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Tod in Manila – Gustaf Gründgens

Grabstein Gründgens

Gründgens hatte mit Ablauf der Spielzeit 1962/63 die Intendanz des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg niedergelegt, um eine Weltreise zu unternehmen, in der „vagen Hoffnung [...] leben zu lernen”.1 Er trat diese Reise im September 1963 an. Anders als erhofft, sollte sie sich jedoch als Reise in den Tod erweisen.

Die Weltumrundung begann in England und führte ihn duch das Mittelmeer und den Suez-Kanal nach Ceylon, Singapur und schließlich auf die Phillipinen. Von dort aus wollte er über Hongkong und Japan nach San Francisco und Mexiko weiter reisen.

Die Reise endete jäh in Manila. Dort hatte sich Gründgens im „Manila Hotel – The Aristocrat of the Orient” einquartiert. Am 7. Oktober des Jahres 1963 starb er im Bad seines Hotelzimmers an einer Magenblutung, wahrscheinlich als Folge langjähriger und regelmäßiger Einnahme von Schmerz- und Schlafmitteln in immer höherer Dosis.2 Oft wird kolportiert, Gründgens sei an einer Überdosis Schlafmittel gestorben, weshalb auch über Suizid spekuliert wurde. Da es jedoch an Beweisen dafür mangelt, bleibt es bei der Spekulation. Dagegen spricht, dass Gründgens die Reise ja – wie erwähnt – dem Vernehmen nach unternahm, um „leben zu lernen”. Für die Unfallthese spricht überdies, dass die längere regelmäßige Einnahme starker Schmerzmittel zu Magengeschwüren und daraus resultierenden Magenblutungen führen kann.

Gustaf Gründgens war acht Tage vor Antritt seiner Weltreise von einem Aufenthalt auf Madeira zurückgekehrt, um sich in Hamburg einer zahnärztlichen Behandlung zu unterziehen. Da er gefürchtet habe, dass ein Hotel ihm nicht ausreichend Anonymität sichern könne, habe er darum gebeten, für die Dauer der Behandlung in der Klinik wohnen zu dürfen. In dieser Klinik praktizierte auch Michael Winzenried, Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Hamburg, der berichtet, dass Gründgens während seines Klinikaufenthalts wiederholt seine Nähe gesucht habe.3

Gründgens’ Zustand beschreibt Winzenried wie folgt:

Er war aufgeschlossen, heiter, voll mit Reiseplänen angefüllt, wirkte so »unpsychiatrisch«, daß wir ihm wenig Aufmerksamkeit schenkten. Er lief unter der Adresse »möblierter Herr«. Erst hinterher wurde mir klar, wie er sich immer wieder Besuch erbat – entschuldigend: »Ich weiß ja, daß Sie wenig Zeit haben, aber spendieren Sie mir bitte eine halbe Stunde … Sie können so gut zuhören … Soll ich meine Memoiren beginnen niederzuschreiben? Das Konzept ist im Gehirn fertig … ich bin aber abergläubisch – vielleicht erlischt damit meine Lebenskraft … Meine Lebensgeschichte ist eine Reihe von Auftritten gewesen; besteht darin ein Zusammenhang oder war alles beliebig? … Jetzt bin ich frei … ist Freiheit Macht, oder werde ich noch einsamer?«

Am Tage vor seiner Abreise: »Ich freue mich unbändig auf die Welt, oder soll ich nicht lieber hier bleiben? Freude gab es so wenig in meinem Leben, und nun fürchte ich mich, an diesem fetten Bissen zu ersticken … Nein, vergessen Sie mein Schornsteinfegerorakel … machen Sie mir ein bißen [sic] Mut … Soll ich einen festen Wohnsitz nehmen? Und wo? Ich habe die Wohnung an der Bellevue doch nicht genommen, es ist zwar schrecklich, aus dem Koffer zu leben, aber so ist wenigstens alles verpackt beisammen … Die echten Reisenden sind die allein, die aufbrechen, um aufzubrechen …«

Und so traf ihn der Tod unvorbereitet, wenn auch ständig erwartet. Er überraschte ihn zu einer ungewohnten Zeit an einem fremden Ort, am von seiner Heimat entferntesten Punkt, wo dieser Meister der deutschen Sprache sich in einer Sprachnot befand. Den erquickenden Schlaf suchend, gewöhnte Mittel in erprobter Dosis angewandt, wollte er dem Monsun und der Einsamkeit für Stunden entfliehen. Aber der Körper gehorchte nicht dem gewohnten Maß; die Achillesferse dieses athletischen Körpers, seine Blutgefäße, erbrechen sich in den Magen mit der Gewalt eines Blutsturzes. Den Tod vielleicht ahnend, versuchte er die Katastrophe zu steuern und stürzte einsam, ohne Beistand auf das gezeichnete Gesicht. [...]4

ich habe glaube ich zu viel Schlafmittel genommen, mir ist ein bischen [sic] komisch lass mich ausschlafen G.56

  1. Walach, Dagmar: Aber ich habe nicht mein Gesicht – Gustaf Gründgens – eine deutsche Karriere. Berlin, 1999, S. 179f. []
  2. Badenhausen, Rolf u. Gründgens-Gorski, Peter (Hrsg.): Gustaf Gründgens – Briefe Aufsätze Reden, S.438-443. []
  3. Ebd., S. 442. []
  4. Ebd. []
  5. Ebd. []
  6. Abschiedsworte von Gründgens auf einem Briefumschlag. []

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