In seiner gestrigen Sendung berichtete ZAPP – das Medienmagazin des NDR-Fernsehens – über die Studie „Journalismus in Deutschland II”, die unter Leitung von Prof. Dr. Siegfried Weischenberg am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg erstellt und in Buchform1 veröffentlicht wurde. Zu den darin zusammengetragenen Erkenntnissen gehöre z.B., dass der deutsche Journalismus an Rechercheschwäche leide und die Recherchezeit dramatisch abgenommen habe. Die Autorin des Beitrags schloss, sichtlich beeindruckt von dieser Erkenntnis, mit der vagen Ermahnung, dass dies besser werden müsse. Bereits zuvor in dieser Sendung hatte Zapp unter der neckisch-ironischen Überschrift „Recherche der Woche” erschrocken festgestellt, dass zum Thema „Schwarze Kassen bei Siemens” doch tatsächlich mehrere deutsche Tageszeitungen gar nicht selbst recherchiert, sondern frech bei Klaus Ott, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung”, abgeschrieben hätten. So stellte ZAPP das „Handelsblatt”, den „Tagesspiegel”, die „taz” sowie die „Neue Zürcher Zeitung” an den Pranger.
So weit, so gut. Nach der Mahnung also, dass sich dies bessern müsse, war ZAPP aber noch nicht am Ende angelangt. Nun kündigte die Ableserin einen Beitrag über Betrug mit Immoblilienfonds an, in dem sich „unsere Kollegen von Report Mainz [...] Zeitschriften, die sich ausschließlich mit Geldthemen beschäftigten, unter die Lupe genommen”2 hätten. Namentlich handelte es sich hierbei um den Kollegen Daniel Hechler. Also zur Klarstellung: ZAPP kritisiert, dass zuviel abgeschrieben werde und bringt unmittelbar im Anschluss daran selbst einen Beitrag, der samt und sonders nicht auf dem eigenen Mist gewachsen ist, sondern auf dem des SWR. Wer das für selten dämlich hält, ist sicher nicht allein. Abgesehen davon wurde dieser Beitrag am 12.06.2006 erstausgestrahlt, vor nahezu einem halben Jahr. ZAPP hat also weder selbst recherchiert noch war der Beitrag taufrisch. Meint ZAPP das damit, wenn es über seinen Redaktionsleiter Kuno Haberbusch verbreitet: „keiner ist vor seiner Recherche sicher”? Hat Herr Haberbusch da etwa seine Kontakte in die süddeutsche Heimat spielen lassen und bei alten Kollegen im Schrank mit den fertigen Beiträgen „recherchiert”?
Von alten Kollegen kann da wohl eher nicht die Rede sein, handelt es sich doch durchaus noch um gegenwärtige Kollegen. Schließlich ist Kuno Haberbusch Vorstandsmitglied im Netzwerk Recherche e.V., dessen Vorsitzender ein gewisser Thomas Leif ist. Dieser wiederum ist hauptberuflich beim Südwestrundfunk (SWR) als Chefreporter beim Landessender Mainz tätig, der hinwieder das Fernsehmagazin Report Mainz produziert. In diesem Magazin arbeitet nun Gottlob Schober, der – welch Zufall – Vorstandsmitglied des Netzwerks Recherche ist und somit das erste Scharnier auf dem Weg des Hechler-Beitrags zur Sendung ZAPP. Dann doch wohl eher Netzwerk als Recherche?
Zu der ebenfalls in der gestrigen ZAPP-Sendung vermeldeten Tatsache, dass das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel” ganz oben auf der Liste der meistzitierten Medien in Deutschland stehe (nach SZ und vor FAZ nämlich auf Platz zwei), hat ZAPP durchaus selbst beigetragen. Als die Sendung nämlich noch am Sonntagabend ausgestrahlt wurde, schien sie oft nichts weiter als eine Vorabausgabe des „Spiegel” in Fernsehform zu sein. Wenn nicht dazugesagt wurde: „Wie das Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel’ in seiner morgigen Ausgabe berichtet”, dann konnte man den größten Teil der Sendung aber doch am nächsten Tag im „Spiegel” wiederfinden. Von viel eigener Recherche war da mitnichten etwas zu spüren. Dass „Der Spiegel” sich bei „Zapp” bedient hätte (Gedankenspiele sind ja erlaubt, selbst wenn sie noch so abwegig scheinen), ist wohl ausgeschlossen, da „Der Spiegel” bereits am Samstag vorab ausgeliefert wird bzw. als Online-Version zur Verfügung steht, Zapp seine Recherchefrüchte aber eben erst am Sonntagabend unters Volk brachte.
Bei ZAPP sollte man aufpassen, dass man sich nicht auf dem Otto Brenner Preis 2006 ausruht, der dem Magazin unter der Überschrift: „Kritischer Journalismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten” für den Beitrag „Verdeckt, versteckt, verboten – Schleichwerbung in PR und in den Medien” am 8. November in Berlin verliehen wurde. Übrigens landete ZAPP auf dem dritten Platz hinter dem „Tagesspiegel”, den ZAPP des Abschreibens bei der „Süddeutschen Zeitung” bezichtigte.
Damit sich der Bogen zum Kreis schließt, sei abschließend noch folgende Pikanterie vermerkt: In der für die Verleihung des Otto-Brenner-Preises zuständigen Jury sitzt ein alter Bekannter des Chefredakteurs der ausgezeichneten Sendung ZAPP: Thomas Leif. Es ist ein Wesensmerkmal von Netzwerken, dass man sich darin auch ab und an gegenseitig Honig ums Maul schmiert, um so künstliche, scheinbar unabhängige Publicity zu generieren, mit deren Hilfe man sein berufliches Fortkommen auf dubiose Weise befördert. Für wen Herr Leif gestimmt hat, ist aber natürlich geheim. Man könnte die Glaubwürdigkeit einer solchen Preisverleihung im übrigen enorm erhöhen und womöglichen Nepotismus-Vorwürfen den Wind aus den Segeln nehmen, indem man einfach in speziellen Einzelkonstellationen ein Jurymitglied, das in bekanntermaßen enger Beziehung zu einem Preisträgeraspiranten steht, in diesem Fall durch ein von jedem Verdacht freies Vereinsmitglied ausnahmsweise ersetzt.
© Stefan Fix, 2006
- Titel: „Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland”, erschienen bei UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz. [←]
- Zapp-Sendung vom 29.11.2006 [←]









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