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„… laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!”

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Das Denkmal erinnert an die Schlacht bei Möckern – eine Teilschlacht der Völkerschlacht bei Leipzig. Hierbei wurde am 16. Oktober 1813 das von französischen Elitetruppen unter Marschall Marmont zur Festung ausgebaute Dorf Möckern (im Nordwesten Leipzigs) von der Schlesischen Armee unter Führung ihres Oberbefehlshabers Gebhard Leberecht von Blücher („Marschall Vorwärts”) sowie vom Preußischen Armeecorps unter Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg erobert. Etwa 10.000 Franzosen und 5.000 Preußen ließen bei dem Gemetzel ihr Leben. Dieser Sieg trug dazu bei, dass Napoleon eine Verkürzung des durch seine Truppen gezogenen Schlachtbogens vornehmen musste. Am 19. Oktober wurde Napoleon endgültig von der Koalition besiegt.
Das Sächsische Königreich gehörte durch den 1806 mehr oder weniger zwangsweise erfolgten Beitritt zum Rheinbund (Confédération du Rhin) zu den Verbündeten Frankreichs und war somit verpflichtet, Napoleon große Militärkontingente zu stellen. Im Gegenzug war Kurfürst Friedrich August I. (der Gerechte) zum König erhoben worden. Sachsen diente den Franzosen nur unwillig und gezwungenermaßen, wurde aber nichtsdestotrotz von den Siegern als Kollaborateur angesehen und musste fürchten, als solcher vom Wiener Kongress abgestraft zu werden. Preußens Ziel war es dabei, im Zuge der Arrondierung seines Territoriums, sich das Königreich Sachsen als Ganzes einzuverleiben, was jedoch nicht gelang, da es nicht dem Interesse Österreichs bzw. Frankreichs (die Monarchie war wiederhergestellt) entsprach, Preußen mehr als nötig erstarken zu lassen. Das europäische Gleichgewicht stand auf dem Spiel.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007
Immerhin fielen Preußen aber doch etwa 57% des sächsischen Territoriums und 42% der sächsischen Bevölkerung zu, von zuvor etwa 2 Millionen Einwohnern verblieben nur noch 1,2 Millionen. Das somit gewonnene Gebiet wurde „Provinz Sachsen” genannt und entspricht großen Teilen des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Nicht nur dort fühlten sich die Menschen als „Musspreußen”.
Wie zum Trost dafür, nicht ganz Sachsen bekommen zu haben, wurden Preußen im Westen Territorien erheblichen Ausmaßes zugestanden, nämlich die Provinz Westfalen und die Rheinprovinz, mit dem Nebeneffekt, dass somit der katholische Bevölkerungsanteil im bis dahin fast ausschließlich protestantischen Preußen wesentlich zunahm.
© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Zu den von Sachsen an Preußen abgetretenen Gebieten gehörte neben Merseburg, Naumburg, Mansfeld und Querfurt auch Wittenberg, die alte Hauptstadt Kursachsens – also ursächsisches Gebiet. Bereits 1817 wurde die durch Luther und Melanchton weltberühmt gewordene – sächsische – Universität Leucorea („leukos” = weiß in Anlehnung an „Wittenberg” = weißer Berg) mit der preußischen Universität Halle zur Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg zusammengelegt.
Das Dorf Möckern nun, das mittlerweile längst ein Stadtteil Leipzigs ist (Eingemeindung 1. Oktober 1910), zählte 1813 gerade einmal 300 Einwohner und gehörte zum dort befindlichen Rittergut. Nach der Schlacht ist der Ort fast völlig zerstört (15 Häuser bzw. Güter, das Gemeindehaus, die Schule, das Hirtenhaus und wohl auch die Windmühle). Zudem hatte die Gemeinde im April 1813 einen Kredit von 300 Talern aufnehmen müssen, um die zu diesem Zeitpunkt noch einquartierten russischen Truppen unterhalten zu können.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Möglicherweise hatte das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung Möckerns noch in Erinnerung, dass es nicht einmal 200 Jahre her war, dass schwedische Truppen im Dreißigjährigen Krieg 1637 Möckern in Brand steckten. Zuvor waren im Jahr 1631 Tillys Truppen vor der Belagerung Leipzigs an Möckern vorbeigezogen, wo sie ein Lager aufschlugen. Immerhin handelte es sich dabei um 21.000 Mann Fußvolk und 11.000 Reiter, deren Verpflegung Möckern sicher eine große wirtschaftliche Last auflud. Doch Möckern lebte auch später mit dem Militär, als nämlich 1877 nach zweijähriger Bauzeit die Infanteriekaserne fertiggestellt wurde und bald darauf das 7. Kgl. Sächsische Infanterie-Regiment „Prinz Georg” Nr. 106 dort stationiert wurde. Nachdem auf dem Gelände nach dem Ersten Weltkrieg Sicherheitskompanien untergbracht waren, diente die Kaserne nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1949 als Flüchtlings- und Umsiedlerlager sowie als Quarantänelager für zurückkehrende Soldaten. Von 1952-56 beherbergte die Kaserne Einheiten der Kasernierten Volkspolizei. Von 1956-90 schließlich waren Einheiten der NVA dort untergebracht.© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Ein Jahr lang nutzte die Bundeswehr noch die Kaserne, ehe sie einer zivilen Nutzung zugeführt wurde. Seit 1991 befindet sich auf dem ehemaligen Kasernenareal die Landesversicherungsanstalt Sachsen, seit 1997 der Neubau des Leipziger Arbeitsamts. Zusammen mit weiteren dort angesiedelten Institutionen bildet der Komplex heute das Sozialversicherungszentrum Leipzig.
Doch zurück zum eingangs erwähnten Denkmal. Dieses befindet sich heute vor der Auferstehungskirche, die am 10. November 1901 als Not- bzw. Interimslösung eingeweiht wurde, jedoch bis heute aufgrund zweier Weltkriege, Weltwirschaftskrise und Sozialismus nach wie vor unverändert als Fachwerkbau mit Ausfachung aus unverputzten gelben Ziegeln besteht. Von 1886 bis 1901 waren Gottesdienste in der Aula der 1884-86 gebauten „roten Schule” abgehalten worden. Bis in das Jahr 1543 war Möckern nach der Thomaskirche in Leipzig gepfarrt, nach der Reformation nach Wahren sowie von 1544-1857 nach Eutritzsch und 1857 schließlich wieder nach Wahren. Im Jahr 1901 war also erstmals die Kirche im eigenen Dorf.
Das Denkmal wurde am 3. Juni 1850 auf freiem Feld in der Nähe der Kreuzung des Verbindungswegs zwischen Möckern und Großwiederitzsch (heute: Slevogtstraße) mit der Magdeburger Eisenbahn eingeweiht, acht Jahre später dann an den Westrand des Dorfs Möckern an die Landstraße nach Halle versetzt (nämlich an die Hallische Straße 200, heute ungefähr Ecke Georg-Schumann-Straße/Slevogtstraße), bevor es 1903 dann an seinem heutigen Ort aufgestellt wurde.
Das Denkmal besteht aus einem Sandsteinblock, der auf zwei Sandsteinstufen und auf einem Feldsteinsockel steht. An jeder Ecke ruht eine sechspfündige und in der Mitte eine zehnpfündige Geschützkugel, weshalb das Denkmal Kugeldenkmal genannt wird. Auf der südwestlichen Seite steht: 16. OCTBR. 1813. Auf der südöstlichen Seite steht: SIEG DES SCHLESISCHEN HEERES BLÜCHER-YORK. Auf der nordöstlichen Seite steht: GAL.5.1. Der bibelfeste Leser mag sofort wissen, worum es sich dabei handelt, alle anderen seien informiert, dass dies ein Verweis auf den Brief des Paulus an die Galater ist, in dem es unter Kapitel 5, Vers 1 heißt: „Aufruf zur rechten Freiheit – Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!” Auf der nordwestlichen Seite befindet sich schließlich der Umriss eines Tatzenkreuzes, wohl in Anlehnung an das gleichförmige Eiserne Kreuz (EK), das als Kriegsauszeichnung vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1813 gestiftet wurde und in seiner Form auf das Kreuz des Deutschen Ordens und das des Templerordens zurückgeht.
Im zwischen 1900-1914 errichteten, so genannten Völkerschlachtviertel (zwischen heutiger Georg-Schumann-Straße und der Magdeburger Eisenbahnstrecke) wurden mit Straßennamen Persönlichkeiten der Völkerschlacht geehrt. So findet sich dort bis heute die Blücherstraße aber auch die Yorckstraße und die Clausewitzstraße. Dass diese Straßen über die DDR-Zeit hinweg ihren Namen beibehielten, ist insofern interessant, da der preußische Militarismus aus sozialistischer Perspektive doch die Wurzel alles Übels war. Es war ja nun nicht so, dass keine Namen kommunistischer Widerstandskämpfer zur Verfügung gestanden hätten, wie sich anhand benachbarter Straßen unschwer erkennen lässt. So finden sich dort die Erika-von-Brockdorff-Straße (Mitglied der Roten Kapelle), die Werner-Seelenbinder-Straße (Ringer und Kommunist, 4.Platz in der Olympiade 1936) und die Hans-Beimler-Straße (Spanienkämpfer). Außerdem waren Möckerner Schulen nach Hans Beimler und Bruno Kühn (Bruder von Lotte Ulbricht, geb. Kühn) benannt.
Das Beibehalten des Namens Yorck nimmt nicht sonderlich wunder, wenn man sich vor Augen führt, dass etliche Nachkommen Yorcks Gründungsmitglieder bzw. Mitglieder des Kreisauer Kreises waren. Neben Helmuth James Graf von Moltke war Peter Graf Yorck von Wartenburg sogar eine der beiden Führungspersönlichkeiten des Kreisauer Kreises.
Die Mitgliedschaft einzelner Yorcks in der Bekennenden Kirche war für die Sozialisten sicher weniger von Interesse.
Was aber Blücher angeht, so scheinen sich dessen Nachfahren nicht in solcher Weise hervorgetan zu haben. Warum dieser Straßenname beibehalten wurde, ist daher unklar. Bei Clausewitz liegen die Dinge insofern anders, als nicht ganz klar ist, ob die nach ihm benannte Straße schon vor 1989 so hieß. Wenn ja, dann sei erwähnt, dass Engels, Marx und Lenin Clausewitz’ Schrift „Vom Kriege” mit Interesse lasen und und z.T. für sich verwendeten. Die Clausewitzsche Aussage, dass „der Krieg nur eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” sei, ist als Unterordnung des Militärs unter die Politik zu verstehen. Entgegen der Meinung derjenigen, die Clausewitz kurzerhand als Vordenker des „Totalen Krieges” der Katastrophen beider Weltkriege abstempelten, ist dies viel zu kurz gegriffen. Das Primat der Politik über das Militär, wie Clausewitz es sich vorstellte, war beispielsweise bei Hitler kaum zu erkennen. Bei Hitler war Politik gleichbedeutend mit seinen persönlichen Zielsetzungen und hatte daher nicht viel mit dem Politikverständnis zu tun, wie es sich bei Clausewitz findet. Wie auch immer – Möckern war von den Franzosen befreit, die Sachsen zum Königreich erhoben hatten und allerlei Freiheiten und Modernisierungen einführten. Preußen, der Befreier, hatte Sachsen wiederum um fast die Hälfte seines Staatsgebiets gebracht. Ein ziemlich ambivalentes Ereignis war die Völkerschlacht also schon aus sächsischer Sicht. Zu allem Überfluss stehen nun überall steinerne Zeugen, die dafür Sorgen, dass die preußischen Großtaten nicht vergessen werden. Waren die Franzosen wirklich so schlimm, dass man sich sogar über die Preußen freut?

Quellen:

  • Möckern, Eine historische und städtebauliche Studie. PRO LEIPZIG e.V. im Auftrag des Stadtplanungsamtes. 1. Auflage, Leipzig, 1998.
  • leipzig-lexikon.de
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