Verglichen mit den Grabstätten von Campe und Meyer fällt die Harrassowitzsche geradezu bescheiden aus. Die vom Leipziger Bildhauer Adolf Lehnert geschaffene marmorne Kinderfigur befindet sich auf dem Leipziger Südfriedhof1. Nur etwa anderthalb Meter hoch2, steht sie etwas abseits der größeren Wege. Die auf der Vorderseite des Sockels befindliche Inschrift ist stark verwittert, doch bei näherem Hinsehen ist noch Folgendes zu entziffern: „Gisela Harrassowitz *28.VIII.1919 – †11.IV.1925″. Angesichts der Tatsache, dass diese Gisela nur sechs Jahre alt wurde, liegt es nahe, dass es sich bei der Skulptur um ein (betendes) Mädchen handelt. Die anderen Seiten des Sockels sind nicht mit Inschriften versehen, weshalb bei der Behauptung, dass es sich hierbei auch um die Grabstätte von Otto Harrassowitz handele, auf die Publikation „Der Leipziger Südfriedhof – Geschichte / Grabstätten / Grabdenkmäler”3 vertraut werden muss. Dort wird das Grab auf Seite 153 unter Verwendung eines Fotos oben abgebildeter Skulptur besprochen und ohne die Äußerung irgendeines Zweifels als die Grabstätte von Otto Harrassowitz bezeichnet. Bedauerlicherweise wird aber mit keinem einzigen Wort auf die so jung gestorbene Gisela Harrassowitz eingegangen, deren Name als einziger auf dem Grabmal verzeichnet ist. Wenn es sich hierbei um die Tochter von Otto Harrassowitz handeln sollte, hätte sie ihren Vater nur um fünf Jahre überlebt und er seine Tochter nur ein Jahr lang erlebt. Dass es sich um seine Tochter handelt, ist indes sehr unwahrscheinlich, da er dann im biblischen Alter von 74 Jahren Vater geworden wäre. Womöglich handelt es sich also um eine Enkelin, doch dies ist rein spekulativ. Abgesehen vom Nachnamen Harrassowitz findet sich also keinerlei Hinweis darauf, dass Otto Harrassowitz dort begraben liege.
Im Vertrauen auf die Richtigkeit der Angabe in o.g. Publikation wird hier also davon ausgegangen, dass es sich um die letzte Ruhestätte auch des Verlegers Harrassowitz handelt.
Dieser Otto (Wilhelm) Harrassowitz (*18. Dezember 1845 in Guayara, Venezuela – †24. Juni 1920 im südlich von Leipzig gelegenen Gaschwitz) nun kam im Alter von zehn Jahren aus Venezuela, wo sein Vater ein Handelsunternehmen aufgebaut hatte, nach Leipzig, um dort im Alter von neunzehn Jahren eine Buchhandelslehre aufzunehmen.
Die von ihm später gegründete Antiquariats- und Verlagsbuchhandlung erlangte unter ihm welweite Bekanntheit. Er gestaltete den Verlag zu einem Spezialantiquariat für Orientalistik, Bibliotheks- und Sprachwissenschaften, das fast 500 Antiquariatskataloge veröffentlichte. Die weitaus größte Zahl seiner Kataloge war dem Orient gewidmet. Harrassowitz wurde in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts der bedeutendste orientalistische Buchhändler des europäischen Kontinents. Weitere Kataloge, die in ihrer Qualität wissenschaftlichen Wert besaßen, waren der klassischen Philologie, der Altertumskunde, der Germanistik, Anglistik, Romanistik, Theologie, Kunst sowie den Americana gewidmet. Zudem gedieh der Exportbuchhandel mit den Vereinigten Staaten. So standen vierzig amerikanische Bibliotheken auf der wöchentlichen Versandliste.
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