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Bunker Eimsbütteler, Ecke Glücksburger Straße (Hamburg Eimsbüttel)

Dieses Bunkerhaus befindet sich in der Eimsbütteler Straße zwischen der Hausnummer 129 zur Linken und der 137 zur Rechten und beansprucht somit also drei Hausnummern für sich. Das Gebäude dient als Träger von Mobilfunknetzantennen sowie als Werbeträger. Außerdem dient es als Rankgrundlage für Efeu. Wobei hier die Frage ist, wer eigentlich wem dient. Eigentlich dient doch der Efeu wohl dazu, der Umwelt den Anblick dieses Bunkers von ausgesuchter Hässlichkeit zu erparen. Die blinde Fassade bietet einen äußerst tristen Anblick. Wenn für die Stadt Hamburg, aus welchen Gründen auch immer, ein Abriss dieses hässlichen Klotzes nicht infrage kommt, fragt man sich doch, warum man seinen Bürgern nicht wenigstens ein wie auch immer geartetes Trompe-l’œil gönnt.

Dass solche Fassadenmalerei bzw. Illusionsmalerei keineswegs nur eine Notlösung zur Kaschierung architektonischer Mängel sein muss, zeigt das Beispiel der Stadt Lyon, die es wohl im Großen und Ganzen weniger nötig hat als Hamburg, architektonische Schandflecken zu beseitigen. Dortige Fassaden-Trompe-l’œils sind mittlerweile weit über Lyons Grenzen hinaus bekannt und über ihren ursprünglichen Zweck hinaus gar zu einer Touristenattraktion avanciert. Zudem wurden die Lyoner Fassadenmalereien auch zum Postkartenmotiv und mithin zu einem Aushängeschild der Stadt. Verantwortlich für diese erfrischende Stadtaufwertung ist die zwölfköpfige Lyoner Künstlergruppe „La Cité de la Création“, die seit mehr als 25 Jahren Fassaden künstlerisch verschönert und weltweit zu einer Referenz der Trompe-l’œil-Malerei auf Fassaden geworden ist. Auf einer „La Cité de la Création“ gewidmeten Website ist zu lesen, dass die Gruppe bisher 139 Projekte mit mehr als 1000 Wandbildern realisiert habe. Auch findet sich dort eine Vielzahl prächtiger Bilder, die das Werk der Muralisten-Gruppe eindrucksvoll dokumentieren. Eine große Zahl von Vorher- und Nachherbildern zeigt, was für unglaubliche Effekte erzielt werden können, welche phantastischen Illusionen von Dreidimensionalität, welche farbliche Vielfalt und Lebendigkeit. Auf der Homepage von „La Cité de la Création“ findet sich eine Vielzahl weiter Bilder und Informationen in französischer und englischer Sprache.

Neben Lyon selbst hat „La Cité de la Création“ auch in einer Vielzahl anderer französischer Städte Tristesse in Lebendigkeit und Farbenfreude verwandelt, so z.B. in Valence, Oullins, Pierre bénite, Valence, Vourles und Montélimar, Saint-Genis-Laval – allesamt südlich von Lyon an bzw. nahe der Rhône gelegen sowie in den östlich von Lyon gelegenen Villeurbanne, Trept, Genas, Meyzieu und Crémieu, im nördlich von Lyon an der Saône gelegenen Collonges-au-Mont-d’Or sowie in Villefranche-sur-Saône und in Bourg-en-Bresse, im elsässischen Mulhouse, im westfranzösischen Niort, in Carcassonne im Département Aude, im westfranzösischen Angoulême aber auch im bretonischen Brest und Fougères, in Aix en Provence, in Limoges im Département Haute Viennes sowie im Badeort Biarritz am Atlantik, nahe der spanischen Grenze, in Pau nahe der französischen Pyrenäen und im zwei Kilometer von Genf entfernten, in Frankreich gelegenen Annemasse, im nördlich von Paris gelegenen Soisy-sous-Montmorency sowie in Chartres und Montpellier. Doch auch außerhalb Frankreichs hat „La Cité de la Création“ bereits gewirkt, so in den kanadischen Städten Québec und Mont-Joli sowie im belgischen Namur. Zudem habe die Gruppe auch in Barcelona, Leipzig, Jerusalem und Bukarest Wandgemälde realisiert, aber auch im Ursprungsland des Muralismo – in Mexiko sowie in Australien und in China.

Auch in Berlin wurde man auf die Lyoner Muralisten aufmerksam und engagierte sie im Rahmen der großangelegten Umgestaltung des Ortsteils Hellersdorf im Bezirk Marzahn-Hellersdorf zum sogenannten Europaviertel. Fassaden der in Hellersdorf befindlichen, einst größten Plattenbausiedlung der DDR sollen im Rahmen der Umgestaltung in Segmente aufgeteilt werden, von denen jedes Grundlage zur Darstellung einer europäischen Hauptstadt werde. Insgesamt sei geplant, 64.000 Quadratmeter Fläche mit typischen Altbaufassaden und markanten Bauwerken und Besonderheiten 45 europäischer Hauptstädte bemalen zu lassen. Doch man wird es nicht bei leblosen Fassaden belassen, sondern diese durch das Integrieren von Porträts historischer Persönlichkeiten Europas und – wie anderswo bereits – auch durch die Einbeziehung von Anwohnern beleben. Um sich das Ausmaß vorstellen zu können, hilft es zu wissen, dass es sich hierbei um einen Gebäudekomplex handelt, der aus sechs langen eckig gewundenen Plattenbaublocks besteht, die zusammen über 110 Eingänge verfügen. Damit würde es sich übereinstimmenden Medienberichten zufolge um die größte Wandmalerei der Welt handeln. Das ist durchaus glaubhaft, wenn man sich vor Augen hält, dass die bisher von „La Cité de la Création“ bemalten Flächen zwischen 10 und 2500 Quadratmeter groß waren. Die Hoffnung besteht darin, dass Hellersdorf mit seinem „Boulevard der Nationen“ zu einer Touristenattraktion werde, womit dem ganzen Viertel zu einem Aufschwung verholfen würde. Passenderweise sollen die in den Erdgeschossen befindlichen Ladenlokale zu Spezialitätenrestaurants der europäischen Küchen werden, sodass man Europa sowohl in malerischer als auch in kulinarischer Vielfalt erleben könne. Es sei das erste Mal, dass ein privates Projekt in diesem Bezirk sowohl von PDS als auch von SPD und CDU befürwortet worden sei.1 Zudem sollen im Rahmen des Europa-Viertel-Projekts auch etwa 100 arbeitslose Berliner Jugendliche im Rahmen zu Malern, Lackierern und Fassadengestaltern ausgebildet werden. Der Optimismus der Planer ist offenbar so groß, dass sie gar einen Busparkplatz eingeplant hätten.2

Die sich aufdrängende Frage, ob die Fassadenkunst nicht alsbald von ungebetenen Sprayern zunichte gemacht werde, habe „La Cité de la Création“ in Frankreich originellerweise damit beantwortet, kurzerhand den Häuptling einer Sprayergruppe als Radfahrer auf einer Fassade gleich mit zu verewigen, weshalb die Mauer für die Sprayer nun tabu sei.3 Dass sich nun aber eine konkurrierende Sprayergruppe dadurch nicht gerade aufgestachelt fühlen könnte, die Malerei auf ungeplante Weise zu ergänzen, bleibt nur zu hoffen. In einem Video auf der Homepage des Europaviertels kommt die Führerin durch eine Austellung des Europa-Viertel-Projekts vor einem Foto besagter Mauer auf das Thema Graffiti zu sprechen. Sie zeigt auf zwei in das Gemälde integrierte Jungs (rechts daneben ist übrigens oben erwähnter Radfahrer zu sehen) und erläutert, dass diese Beiden „ziemliche Ruffpuffs in der Wohnanlage“ in Lyon gewesen seien, die „ziemlich viel Mist gemacht“ hätten. Dadurch dass man sie aber auf diese Art in das Projekt eingebunden habe, sei die Graffiti-Sprayerei in diesem Viertel stark zurückgegangen.

Doch es bedurfte mitnichten erst des Eintreffens von „La Cité de la Création“, um in Berlin großartige Illusionsmalerei auf Fassaden zu bringen. So hat u.a. der Grafiker Gert Neuhaus eine Vielzahl fantastischer Trompe-l’œils geschaffen, die z.T. auf seiner Homepage zu bewundern sind, am besten jedoch natürlich in natura.
In Bremen sind auch eine Reihe von Luftschutzbunkern mit Fassadenmalerei versehen, wobei jedoch eine Reihe davon recht schäbig wirkt und in ihrer teils naiven Machart oft alles andere als kaschiert, sondern mitunter alles noch schlimmer macht als es wahrscheinlich vorher war, z.B. wenn die Fassade dann aussieht als sei sie mit einer billigen Fototapete „Motiv Urwald“ aus dem Baumarkt beklebt. Doch darüber kann natürlich jeder sein eigenes Urteil fällen bei einem Besuch in Bremen oder auf folgender Seite, die sich der Fassadenmalerei in Bremen widmet.

Warum nun ausgerechnet das selbsterklärte „Tor zur Welt“ Hamburg sich hinsichtlich der Fassadenmalerei so hinterwäldlerisch verhält und seine zahlreichen Bunkerfassaden überwiegend grau lässt, ist entweder mit Kreativlosigkeit oder aber mit finanziellem Geiz zu erklären oder natürlich mit beidem. Sowohl das Eine wie auch das Andere sind alles andere als geeignet für eine Stadt, die so händeringend eine Metropole sein bzw. bleiben will. Es ist ein kulturelles und architektonisches Armutszeugnis der Stadt Hamburg, dass überall graue und monochrome Quader das ohnehin durch Bombenangriffe stark lädierte Stadtbild verschandeln. Dahinter steckt auch keineswegs das hehre Motiv, diese Scheußlichkeiten als Mahnmale für die von den Deutschen verursachten und auf sie selbst zurückgefallenen Schrecken des Zweiten Weltkriegs unverändert stehen zu lassen. Die Überzahl der Bunker verfügt über keinerlei Hinweisschild, das zunächst einmal überhaupt informiert, worum es sich bei dem Gebäude handelt, geschweige denn über irgendetwas darüber Hinausgehendes. Es ist anzunehmen, dass eine große Zahl insbesondere von den jüngeren Einwohnern Hamburgs bei manchen, weniger bekannten Bunkern nicht einmal weiß, dass es sich um Bunker handelt (insbesondere runde Bunkerbauten werden häufig mit Wassertürmen verwechselt). Das bedeutet, dass die Klötze weder mahnen, noch sonst einen vernünftigen Nutzen besitzen, sondern nur eine Beleidigung für das Auge darstellen. Die einzigen Bunker in Hamburg, die das Auge nicht beleidigen, sind diejenigen, die in Privatbesitz übergegangen sind (z.B. die Bunker in der Sillemstraße, Tonistraße und im Heußweg) bzw. natürlich jene, die von vornherein verklinkert waren (Rundtürme vom Typ Zombeck).

Es ist schon interessant, dass die Stadt Hamburg sich mit knapp 80 Millionen Euro an der Finanzierung des im Entstehen begriffenen, letztlich recht düsteren Klotzes „Elbphilharmonie“ beteiligt, aber nicht in der Lage ist, seinen bereits vorhandenen Klötzen etwas von ihrer Hässlichkeit zu nehmen, etwa durch Fassadenmalerei, die mit Sicherheit, selbst für sämtliche Bunker viele Millionen Euro billiger wäre.

Es bleibt der Eindruck, dass Hamburg, um mit Frank-Walter Steinmeier zu sprechen, architektonische Schaufensterpolitik betreibt, sich also mit einigen Prestigeprojekten herausputzt, die jedoch mit dem Alltag der meisten in Hamburg lebenden Menschen nichts gemein haben. Es ist im Übrigen nachgerade lächerlich, dass man sich von der Elbphilharmonie die Strahlkraft erhofft, wie sie die Oper in Sydney besitzt. Das dortige Opernhaus hat nun wirklich rein gar nichts gemein mit der geplanten Elbphilharmonie. Die vom dänischen Architekten Jørn Oberg Utzon entworfene Oper in Sydney ist hell und freundlich mit vielen locker und elegant aufgefächerten Rundungen, während die Elbphilharmonie ein einziger ungeschlachter, schwerer Klotz zu sein scheint mit im doppeltem Sinn aufgesetztem Schwung und Lockerheit. Vor allem aber ist die Elbphilharmonie düster und wirkt daher wie aus einem Weltuntergangsszenario. Sie würde somit die perfekte Kulisse abgeben für die Aufführung des dritten und letzten Aufzugs von Wagners Götterdämmerung.

Auf der Suche nach spektakulären und zugleich eleganten Opernhäusern bzw. Konzerthallen sehe man sich beispielsweise die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles an, die von Frank Gehry entworfen wurde, von dem auch solch großartige Bauten wie das Guggenheim-Museum Bilbao oder das faszinierende „Tanzende Haus“ in Prag stammen4. Als weiteres Beispiel mag die geplante Konzerthalle für Abu Dhabi dienen, die von der großartigen Architektin Zaha Hadid entworfen wurde. Auch die von Henning Larsen entworfene Königliche Oper in Kopenhagen wirkt würdiger, eleganter und freundlicher, als der sinistre Monolith „Elbphilharmonie“.

Zwei rühmliche Ausnahmen (nicht die einzigen) im Bunkereinerlei Hamburgs seien abschließend noch erwähnt. Zum einen der Bunker in der Gertigstraße (Hamburg Winterhude), der mit Illusionsmalerei versehen ist, bei der sich eine vor Kraft strotzende grüne Pflanzenmasse den Weg durch Beton freizubrechen scheint. Zum anderen der OP-Bunker des Allgemeinen Krankenhauses Altona. Dieser ist mit bunten, naiven, eher kindertypischen Malereien versehen.

  1. Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 26.10.2006 []
  2. Der Tagesspiegel, Potemkinsches Hellersdorf, 27.09.2006 []
  3. ebd. []
  4. das er zusammen mit Vlado Milunić entwarf []
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