” am neunzehnten Tag ihres Aufenthaltes von Paris aus in Richtung Heimat. Damit enden auch 258 absolut lesenswerte Seiten voller Humor und erfrischend blumiger Metaphern. Einzig die Berliner Episoden mit dem Freund der Reiseleiterin hätten gut und gerne weniger detailliert ausfallen können, um an deren Stelle weitere interessante interkulturelle Anekdoten von der Delegation zu setzen, an denen sicher kein Mangel war.
Ein solches Buch würde man gerne auch über Delegationen vieler anderer Länder lesen. Da ist also noch genug Unterhaltungspotential.
Luo Lingyuan
Die chinesische Delegation
München, dtv premium, Februar 2007
14,50 EUR
ISBN: 978-3-423-24565-4









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