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Christian Fürchtegott Gellert – Ein FABELhaftes Grab …

© www.espritdescalier.de - Stefan Fix, 2007Am 13. Dezember habe der Philosophieprofessor Gellert nach dreizehntägiger hartnäckiger Leibes-Obstruktion und innerlicher Entzündung die Zeitlichkeit verlassen, meldeten Leipziger Zeitungen.1 Mit ihm hätten Stadt und Universität Leipzig einen ihrer berühmtesten Männer verloren, hieß es dort weiter. In der Tat gingen die Menschen eines der bedeutendsten Vertreter der Leipziger Aufklärung verlustig, die sich auch solch bekannter Namen wie Johann Christoph Gottsched und Gotthold Ephraim Lessing rühmen kann. Mit seinen „Fabeln und Erzählungen” (1746-48), die aus dem aufklärerischen Tugendideal heraus entstanden, wurde Gellert einer der meistgelesenen Autoren des 18. Jahrhunderts. Sein Briefroman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***” begründete in Deutschland den bürgerlichen Roman. Seine Lustspiele führten das „Rührstück” (Comédie larmoyante) aus dem Französischen in die deutsche Literatur ein. Auch als Professor genoss Gellert seitens seiner Studenten große Verehrung und Liebe, wie Goethe in „Dichtung und Wahrheit” berichtet. Seine Vorlesungen über Moral, Poesie und Beredsamkeit seien gedrängt voll gewesen, so Goethe. Zu Goethes Studienzeit in Leipzig neigte sich das Leben Gellerts jedoch bereits seinem Ende zu. Mit seiner Beerdigung hatte Gellert jedoch mitnichten seine letzte Ruhestätte gefunden, wie im Folgenden beschrieben werden soll.
Nach dreifacher Umbettung befindet sich Gellerts letzte Ruhestätte nunmehr auf dem Leipziger Südfriedhof (Abteilung I). Seine erste Grabstätte jedoch befand sich auf dem Alten Johannisfriedhof. Als die heute nicht mehr existierende Johanniskirche 1894 bis auf den Turm abgebrochen wurde, um nach den Plänen des Architekten Hugo Licht im neobarocken Stil neu gebaut zu werden, fand man an der Südwand die Gebeine Johann Sebastian Bachs und diejenigen Gellerts. Man exhumierte sie und setzte sie 1897 in dem fertig gestellten Kirchenneubau in einer Gruft unter dem Altarraum erneut bei.
Nachdem das Kirchenschiff im Jahr 1943 bei Luftangriffen stark beschädigt worden war, wurden 1949 die Trümmer beseitigt und die verbliebenen Ruinen des Kirchenschiffs abgetragen. Im gleichen Jahr wurden die Gebeine Bachs in die Thomaskirche umgebettet, während die Gebeine Gellerts in die Universitätskirche St. Pauli überführt wurden. Der übriggebliebene Turm der Johanniskirche wurde 1956 saniert, was nichts daran änderte, dass das atheistische Regime der DDR ihn 1963 sprengen ließ, sodass an dieser Stelle heute nur noch der Name „Johannisplatz” an die Kirche erinnert. Der weiter südöstlich, hinter dem Grassimuseum gelegene Alte Johannisfriedhof, der heute eine museale Parkanlage ist, ist ein weiterer Hinweis auf die frühere Existenz der Kirche. Der seit 1563 bestehende Alte Johannisfriedhof war 1883 wegen vollständiger Auslastung seiner Kapazitäten für Bestattungen geschlossen worden. Fortan wurde der 1846 eröffnete Neue Johannisfriedhof genutzt, der etwa einen Kilometer südöstlich vom Alten Johannisfriedhof gelegen war. Am 31.12.1950 wurde jedoch auch dieser Friedhof von der Stadtverwaltung für Bestattungen – und zwanzig Jahre später, am 31.12.1970, für die Öffentlichkeit geschlossen. Darauf folgte zunächst die Säkularisation des Gottesackers, in deren Zuge Gruftanlagen und Umfassungsmauern abgebrochen und Gräber eingeebnet wurden. Umbettungen fanden nur dann statt, wenn sie privat finanziert wurden. Nur etwa 120 Grabmale wurden gerettet und auf dem Alten Johannisfriedhof gelagert. Unsachgemäßer Transport dorthin führte jedoch zu starken Beschädigungen der historisch bedeutenden Objekte. Vandalismus und Diebstahl taten schließlich ihr Übriges, sodass nach dem Ende des Arbeiter- und Bauernstaates nur noch 58 Grabmale übrig waren, die saniert werden konnten und daraufhin im südöstlichen Teil des Alten Johannisfriedhofs im eigens für diese Objekte eingerichteten Lapidarium aufgestellt wurden. Im Jahr 1983 wurde der nunmehr säkularisierte Neue Johannisfriedhof der Bevölkerung unter dem neuen Namen „Friedenspark” als städtisches Naherholungsgebiet zur Nutzung freigegeben. Somit fiel hier ein Name weg, der an die Existenz der Johanniskirche erinnerte. Die in nordöstlicher Richtung verlaufende Johannisallee ist jedoch ein heute noch existierender Hinweis auf diese Kirche. Die Johannisallee befindet sich zwischen Altem Johannisfriedhof und dem Friedenspark.
Doch zurück zum Schicksal von Gellerts Gebeinen. Ihnen war nur eine kurz Zeit der Ruhe vergönnt, denn die sie beherbergende Universitätskirche St. Pauli war den sozialistischen Bauplanern ein Dorn im Auge. Religion hatte in einer inzwischen in „Karl Marx” umbenannten Universität, auf einem inzwischen auf den Namen „Karl Marx” umgetauften Platz keine Daseinsberechtigung, hatte doch ausgerechnet dieser den von Lenin abgewandelten Auspruch geprägt, demzufolge Religion Opium für das Volk sei. Nun hatte aber der – seine späteren Jünger des DDR-Politbüros an Intelligenz wohl allesamt weit überlegene – Marx diesen Ausspruch in einer Zeit getätigt, als die christliche Konfession fast ausschließlich auf der Seite der „besitzenden Klassen” stand. Das „Übel” der Existenz dieser besitzenden Klassen hatte das SED-Regime im Jahr 1968 jedoch weitgehend beseitigt. Man war dem Ziel der „klassenlosen Gesellschaft” also bedeutend nähergerückt. Es ist durchaus vorstellbar, dass ein Marx diesem neuen Kontext Rechnung getragen hätte. Seine buchstabengläubigen und parolenverliebten Anhänger waren zu einer solchen geistigen Transferleistung offenbar nicht imstande. Das klerikale Übel musste allem Anschein in ihren ideologisch verblendeten Augen mit Stumpf und Stiel ausgemerzt werden. Kurzum, im Mai 1968 beschloss das Politbüro des ZK der SED unter Vorsitz des gebürtigen Leipzigers Walter Ulbricht die Sprengung des 737 Jahre alten Gotteshauses2. Wäre man einigermaßen souverän gewesen, hätte man die Kirche auch einfach umwidmen also säkularisieren können, vielleicht hätte sie als Aula oder auch als Lesesaal dienen können, schließlich war die Universitätsbibliothek – die Bibliotheca Albertina – 1945 zu zwei Dritteln zerstört worden, im Gegensatz zur Universitätskirche St. Pauli, die bei einem Luftangriff im Jahr 1943 nur leicht beschädigt worden war. Doch die Sprengung der Kirche blieb unabwendbar und wurde am 30. Mai 1968 schließlich durchgeführt. Was das Schicksal der etwa 800 in der Universitätskirche begrabenen Persönlichkeiten betrifft, herrscht bis heute Unklarheit. Am 11. Oktober 2007 berichtete „artour” – das Kulturmagazin des Mitteldeutschen Rundfunks – unter dem Titel „Wie die SED die Totenruhe störte”, dass laut Aussage des Zeitzeugen Winfried Krause, entgegen der damaligen offiziellen Verlautbarung, die in der Universitätskirche begrabenen Persönlichkeiten keineswegs auf den Leipziger Südfriedhof umgebettet wurden. Auch der bei „artour” zitierte Leiter des Friedhofs teilte mit, dass bis auf eine einzige Ausnahme niemand aus der Universitätskirche dorthin umgebettet worden sei. Bei dieser Ausnahme handelt es sich im Übrigen um Christian Fürchtegott Gellert, der damit das dritte Mal umgebettet wurde, zwei Mal allein durch die SED-Verantwortlichen, die über ihren intoleranten Atheismus hinaus offensichtlich auch noch pietätlos waren. Von den Gebeinen der restlichen 799 Persönlichkeiten aber fehle bis heute jede Spur, so „artour”. Krause zufolge seien kurz vor der Sprengung der Universitätskirche zunächst alle auffindbaren wertvollen Grabbeigaben geplündert und dann die Gebeine in Kindersärgen „verstaut” worden. Was daraufhin mit den Toten geschah, ist, wie gesagt, unbekannt, was sehr dafür spricht, dass die SED-Funktionäre auch hier skrupellos vorgingen. Angesichts solch barbarisch handelnder Menschen stellt sich die Frage, ob man überhaupt sicher sein kann, dass unter der Grabplatte Gellerts tatsächlich auch Gellert liegt.
Laut Krause hätten die Verantwortlichen in der Kirche sogar Bodenbohrungen vornehmen lassen, da unterirdische Grüfte vermutet worden seien3, in denen die Leichenfledderer der SED wohl weitere Wertgegenstände vermuteten, die sich zur Sicherung ihrer Privilegien in klingende Münze des Klassenfeindes umwandeln ließen. Da heute keinerlei Informationen über den Verbleib von Kunstschätzen und Gebeinen existieren, kann davon ausgegangen werden, dass – so die Informationen Krauses zutreffend sind – diese Bohrungen nicht vorgenommen wurden, um Kulturgut für die Nachwelt zu sichern, sondern um sich an den Hinterlassenschaften der „Reaktionäre” von „Klerus” und „Bourgeoisie” zu bereichern. Dieses Feindbild vor Augen zu haben, half sicher dabei, das Aufkommen eines schlechten Gewissens angesichts dieses Kulturvandalismus zu verhindern.
Abgesehen von dem, was die SED an Wertgegenständen aus der Kirche plündern ließ und womöglich zu Devisen machte, wurde aus der Universitätskirche nur der Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert gerettet, der noch heute als Dauerleihgabe der Universität im Chorraum der Thomaskirche zu besichtigen ist. Zudem sei es Kirchenvertretern in letzter Minute gelungen, einige der Wertgegenstände aus dem Gebäude zu holen sowie die wertvollsten Teile der beiden Orgeln auszubauen.4 Die Kunsthistorikerin Dr. Elisabeth Hütter berichtete von ihrer letzten Begehung der Paulinerkirche kurz vor deren Sprengung, dass sie dort abgeschlagene Hände und zertrümmerte Gesichter der Figuren an den Grabdenkmälern gesehen und sich an die barbarischen Akte der Bilderstürmerei erinnert gefühlt habe5.
Was der damals verantwortliche SED-Bezirkschef Paul Fröhlich unter Kunst, Demokratie und Humanismus verstand, lässt sich in erschreckend offener und entlarvender Weise in seinem damals unveröffentlichten, am 22. Mai 1968 vor der SED-Bezirksleitung gehaltenen Referat nachlesen6. Darüber, ob es sich bei dem, was die SED nach der Sprengung der Kirche und des Augusteums7 an deren Stelle plump in die Landschaft platzierte, um ein Kunstwerk handelte, wie Fröhlich in seinem Referat gänzlich unbescheiden behauptete, dürfte wohl sehr geteilte Meinung herrschen. Wen monotoner Plattenbau, kombiniert mit einer völlig überdimensionierten 33 Tonnen schweren, 14 Meter breiten, 7 Meter hohen und 3 Meter tiefen Bronzeplastik mit dem Titel „Karl Marx – das revolutionäre und weltverändernde Wesen seiner Lehre”, bekannter aber unter dem Namen „Aufbruch”8 anspricht, dem mag dieser Bau gefallen haben und der mag es im Sinne des sozialistischen Städtebaus gutgeheißen haben. Dass die Seele eines Menschen unter solch trister Monotonie leiden kann, sich von solch plumper Gigantomanie erdrückt fühlen kann, waren und sind sicher so manchem Verantwortlichen von damals völlig fremde Gedanken, ebenso wie die Tatsache, dass es ein Frevel ist, mutwillig Kulturgüter zu zerstören. Wer Kulturgüter zerstört, weil sie nicht identisch mit der eigenen Weltanschauung sind, ist religiös oder ideologisch fanatisch und daher gefährlich. Solche Menschen sollten nicht über das Schicksal anderer bestimmen dürfen. Ein solches Verhalten findet sich in den Bücherverbrennungen der nationalsozialistischen Massenmörder, in dem vom Massenmörder Mao angeordneten Bildersturm Ende der 1960er Jahre, als man u.a. buddhistische Tempel und christliche Kirchen zerstören ließ oder in dem Bildersturm des Massenmörders Stalin gegen die orthodoxe Kirche, aber auch in dem Bildersturm der barbarischen und jenseitigen Taliban gegen die Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan im März 2001.
Betrachtet man also die Bilderstürmer des 20. Jahrhunderts, befindet sich die SED in entlarvender Gesellschaft von samt und sonders psychopathischen Persönlichkeiten, die aus einer Mischung aus Paranoia, Mangel an Kultur, aus ideologischem oder religiösem Fanatismus, aus rein egoistischem Machterhaltungstrieb oft gepaart mit einem Mangel an Bildung bzw. mit einseitiger Bildung Bilderstürme veranlassten.
Der offensichtlich völlig übergeschnappte und größenwahnsinnige Paul Fröhlich hielt diesen Neubau für „die größte humanistische Tat der Arbeiter- und Bauern-Macht”9.
Etwa vierzig Jahre nach diesem Ikonoklasmus, wurde nun das asbestverseuchte sozialistische Hauptgebäude, das die Stelle der Kirche und des Augusteums eingenommen hatte, abgerissen. Zuvor musste jedoch eine umfangreiche Gefahrstoffsanierung durchgeführt werden, wie auf der Seite der mit dem Abriss beauftragten Firma nachzulesen ist.
Die Ironie der Geschichte ist es nun, dass sich ausgerechnet die Mitglieder der „Linksfraktion.PDS”, also der Nachfolgeorganisation der SED, zu Wort melden und darüber ereifern, dass der demontierte Bronzekoloss nicht in der Innenstadt aufgestellt werden soll, sondern auf dem Gelände einer weiter entfernten Fakultät. Dass das „herrschende kapitalistische Regime” niemals erwogen hat, das Marx-Relief zu sprengen oder einzuschmelzen, sondern lediglich darüber nachdenkt, wo der Koloss aufgestellt wird, übergehen die sozialistischen Kritiker geflissentlich. Der Kritik, die sie am heutigen System und dessen Umgang mit Denkmälern aus Unrechtsregimes üben, hätte ihre DDR nicht auch nur einen kurzen Moment standgehalten. Und weil sie sich dessen wohl durchaus bewusst sind, verschweigen sie in ihrer Apologetik, dass dieses Marx-Relief und das Gebäude an dem es befestigt war, auf nichts anderem als Unrecht erbaut war. Sie verschweigen überhaupt die Existenz einer Kirche und eines Augusteums an diesem Ort.
Der Leipziger Stadtrat Volker Külow von der „Linkspartei.PDS”, der aus seiner IM-Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit keinen Hehl macht10, ist einer jener Apologeten, denen es gelegen kommt, dass ihnen so einiges nicht mehr „erinnerlich” sei. Seien es nun Details aus der Stasi-Akte oder offenbar auch der Abriss von Kirchen, von denen in ihren Plädoyers für den verantwortlichen Umgang mit Geschichte seltsamerweise keine Rede ist. So hielt Volker Külow, der im Übrigen von 1982-86 Marxismus-Leninismus und Geschichte der Arbeiterbewegung an der Karl-Marx-Universität studierte, am 15.11.2006 eine Rede vor dem Leipziger Stadtrat mit dem Titel „Geschichte lässt sich nicht entsorgen”. Schon allein der Titel macht stutzig. War es nicht genau das, was die SED unzählige Male mit dem versuchte, was nicht in ihr sozialistisches Bild passte?
In seiner Rede dozierte Külow, „dass unsere Stadt mit ihrer fast tausendjährigen Geschichte als epochaler Reinraum denkbar ungeeignet” sei. Eben so wenig ließen „sich Kunstwerke mit historischen Bezügen und einer besonderen Historie ihrer Entstehung entsorgen”. So so, hier setzt offenbar die Amnesie des Volker Külow ein, denn nichts anderes geschah doch mit der Paulinerkirche – sie wurde entsorgt, auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen, von der SED, der Partei, der Külow seit 1980 angehörte. Dann führt Külow Städte an, die einen souveränen und lockeren Umgang mit ihren Marx-Denkmälern pflegten. So London, Trier und Moskau oder – hier kommt der Kosmopolit Külow auch dem beschränkten Mitbürger entgegen – wem dies „zu weit” sei, seinetwegen auch Chemnitz. Eine SPD-geführte Stadt wie Chemnitz würde sogar für sich mit dem Slogan „Stadt mit Köpfchen” werben11, überdies gebe es sogar Karl-Marx-Trüffel mit dem Abbild der Chemnitzer Marx-Büste. Von der Begeisterung für dieses Zuckerwerk fast davongetragen, äußert Külow den Wunsch, dass doch auch Leipzig so souverän und locker mit „einem der größten Denker” umgehe. Es darf wiederum daran erinnert werden, wie „souverän” und „locker” die SED mit den Kulturgütern aus früheren Zeiten umging. Sprengung von Jahrhunderte alten Gebäuden, Plünderung von Kunstgegenständen, die zum Teil auf dubiosen Wegen zu Devisen gemacht wurden, Störung der Totenruhe, Inhaftierung von Bürgern, die es wagten, die Sprengung der Universitätskirche durch Foto oder Film zu dokumentieren oder einfach nur ihre Meinung zu äußern. Nicht unerwähnt bleiben darf die Zerstörung zehntausender Altbauten, deren sich die DDR durch Unterlassung schuldig gemacht hat. Allein in der Prager Straße, die zu DDR-Zeiten ausgerechnet Leninstraße hieß, musste die straßenbegleitende Gründerzeitbebauung zu Beginn der 1990er Jahre großflächig abgebrochen werden, weil die Bauten nach vierzig Jahren SED-Herrschaft völlig heruntergekommen waren, so dass eine Renovierung nicht mehr möglich war. So erging es ganzen Stadtvierteln überall in der DDR. Eine Nachfolgeorganisation, die noch immer große Teile des DDR-Systems gutheißt, bzw. sich nicht deutlich davon distanziert, sollte sich fragen, welches moralische Recht sie überhaupt noch hat, der heutigen Gesellschaft Lektionen im richtigen Umgang mit Geschichte und historischer Bausubstanz zu erteilen, einer Gesellschaft wohlgemerkt, in der Entscheidungsprozesse demokratisch herbeigeführt werden und nicht von einem Politbüro dem Volk aufgezwungen werden. Das Einfordern von Rechten für ein Marx-Relief, das seine Entstehung der vorherigen Zerstörung von Kulturgut verdankt unter gleichzeitigem Verschweigen dieser Kulturbarbarei, ist widerwärtig, zutiefst unredlich und verlogen. Es sei im Übrigen daran erinnert, dass selbst die Sowjetunion die Souveränität besaß, in ihrer Hauptstadt auf dem prominentesten Platz die Basilius-Kathedrale zu tolerieren. Ja auch den Kreml selbst ließ man stehen und machte ihn zum Sitz der regierenden KPdSU, obwohl er doch als frühere Zarenresidenz12 ideologisch gesehen problematisch war.
Das Abgeordnetenbüro der Linkspartei in Leipzig zitiert auf seinen Internetseiten13 einen Artikel der linksextremen „Jungle World”, in dem berichtet wird, dass die „Kunde davon, wie es Marx erging, [...] selbst in den Abendnachrichten des bulgarischen Fernsehens für Aufsehen” gesorgt habe. Die Abendnachrichten des bulgarischen Fernsehens sind bekanntlich für die Bundesbürger eine wichtige Informationsquelle, da ja hierzulande keine Pressefreiheit herrscht. Millionen von Bundesbürgern orientieren sich aus diesem Grund zudem an den Nachrichten des albanischen Frühstücksfernsehens.
Lieber Hannes Delto – Verfasser des „Jungle World”-Artikels – Ihr Hinweis auf die bulgarischen Fernsehnachrichten ist schon pure Realsatire, und wüsste man es nicht besser, hielte man ihn für eine Selbstparodie. Absurder geht’s wirklich nimmer – sollte man meinen, bzw. hoffen. Aber Hannes Delto hat noch etwas in der Hinterhand. Er zählt nämlich Objekte auf, bei denen es sich um erhaltenswerte Zeugnisse der Geschichte handele, die jedoch seit der Wende aus dem Stadtbild verschwunden seien, das sie über Jahrzehnte geprägt hätten. So vermisst Herr Delto z.B. die Fußgängerbrücke „Das Blaue Wunder” oder die Wasserspielanlage „Pusteblumen”. Die Zeit zwischen 1950 und 1990 sei mittlerweile weitgehend getilgt – auch baulich, so der offensichtlich in seiner Wahrnehmung stark beeinträchtigte Hannes Delto. Lieber Herr Delto, wenn es Sie so sehr nach baulichen Zeugnissen aus dieser Zeit gelüstet, warum statten nicht Leipzig-Grünau, Halle-Neustadt, Berlin-Marzahn/Hellersdorf oder Eisenhüttenstadt einen Besuch ab, auch der ehemalige „Uniriese” steht noch, genauso wie das Messehochhaus. Besuchen Sie die Karl-Marx-Allee in Berlin und die Ringbebauung am Leipziger Roßplatz und in der Windmühlenstraße, wo Sie den sozialistischen Klassizismus genießen können. Auch in der Arthur-Hoffmann-Straße werden Sie auf der Suche nach sozialistischer Architektur fündig werden, genauso wie entlang der Straße des 18. Oktober. Dabei wird Ihnen nicht entgehen, dass die Arthur-Hoffmann-Straße immer noch nach einem KPD-Mitglied und antifaschistischem Widerstandskämpfer benannt ist, auch wenn das nicht in Ihr Feindbild passt. Oder sehen Sie sich die schönen Hochhäuser am Leipziger Brühl an. Und hören Sie vor allem damit auf, in die Welt zu setzen, dass die Zeit zwischen 1950 und 1990 weitgehend getilgt sei – das ist unwahr und völlig absurd. Mit einer solchen Behauptung disqualifizieren Sie sich als ernstzunehmender Diskussionspartner. Entweder mangelt es Ihnen in starkem Maß an Wissen oder Sie sind gezielt auf einem Auge blind, ganz im Sinne der Agitation Ihres manichäistischen Weltbildes, in dem Graustufen nicht vorkommen. Es wirkt zudem lächerlich, dass Sie einem Pusteblumen-Brunnen nachtrauern, ohne auch nur mit einem einzigen Ton zu erwähnen, dass die Universitätskirche von den von Ihnen bewunderten Sozialisten gesprengt wurde. Man könnte sagen, dass Sie sich in Ihrer Apologetik völlig asymmetrischer Argumentationsgrundlagen bedienen, bei der ein Pusteblumenbrunnen gegen die gesamte Altbausubstanz eines 17-Millionen-Volkes steht, die das SED-Regime bis hin zur Unkenntlichkeit hat verrotten lassen, wenn es die Häuser nicht vor ihrem Zusammenbruch einfach wegsprengen ließ. Es darf übrigens bezweifelt werden, dass die bulgarischen Abendnachrichten über die Sprengung der Universitätskirche berichtet haben.
Und was DDR-Architektur und die Gestaltungsfreiheit ihrer Architekten betrifft, sei jedem, der noch Illusionen darüber hat, der DEFA-Film „Die Architekten” aus den Jahren 1989/90 empfohlen, wo sich zeigt, wie Phantasie und Gestaltungsdrang der DDR-Architekten auf ein Maß zurechtgestutzt wurden, das absolutes Mittelmaß war. Dort lässt sich auf traurige Weise beobachten, wie geplante menschenfreundliche Wohngegenden zu Betonwüsten rationalisiert wurden, weil quantitative Planerfüllung wichtiger war als der Mensch, solange nur der Funktionär seine Datsche hatte, war der Rest egal.
Während nun Herr Delto also darüber klagt, dass die Stadt Leipzig kein Interesse an einer Aufstellung des Bronze-Monstrums auf einem ihrer Grundstücke habe (oder möglicherweise auch kein Interesse haben will), findet er aber im Rektor der Universität einen Gleichgesinnten. Nur leider habe die Universität kaum geeignete Grundstücke, sodass das Relief möglicherweise „nur” auf dem mehrere Kilometer entfernt liegenden Campus der sportwissenschaftlichen Fakultät aufgestellt werden kann. Angesichts der ungeklärten Frage des Verbleibs von hunderten Leichen und Kunstschätzen aus der Paulinerkirche mutet es schon unverschämt an, dass die Linke auch noch fordert, dass das Relief so prominent wie möglich aufgestellt werden solle. Angebrachter wäre es doch, sich klarzumachen, dass das Relief in dieser ach so schrecklichen gegenwärtigen Gesellschaft weder zerstört noch außerhalb der Stadtgrenzen aufgestellt werden soll. Wer einigermaßen klar bei Verstand ist, müsste erkennen, dass diese Gesellschaft zu mehr Toleranz und Souveränität imstande ist, als die DDR-Gesellschaft, in der es einer Riege von Privilegierten nur um Machterhalt ging und die in ihrer Paranoia ein halbes Volk bespitzeln ließ. Alles andere als diese Erkenntnis ist Augenwischerei, Geschichtsklitterung und Geschichtstrevisionismus, die sich nicht auf Fakten, sondern auf einer Wunschvorstellung gründen, die zwar ehrenwert ist, aber nie realisiert wurde. Man kann von Glück reden, dass die mit einem Mal so am Erhalt von Kulturgütern interessierten Mitglieder der Linkspartei noch nicht darauf verfallen sind, den Abriss der Alten Handelsbörse am Leipziger Naschmarkt zu fordern, die ja ein Hort des Kapitals war. Würde man sie wegsprengen, hätte man genug Platz für das Bronzemonstrum. Soweit ist es jedoch noch nicht, mit einem Zeh stehen die Eiferer von der Linkspartei dann doch noch in der Realität. Es ist jedoch äußerst bedauerlich zu erleben, dass sich das Hauptgut bzw. das Kapital der Linkspartei aus der Vergesslichkeit ihrer Mitglieder und Sympathisanten zu nähren scheint.
Zum Abschluss soll noch einmal auf Gellerts Gräber-Odyssee eingegangen werden. Zunächst waren ihm 128 Jahre Ruhe auf dem Alten Johannisfriedhof vergönnt (1769-1897), seine nächste Ruhestätte – die Johanniskirche – beherbergte ihn nur noch 52 weitere Jahre. In der dritten Ruhestätte – der Universitätskirche St. Pauli – hatte er nur 19 Jahre Ruhe, bis man ihn (angeblich) auf den Südfriedhof umbettete, wo er nunmehr seit 39 Jahren ruht und hoffentlich für alle Ewigkeit in Ruhe gelassen wird. Es ist schon etwas unwürdig, wenn man innerhalb von 238 Jahren drei Mal exhumiert und umgebettet wird sowie in vier verschiedenen Grabstätten beerdigt wurde. Was von der Tatsache zu halten ist, dass in dem Buch „Der Leipziger Südfriedhof” von Löffler und Schöpa ein Grabstein Gellerts abgebildet ist, bei dem es sich eindeutig um einen anderen handelt, als um den oben abgebildeten, bleibt zu klären. Beim Grabstein in Löfflers Buch handelt es sich um polierten Granit mit der Aufschrift: „Christian Fürchtegott Gellert 1715-1769″. Der oben abgebildete Stein ist jedoch rau (wahrscheinlich Sandstein) und seine Inschrift lautet:

„HIER RUHEN / CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT / GELLERT / PROFESSOR DER PHILOSOPHIE / GEB. D. 4. IUL 1715. / GEST. D. 13. DEC 1769 / UND / DESSEN BRUDER / FRIEDRICH LEBERECHT / GELLERT / OBERPOSTCOMMISSARIUS / GEB. D. 10. NOV 1711 / GEST. D. 8 IUN 1770″

Eine weitere Seltsamkeit besteht darin, dass Löffler schreibt, die Schrift auf der schlichten Granitplatte Gellerts sei kaum noch zu entziffern. Das trifft in keiner Weise auf die von ihr selbst verwendete Abbildung zu. Dort handelt es sich – wie beschrieben – um eine polierte Granitplatte, die aufgrund ihrer sehr intakten Politur sogar deutlich spiegelt. Die Schrift darauf ist einwandfrei ablesbar. Die Schrift ist aber auch auf der oben verwendeten Abbildung der Grabplatte noch relativ gut erkennbar. Bis auf die Lebensdaten lassen sich alle Zeichen sogar recht gut ablesen. Dies kann hier nicht geklärt werden und gehört damit zu den weiteren Seltsamkeiten in der Odyssee von Gellerts Gebeinen und der Sprengung der Universitätskirche Leipzig durch die Kulturbarbaren der SED.
Zuallerletzt soll darauf hingewiesen werden, wie das DDR-Regime mit Menschen verfuhr, die sich erlaubten, Kritik an der willkürlichen Sprengung der Universitätskirche zu üben. Knapp zwei Monate nach der Sprengung kam es auf dem Abschlusskonzert des III. Internationalen Leipziger Bachwettbewerbes in der Kongresshalle zu einem Eklat. In Anwesenheit von etwa 1800 Konzertbesuchern, unter denen sich auch zwei DDR-Minister (nämlich der Minister für Kultur Klaus Gysi sowie der Minister für Hoch- und Fachschulwesen Ernst-Joachim Gießmann), Pressefotografen und Journalisten sowie ein japanisches und ein tschechisches Fernsehteam14 befanden, die allesamt gerade die Auszeichnung der Preisträger des Wettbewerbs verfolgten, entrollte sich plötzlich von der Bühnendecke aus ein anderthalb mal drei Meter großes Transparent mit der Aufschrift: “1968 † WIR FORDERN WIEDERAUFBAU”. Etwa acht Minuten habe das Transparent herabgehangen und einen Teil der Besucher zu längerem Applaus veranlasst. Obwohl die Staatssicherheit selbstredend umgehend Ermittlungen einleitete, war sie zunächst nicht imstande, die Urheber dieser Aktion aufzuspüren. Erst zwei Jahre nach dem Ereignis gelang es dem MfS, einige der „Täter” ausfindig zu machen. Es handelte sich weder um Theologen noch um Studenten der Hochschule für Graphik und Buchkunst, wie man zuerst annahm, sondern um Physiker, die sich in einem Diskussionskreis politisch engagierten. Diese hatten unter Zuhilfenahme eines Weckers einen Zeitzünder konstruiert, der dafür sorgte, dass sich das Transparent à point publikumswirksam entrollen konnte. Zweien der an dieser Aktion Beteiligten, nämlich Stefan Welzk und Harald Fritzsch sollte kurze Zeit später die Flucht aus der DDR über Bulgarien und die Türkei in die Bundesrepublik gelingen. Fritzsch veröffentlichte 1990 darüber bei Piper ein Buch mit dem Titel „Flucht aus Leipzig. Eine Protestaktion und ihre Folgen”, das mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich ist.
Dietrich Koch und Günter Fritzsch jedoch sowie weitere Mitglieder wurden von der Stasi verhaftet. Koch wurde nach dreiundzwanzigmonatiger Stasi-Untersuchungshaft im März 1972 wegen seiner Beteiligung an der Plakatprotestaktion sowie wegen staatsfeindlicher Hetze und Gruppenbildung zu weiteren zweieinhalb Jahren Haft mit anschließender unbefristeter (!) Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung verurteilt. Nachdem sich der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker auf die Bitte des geflohenen Welzks hin bei den DDR-Oberen für ihn eingesetzt hatte, wurde Koch im September 1972 freigekauft und aus dem psychiatrischen Haftkrankenhaus Waldheim in die Bundesrepublik abgeschoben.15 Die Zwangseinweisung Kochs erfolgte, weil dieser nicht „kooperativ-geständig” war. Nach der Wende wurde Koch als Opfer politischen Psychiatriemissbrauchs anerkannt. Dietrich Koch verarbeitete seine Hafterfahrungen in dem dreibändigen Buch „Das Verhör. Zerstörung und Widerstand”, das im Oktober 2000 beim Verlag Christoph Hille in Dresden erschien und mittlerweile in einer durchgesehenen und leicht erweiterten zweiten Auflage vorliegt.

Zur Lektüre sei zusätzlich folgender sehr informativer Artikel in der Berliner Zeitung vom 29.09.2007 empfohlen:

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0929/magazin/0001/index.html

Auch folgender Text des MDR-Fernsehbeitrag „Die Toten der Paulinerkirche – Spurensuche 40 Jahre danach” (ausgestrahlt am 01.05.2008) ist sehr lesenswert:

http://www.mdr.de/tv/5465376.html

  1. Vgl. Löffler, Katrin; Schöpa, Iris u.a.: Der Leipziger Südfriedhof – Geschichte / Grabstätten / Grabdenkmäler. Leipzig, 20042, S. 46. []
  2. Dieses Alter ergibt sich beim Zugrundelegen des Jahres des Baubeginns 1231. Legt man das Jahr der Weihung, nämlich 1240, zugrunde, wurde die Kirche dementsprechend im Alter von 728 Jahren zerstört. []
  3. Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 25.10.2007, S.22 []
  4. Fritzsch, Harald: Flucht aus Leipzig. Eine Protestaktion und ihre Folgen. München, 2004, S.60. []
  5. Quelle: MDR-Bericht vom 29.05.2003: „Der Fall der Universitätskirche zu Leipzig” []
  6. Quelle: MDR []
  7. ehemaliges Hauptgebäude der Universität – erbaut: 1831-36 []
  8. Geschaffen von den Leipziger Künstlern Rolf Kuhrt, Frank Ruddigkeit und Klaus Schwabe. []
  9. Zitat aus dem oben erwähnten Referat. []
  10. Im Gegenteil, bis heute würden ja „alle maßgeblichen Staaten Nachrichtendienste unterhalten” (Zitat Külow aus seiner Erklärung 16.02.2007 zu den gegen ihn erhobenen Stasi-Vorwürfen.) []
  11. womit auf die dortige Karl-Marx-Büste angespielt wird []
  12. bis 1712 []
  13. http://www.linke-bueros.de/index.html []
  14. Fritzsch, Harald: Flucht aus Leipzig. Eine Protestaktion und ihre Folgen. München, 2004, S.85. []
  15. Quelle: http://www.paulinerkirche.de/inhalt11.htm []

One Comment

  1. Wurlitzer, Manfred wrote:

    Als das Gellert-Grab auf dem Joh.Friedhof aufgelöst wurde, gelangte die übrig gebliebene originale Grabplatte in das Grassimuseum und verblieb dort in senkrechter Anordnung bis um das Jahr 2000. Die “Granitplatte” war 1968 angefertigt worden (Löfflerbild)und schmückte das neue Grab bis zum Austausch 2000. Im Nov.2009 wurden allerdings die Platten wieder ausgetauscht. Eine sehr umstrittene Aktion.

    Dienstag, Februar 2, 2010 at 18:31 | Permalink

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